Blasphemie

Darf man sich über Mohammed, Jesus und den Papst lustig machen? Wenn ja, warum? Und wenn nein, warum erst recht? Die Klärung eines Standpunkts.

 

Der Säkularismus ermöglicht ein friedliches und faires Zusammenleben auf der Basis von Vernunft und universellen Menschenrechten. Es ist nicht die Befolgung der zehn Gebote, was uns zu anständigen Menschen macht. Was uns in der Sonntagsschule zwischen "Kumbaya my lord" und Krippenbasteln erzählt wurde, können wir getrost vergessen. Es ist grösstenteils Unsinn. Die mosaischen Gesetze gelten bei uns nicht. Unsere Gesetze und ethischen Normen sind durchgehend areligiös. Die universal gültigen Leitlinien für Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter, Tierschutz, gute Nachbarschaftshilfe und Toleranz gegenüber Heiden und Schwulen finden wir mit Sicherheit nicht in der Bibel - und mit Sicherheit auch nicht in irgendeinem anderen heiligen Buch. Unsere säkulare Gesellschaft beruht auf der ausdrücklichen Garantie, dass irrationale Haltungen und totalitäre Ansprüche kein Mitbestimmungsrecht geniessen. Somit schrumpfen Religionen zu etwas Privatem, das ihrem Anspruch eigentlich zuwiderläuft. Sie müssen es verkraften, dass man ihnen den Zutritt zum Cockpit verwehrt. Sie dürfen mitfliegen, aber nicht das Steuer übernehmen. Auf dem Markt der Weltbilder fügen sie sich - meist zähneknirschend und nicht ohne Substanzverlust - in das gängige Sortiment der Sinnangebote ein. Sie präsentieren sich gleich neben der Esoterik und dem Psycho-Wellness-Bereich. Doch Pluralismus bedeutet nicht, dass man alles relativiert, alles als gleichwertig betrachtet. Zum Wohle des Ganzen gibt es auch in der liberalsten Gesellschaft eine klare weltanschauliche Hierarchie. Auch wenn es uns häufig so vorkommt, als würde unsere Gesellschaft im Autopilot fliegen, muss doch jemand im Cockpit sitzen. Neben dem aufgeklärten, pluralistischen Rationalismus, der als Grundlage demokratischer Gesellschaften das Eichmass bildet, nach dem sich alles auszurichten hat, was sich in diese Gesellschaft einbringen will, müssen sich irrationale Ideologien und Traditionen fortwährend hinterfragen, relativieren und zurückstufen lassen. Sie schwimmen gegen den Strom. Je irrationaler ihre Ausrichtung, desto eher riskieren sie, an den Rand gedrängt zu werden: eine legale und notwendige Form der Diskriminierung. Den Vertretern irrationaler Ideologien ist kaum je bewusst, dass sie ihre Existenzgrundlage ausgerechnet jener Geisteshaltung verdanken, die sie nach Kräften verteufeln: dem säkularistischen Rationalismus. Ohne ihn würden sie sich gegenseitig den Krieg erklären - und ihn wohl auch führen. Man stelle sich vor, jede Glaubensgemeinschaft könnte buchstabengenau in die Tat umsetzen, was die jeweiligen heiligen Texte und Regelwerke vorschreiben. Stellen wir uns vor, Evangelikale, Salafisten, Hisbollah-Schiiten, Scientologen, Jesuiten, Opus-Dei-Katholiken, Mormonen und Zeugen Jehovas könnten sich uneingeschränkt der Aufgabe widmen, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen. Es wäre die Hölle. Würden wir alle diese Spinner frei schalten und walten lassen, hätten wir innert kürzester Zeit den grössten Krawall. Wir hätten einen hemmungslos entfesselten Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen totalitären Formen von Gleichschaltung und Gehirnwäsche. Das Ergebnis wäre Mord und Totschlag, pure Anarchie. Alles würde in Flammen aufgehen: wie die Farm der Davidianer in Waco. Dass es nicht soweit kommt, verdanken wir dem Säkularismus. Dank dem auf rationalen Prämissen aufbauenden Grundgesetz geniessen alle diese Gruppierungen staatlichen Schutz, auch vor den eigenen Kamikaze-Gelüsten und Allmachtsphantasien.

 

Die rationalistische Konsensfähigkeit westlicher Demokratien garantiert ein annähernd friedliches Zusammensein unterschiedlichster Individuen und Haltungen. Allein schon deshalb sind die geistigen Präambeln dieser Konsensfähigkeit nicht relativierbar. Ohne den gemeinsamen Nenner der Vernunft gäbe es keinen Pluralismus, keinen Frieden in der Vielfalt und keine Freiheit auf der Grundlage gegenseitiger Rücksichtnahme. Unsere Gesellschaft hat diese Logik verinnerlicht. Was auf konsensfähiger Rationalität aufbaut, wird ernst genommen und gilt als diskutabel; was sich dieser Rationalität verweigert, muss es sich gefallen lassen, auf die hinteren Ränge - oder in die Schmuddelecke - verbannt zu werden. Zugegeben, diese Zurückstufung widerspricht dem Ideal von Gleichbehandlung, sie ist ungerecht, weil sie es nicht allen recht machen kann. Aber sie sichert den Frieden. Sie ist der einzige Grund, weshalb Religionen in einer säkularen Gesellschaft überhaupt zugelassen sind. Sie sind domestiziert, auf Vernunft und Pluralismus getrimmt. Selbstverständlich tun sie sich schwer damit. Selbst in den vorbildlich säkularisierten Landeskirchen vernimmt man hie und da das Grollen einer schlecht verwundenen Kränkung. Man hätte halt doch gerne eine Bedeutung. Man würde sich gerne in die Politik einmischen, in das soziale Leben, man hätte gerne eine "christliche Ethik" von allgemeiner Gültigkeit und so weiter. Nur ist das eben ein Hirngespinst. Unsere Ethik - von den allgemeinen Menschenrechten bis zur säkularen Staatsverfassung - ist durch die Aufklärung entstanden: nicht ohne Religion, wie man klar hinzufügen muss, aber durchwegs im Widerstreit mit der Religion, wenn nicht sogar in einem diametralen Widerspruch zur Religion. Religiöse Menschen kann man unmöglich davor bewahren, sich auf irgendeine Weise gekränkt zu fühlen. In genau dem Masse, wie sie ihren irrationalen Wahrheitsanspruch zur Geltung bringen, werden sie kritisiert und lächerlich gemacht. Darauf - und nur darauf - beruht das Recht auf Religionsfreiheit.

 

Wer das Recht für sich in Anspruch nimmt, unter dem säkularen Schutzschirm religiöse Praktiken und Lehren zu propagieren, die auf historisch überholten, zutiefst archaischen und irrationalen Weltbildern und Idealen beruhen, zahlt einen Tribut. Dieser besteht darin, dass man sich hin und wieder als Depp hinstellen lassen muss. Es geht nicht an, dass Aussagen oder Bilder eines irrationalen Wahrheitspostulats für unantastbar erklärt werden. Auch rationale Postulate - etwa in der Wissenschaft - sind nicht unantastbar, im Gegenteil, ihre Revidierbarkeit bildet geradezu die Voraussetzung für den geistigen, wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt, den die westlichen Gesellschaften für sich verbuchen können. Selbstverständlich hat dieser Fortschritt auch Schattenseiten: Umweltzerstörung, Konsumismus, Atomwaffen, kapitalistische Ausbeutung, technologische Abhängigkeiten etc. Das alles ist kritikwürdig. Aber es kann nicht als Vorwand dienen, um in ein vormodernes, magisch-religiöses Denken zurückzufallen, das von "göttlich inspirierten" Autoritäten diktiert wird. Unsere Gesellschaft gewährleistet Fortschritt, erlaubt aber auch Kritik an diesem Fortschritt, vorausgesetzt, diese Kritik ist rational begründet. Insofern ist auch Fortschrittskritik Teil des Fortschritts, vielleicht sogar sein wichtigster Motor. Ohne Kritik und Kritikfähigkeit hätten wir keine Wissenskultur, keine Wissenschaft, keine Selbstbestimmung im Sinne der Aufklärung. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Umso berechtigter ist Kritik, wenn sie sich gegen irrationale Positionen wendet.

