Über Fake news

Sinnvoll einordnen und schlüssig erklären lässt sich so gut wie überhaupt nichts mehr. Überall geistern Fake news herum. Gefälschte Wahrheiten. Also Lügen. Wem kann man noch glauben? Und ist gut gelogen nicht auch irgendwie wahr?

 

Egal, was ich Ihnen mitzuteilen habe: glauben Sie mir kein Wort. Die Konfusion ist total. Die einen reagieren darauf mit Misstrauen. Die anderen spielen damit. Sinnvoll einordnen und schlüssig erklären lässt sich so gut wie überhaupt nichts mehr. Überall geistern Fake news herum. Gefälschte Wahrheiten. Also Lügen. Wenn derzeit die Meldung herumgeistert, Merkel habe ihren Wahlslagon "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" von einem SED-Plakat übernommen, so ist das eine Lüge. Aber was heisst das? Ist gut gelogen nicht auch irgendwie wahr? Ist es denn so abwegig, dass die ehemalige FDJ-Sekretärin der Versuchung erlegen sein könnte, sich beim Propaganda-Sprech der SED zu bedienen? Wäre es nicht vielleicht sogar möglich, dass sie eine Agentin des alten Regimes ist? Mit diesem "Es wäre möglich" spielen Fake news oftmals virtuos. Eine Lüge ist selten völlig bei den Haaren herbeigezogen. Oft enthält sie ein Körnchen Wahrheit. Oft greift sie etwas auf, das wahr sein könnte. Wenn sie nicht sogar ins Schwarze trifft. Eine gut gemachte Lüge ist nicht das Gegenteil von Wahrheit. Eine gut gemachte Lüge tastet sich an die Wahrheit heran, und zwar bis zu dem Punkt, wo sich aus dem irisierenden Unterschied zwischen Fakten und Behauptung eine "glaubhafte" alternative Wahrheit herausdestillieren lässt.

 

Die meisten (wenn auch nicht alle) Fake news sind Lügengeschichten, nicht bloss veröffentlichte Irrtümer. Es sind bewusste und gezielte Desinformationen. Oft steckt die Absicht dahinter, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Doch die Grenzen zu Halbwahrheiten, spekulativen Sichtweisen und subjektiven Interpretationen sind fliessend. Ein Stück Treibholz, das mit einem Ast aus dem Wasser ragt, kann im Sinne eines forschenden Interesses als Seemonster interpretiert werden. Behaupten darf man ja alles. Die ungewöhnliche Sichtung kann aber auch dazu verhelfen, den schottischen Tourismus anzukurbeln. Wenn das geschieht, schlägt die Behauptung oder Hypothese in den Versuch um, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Was genaugenommen etwas ist, das Fake news in die Nähe von Werbung, Campaigning und Public Relation rückt. Wie auch in die Nähe von Märchen und moralisierenden Legenden, von Mythen und Klatsch. Die Welt wäre um einiges langweiliger, gäbe es keine Fake news. Und überhaupt ist es ja nicht so, dass die allgemeine Verwirrung durch Falschmeldungen verursacht würde. Es ist eher umgekehrt: die allgemeine Verwirrung treibt die Menschen in jene Informationsblasen, in denen sich nur noch Gleichgesinnte tummeln, die einander genau das bestätigen, was sie bestätigt haben wollen, und alles andere tun sie als Fake news ab. Wobei sie eben selber auch nicht ganz unbefleckt dastehen. Der geschlossene Informationsraum erzeugt eine eigene Realitätswahrnehmung, die jeden selbstgesetzten Anspruch auf Objektivität unterläuft und die Verbreitung von Fake news begünstigt. Neu ist das nicht. Und es ist auch nichts Zwielichtiges. Jeder, der etwas von Journalismus versteht, weiss nur zu gut, dass es keine ungefilterte Berichterstattung gibt. Es ist geradezu die Aufgabe des Journalisten, Informationen zu gewichten. Er stellt die Informationen nicht nur bereit, sondern hilft sie auch einzuordnen. Dies setzt einen gemeinsamen Bezugsrahmen voraus, ein bestimmtes Wertesystem, das der Journalist mit seinen Rezipienten teilt. Bevor ich als Leser, Zuschauer oder Hörer verstehen kann, was gemeint ist, muss eine gemeinsame Informationsbasis da sein, die ich anzapfen kann. Diese verbindet den Sender mit dem Empfänger - und den Empfänger mit einem Kollektiv, das ihn und seine Denkweise bestätigt. Hier gibt es ein Kommunikationsnetz, das von ähnlichen Meinungen durchpulst wird, und hier gilt die Devise: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Ein NZZ-Leser hat seit jeher ein anderes Weltbild als ein Spiegel-Leser - und jeder von ihnen bestätigt sich sein Weltbild Tag für Tag oder Monat für Monat, und früher nannte man das nicht Informationsblase, sondern Abonnement. Was jemand erzählt, ist immer auf die Sichtweise und Interessenslage des jeweiligen Adressaten abgestimmt. Niemand schreibt in die blaue Luft hinein, und oft sind es Finessen, die darüber entscheiden, wo die Post hingeht. Manchmal genügt es, ein einziges Adjektiv wegzulassen, um eine Aussage vollkommen zu verändern, und die Aussage muss dann nicht mal falsch sein. Texte können "umgefärbt" werden, indem man sie mit bestimmten Bildern kombiniert - oder in ein bestimmtes Layout setzt. Die geistige Haltung zeigt sich sogar in der Buchstabendicke.

 

Grundsätzlich gab es sie schon immer: "Communities" mit eigenen Prioritäten und Bewertungssystemen. Man könnte das auch als Meinungsvielfalt bezeichnen. Das Gegenteil wäre eine konformistische Einheitmeinung, die alles Abweichende sanktioniert. Wo die Presse ihren Auftrag ernst nimmt, vertritt sie unterschiedliche Positionen und unterscheidbare Meinungen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Zeitungen nicht einfach nur Depechenmeldungen widerkäuen, sondern etwas "hinzudichten". Dieses "Hinzudichten" ist eine Gratwanderung zwischen Statement, Analyse und Kampagne. Grundsätzlich ist es jedoch der Boden, auf dem die Meinungsvielfalt gedeiht, Ausdruck einer lebendigen Debattenkultur. Wenn der Spiegel und die NZZ berichten, dass Herrn Müllers Hund den Briefträger gebissen habe, kann es durchaus sein, dass der Spiegelbericht dem Briefträger die Schuld gibt, weil dieser, so die Begründung, das Warnschild "Vorsicht vor dem Hunde" ignoriert habe, während die NZZ zum gegenteiligen Schluss kommt: nicht der Briefträger, sondern Herr Müller sei schuld an dem Malheur, weil der Hund nicht angekettet gewesen sei und der Briefträger ja gar keine andere Wahl gehabt habe, als das Grundstück zu betreten. Sofern ich für den Hundehalter oder den Briefträger Partei ergreife, werde ich mich eventuell dazu hinreissen lassen, einen von den beiden Berichten als wahrheitswidrig abzutun, obwohl sich beide Zeitungen an die Fakten halten und in diesen Fakten weitgehend übereinstimmen: Hund beisst Briefträger. Keine der beiden Zeitungen hat gelogen oder die Fakten irgendwie verdreht. Verschieden ist nur die Bewertung, die Interpretation. Und da gibt es tatsächlich einen beträchtlichen Spielraum. Selbst wenn die Weltwoche im Nachgang zu dieser Debatte die Behauptung aufstellt, der Briefträger, schon rein berufsbedingt ein notorischer Hundehasser, sei nur deshalb gebissen worden, weil er seinerseits den Hund habe beissen wollen, was diesen zu einer leicht erklärlichen, aber leider von den linkslastigen Massenmedien zu seinen Ungunsten interpretierten Präventivmassnahme veranlasst habe, so ist das noch lange keine Desinformation. Man weiss ja, worauf sich das bezieht. Man weiss, was zur Diskussion steht, und die Weltwoche macht eigentlich nichts anderes, als dem sich schon drehenden Kreisel einen neuen und ungewöhnlichen Spin zu versetzen. Interpretationsspielräume, Gegendarstellungen, Spekulationen und alternative Szenarien sind im Journalismus das Salz in der Suppe.