 

Was darf Satire? Darf sie alles? Nein. Es gibt Grenzen. Der Gegenstand der Satire sollte der Satire angemessen sein. Wenn ich mich über einen Behinderten lustig mache, ist es schwierig, diesen Spott als satirisch zu empfinden. Er ist nicht wirklich motiviert. Es sei denn, der Behinderte heisst Adolf Hitler. Die Grenzen liegen freilich nicht dort, wo man das Grosse und Heilige vor sich hat. Hier findet die Satire die bestmögliche Zielscheibe. Man darf sich über Mohammed und Jesus lustig machen, man darf Religionen und ihre Repräsentanten als lächerlich hinstellen. Der naheliegendste Grund, weshalb man das darf, ist wohl darin zu sehen, dass es funktioniert. Ein Witz funktioniert, wenn er zündet. Und wann zündet ein Witz? Wenn er den richtigen Zunder hat! Nach wie vor senkt man in einer Kirche die Stimme. Mit Gläubigkeit hat das nichts zu tun; wohl aber mit dem Respekt vor der sakralen Umgebung. Das Religiöse ist immer auch Repräsentanz, und Repräsentanz ist Macht. Ich kann mich an einen Schulausflug während der Gymnasialzeit erinnern. Wir besuchten die Kirche von Colmar. Bei der Kirchenbesichtigung, die ein Priester leitete, sagte ein Mitschüler plötzlich, indem er auf ein holzgeschnitztes Kruzifix zeigte: "Da hängt ja einer!" Nach wie vor - Jahrzehnte später - muss ich über diese Bemerkung lachen. Ob und wie komisch etwas ist, hängt oft von der Situation ab. Oder vom Kontext. Das Religiöse will ernst genommen werden. Es erheischt Respekt. Und gerade diese Fallhöhe zieht die Komik magisch an. Grösser könnte eine Zielscheibe für Spott nicht sein. Da braucht es nicht mal eine religionskritische Absicht. Darüber hinaus gibt es aber noch andere triftige Gründe, religiöse Satire zu verteidigen, und zwar nicht nur aus atheistischer Perspektive. Religiöse Satire ist auch im Interesse derjenigen, die sich als gläubig betrachten. Das mag paradox klingen. In einer säkularen Gesellschaft ist das aber genau die Grundlage, die den religiösen Pluralismus überhaupt erst ermöglicht. Wer hinter religionskritischen Bestrebungen eine typisch atheistische Position auszumachen meint und von einer “gottlosen Gegenreligion” redet, täuscht sich gewaltig. Das Schema "Gläubig versus Ungläubig" ist viel zu eng gefasst. Es ist das Schema der Fundamentalisten. Und nicht zufällig auch das Schema vieler Kirchengegner, etwa der Freidenker-Vereinigung. Sowohl die einen wie die andern liegen falsch. Die einen würden den Säkularismus am liebsten beseitigen, und die anderen missverstehen ihn als etwas, das dem Christentum entgegengestellt werden kann. Doch der Säkularismus ist nicht vom Himmel gefallen: er hängt unauflösbar mit dem Christentum zusammen, weshalb er in anderen Kulturkreisen kaum oder gar nicht realisiert werden kann - oder nur durch die Überformung durch westliche Einflüsse. Das Christentum ist mehr als eine duale Angelegenheit, bei der sich nach dem Muster der Fundamentalisten "Gläubige" und "Ungläubige" frontal gegenüberstehen. Ohne die weltumspannende abendländische Kultur gäbe es keinen Säkularismus. Von daher erklärt sich denn auch der Minderwertigkeitskomplex der muslimischen Welt. Der anti-westliche Hass radikaler Muslime gilt logischerweise nicht dem christlichen Fundamentalismus, sondern dem christlich-jüdischen Säkularismus. Oder besser gesagt: dem Abendland. Dass es sich hier um einen Cocktail handelt, der nicht nur aus christlichen und jüdischen Elementen besteht, muss wohl nicht erläutert werden. Das würde den Rahmen dieses Essays ohnehin sprengen. Weil aber das Abendland für die säkulare Distanznahme von Religion und das Recht auf Blasphemie von zentraler Bedeutung ist, werde ich den Begriff hier trotzdem kurz beleuchten. Vielleicht drängt sich das auch deshalb auf, weil das "Abendland" in Reaktion gegen den islamischen Antisäkularismus zu einem beliebten Schlagwort avanciert ist und sich politisch instrumentalisieren lässt, was nicht völlig daneben, aber auch nicht unproblematisch ist. Vorsicht ist geboten, wo dieser Begriff geografisch ausgelegt oder zur Selbstabgrenzung benutzt wird. Wenn zum Beispiel die "Patriotischen Europäer" gegen die "Islamisierung des Abendlands" demonstrieren, kann man sich ja schon fragen, wie es diese überzeugten Europäer mit Augustinus halten, einem der grössten abendländischen Denker. Der stammte nämlich aus Numidien, dem heutigen Algerien. Und was heisst hier überhaupt "patriotische Europäer"? Man kann ein patriotischer Franzose oder Schweizer sein, aber ein patriotischer Europäer ist so ziemlich das Letzte, was ein Patriot sein möchte, es sei denn, er ist grössenwahnsinnig. Trotzdem glaube ich nicht, dass das Abendland ein Phantom ist, wie die ebenso falsch gewickelte Gegenseite behauptet. Um bei unserm Beispiel zu bleiben: zur Zeit von Augustinus - noch vor Mohammeds Erscheinen - war der ganze Mittelmeerraum hellenistisch geprägt und insofern das Herzstück dessen, was man heute als Abendland bezeichnet. Von diesem Abendland profitierten übrigens auch die muslimischen Eroberer, lange bevor die Christen anfingen, antike Texte zu sammeln. Insofern gehört auch der Islam zum Abendland, wenn auch nicht als eigenständige Hochkultur, sondern eher in der Rolle eines Vermittlers und Archivars.

 

Heute haben wir die Situation, dass der Islam entweder gegen den "bösen Westen" die Faust ballt oder von diesem Westen geschluckt wird. Der fundamentalistische Islam wird zwar überall stärker, aber ebenso auch die Verwestlichung. Dadurch wächst der innerislamische Zwiespalt mit all den Konflikten, mit denen wir seit 9/11 bestens vertraut sind. Bezeichnenderweise hantieren die militanten Islamisten mit topmodernen westlichen Waffen und Kommunikationsgeräten. Eigentlich müssten sie sich selber bekämpfen, denn alles an ihnen - ausser dem Glauben an Allah - ist durch und durch westlich. Sogar die Schnürsenkel an ihren Kampfstiefeln entspringen einer industriellen Fertigung, die kaum möglich wäre, wenn die Menschheit noch immer am unantastbaren Wortlaut eines heiligen Buches kleben würde. In dieser Hinsicht können die Islamisten nicht mal in den Spiegel schauen, ohne vor Wut zu schäumen. Ganz offensichtlich steht Allah auf der falschen Seite. Die Welt gehört dem Christentum. Nicht unbedingt der christlichen Religion, aber ganz eindeutig dem Säkularismus christlich-jüdischer Prägung. Selbst fundamentalistische Theokratien wie Saudi Arabien und der Iran kommen in wirtschaftlichen, industriellen und militärischen Belangen nicht um westliche Standards herum. Und das erstreckt sich bis auf die unterste Ebene. Im Alltag der iranischen Muftis und der saudischen Imame, die den Koran über alles andere stellen, gibt es mehr Westen als Koran. Das fängt beim Handy an, geht weiter mit dem Toaster, geht weiter mit dem fliessenden Wasser und endet an der Stromdose, wo man das Handy auflädt. Alles Moderne und Fortschrittliche ist nun mal westlichen, das heisst christlich-säkularen Ursprungs. Und der Clou daran: das Abendland lässt sich kaum noch auf einen geografischen Raum reduzieren. Was zu erheblichen Problemen führt, wenn nur die äusserlichen Attribute des Westens angenommen, aber seine aufklärerische und säkulare Essenz zurückgewiesen wird, wie das bei muslimischen Staaten fast durchgehend der Fall ist. Ob sie wollen oder nicht: sie alle hängen am "bösen und gottlosen Westen" wie an den Zitzen einer grossen Muttersau. Das Abendland ist dort, wo man mit Euklid rechnet und mit Shakespeare Theater spielt. Wo man im Internet surft und Zeitungen liest. Wo man Plastiktüten verwendet und Coca Cola konsumiert. Also eigentlich überall, wo es Bildung und Zivilisation gibt, in welcher Form und Konzentration auch immer. Ob diese Zivilisation gut oder schlecht ist, kann man beurteilen, wie man will: dass sie die Welt beherrscht, ist einfach ein Faktum. Ohne den christlich-jüdischen Säkularismus gäbe diesen Status quo nicht, und der Widerspruch in dieser Formulierung (Religion/Nicht-Religion) zeigt eben schon an, dass wir es hier mit einer typisch europäischen Entwicklung zu tun haben, einem dialektisch fortschreitenden Säkularismus, der dem Islam zutiefst fremd ist, obwohl die muslimischen Gelehrte des Mittelalters viel dazu beigetragen haben, dass sich Europa weiterentwickeln konnte. Die heutige Überlegenheit der westlichen Kultur ist also auch durch den Islam zustande gekommen. Weshalb sich die muslimischen Fundamentalisten auf tragische Weise vergaloppieren, wenn sie die entschwundenen Zeiten muslimischer Eroberungen und Weltreiche beschwören. Denn genau damals wurde der Siegerpokal weitergereicht: vom Süden in den Norden, vom Orient in den Okzident, vom Mittelmeerraum nach Europa und von Europa nach Amerika.

 

Wie stark und weltumspannend die westliche Kultur ist - und dass es auch wirklich eine Kultur ist und nicht nur eine technokratische Zivilisation, wird deutlich, wenn man sich anschaut, was auf den Theatern der ganzen Welt am häufigsten gespielt wird. Es ist Shakespeare. Komischerweise versteht man diesen Engländer aus dem 16. Jahrhundert in allen Kulturen, sogar in Bollywood. Was nicht nur mit Shakespeares Genialität zu tun hat, sondern auch mit dem "abendländischen Spirit". Eine Figur wie Hamlet ist universal, weil sie den europäischen Geist verkörpert: den ewige Zweifler und Sucher. Hamlet ist die menschgewordene Reflexion, der ewige Analytiker, der alles hinterfragt, keine Grenzen akzeptiert und mit dieser Fähigkeit viel Unheil anrichtet. Aber auch enorme Leistungen vollbringt, ein Punkt, wo Hamlet zu Faust wird. Oder mit ihm kooperiert. Im 20. Jahrhundert hat Hamlet die Formel zur Kernspaltung gefunden, und Faust hat die Atombombe gebaut. Allerdings hat diese "faustische" Forschung auch unzählige Menschenleben gerettet, etwa durch Krebstherapien, und die durchschnittliche Lebenserwartung in fast allen industrialisierten Ländern um etwa fünfzig Jahre erhöht. Vollends deutlich wird die abendländische Hegemonialität, wenn wir uns mit Wissenschaft beschäftigen. Dass der Islam in vielen Bereichen einmal führend gewesen ist, ändert nichts an der Tatsache, dass er seit 500 Jahren bedeutungslos vor sich hinflackert - und dass ihm die führende Rolle nur zugefallen ist, weil er viele ältere Kulturen beerbt oder bestehende Hochkulturen erobert hat. Die abendländische Kultur hat sich hingegen in einer rasanten, fast explosiven Entwicklung über die ganze Welt ausgebreitet und sich mit Hilfe unzähliger Revolutionen und Umbrüche quasi alternativlos verfestigt. Und das ist gut so! Diesem Umstand verdanken wir den Säkularismus und die mit ihm zusammenhängende geistige Freiheit, ohne die wir zum Beispiel auch nicht den Kolonialismus und die westliche Hegemonialität kritisieren könnten. Denn auch die Menschenrechte stammen aus dieser Quelle. Der europäische Geist ist selbstreflexiv und selbstkritisch. Manchmal bis zum Exzess, bis zur Selbstverneinung im radikalen Kulturrelativismus, der uns weismachen will, dass alle Kulturen gleichwertig seien. Das ist natürlich Quatsch. Kulturrelativisten sind Leute, die wortreich behaupten, es gäbe keine Sprache. Sie widersprechen sich selbst. Ohne ihre überlegene Kultur könnten sie diese überlegene Kultur nicht relativieren. Dass die westliche Vormachtsstellung mit ihrer technologischen und kapitalistischen Hemmungslosigkeit die Welt zerstören kann, bestreitet niemand. Doch in welcher anderen Kultur ist eine derart fundamentale Selbstkritik möglich? Und wird sogar öffentlich gefördert? In vielen muslimischen Ländern riskiert man schon sein Leben, wenn man seinen Teddybären "Mohammed" nennt. Religiösen Spott wegen einer Religion oder religiösen Kultur zu vermeiden, die auf die Überlegenheit einer Kultur, die ihr an Souveränität, Freiheit und Intelligenz weit überlegen ist, nur mit beleidigten Abwehrreaktionen bis hin zu Gewaltandrohungen reagieren kann, ist grundsätzlich falsch. Wir müssen und dürfen uns der westlichen Überlegenheit nicht schämen. Diese Überlegenheit kommt nicht aus dem Nichts. Sie entstand durch gewisse Universalismen. Es stimmt eben nicht, was die Kulturrelativisten behaupten: die "Werte der Aufklärung" sind nicht ein europäisches Exportprodukt, das wir anderen Kulturen quasi zwangsverabreicht haben. Zwar sind diese Werte im kulturellen und historischen Umfeld Europas entstanden, doch letztlich gelten sie gerade deswegen, weil sie in kulturunabhängigen menschlichen Befindlichkeiten und Ansprüchen wurzeln. Kulturrelativisten argumentieren oft sehr einseitig, weil sie Europas Expansion nur mit der Ausbeutung der Dritten Welt in Verbindung bringen. Doch diese Fundamentalkritik widerlegt sich selbst, sobald man sie konsequent anwendet. Denn auch die Emanzipationsbestrebungen in der Dritten Welt - Anti-Apartheitsbewegung, Anti-Amerikanismus, Befreiungstheologie, Dekolonialisierung - fussen auf europäischen Werten und Bestrebungen. Und genau das berechtigt die westliche Kultur zu einer gewissen Vormachtstellung. 

 

Den Atheisten und radikalen Laizisten, die diesen Universalismus gerne als religiöse Neutralität hinstellen, muss man in einem Punkt vehement widersprechen: die westliche Vormachtstellung gäbe es nicht ohne das Christentum. Das Christentum spielt hier eine Schlüsselrolle. Betrachten wir das mal aus einer alltäglichen Perspektive. Ein Herr Müller oder Meier konvertiert zum Shintoismus, Buddhismus oder Islam. Ist er deswegen kein Christ mehr? Trotz seiner Konversion bleibt er mit seinem ganzen Denken und Fühlen in seiner angestammten Kultur und Zivilisation verwurzelt. Seine Prägung kann er nicht ablegen. Als Konvertit trägt er nur ein Kostüm. Er kann gewisse Gewohnheiten und Einstellungen ändern, aber mehr nicht, und meistens auch nur vorübergehend. Das ist ungefähr wie der Vorsatz, durch eine strenge Diät das Idealgewicht erreichen zu wollen. Meistens setzt sich dann eben doch das Realgewicht durch. Christ ist man nicht, weil man gläubig ist - oder besonders bibelkundig. Wobei Letzteres immer eine strittige Frage ist. Fundamentalistische Christen kennen das Christentum verdammt schlecht: ihre Bibelfestigkeit ist trügerisch. Es ist pure Dummheit, den Glauben auf ein "Für-wahr-halten" im Zusammenhang mit einem Buch zu reduzieren, das man nicht mal in der Originalsprache liest. Und auch die Freidenker und Konvertiten verkennen, dass wir es hier nicht nur mit "Gläubigkeit" zu tun haben, sondern mit einer 2000jährigen Kultur, mit der wir durch unzählige geistige Kanäle verbunden sind. Man kann sich eine Religion nicht einfach so überziehen wie ein Arbeitsgewändchen, das den Bäcker vom Schreiner unterscheidet. Nichts ist lächerlicher als ein Schweizer, der zum Islam konvertiert und sich schämt, weil seine Nationalflagge ein Kreuz hat. Dieses Kreuz hat er auch auf seinem Passbüchlein, auf seiner Identitätskarte, auf seinen Personalpapieren, in seinem Kopf, in seinen Träumen - und es verfolgt ihn bis nach Mekka. Sein Christsein wird er niemals los. Deshalb sind die Konvertiten oftmals die grössten Fanatiker. Sie müssen vor allem gegen sich selbst kämpfen. Der wunde Punkt bei ihnen - und bei allen, die die Religionszugehörigkeit als eine Willenssache auffassen - besteht darin, dass man sich die Religion eigentlich gar nicht aussucht. Man kann zehnmal hintereinander aus der Kirche austreten und bleibt trotzdem Christ. Ich selber weiss das. Einen Kirchenaustritt habe ich schon hundertmal in Erwägung gezogen. Schliesslich bin ich jemand, der den Glauben durchschaut und jedes Glaubenskorsett verachtet. Doch inwiefern bin ich deswegen kein Christ? Das Christentum manifestiert sich ja nicht nur in der Kirche, im Apostolischen Glaubensbekenntnis, im Katechismus oder in unsern halbwegs christlichen Bräuchen, sondern betrifft zum Beispiel auch die Art und Weise, wie ich denke und empfinde. Ich denke, also bin ich. Also bin ich schon mal kein Buddhist. Und wie steht es mit den sogenannten Buchreligionen? Als Protestant müsste ich doch zum Islam oder wenigstens zum Judentum einen leichten Zugang finden können. Doch weit gefehlt! Ich mag Hunde. Und im Schwein sehe ich ein Symbol für Glück und Wohlstand. Und wie steht es mit dem Hinduismus? Bei Yoga denke ich zwanghaft an einen Menschen, der sich selber auf den Kopf kackt, und bei der Karma-Idee sträubt sich meine Logik wie eine Katze, die den Buckel macht. Jemand schlägt mich grundlos tot, und dann bin ich auch noch selber schuld! Ich kann mich yogisch verrenken und karmisch reinigen. Ich kann mir Rattenkot auf den Bauch streuen. Ich kann es mit Ayurveda versuchen und mittels Tantra ein höheres Bewusstsein anstreben: es hilft alles nichts. Das Höchste, was mir zugänglich ist, habe ich schon. Man kann ja allerlei ausprobieren. Es ist wie beim Kochen: wenn man das Exotische mal durch hat, all die fremdländischen Spezialitäten mit kandierten Maden und panierten Seeigel-Hoden, kehrt man wieder zum Währschaften zurück, zur Rösti und zum Fondue. Etwas Besseres gibt es halt doch nicht. Das jedenfalls ist meine Erfahrung. Die christlich-antike Prägung ist immer schon da. Sie markiert Werte, Traditionen und Vorstellungsmuster, mit denen ich mich verbunden fühle. Diese Prägung schlummert oft nur vor sich hin. Sie drängt sich nicht auf. Sie macht kein Geschrei. Sie missioniert nicht und schlägt keine Werbetrommel. Oft ist sie mit einem gewissen Bildungskanon verbunden, mit dem Wissen um die Bedeutung von Bildern und Symbolen. Und oft versteckt sie sich hinter Sachen, die einem gar nicht so christlich vorkommen. Umgekehrt gibt es natürlich auch Sachen, die man als zutiefst christlich empfindet, obwohl sie aus völlig fremdartigen Kulturen und Kulturbereichen stammen. Kiffen ist in unserer Kultur verpönt, während der Weingenuss als "Kulturleistung" gilt. Diese Wertung ist eindeutig auf die christliche Kultur zurückzuführen. Andererseits stammt der katholische Weihrauch - eine psychotrope Substanz wie Haschisch - aus dem vorderen Orient und hat wohl mehr mit den "Wohlgerüchen Arabiens" zu tun als mit unserer eigenen Kultur. Ähnlich verhält es sich auch mit dem beliebtesten Heiligen. Der echte Sankt Nikolaus war nämlich ein Türke. Darauf verweisen noch die Erdnüsse und Mandarinchen, die er uns bringt. Die Rute hingegen ist ein einheimisches Produkt.