 

Dass aber in letzter Zeit so häufig von Fake news die Rede ist, hat einen ganz anderen Hintergrund. Es hat mit der abhanden gekommenen Diskurs- und Deutungshoheit der Medien zu tun. Es ist eine Verunsicherungshysterie. Diese rührt nicht nur daher, dass sich die Menschen in ihren eigenen Welten - den sogenannten Blasen - gegen den Einfluss der Mainstreammedien abschotten. Das Internet bewirkt auch das Gegenteil, was für die Medienschaffenden fast noch bedrohlicher ist. Man verfügt über unzählige Informationsquellen, und die allgemeine Verunsicherung in Bezug auf die Wahrheit kommt auch daher, dass viele Menschen den Wahrheitsgehalt und die Objektivität der in den Mainstreammedien verbreiteten Mitteilungen selbständig überprüfen können. Ob und wie kompetent sie das tun, ist wieder eine andere Frage, wobei sich hier ein ähnliches Problem abzeichnet wie bei jeder Demokratisierung. Ist die Demokratie etwas Schlechtes, nur weil sich die Mehrheit für das Falsche entscheiden könnte? Die Antwort geben wir uns bei jeder Abstimmung selbst: lieber das Falsche - das Risiko des Irrtums - als eine Bevormundung mit obrigkeitlicher Wahrheitsgarantie. Wie in jeder leidlich funktionierenden Demokratie entsteht auch im Internet ein Ausgleich. Chancen und Risiken halten sich die Waage. Nicht nur Lügen werden verbreitet, sondern auch Wahrheiten. Und beides entzieht sich einer autorisierten Kontrolle. Fehlprognosen und Abwertungskampagnen wie diejenigen im Vorfeld des Brexits oder der Wahl von Donald Trump lassen darauf schliessen, dass sich viele Linksliberale allzu selbstgewiss auf einen Erziehungsjournalismus verlassen, der in den Informationsräumen des Internets wirkungslos verhallt. Heutige Mediennutzer bilden sich ihre Meinung nicht im Frontalunterricht. Auf diese Eigenmächtigkeit reagieren gewisse Medienvertreter verständlicherweise etwas nervös. Ihr Informationsmonopol gerät ins Wanken - wie auch der professionelle Journalismus. Blogs und alternative Medien schiessen nur so ins Kraut. Sie werden zu Trendsettern, denen auch die Leitmedien nacheifern. Journalistische Kompetenz verflacht vielfach zum hektischen Bemühen, die Klickzahlen nicht abstürzen zu lassen, was der inhaltlichen Substanz nicht immer zuträglich ist. Dort, wo noch eine Substanz zustandekommt, handelt sich in der Regel um das Ressort mit der grösstmöglichen Subjektivität. Das Internet degradiert die Journalisten zu Kommentatoren und Meinungsmanipulatoren, die im wesentlichen nicht besser informiert sind als du und ich. Unter Umständen sind sie sogar eher schlechter informiert, weil sie wegen schrumpfender Werbeeinnahmen und rückläufiger Abonnementszahlen einem steigenden Effizienzdruck ausgesetzt sind. Die Konkurrenz durch die sozialen Medien erhöht den Druck zusätzlich. Bei aktuellen Ereignissen sind diese näher dran und schneller dabei. Es ist wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel. Der rasende Reporter hechelt den I-Phone-Knipsern nur noch hinterher, die immer schon zur Stelle sind, wenn etwas geschieht. Und nicht selten haben sie als die unmittelbar Betroffenen und Involvierten - etwa als Täter und Opfer eines Terroranschlags - die bestmöglichen Mittel in der Hand, um den jeweiligen Nachrichtenwert in die Höhe zu treiben. Mit dieser voyeuristischen Allgegenwärtigkeit können nicht einmal Feuerwehr und Polizei mithalten, geschweige denn die "Sesselfurzer" in den Redaktionsstuben. Die exponentielle Verbreitung von Informationen (oder Desinformationen) via Internet tut ein Übriges, um die herkömmlichen Medien ins Hintertreffen geraten zu lassen. Innert kürzester Zeit kann ein Lüftchen zum Orkan werden, und der einfache Blogger sticht den hoch geschulten Journalisten mit dem grössten Schwachsinn aus.

 

Die herkömmlichen Medien sind ein unsicheres Arbeitsterrain geworden. Journalisten müssen sich vorzu nach alternativen Jobmöglichkeiten umsehen, zum Beispiel in der Public Relation von Politik und Wirtschaft, weshalb es sich für einen Medienschaffenden empfiehlt, entsprechende Beziehungen zu pflegen oder sich bei den entsprechenden Lobbyverbänden einzuschleimen, was auch für die Medienhäuser insgesamt gilt, die ohne das interessengeleitete Mäzenatentum kaum noch existieren könnten. Somit geraten die etablierten Medien in eine gefährliche Nähe zu politischen und wirtschaftlichen Akteuren und zum Agreement der Eliten. Dadurch entsteht der diffuse Eindruck, die meisten grossen Fernsehsender und Pressehäuser seien irgendwie gleichgeschaltet. Qualitätsjournalismus ist zweifellos wichtig und erhaltenswert. Dennoch sollte man mit dem weitverbreiteten Irrglauben aufräumen, Qualitätsjournalismus sei prinzipiell immun gegen Fake news. Die sogenannten Qualitätsmedien fördern eine eigene und andere Sorte von Fake news. Sie fördern eine Sichtweise, die durch Ausschluss und Fokussierung bei der Themenauswahl den herrschenden Diskurs bestätigt und dabei wichtige Aspekte ausblendet. Man könnte das auch als "Tunnelblick" bezeichnen. Einen solchen massenmedialen "Tunnelblick" hat man im Vorfeld des Brexits und während der jüngsten US-Präsidentschaftswahlen eindrücklich erleben dürfen. Im Schweizer Fernsehen wurde Donald Trump schon Wochen vor dem Wahlresultat zum sicheren Wahlverlierer erkoren und mit sehr viel Häme übergossen. Der Medienwissenschaftler Michael Haller, Direktor des europäischen Instituts für Journalismus und Kommunikationsforschung, hat dieses Phänomen anhand von 30'000 Medienberichten untersucht. Symptomatisch ist für ihn das Verhalten der Medien während der Flüchtlingskrise 2015. Damals haben fast alle Zeitungen und Fernsehanstalten die Sichtweise der politischen Eliten übernommen und jede kritische Distanz verloren, ja es sogar regelrecht darauf angelegt, sich zur Jubelpresse des massenhaften Asylmissbrauchs und der illegalen Einwanderung zu machen. Von staatlichem Kontrollverlust - und auch von einem Versagen der EU - war hingegen kaum etwas zu hören oder zu lesen. Genausowenig wurde die steigende Kriminalitätsbelastung oder die importierte islamische Radikalisierung thematisiert. Jeder, der die verordnete Willkommenskultur nicht teilte und Bedenken hinsichtlich der Integrationsfähigkeit der Flüchtlinge und Migranten äußerte, bekam es mit einem ideologischen Kesseltreiben zu tun, das an die McCarthy-Ära erinnerte. Sogar eine Supermarxistin wie Sara Wagenknecht musste sich als "Nazi-Sympathisantin" beschimpfen lassen, weil sie Merkels Flüchtlingspolitik zu kritisieren wagte. Sprachpolitische Zensur und Diffamierungskampagnen führten schliesslich zu einem politischen Erdrutsch. Das Erstarken der AfD ist die direkte Folge einer Politik, die von den Medien seit Jahren beschönigt und verteidigt wird.

 

Mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das 2018 in Kraft tritt und in der Praxis nichts anderes bewirkt, als dass abweichende politische Meinungen unterdrückt werden, bekommt die Gesinnungshegemonie der Political Correctness nun definitiv den Rang einer alleingültigen Staatsdoktrin. Darüber freut sich nicht nur die AfD, die im Widerstand gegen die staatliche Maulkorbpflicht neuen Aufwind erhalten wird. Nicht zufällig stösst diese Form der Internet-Zensur auch bei den Machthabern von China und Russland auf reges Interesse. Deutschland verwirklicht damit genau das, was der übereifrige deutsche Justizminister erklärtermassen verhindern will: den ersten Schritt in Richtung Totalitarismus. Der Begriff "Hassrede" oder "Hatespeech" ist ein politischer Kampfbegriff der radikalisierten Old-Left-Bewegung, der sich in seiner praktisch angewandten Selektivität keineswegs gegen Beleidigungen und Verleumdungen richtet, für die die bestehenden Gesetze vollkommen ausreichen. Das Internet war nie ein rechtsfreier Raum. Die ständig angemahnte "Widerstandspflicht gegen Hass und Hetze im Internet" trifft jedoch einen empfindlichen Nerv und eignet sich hervorragend als Vorwand, um allerlei Zensurmassnahmen zu legitimieren. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz giesst die totalitäre "Hatespeech"-Rhetorik in einen Paragrafen, der sich ausschliesslich gegen den Einspruch Andersdenkender richtet. Darin liegt die eigentliche Stossrichtung dieses Gesetzes, das aus derselben Ecke kommt wie das berüchtigte EU-Toleranzpapier. Die Denk- und Redefreiheit soll "reguliert" werden. Man zielt auf den politischen und ideologischen Gegner. Was Hass ist und was nicht, bestimmt hier - zumindest indirekt - derjenige, der den meisten Hass abbekommt: der Machthaber. Das Perfide am Netzwerkdurchsetzungsgesetz besteht nun eben darin, dass hier keine unabhängige Rechtssprechung obwaltet, sondern der Staat mit happigen Strafandrohungen Facebook, Youtube und ähnliche Plattformen zu einer staatskonformen Selbstbereinigung zwingt, die ziemlich absehbare Ergebnisse zeitigen wird. Schon seit längerem ist klar, dass mit "Hatespeech" vorwiegend system- und regierungskritische Äusserungen gemeint sind, insbesondere Äusserungen, die dem linksliberalen Diskurs einer repressiven Toleranz Paroli bieten. Der Schriftsteller und Dramatiker Thomas Hürlimann hat die gefährliche Tendenz einer solchen Toleranz sehr treffend beschrieben:

 

"Was mich an der EU am meisten stört, ist, dass sie uns ein neues Menschenbild verpassen will... Alles Spezielle, also das Geschlecht, der religiöse Glaube, die Hautfarbe oder ein über dem statistischen Durchschnittswert liegendes Körpergewicht hat zu verschwinden. Künftig ist nur noch eine graue Schablone der Toleranz zugelassen. Doch Vorsicht! Eine Toleranz, die sich für allgemeingültig erklärt, schlägt in ihr Gegenteil um. Wer auf diesen Widerspruch hinweist, riskiert heute seinen Ruf, später wohl sein Leben. Die Toleranzschablone wird die letzten Individuen gnadenlos jagen und ausmerzen."

 

Wer "Hassrede" mit "Unmenschlichkeit" gleichsetzt, kriminalisiert das freie Denken. Denn die Grenzziehung zwischen verbotener "Hassrede" und erlaubter "Widerrede" unterliegt einer ebenso heiklen wie schwammigen politischen Opportunität. Ein freies Denken im Widerspruch zum Mainstream oder im Widerstreit mit einem System, das Macht ausübt, ist immer mit Hass verbunden. Was haben Luther, Voltaire und Marx anderes getrieben als "Hatespeech"? Ohne "Hatespeech" würde eine Gesellschaft erstarren oder ersticken. Mit anderen Worten: was mit dem Begriff "Hatespeech" diffamiert wird, deckt sich zu grossen Teilen mit einer politischen Polemik, die etwas bewegen kann, und dass sie das kann, macht sie für die Mächtigen gefährlich. Polemik als unsachlich oder übergriffig abzutun, zeugt von einer totalen geistesgeschichtlichen Ahnungslosigkeit. Polemik kann eine Kunstform sein, und im Idealfall ist sie ein präzis verabreichtes Gegengift. Bedenklich ist nicht der Hass im Internet, sondern die präventive Zensur, mit der man angeblich gegen diesen Hass vorgehen will, wobei man alles politisch Unliebsame der Einfachheit halber als "Hassrede" oder "Hatespeech" kennzeichnet. Wie praktisch! Unter dem Vorwand, gegen Diffamierungen vorzugehen, mistet man gleich den ganzen Stall aus. Sicher ist sicher. Die politisch korrekte Moralpolizei will eine Debattenkultur ohne Hass. Sie will ein Schwimmbad ohne Wasser, Wurst ohne Fleisch, Bier ohne Alkohol und Geist ohne Biss. Die EU ist, wie Hürlimann richtig feststellt, eine treibende Kraft hinter diesen Bemühungen. Doch die Frontstellung ist sehr breit. Im wesentlichen stehen sich zwei Blöcke gegenüber - fast wie im Kalten Krieg:  eine Opinion-Leaderschaft, die noch stark von der 68er-Ideologie geprägt ist, und eine diffuse Absetzbewegung, die das alte Paradigma angreift oder sich von ihm distanziert. Die beiden Gruppierungen oder Bewegungen provozieren und dynamisieren sich gegenseitig. Und teilweise kann man auch feststellen, dass sich die Fronten verhärten. Die Meinungsmacher im linksliberalen Lager haben die 68er-Ideologie schon längst in ein Herrschaftsinstrument umgemünzt (was ihr eigentlich widerspricht) und befürworten unter dem Einfluss der amerikanischen Social-Justice-Warrior-Bewegung eine neo-calvinistische Militanz gegen alles, was nicht ganz rund und abgeschliffen daherkommt: gegen "Hatespeech", gegen Sexismus, gegen Rechts, gegen Fleischessen, gegen Rauchen, gegen Islamophobie, gegen Fake news, gegen Intoleranz und so weiter. Die Liste ist potentiell endlos. Unter diesem Einfluss driften auch die Medien bedenklich in eine anti-libertäre Richtung: man setzt auf breiter Basis auf Restriktion und bemüht sich nach Kräften, den politischen Gegner als "hasserfüllten Soziopathen" darzustellen. In Wirklichkeit scheut man jedoch die argumentative Auseinandersetzung. Hier geht es letztlich nicht um Hass, sondern um die Macht der besseren Argumente. Von daher das fieberhafte Bemühen, das Internet nach politischen Gesichtspunkten zu kontrollieren. Dazu gehört auch der Versuch, meinungsbildende Narrative, die sich staatlicher und medialer Kontrolle entziehen, in Misskredit zu bringen oder gänzlich auszuschalten. Diese sind oft mit Fake news unterfüttert. Die Gegenmassnahmen jedoch nicht minder. Auch hier wird eine Wunschrealität konstruiert, werden Fake news instrumentalisiert, die zwangsläufige Folge einer Propagandaschlacht. Die Frage ist also nicht, wer die meisten Fake news in die Welt setzt. Die Frage ist vielmehr, wer mit seiner Fake-news-Propaganda näher an der Realität ist. Sind es diejenigen, die eine Einheitsmeinung erzwingen wollen? Oder sind es diejenigen, die sich mit einer eigenen, politisch nicht zurechtgebürsteten Meinung querstellen? Was sich in der Filterblase überzogener Political Correctness gegen "Hatespeech" und "Fake news" richtet, ist auf jeden Fall mindestens so fragwürdig wie das, was im Namen einer totalitären Toleranz bekämpft werden soll.