 

Das Christentum ist kein klar abgrenzbares Gebiet, das uns sozusagen "gehört". Zwischen den verschiedenen Religionen und Kulturen gibt es zahlreiche Verwandtschaften und Überschneidungen, so wie es innerhalb der verschiedenen Religionen und Kulturen auch gravierende Unterschiede gibt: etwa zwischen Sunniten und Schiiten. Oder zwischen Katholiken und Protestanten. Oder zwischen Protestanten und Evangelikalen. Andererseits ragt die Kultur, in der sich eine Religion manifestiert, über sämtliche internen Spaltungen und Parteiungen hinaus. Ich bin kein Katholik und erst recht kein Papst-Fan. Aber das hält mich nicht davon ab, die gotische Architektur oder die Gregorianischen Choräle zu bewundern. Oder den Isenheimer Altar! Und nein, das ist nicht die gleiche Bewunderung, die ich den Pyramiden von Gizeh entgegenbringe, die ich zwar bewundere, weil es grossartige Bauwerke sind. Aber andererseits sind sie mir auch völlig egal. Sie berühren mich nicht. Mit mir persönlich haben sie nichts zu tun. Sie sind mir so fremd wie irgendwelche Gesteinsbrocken im Weltraum. Ganz anders verhält es sich mit christlichen Kunstwerken. Oder mit Luthers Bibelsprache. Die altägyptische oder indische Kultur kann ich bewundern. Sie kann mich faszinieren. So wie mich auch eine Molluskel fasziniert. Aber kann ich mit einer Molluskel befreundet sein? Wohl kaum. An fremden Kulturen trample ich vorbei wie ein Tourist, der ein paar schöne Fotos schiesst - und sich auf die Hotel-Bar freut. Das "höhere Bewusstsein" finde ich nicht mit einem spirituellen Navigationsgerät, das jeden anderen Ort als meinen eigenen als Verheissung anzeigt. Das Heilige und Höhere finde ich nicht hinter den sieben Bergen oder am Ganges. Als Europäer finde ich es wahrscheinlich eher in der Hotel-Bar. Dort gehöre ich hin. Dort ist mein Platz. Dort bin ich als Europäer am richtigen Ort und finde je nachdem sogar meine Erleuchtung. Mit Sicherheit finde ich die Erleuchtung (falls es bei uns überhaupt so etwas gibt) nicht in einem indischen Tempel, wo man Ratten verehrt. Denn in unserer Kultur liegt die Wahrheit auch im Wein, während wir beim Anblick von Ratten eher an Rattengift denken als an religiöse Verehrung. 

 

Über Jahrhunderte hinweg hat das Christentum wie ein Blutgefässsystem den kulturellen Körper, von dem es umgeben ist, am Leben erhalten. Insofern ist es richtig, von einer "christlichen Kultur" zu reden. Diejenigen, die allergisch reagieren, wenn man öffentliche Kreuze entfernt und den Säkularismus dergestalt umfrisiert, dass man ihn mit "religiöser Neutralität" gleichsetzen kann, haben im Grunde genommen Recht. Mit einer nicht unwesentlichen Einschränkung: das Christentum füllt unsere Kultur nicht gänzlich aus, so wie auch ein Körper nicht ausschliesslich aus Blutbahnen besteht. Die sogenannt "christliche Kultur" ist eben auch deshalb christlich, weil sie nicht ausschliesslich christlich ist! Zur christlichen Krippe gehört auch der heidnische Weihnachtsbaum. Und zu Weihnachten gehört auch ein Türke namens Sankt Nikolaus. Oder archetypisch gesehen: eine druidenähnliche Figur mit Bart, ein Gandalf für Kinder, der mit dem Christentum rein gar nichts am Hut, respektive an der Kapuze hat. Gott sei Dank! könnte man sagen. In seinen kulturellen Traditionen ist das Christentum ebenso weiträumig wie schwammig, ebenso durchlässig wie schillernd - und insofern auch human. Inhuman wird es immer nur dort, wo es sich allzu ernst nimmt. Wo es eine von allen "unchristlichen" Zutaten und Schlacken gereinigte Religion sein will. Oder wo es sich übernimmt, weil es die eigenen Grundlagen missversteht und den lieben Gott mit dem Kaiser und die Bibel mit dem weltlichen Gesetz verwechselt. Als Christ weiss ich ganz genau, dass eine Religion, die Gesetze erlässt, Sittengebote ausspricht und Regierungen stellt, zum Tyrannen wird. Darin liegt denn auch der Grund, weshalb die Europäer den Islam ablehnen. Sie tun es aus einem sicheren Gefühl heraus. In einem Islam, der nicht durch westliche Einflüsse abgeschwächt oder eingedämmt wird, beherrscht die Religion alles, jede Kleinigkeit im Leben. Solche Zustände haben wir in Europa auch schon gehabt. Der religiöse Eifer hat Europa stärker verwüstet als die Pest und alle anderen Naturkatastrophen zusammengenommen. Kein Europäer wünscht sich das zurück. Andererseits gibt es im Christentum eine klare theologische Trennung zwischen Weltlichkeit und Geistlichkeit, was die Europäer letztlich dazu befähigt hat, den Schritt in den modernen Säkularismus zu tun. Was dem Islam bis dato nicht gelungen ist - und ihm wahrscheinlich auch niemals gelingen wird, weil ihm dazu die theologische Grundlage fehlt. Die Schwäche des Christentums ist nämlich auch seine Stärke: es ist transzendent. Es ist keine "Gesetzesreligion". Das Kirchenrecht, das auf die zivile Rechtsprechung der alten Römer zurückgeht, ist nicht mit der Scharia zu vergleichen. Da die christlichen Bezüge nicht diesseitig sind, benötigte die Kirche immer einen weltlichen Arm, eine realpolitische Exekutive, die unter Umständen auch zur Konkurrenz werden konnte. War der Papst ein Arschloch, gab es garantiert einen Arschloch-König, der dem geistlichen Oberhaupt auf die Finger klopfte. Authentisch christlich ist eigentlich nur das Mönchswesen. Oder präziser gesagt: die christliche Armut, die natürlich von den Mönchen auch nicht immer so ernst genommen wurde. Oder im umgekehrten Fall als Askese und Bussfertigkeit missverstanden wurde. Diese schwierig zu handhabende, realpolitisch völlig unsinnige "Ausserweltlichkeit" finden wir im Evangelium als Botschaft wie auch als Lebensgeschichte. Sie ist der religiöse Kern. Jesus hat keine Länder erobert und keinen Gottesstaat gegründet. Er hat keine Armee aufgestellt und keine Handelskarawanen organisiert. Im Gegenteil. Er hat ein Reich verkündet, das nicht von dieser Welt ist. Was dann die Christen - und zwar in der real existierenden Welt - die nächsten 1700 Jahre daraus gemacht haben, ist natürlich eine andere Geschichte. Pure Machtgeschichte. Von der man sich allerdings nicht täuschen lassen sollte. Dass sich ausgerechnet aus der "Kriminalgeschichte des Christentums" (Karlheinz Deschner) der heutige Säkularismus entwickelt hat, ist nur die logische Folge einer religiösen Grundlage, die nie als weltliche Machtbasis gedacht war.