 

Das entsprechende Medienverhalten ist natürlich kein rein deutsches Problem. Mehr und mehr haben wir es in allen grossen Mediensparten mit einer überhandnehmenden Konformität, einer regierungsnahen Schleimerei und einer vorauseilenden Selbstzensur zu tun, weshalb es auch kein Wunder ist, dass die etablierten Medien als "Lügenpresse" tituliert werden. Damit ist nicht gemeint, dass die Presse Unwahrheiten verbreitet, sondern dass sie einen opportunistischen Filter vorgeschaltet hat, der eine relativ einheitliche Sicht vermittelt. Diese muss nicht faktenwidrig sein, aber sie ist insofern problematisch, als sie einseitige Machtinteressen bedient und die Meinungsvielfalt gefährdet. Unabhängige Medien findet man fast nur noch im alternativen Bereich, also eigentlich dort, wo es angeblich zur journalistischen Routine gehört, die übelsten Fake news zu verbreiten. Dumm nur, dass diese Annahme ihrerseits eine Falschmeldung ist. Fake news gibt es überall, nicht nur im alternativen Bereich, was Michael Haller wissenschaftlich bestätigt hat. 

 

Fake news sind Allgemeingut. Auch wer gegen Fake news mobil macht und es ernst meint mit der Wahrheit, fällt auf kollektive Mythen und Fiktionen herein. Besonders zäh sind Fake news, wenn sie sich um Persönlichkeiten ranken. Von Menschen macht man sich gerne ein Bild. Menschen möchte man verstehen und einordnen können. Besonders Menschen, die man bewundert und idealisiert. Sie beeinflussen unsere Identität. Sie dienen als Vorbilder, als Orientierungsmarken. Deshalb müssen diese Menschen gewisse Wunschkriterien erfüllen, die in der Realität vielleicht nicht immer erfüllbar sind. So züchtet man ein Wunschdenken heran, das die Entstehung von Fake news begünstigt. Über die Existenz oder Nicht-Existenz eines Seemonsters kann man schmunzeln. Wenn es jedoch um die Frage geht, ob Mutter Theresa wirklich eine Heilige oder nicht vielmehr eine egoistische alte Hexe gewesen sei, die mit ihrem Krückstock auf Nonnen eingeprügelt und das Leiden der Armen und Kranken als gottgefällig verherrlicht hat, sieht die Sache schon ein wenig anders aus. Wenn es nach den Fakten ginge, müsste die Heiligsprechung schleunigst rückgängig gemacht werden. Warum aber halten Millionen Menschen an ihr fest? Idealisierte moralische Autoritäten wie Nelson Mandela, Papst Franziskus, Mutter Theresa, Mahatma Gandhi oder der Dalai Lama sind nichts anderes als personifizierte Fake news. Aufgrund der Faktenlage könnte man jede dieser Persönlichkeiten in Madame Tussauds Verbrecher-Kabinett stellen. Man tut es aber nicht, weil sich im öffentlichen Bewusstsein eine gegenteilige Meinung festgesetzt hat, eine "Fake Personality". Das Gute wirkt immer, auch wenn es nur vorgetäuscht ist. Ähnliches gilt auch für die mythische Überhöhung von ideologischen Systemen und historischen Ereignissen. Um das zu belegen, muss man nicht einmal Nordkorea bemühen. Oder Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin". Die weltweit wirkmächtigste Fabrik für "Fake History" ist zweifellos Hollywood. Die massenmediale Vermischung von fiktionalen Freiheiten und Geschichtsklitterung, von ideologischer Selbstglorifizierung und historischer Falschmünzerei hat hier den höchsten Perfektionsgrad erreicht. Dass nun ausgerechnet die Hollywood-Prominenz zum Widerstand gegen Donald Trump aufruft und seine "alternativen Fakten" als Lügen geisselt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. 

 

Fake news kommen und gehen. Aber manche von ihnen verfestigen sich zu fixen Ideen, verdichten sich zu Verschwörungstheorien, die einen globalen Erzählteppich bilden, einen schillernden Zitatenschatz der Popkultur. Wer mit diesen Zitaten spielt, muss nicht unbedingt leichtgläubig sein: Verschwörungstheorien haben immer einen doppelten Boden. Oder auch gar keinen Boden. Dass der letzte Beweis noch fehlt, gehört zum Programm. Nichts ist spannender, als in dunkle Ecken hineinzuleuchten. Michelle Obama ist ein Mann. Die Mondlandung wurde gefälscht. Paul McCartney ist tot. Elvis lebt. Die Queen verspeist kleine Kinder. Lady Diana wurde ermordet. Die deutsche Stadt Bielefeld existiert nur auf Landkarten und in Form aufwendig gestalteter 3D-Kulissen. Die Twin-Towers wurden gesprengt. Die Erde ist hohl. Die Erde ist flach. Reptiloiden beherrschen die Menschheit. In der Antarktis haben die Nazis ein Refugium eingerichtet. In der Wüste von New Mexico ist ein Ufo abgestürzt. Chuck Norris ist unbesiegbar. Shakespeare war nicht der Autor seiner Stücke. Oder umgekehrt: Shakespeare war der Autor seiner Stücke. Niemand ist gegen Fake news gefeit oder kann sie immer umgehen. Der Witz an vielen Verschwörungstheorien besteht eben darin, dass man mit ihrer Verneinung nicht zwangsläufig richtig liegt. Eine gute Verschwörungstheorie ist derart hybrid, dass sich auch ihre Antithese als Verschwörungstheorie darstellt. Wenn man in Stratford-upon-Avon jedes Jahr am 21. April einen Autor feiert, der kein einziges literarisches Schriftstück hinterlassen hat und als hoch geachteter, aber nur durchschnittlich gebildeter Geschäftsmann in der örtlichen Kirche beigesetzt wurde, ist das genauso abenteuerlich, wie wenn man die Werke Shakespeares Christopher Marlowe zuschreibt, der als Geheimagent Ihrer Majestät seinen Tod nur vorgetäuscht haben soll, um sich ins Ausland abzusetzen und dort unter dem Pseudonym "Shakespeare" Shakespeares Werke zu schreiben.