 

Es gibt also keinen Säkularismus ohne Christentum. Wohl aber ein Christentum ohne Säkularismus. Die Zeugen Jehovas, die evangelikalen Freikirchen und viele andere christliche Splittergruppen ausserhalb der Landeskirchen sind nicht säkularistisch orientiert. Die Rechtgläubigen, Heilsgewissen, Gottesfürchtigen und Einfältigen vor dem Herrn, die sich gerne einbilden, sie müssten ungläubige Christen (was immer das auch ist) zum Christentum bekehren, erwecken oft den Eindruck, als hätten sie sich von den Grundlagen ihrer eigenen Religion abgekoppelt. Offensichtlich verstehen sie da etwas falsch. Christ bin ich aufgrund meiner kulturellen Prägung - und nicht weil ich an dies oder jenes glaube oder diese oder jene Überzeugung habe. Man kann jeden Tag etwas anderes glauben - und die Überzeugung kann man wechseln wie ein Hemd. Wenn ich auf den Kopf gefallen bin, glaube ich etwas anderes, als wenn ich nicht auf den Kopf gefallen bin. Die Prägung aber zieht sich durch alles hindurch. Das Christentum, das uns geprägt hat und weiterhin prägt, ist ein Grundpfeiler der abendländischen Zivilisation. Zusammen mit der klassischen Antike (die auch über den Umweg islamischer Gelehrsamkeit nach Europa gelangt ist, wie man fairerweise hinzufügen muss) hat es den Nährboden gebildet, aus dem der Humanismus und die Aufklärung entsprossen sind. Ausserdem ist das Christentum der Schleifstein, an dem sich das aufklärerische Denken über Jahrhunderte hinweg geschärft hat, ein Gegner, den man letzten Endes zwar besiegt hat, dem man aber auch viel zu verdanken hat. Nicht nur Weihnachten und Ostern, sondern beinahe alles. Deshalb muss man aufpassen, dass man nicht das Kind mit dem Bad ausschüttet, wenn man religiöse Neutralität einfordert und öffentliche Kreuze entfernt. Diese Neutralität ist eine Illusion. Ohne das Christentum gäbe es auch keine Freidenker-Bewegung und keinen Atheismus. Wir alle sind vom Christentum durchdrungen: umso besser, wenn uns das bewusst ist. Bei den Freidenkern und ihren Bemühungen, alles Christliche aus der Öffentlichkeit zu entfernen, kratzt man sich zuweilen am Kopf. Angesichts einer Kirche, die keine weltliche Macht mehr besitzt oder auch nur anstrebt, ist die Freidenker-Bewegung zum Leerlauf verkommen. Zur Donquichotterie. Als ob man heute noch die Inquisition bekämpfen müsste. Der Vatikan hat zwar noch einen gewissen politischen Einfluss, aber die Katholische Kirche ist schon längst nicht mehr die kriegführende, alles beherrschende Supermacht des Mittelalters und der frühen Neuzeit, sondern allenfalls so etwas wie ein Grosskonzern, ein spirituelles Disneyland, wo man seltsame Trachten trägt und unter Hosianna-Gesängen uralte Riten vollführt, die sogar dem Papst fremd sind. Die Freidenker adressieren eindeutig den falschen Feind: das Christentum ist nämlich weitgehend säkularisiert. Zumindest was die Landeskirchen betrifft. Man kann gläubig sein und trotzdem am gesunden Menschenverstand festhalten. Man kann in der Kirche sein und Kirchensteuer zahlen - und trotzdem den Standpunkt vertreten, dass das letzte Wort im Zusammenleben der Menschen nicht Gott oder irgendeine mythische Tradierung haben soll, sondern die Vernunft.

 

Das Recht auf Blasphemie lässt sich nicht auf die Gretchenfrage reduzieren. Man muss es in einem grösseren Zusammenhang sehen. Wer Religionen in Frage stellt, will sie ja nicht durch eine alternative Weltanschauung ersetzen. Das Ziel kann nicht eine Ersatz-Religion sein. Ein Atheismus, der diesem grösseren Zusammenhang Rechnung trägt, ist keine Ersatz-Religion, sondern lediglich eine Abrissbirne für Häuser, die zuviel Platz einnehmen. Sofern sich der Atheist auf den Standpunkt stellt, dass Atheismus vor allem mit intellektueller Redlichkeit und weniger mit festen Glaubenssätzen zu tun hat, kann er die von ihm kritisierten oder verspotteten Religionen ganz gut am Leben lassen. Er möchte bloss verhindern, dass religiöse Menschen allzu selbstsicher werden. Er sägt ihnen sozusagen die Hörner ab. Kurz gesagt: er kämpft nicht für eine atheistisch genormte Weltanschauung, sondern für eine säkulare Gesellschaft, die den religiösen Pluralismus überhaupt erst ermöglicht. Das Recht auf Blasphemie kommt nicht ausschliesslich den Atheisten zugute. Meinungsfreiheit schützt auch diejenigen, die zwar gläubig sind, aber nicht ganz auf der verlangten Linie: Abweichler, Häretiker, Minderheiten. Das aber bedeutet, dass keine Religion das Recht hat, ihre Schutzwürdigkeit über die Meinungsfreiheit zu stellen. Jede Religion muss sich messen lassen, vor allem auch an sich selbst. Auch innerhalb einer Religion offenbaren sich Widersprüche, Feindschaften und konkurrierende Auffassungen. Diese Divergenz macht deutlich, dass intersubjektive Verbindlichkeit in Glaubensfragen illusorisch ist. Sie ist ein realitätsfernes Versprechen. Ein gefährliches Versprechen, weil Religionen diese Verbindlichkeit vorgaukeln, ohne sie im geringsten garantieren zu können. Wo eine Religion gegründet wird, ist das Schisma schon programmiert. Mit ihren "dogmatischen Abschirmungs-Prinzipien" (Hans Albert) kaschieren religiöse Weltdeutungen eigene Denkfehler, Widersprüche und Auslegungsspielräume, die zu endlosen Streitereien führen können, bis hin zu offener Gewalt. Nicht nur zwischen Religionen, sondern auch und vor allem innerhalb ein und derselben Glaubensgemeinschaft, wobei dieser Spaltpilz sogar innerhalb ein und derselben Konfession wirken kann, wie die Geschichte des Protestantismus zeigt. Liberale Protestanten und Evangelikale stehen sich fremder gegenüber als Buddhisten und Muslime.

 

Liberale Religionsvertreter stellen das Religiöse gerne als eine Art Therapie gegen Empathielosigkeit dar. Das ist natürlich Unsinn. Um Empathie haben zu können, braucht man nicht gläubig zu sein, und über weite Strecken der Menschheitsgeschichte sind Religionen nichts anderes als Machtinstrumente und Unterdrückungsorgane gewesen. Oder Opium für das Volk, um mit Marx zu reden. Ausserdem täuscht die wohlfeile Kirchentagsrhetorik über das Dunkle und Psychotische hinweg, das aus der Religion herausspringt wie der Kobold aus der verwunschenen Schachtel, sobald man den Deckel ein bisschen anhebt. Wenn man die heiligen Texte liest und sich mit religiösen Traditionen und Auffassungen auseinandersetzt, merkt man schnell, dass man hier das ganze Paket geliefert bekommt. Das ganze Irrenhaus des Menschlich-Allzumenschlichen, um mit Nietzsche zu reden. Doch wie es halt so ist: auch in einem Irrenhaus kann man sich geborgen fühlen. Vorausgesetzt, man gehört zu den Patienten, die fügsam ihre Pillen schlucken. Religiöse Narrative geben Sinn und Halt, weil sie mit einer kulturellen Identität verbunden sind. Sie reissen aber auch Gräben auf und verleiten Menschen zu einer Selbstautorisierung jenseits jeder verhandelbaren Rationalität. Das Problem an Religionen ist ihr Anspruch, "von oben" gewollt zu sein. Die göttliche Beauftragung mit der Aussicht auf Erlösung ist wie eine Generalbevollmächtigung, ein Freibrief. Der natürlich oft auch als Schutzbrief verstanden wird. Religionen verlangen stets eine Sonderbehandlung; religiöse Gefühle gilt es zu schonen. Andererseits ist diese Schonung eine ziemlich alberne Einbahnstrasse. Religionen verschonen nämlich nichts und niemanden, wenn man sie von der Leine lässt. Selbst im Protestantismus, der sich schon vor langer Zeit selber an die Leine gelegt hat und vorbildlich für den Säkularismus eintritt, kommt zuweilen ein Moralismus zum Vorschein, bei dem es einem kalt über den Rücken läuft. Die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin war eine Pfarrerstochter. Kein Zufall. Auch wenn ich hinzufügen muss, dass die meisten Pfarrerstöchter harmlos sind, sofern man sie nicht verärgert, und die grösste terroristische Bedrohung heute aus ganz anderen Kreisen kommt. Gudrun Ensslin erwähne ich nur, um nicht schon wieder auf dem Islam herumhacken zu müssen. Und selbstverständlich gibt es religiösen Terror auch ausserhalb des Monotheismus, etwa im Buddhismus, von dem man sich im Westen ziemlich naive Vorstellungen macht. (Der Nichiren-Buddhismus hat die Japaner in den Zweiten Weltkrieg getrieben). Eines haben alle Religionen gemeinsam: sie wollen sich durchsetzen, sie wollen die Gesellschaft offensiv beeinflussen. Diesen Bestrebungen gilt es ebenso offensiv entgegenzutreten. Religionskritik ist ein tragendes Element jeder säkularen Gesellschaft, die als solche ein vitales Interesse daran hat, irreale, totalitäre und theokratische Bestrebungen zu unterbinden. Das Christentum ist nur deshalb tolerierbar, weil man es in die Schranken gewiesen hat. Katholiken und Protestanten wissen das sehr genau, zu viele Federn haben sie schon lassen müssen. Mit guten Gründen verzichten sie darauf, ihre historisch bedingte Sonderstellung auszunützen. Sie halten sich vornehm zurück, halten sich brav an die Spielregeln und pflegen sogar eine gewisse Selbstkritik. Nicht einmal der übelste Hardcore-Katholik käme heute noch auf die Idee, die Inquisition gutzuheissen. Und die Protestanten, die in der Neuzeit gewütet haben wie die Buddha-Statuen zerstörenden Talibanmilizen, sind inzwischen ganz nett und kleinlaut und getrauen sich kaum noch, einen Gottesdienst zu veranstalten, ohne mit Buddhisten, Muslimen und Katholiken Händchen zu halten. Wo man früher das Schwert geschwungen hat, um Glaubensabtrünnige niederzumetzeln, benutzt man heute Stricknadeln, um die obligaten Wollsocken für den Kirchenbazar zu stricken. Im Umgang mit dem Säkularismus sind die Landeskirchen - das muss man anerkennen - über den eigenen Schatten gesprungen. Ernsthafte Konflikte gibt es hier kaum noch. Ausnahmen wie die katholische Entrüstung über die Papst-Sottisen der Satire-Zeitschrift “Titanic” bestätigen die Regel. Im allgemeinen gehen die Landeskirchen ziemlich souverän mit Religionskritik um. Denn eines haben sie gelernt: Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiöse Autoritäten und Auffassungen nicht lächerlich gemacht werden dürfen.