 

Anders verhält es sich mit jenen zähen falschen Behauptungen, die uns allen geläufig sind, weil sie Vertrautes und Alltägliches betreffen. Die meisten von ihnen begleiten uns lebenslänglich, und zwar mit einer derartigen Selbstverständlichkeit dass es uns kaum je in den Sinn kommt, sie ernsthaft auf den Prüfstand zu stellen. Sie begleiten uns als Jägerlatein für den Hausgebrauch, als Allerweltswissen aus zweiter und dritter Hand. Elstern stibitzen glitzernde Objekte. Der Vogel Strauss steckt seinen Kopf in den Sand. Stiere reagieren aggressiv auf rote Kleidungsstücke. Die Blüten der Sonnenblumen folgen der Sonne. Mäuse fressen besonders gerne Käse. Kühe sind dumm. Hühner sind dumm. Wunden heilen am besten an der Luft. Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns. Die linke Gehirnhälfte ist für das logische Denken zuständig, die rechte für die Phantasie. Bern ist die Hauptstadt der Schweiz. Die Weisheitszähne müssen in jedem Fall gezogen werden. Bei Nasenbluten hilft es, den Kopf nach hinten zu legen. Von Schokolade bekommt man Akne. Rohe Kartoffeln sind giftig. Olivenbäume sind Bäume. Dehnübungen vor dem Sport verhindern Muskelkater. Im Winter sind wir weiter von der Sonne entfernt als im Sommer. Lesen bei schwachem Licht schadet den Augen. Spinat ist für Kinder gesund. Frauen mit roten Haaren sind besonders reizbar. Von diesen Aussagen ist nur eine richtig. (Die letzte). Die anderen sind Fake news. Obwohl solche Aussagen nach Strich und Faden widerlegt werden können, haben sie sich in der kollektiven Phantasie eingenistet. Immerhin lassen sie sich leicht entlarven. Wissenschaftlich kann man ihnen zu Leibe rücken. Was aber vielleicht allzu rigoros wäre. Manche Irrtümer haben vielleicht doch einen wahren Kern. Einen Stier zu reizen, ist auch dann keine gute Idee, wenn uns die Wissenschaft einwandfrei bestätigt, dass Stiere keine Sehzäpfchen für rote Farbe haben. Und bei der berüchtigten Fangfrage, ob Bern die Hauptstadt der Schweiz sei, sollten wir nicht allzu haarspalterisch sein: als Bundesstadt spielt Bern unter allen Schweizer Städten zweifellos die Hauptrolle.

 

Ich persönlich halte es mit Hebbel. "Es gibt keine reine Wahrheit, aber ebensowenig einen reinen Irrtum." Skeptizismus anstatt Wahrheitsfanatismus! Wahrheit ist wie eine Wolke: je nachdem etwas Festes oder weniger Festes. Oder auch gar nichts. Das macht die Sache mit den Fake news auch so kompliziert. Die Konfusion ist total. Dennoch gibt es keinen Grund, den Medienschaffenden ein Wahrheitsserum zu verabreichen oder ein Wahrheitsministerium einzurichten, das jeden Online-Beitrag daraufhin überprüft, ob und wie weit er von den ausgewiesenen Fakten abweicht. Das einzig Bedenkenswerte an Fake news ist die Tatsache, dass sie so breit und obsessiv thematisiert werden. Dass man ihnen eine Bedeutung zumisst, die sie gar nicht haben. Die einzige Falschmeldung von grösserer Bedeutung ist die Behauptung, dass Fake news sonderlich bedeutend wären. Das sind sie jedoch mitnichten. Jeder Werbefachmann weiss, dass "Wahrheit" letztlich das ist, was sich am besten verkauft. In einer neoliberalen, rein marktorientierten Gesellschaft, in der jede mögliche Fiktion aufgeboten und aktiviert wird, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, kann man über die moralisierenden Wahrheitsfanatiker eigentlich nur schmunzeln. Das grosse Übel liegt nicht in den Lügen. Diese sind nur ein Symptom. Das eigentliche und grössere Problem ist die Tatsache, dass bald jede Mitteilung hinter der Realität herhinkt. Dass es in der allgemeinen Verwirrung kaum noch eine Mitteilung gibt, die die Wahrheit abzubilden vermag. Es ist die Realität selbst, was uns zum Narren hält. Schauen wir in die Welt hinaus, finden wir nichts als Widersprüche und Abstrusitäten. Wer hätte Trumps Präsidentschaft je für möglich gehalten? Die systemgesteuerten Medien (aber nicht nur sie) haben Trump weder vorausgesehen noch können sie seinen Erfolg schlechtschreiben. Seine zweite Amtszeit hat er auf sicher. Da können die Medien dagegen anschreiben, soviel sie wollen. Die Realität wird ihnen ein Schnippchen schlagen. Und ich gebe mein Ehrenwort: das ist keine Falschmeldung.

 

2017