 

Gesetzlich bewegt man sich hier zwar in einer Grauzone. In den meisten europäischen Ländern - auch in der Schweiz - gibt es einen Blasphemieartikel, ein Gesetz gegen Gotteslästerung. Allerdings kennt es eine wichtige Einschränkung. In der juristischen Praxis kann es nicht so ohne weiteres gegen Karikaturen, Polemik, Satire und Ähnliches angewendet werden. Eine Handhabe für Zensur bietet dieses Gesetz nicht. Die Meinungs- und Kunstfreiheit hat meistens Vorrang. Man kann praktisch jeden Juristen fragen und erhält stets dieselbe Antwort: in einer liberalen Gesellschaft ist die Meinungsfreiheit höher zu gewichten als religiöse Empfindlichkeit, da letztere keine intersubjektive Geltung besitzt, keine wirkliche Konsensfähigkeit, die Meinungsfreiheit aber schon. Der Blasphemieartikel - eigentlich ein alter Zopf aus vergangenen Jahrhunderten - richtet sich in erster Linie gegen handfeste Störungen und Vandalenakte wie zum Beispiel Kirchenschändungen. Eine Protestaktion, wie sie Pussy Riots in einer Moskauer Kirche veranstaltet haben, könnte auch bei uns mit dem Blasphemiparagraphen geahndet werden. Doch in der Praxis wäre das gar nicht so einfach. Würde ein derartiger Fall in der Schweiz verhandelt werden, müsste der Ankläger höchstwahrscheinlich eine Argumentation vorbringen, die in Richtung "Erregung öffentlichen Ärgernisses" geht. Der Vorwurf der Blasphemie hätte vor einem mitteleuropäischen Gericht, das seine religiöse Neutralität hochhalten muss, denkbar schlechte Chancen.

 

Will man die Frage beantworten, wodurch religiöse Satire begründbar ist, tut man gut daran, zuerst einmal den Begriff der Religionsfreiheit zu klären. Religionsfreiheit ist nicht gleichbedeutend mit dem Recht auf religiöse Immunität. Eine solche Immunität gibt es nur in Theokratien. Bei uns hat niemand das Recht, seine Überzeugungen für sakrosankt zu erklären. Religionsfreiheit bedeutet lediglich, dass ich das Recht habe, meine eigene Religion zu wählen. Ich darf sogar meine eigene Religion oder Kirche gründen: - wie das zum Beispiel der französische Komponist Erik Satie getan hat, der sich zum Papst seiner eigenen Kirche ernannt hat, deren einziges Mitglied er war. (Das Experiment schlug dann allerdings fehl: als er sich wegen Häresie exkommunizieren wollte, verstrickte er sich im Unfehlbarkeitsdogma und schmiss den Papsthut mit einem "Urbi et Orbi" aus dem Fenster). Glauben darf ich alles, solange ich in der Ausübung meines Glaubens nicht gegen die Gesetze verstosse. Ich darf den grössten Unsinn glauben. Ich darf in meiner Besenkammer den heiligen Besen anbeten. Das darf mir niemand verbieten. Aber umgekehrt darf ich auch niemandem verbieten, meinen heiligen Besen als ein plumpes Stück Holz zu bezeichnen. Ja mehr noch: man darf ihn sogar als Dreckschleuder bezeichnen. In einer säkularen Gesellschaft müssen solche Meinungen frei und offen geäussert werden dürfen. Religiöse Menschen müssen erkennen und akzeptieren, dass ihr Glaube keine intersubjektive Geltung besitzt. Ausserdem ist der Glaube keine personale Angelegenheit. Seine Verletzung oder Kränkung betrifft nicht die Unversehrtheit der Person. Heikel ist Religionskritik erst dann, wenn sie - wie zum Beispiel im Antisemitismus - nicht die Religion an sich zum Gegenstand hat, sondern die ethnische Zugehörigkeit. Hier kann der Spott das falsche Ziel treffen, weil er einen Diskurs aktiviert, der nicht ausschliesslich auf die Religion abzielt. Doch dieses Problem besteht bei den allermeisten Religionen nicht. Im Normalfall steht eine Religion - präziser gesagt: das normative Glaubenssystem einer Religion, nicht ihre Kultur - auf der gleichen Stufe wie eine politische oder ideologische Überzeugung. Und für eine Überzeugung muss ich - als geistig mündiger Mensch, der seiner kleinkindlichen Trotzphase entwachsen ist - selbstverständlich Kritik einstecken können. Ein Spott, der nicht auf die Person, sondern auf die Überzeugung zielt, kann nicht mit persönlicher Diffamierung - geschweige den Rassismus - gleichgesetzt werden. Eine religiöse Überzeugung kann man ablegen oder annehmen, nicht aber die Haut- oder Haarfarbe, die Körpergrösse, das Geschlecht oder eine Behinderung. Ein Punkt, der oft unter den Tisch fällt. Vor allem in linken Kreisen wird Islamkritik gerne mit Rassismus gleichgesetzt. Ein hanebüchener Blödsinn. Und ein Eigentor obendrein. Wenn man Rassen konstruiert, wo gar keine sind, um sich hinter dem Schutzschild von Rassismusvorwürfen zu verstecken, ist das eben auch schon Rassismus. Grundsätzlich geht es darum, dass für alle die gleichen Regeln gelten sollen. Ob ich eine religiöse oder sonst eine Macke habe: in beiden Fällen muss ich mit Reaktionen rechnen. Ich kann ja schliesslich auch nicht mit einem Spaghettisieb auf dem Kopf durch die Stadt spazieren und von den Leuten verlangen, dass sie mich nicht seltsam anschauen. So logisch das alles ist: leider steht zu befürchten, dass die Abwehrkräfte des Säkularismus erlahmen. Durch den Druck strenggläubiger Imigranten und ihrer religiösen Interessensverbände ist eine Entwicklung in Gang gekommen, die fast nicht mehr aufzuhalten ist. Das säkulare Terrain verkommt zum Selbstbedienungsladen für religiöse Separatisten, und der Widerstand ist zwar vorhanden, fällt jedoch politisch nicht ins Gewicht. Das Problem ist, dass sich unsere Gesellschaft für derartige Missbräuche geradezu anbietet. Durch ihr naives Toleranzethos gerät sie zunehmend unter Druck, sie lässt sich erpressen und ausnehmen. Selbst die Landeskirchen predigen mittlerweilen eine Toleranz, mit der sie die eigenen Voraussetzungen untergraben. Denn der Mainstream-Islam kann in keiner Weise mit dem Mainstream-Christentum verglichen oder gleichgesetzt werden. Zwischen den beiden Religionen liegen ungefähr 500 Jahre Schocktherapie in Form von Reformation, Gegenreformation, Humanismus, Aufklärung, Positivismus, Darwinismus, Marxismus und einer Moderne, die in der muslimischen Welt gehasst wird wie der leibhaftige Teufel, obwohl an jeder Strassenecke von Dakar bis Islamabad eine Leuchtreklame für Coca Cola blinkt.

 

Die Debatte um Religionskritik durch Satire und Karikatur hat sich am Islam neu entzündet. Es ist eine uralte Debatte, und noch im 20. Jahrhundert betraf sie vor allem das Christentum. Seit der Fatwa gegen Salman Rushdie und der Ermordung Theo Van Goghs haben sich die Gewichte merklich verschoben. Was nicht nur mit dem islamistischen Terrorismus zu tun hat, sondern auch mit dem Islam insgesamt. Von wegen: es hat nichts mit Religion zu tun. Die Fakten reden eine andere Sprache. Der Jihadismus ist nun mal etwas spezifisch Islamisches. Kommt dazu, dass sich das Erscheinungsbild des Islam seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts sowohl in Europa als auch weltweit radikal gewandelt hat. Während sich die christlichen Landeskirchen modernisiert haben, ist der Mainstream-Islam ins Mittelalter zurückgekehrt. Allerdings nur scheinbar. In seiner Rückwärtsgewandtheit unterliegt der islamische Fundamentalismus einer Logik, die sehr modern ist. Es ist die Logik des Totalitären. Es ist kein Zufall, dass der moderne Islamismus zur gleichen Zeit entstanden ist wie der europäische Faschismus. Dennoch macht man es sich zu einfach, wenn man einen "guten" und einen "bösen", einen "politischen" und einen "unpolitischen" Islam konstruiert. Oder sogar behauptet, religiöser Terror habe nichts mit Religion zu tun. Grundsätzlich funktioniert keine Religion nur als Kontemplation, nicht einmal der Buddhismus. Eine Religion ist mehr als nur Lebenshilfe. In ihrer gesellschaftlichen Verfasstheit ist sie eine politische Kraft, auch wenn sie das nicht immer offen zeigt oder proklamiert. Und selbst dann, wenn sie - wie im Christentum - einen eingebauten Notriegel hat, der Weltliches und Geistliches trennt, ist die Religion so etwas wie eine Gegenmacht, die keineswegs nur einen transzendenten Anspruch vertritt. Die Religion will über das Leben der Gläubigen verfügen, letztlich über alles, nicht nur über den Gebetsraum oder den Beichtstuhl. Für den Islam gilt das in besonderem Masse. Hier finden totalitäre Tendenzen den idealen Nährboden, da diese Religion - gegründet von einem Feldherrn, Politiker und Kaufmann - schon von Grund auf politisch konnotiert ist und auf bedingungslose Expansion, respektive Unterwerfung setzt. Noch in den Achtzigerjahren sah man in den Strassen europäischer Städte keine jungen muslimischen Frauen mit Kopftüchern. Oder besser gesagt: wenn eine junge muslimische Frau ein Kopftuch trug, fiel sie auf. Und das Gleiche galt auch für einen Grossteil der muslimischen Welt, wo traditionelle muslimische Bekleidungen nicht überall im gleichen Masse erwünscht und normal waren. In der Türkei etwa war das Kopftuch lange Zeit verpönt und in öffentlichen Einrichtungen (Universitäten etc.) sogar verboten, weil es als rückständig galt, als politisch reaktionär. Inzwischen wimmelt es überall von Kopftüchern und anderen islamischen Selbstbekundungen, und auch meine muslimische Nachbarin, die noch keine fünfundzwanzig Jahre alt ist, verlässt das Haus nie ohne Tschador, den muslimischen "Ganzkörper-Sack", der nur gerade das Gesicht frei lässt. Was die Linkstoleranten gerne als ethno-kulturelles Identitätsmerkmal verharmlosen, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines tiefgreifenden Mentalitätswandels. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob das mit religiösen Vorschriften zusammenhängt oder bloss kulturell bedingt ist. Selbstredend hat jede Religion ein kulturelles Umfeld, in dem sie sich verwirklicht. In der Bibel steht nichts von Kirchenglocken, und trotzdem repräsentieren sie das Christentum wie kaum etwas anderes. Auch das Kopftuch ist so etwas. Im Islam ist das Kopftuch ein religiöses Symbol, auch wenn es vom Koran nicht vorgeschrieben wird. Dass dieses Kleidungsstück eine Tradition zum Ausdruck bringt, stimmt eben nur bedingt: wenn es denn überhaupt stimmt. In Wirklichkeit ist das muslimische Kopftuch eine ziemlich moderne Erscheinung. Wenn zum Beispiel eine Bergbäuerin aus dem Tirol ein Kopftuch trägt, hat das einen ganz anderen Hintergrund. Einen praktischen und kulturellen. Das Kopftuch ist weder Haarschutz noch Tracht. Deshalb ist auch der häufig gezogene Vergleich mit der Ordenstracht der Nonnen fehl am Platz. Die muslimische Verkleidung ist keine Ordenstracht, sondern das genaue Gegenteil: etwas Allgemeines für jede muslimische Frau. Letztlich etwas Weltliches, das religiös begründet ist - und in den allermeisten Fällen auf Indoktrination beruht. Wenn eine linksliberale muslimische Elite in europäischen Ländern freiwillig das Kopftuch trägt und das Kopftuchtragen sogar propagiert, ist das pure Heuchelei. Zum Glück aber leicht durchschaubar. Was wir hier beobachten, ist eine Repräsentation latenter oder offensichtlicher religiöser Rückständigkeit und Repression. Und letztlich auch eine Repräsentation totalitärer Macht. Einen unpolitischen Islam gibt es nicht. Den Beweis dafür finden wir in islamischen Ländern. Diese Länder sind eben nicht islamisch in dem Sinn, wie ein christliches Land christlich ist. Eine Staatskirche wie die anglikanische Kirche oder eine Landeskirche, wie wir sie in der Schweiz kennen, hat nicht den Rang, den der Islam in muslimischen Ländern beansprucht - und meistens ziemlich totalitär durchsetzt. Muslimische Mehrheitsgesellschaften sind fast immer Theokratien. Oder weniger freundlich ausgedrückt: religiöse Despotien. Damit könnte man umgehen, wenn der Westen eine klare religionskritische Haltung hätte und sich dazu durchringen könnte, die liberalen und säkularen Kräfte in der muslimischen Welt zu unterstützen. Leider passiert genau das Gegenteil. Die linksgrüne Islam-Toleranz, eine kurzsichtige Blanko-Toleranz, die das Böse immer nur rechts verortet und jeden Islamkritiker als Rassisten diffamiert, verrät nicht nur den westlichen Säkularismus, sondern auch all jene mutigen Muslime, die unter Lebensgefahr ihre eigene Religion zu kritisieren wagen. Getrieben von einer verknöcherten anti-westlichen Ideologie und einer falschen Auffassung von Religionsfreiheit hofiert man den Kreide fressenden Islamisten und schliesst mit ihnen eine Art Schutzpakt, mit dessen Hilfe Frauen unterdrückt, die Meinungsfreiheit eingeschränkt und ein weltweiter religiöser Obskurantismus durchgesetzt wird. Dieses anti-aufklärerische Engagement von Menschen, die ihrer politischen Überzeugung nach eigentlich die Werte der Aufklärung verteidigen müssten, befeuert den rechten Populismus und reisst die ganze Linke in den Abgrund. Und mit ihr auch jeden Ansatz zu einer nachhaltigen Assimilation europäischer Muslime. Sogar in der vergleichsweise schwach islamisierten Schweiz befürworten sehr viele Muslime die Scharia. (Nach einer Umfrage der Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften befürwortet jeder fünfte Schweizer Muslim die Scharia. Stand November 2018). Diese demonstrative und gleichsam selbstverständliche Abgrenzung, die man heute bei vielen europäischen Muslimen antrifft, ist ein deutliches und alarmierendes Zeichen dafür, dass sich der Islam in einem globalen Massstab politisiert hat und den Säkularismus ablehnt. Und nein, schuld daran ist eben nicht der rechte Populismus oder irgendeine systematische Stigmatisierung ("Islamophobie"). Hier verwechselt man Ursache und Wirkung, zumal der erstarkte islamische Fundamentalismus ein globales Phänomen darstellt. Viele Muslime stigmatisieren sich selber.

 

Ansätze zu einem mittelalterlichen Gesellschaftsverständnis gibt es freilich auch in anderen Religionen, selbst im solid säkularisierten Christentum. Obwohl der Islam mit seinem rigiden Tugendkatalog und seiner Neigung zur schriftgetreuen Militanz weitaus stärker aneckt als jede andere Religion, ist der Fanatismus auf christlicher Seite keineswegs verschwunden. Und man sollte ihn auch nicht aus den Augen verlieren. Nur weil christliche Fundamentalisten darauf verzichten, Halleljua schreiend Menschen umzubringen mit gesegnetem Sprengstoff, sind sie noch lange nicht zur Vernunft gekommen, was man vor allem in den USA sehen kann. Während sich die Landeskirchen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils liberalisiert haben, sind die Evangelikalen - mehr noch als die im Mittelalter hängengebliebenen Opus-dei-Katholiken - weltweit in eine erfolgreiche Expansionsphase eingetreten. Mittlerweilen betreiben sie eine ähnliche Popaganda wie die Salafisten: mit Volldampf in die Apokalypse. Alles oder nichts. Himmel und Hölle zum Discountpreis. Beide Gruppierungen profitieren von der gleichen Schwäche, der gleichen Nachgiebigkeit. Christliche und islamistische Fundamentalisten machen sich nur deshalb breit, weil wir ihnen die Chance dazu geben. Weil wir uns erpressbar machen aus Angst, wir könnten das Augenmass verlieren und die eigenen Grundwerte verletzen. Jeder Fernseh-Evangelist und salafistische Scharfmacher darf seinen religiösen Blödsinn straflos verbreiten, es herrscht Meinungsfreiheit, und Dummheit ist nun mal nicht strafbar. Davon profitieren religiöse Menschen ganz erheblich. Die Frage ist, ob und wie man sie daran hindern kann, das offene Meinungsforum, das ihnen genauso zur Verfügung steht wie jedem andern Mitbürger auch, für die planmässige Propagierung von Wahnideen zu missbrauchen. Die Frage ist überdies, wie man Demarkationslinien durchsetzt, um die religiöse Okkupation des öffentlichen Raums zu stoppen. Dass dies möglich ist, hat die Schweizer Anti-Minarett-Initiative bewiesen. Dennoch sollte man die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wer sich vom Friedens- und Versöhnungsgesäusel der “Rechtgeleiteten” und “Barmherzigen” einlullen lässt, riskiert ein unsanftes Erwachen. Diese Leute werden nämlich ganz und gar ungemütlich, wenn man ihren Idealen und Weltbildern nicht den verlangten Respekt zollt. Dabei müsste ihnen doch eigentlich klar sein, dass sie in einer liberalen Gesellschaft nicht darum herumkommen, diesen oder jenen Kratzer hinzunehmen. Der deutsche Publizist Henryk M. Broder hat unlängst eine Schocktherapie vorgeschlagen, eine Strategie des roten Tuchs, mit der man religiöse Fanatiker herumhetzen kann, bis sie sich ausgetobt haben und abstumpfen. Broder ist der Meinung, dass jede grössere Zeitung regelmässig Mohammed-Karikaturen veröffentlichen sollte. Bis sich das Empörungspotential verbraucht hat. Die Gewöhnung ist eine Macht, die jedem Tabu früher oder später die Spitze abbricht. Noch in den Fünfzigerjahren waren Frauen in Hosen ein Skandal. Irgendwann hat man sich dann aber daran gewöhnt, und hosentragende Frauen wurden zur Normalität. Der Gewöhnungseffekt ist auch im Umgang mit religiösen Fanatikern der alles entscheidende Faktor. Unter dem Dauerbeschuss religionsfeindlicher Karikaturen müssten sich die religiösen Fanatiker dem Druck der Gewöhnung beugen. Und Gott behüte, dass es umgekehrt läuft! Wir, die säkular gesinnten Menschen, dürfen uns unter keinen Umständen daran gewöhnen, dass uns religiöse Fanatiker ihre Tabus aufzwingen. Leider passiert genau das immer öfters. Aus Feigheit oder weil man die Zwangsjacke eines linkstolerant verschwurbelten Wertesystems trägt, kommt man immer weiter davon ab, die Freiheit des Denkens und der Kunst gegen religiöse Einschüchterungen zu verteidigen. Und was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt, ist die Tatsache, dass viele Linken dazu neigen, unterschiedliche Massstäbe anzulegen. Während sie bei jeder Gelegenheit über die katholische Kirche herziehen, die eigentlich keine wirkliche Macht mehr hat, knicken sie ein, sobald es sich um den Islam handelt. Viele Muslime spielen hemmungslos die Diskriminierungskarte aus, um sich einen religiösen und kulturellen Sonderstatus zu sichern. Was die Linken bereitwillig unterstützen. Diese neulinke Naivität dem Islam gegenüber mag verwundern. Aber irgendwie ist sie auch logisch. Da man nach dem Verschwinden einer weltumspannenden sozialistischen Ideologie nicht mehr als Klassenkämpfer auftreten kann, der das unterdrückte Proletariat befreit, muss man sich halt an etwas Neues ranschmeissen - und stellt sich schützend vor vermeintliche Opfergruppen, die man "positiv" stigmatisiert. Und obwohl der Islam sämtliche linksemanzipatorischen Werte negiert, zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frau, verteidigen ihn die Linken mit Zähnen und Klauen. Was, allen Unterschieden zum Trotz, vielleicht dann doch auf eine gewisse innere Verwandtschaft hinweist. Die radikalen Muslime haben nämlich etwas, das den Linken abhanden gekommen ist und dem sie heimlich nachtrauern: einen gläubigen Heroismus.

 

Broders Vorschlag hat meine uneingeschränkte Sympathie. Das Dümmste, was man machen kann, wenn religiöse Fanatiker auftrumpfen, ist nachzugeben. Der Klügere sollte in die Offensive gehen. Und auch wenn er die rote Karte riskiert: lieber foulen als zurückweichen. Lieber nachtreten als Zugeständnisse machen. Trotz erheblichem Widerstand von Seiten islamischer Staaten hat sich diese Ansicht teilweise auch bei der UNO durchgesetzt. Auf der Informationsplattform des Vereins Humanrights.ch wird in Bezug auf entsprechende UNO-Beschlüsse unmissverständlich klargestellt, dass niemand “wegen seiner Äusserungen über eine bestimmte Religion bestraft werden” kann, es sei denn, “es handle sich um eine ohnehin strafbare Verletzung religiöser Gefühle (Blasephemie-Verbote auf der Ebene des Strafrechts)...” Blasphemie-Verbote, so führt Humanrights.ch weiter aus, “fallen unter die Meinungsäusserungsfreiheit”.

 

Hier beisst sich die Katze freilich in den Schwanz. Was nützt es, Religionen kritisieren zu dürfen, wenn man keine religiösen Gefühle verletzen darf? Ich darf also uneingeschränkt Kuchen essen, muss aber darauf achten, dass ich meine Diät einhalte. Da sich das Diffamierungsverbot in Religionsfragen als Unsinn erweist, wird es auf die strafrechtliche Ebene der “Meinungsäusserungsfreiheit” abgewälzt, was aber keine Lösung bringt, sondern lediglich zur Folge hat, dass ein Unsinn durch einen grösseren Unsinn ersetzt wird. De facto (wenn auch nicht de juris) gibt es für Ideen, Ideologien und religiöse Traditionen keine Immunität. Der von den Religionswächtern gerne zitierte Blasphemieartikel (im Schweizerischen Strafgesetzbuch Artikel 261) kollidiert, wie ich bereits erwähnt habe, mit dem Recht auf Meinungs- und Kunstfreiheit und entlarvt sich immer wieder als Papiertiger, der in der säkularen Rechtsprechung nur sehr beschränkt angewendet werden kann. Wenn überhaupt. Im Ernstfall kann der Blasphemieartikel keine einzige Form von Religionskritik unterbinden oder einschränken, vor allem nicht im Kunstbereich. Und selbstverständlich ist es nicht an den Gläubigen, zu definieren, wo eine Kritik aufhört und eine Verunglimpfung anfängt. Ob jemand, der kritisiert wird, die betreffende Kritik als herabwürdigend empfindet oder nicht, hängt einzig und allein von seiner subjektiven Empfindung ab. So gesehen kann jede Kritik als verunglimpfend empfunden werden, und das Argument, dass man Religionen wohl kritisieren darf, aber nicht verunglimpfen, hängt ziemlich in der Luft. Die Unterscheidung zwischen einer Diffamierung oder Diskriminierung und einer religionskritischen Manifestation oder Äusserung kann nicht vom Beleidigten getroffen werden. Wenn der Farbenblinde befugt wäre, seinen Mitmenschen den korrekten Gebrauch von Farbbezeichnungen vorzuschreiben, wäre das ziemlich fatal. Die juristische Logik ist eine andere. Hier hat nicht der Religionswächter darüber zu befinden, was man darf und was nicht. Wenn sich jemand persönlich beleidigt fühlt, kann er Klage einreichen und eine unabhängige Instanz anrufen, die den Vorwurf überprüft. Wobei der Tatbestand der Blasphemie absolut untauglich ist, um irgendeine Grenzlinie zu ziehen. Was darf man? Und bis wohin? Und ab wo darf man was nicht? Und in Bezug worauf? Es gibt keine Massstäbe, mit denen man etwas so Schwammiges wie Blasphemie rechtlich definieren könnte, da fehlt jegliche Objektivität. So könnte es zum Beispiel für einen Druiden den Gipfel der Blasphemie darstellen, wenn jemand an einen Baum pinkelt. Die meisten andern Menschen werden das aber keineswegs als blasphemisch empfinden, höchstens als unappetitlich. Und so geht es ja auch bei Mohammed- und Papstkarikaturen: wieso sollte man auf die irrationalen Empfindlichkeiten von Muslimen und Katholiken Rücksicht nehmen? Wenn man das täte, müsste man sämtlichen Glaubensgemeinschaften und Sekten das Recht zugestehen, religionskritische Äusserungen zu reglementieren, und worauf das hinauslaufen würde, kann man sich ja ungefähr vorstellen. 

 

2014