Blasphemie

Darf man sich über Mohammed, Jesus und den Papst lustig machen? Wenn ja, warum? Und wenn nein, warum erst recht? Die Klärung eines Standpunkts.

 

Der Säkularismus ermöglicht ein friedliches und faires Zusammenleben auf der Basis von Vernunft und universellen Menschenrechten. Es ist nicht die Befolgung der zehn Gebote, was uns zu anständigen Menschen macht. Was uns in der Sonntagsschule zwischen "Kumbaya my lord" und Krippenbasteln erzählt wurde, können wir getrost vergessen. Es ist grösstenteils Unsinn. Die mosaischen Gesetze gelten bei uns nicht. Unsere Gesetze und ethischen Normen sind durchgehend areligiös. Die universal gültigen Leitlinien für Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter, Tierschutz, gute Nachbarschaftshilfe und Toleranz gegenüber Heiden und Schwulen finden wir mit Sicherheit nicht in der Bibel - und mit Sicherheit auch nicht in irgendeinem anderen heiligen Buch. Unsere säkulare Gesellschaft beruht auf der ausdrücklichen Garantie, dass irrationale Haltungen und totalitäre Ansprüche kein Mitbestimmungsrecht geniessen. Somit schrumpfen Religionen zu etwas Privatem, das ihrem Anspruch eigentlich zuwiderläuft. Sie müssen es verkraften, dass man ihnen den Zutritt zum Cockpit verwehrt. Sie dürfen mitfliegen, aber nicht das Steuer übernehmen. Auf dem Markt der Weltbilder fügen sie sich - meist zähneknirschend und nicht ohne Substanzverlust - in das gängige Sortiment der Sinnangebote ein. Sie präsentieren sich gleich neben der Esoterik und dem Psycho-Wellness-Bereich. Doch Pluralismus bedeutet nicht, dass man alles relativiert, alles als gleichwertig betrachtet. Zum Wohle des Ganzen gibt es auch in der liberalsten Gesellschaft eine klare weltanschauliche Hierarchie. Auch wenn es uns häufig so vorkommt, als würde unsere Gesellschaft im Autopilot fliegen, muss doch jemand im Cockpit sitzen. Neben dem aufgeklärten, pluralistischen Rationalismus, der als Grundlage demokratischer Gesellschaften das Eichmass bildet, nach dem sich alles auszurichten hat, was sich in diese Gesellschaft einbringen will, müssen sich irrationale Ideologien und Traditionen fortwährend hinterfragen, relativieren und zurückstufen lassen. Sie schwimmen gegen den Strom. Je irrationaler ihre Ausrichtung, desto eher riskieren sie, an den Rand gedrängt zu werden: eine legale und notwendige Form der Diskriminierung. Den Vertretern irrationaler Ideologien ist kaum je bewusst, dass sie ihre Existenzgrundlage ausgerechnet jener Geisteshaltung verdanken, die sie nach Kräften verteufeln: dem säkularistischen Rationalismus. Ohne ihn würden sie sich gegenseitig den Krieg erklären - und ihn wohl auch führen. Man stelle sich vor, jede Glaubensgemeinschaft könnte buchstabengenau in die Tat umsetzen, was die jeweiligen heiligen Texte und Regelwerke vorschreiben. Stellen wir uns vor, Evangelikale, Salafisten, Hisbollah-Schiiten, Scientologen, Jesuiten, Opus-Dei-Katholiken, Mormonen und Zeugen Jehovas könnten sich uneingeschränkt der Aufgabe widmen, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen. Es wäre die Hölle. Würden wir alle diese Spinner frei schalten und walten lassen, hätten wir innert kürzester Zeit den grössten Krawall. Wir hätten einen hemmungslos entfesselten Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen totalitären Formen von Gleichschaltung und Gehirnwäsche. Das Ergebnis wäre Mord und Totschlag, pure Anarchie. Alles würde in Flammen aufgehen: wie die Farm der Davidianer in Waco. Dass es nicht soweit kommt, verdanken wir dem Säkularismus. Dank dem auf rationalen Prämissen aufbauenden Grundgesetz geniessen alle diese Gruppierungen staatlichen Schutz, auch vor den eigenen Kamikaze-Gelüsten und Allmachtsphantasien.

 

Die rationalistische Konsensfähigkeit westlicher Demokratien garantiert ein annähernd friedliches Zusammensein unterschiedlichster Individuen und Haltungen. Allein schon deshalb sind die geistigen Präambeln dieser Konsensfähigkeit nicht relativierbar. Ohne den gemeinsamen Nenner der Vernunft gäbe es keinen Pluralismus, keinen Frieden in der Vielfalt und keine Freiheit auf der Grundlage gegenseitiger Rücksichtnahme. Unsere Gesellschaft hat diese Logik verinnerlicht. Was auf konsensfähiger Rationalität aufbaut, wird ernst genommen und gilt als diskutabel; was sich dieser Rationalität verweigert, muss es sich gefallen lassen, auf die hinteren Ränge - oder in die Schmuddelecke - verbannt zu werden. Zugegeben, diese Zurückstufung widerspricht dem Ideal von Gleichbehandlung, sie ist ungerecht, weil sie es nicht allen recht machen kann. Aber sie sichert den Frieden. Sie ist der einzige Grund, weshalb Religionen in einer säkularen Gesellschaft überhaupt zugelassen sind. Sie sind domestiziert, auf Vernunft und Pluralismus getrimmt. Selbstverständlich tun sie sich schwer damit. Selbst in den vorbildlich säkularisierten Landeskirchen vernimmt man hie und da das Grollen einer schlecht verwundenen Kränkung. Man hätte halt doch gerne eine Bedeutung. Man würde sich gerne in die Politik einmischen, in das soziale Leben, man hätte gerne eine "christliche Ethik" von allgemeiner Gültigkeit und so weiter. Nur ist das eben ein Hirngespinst. Unsere Ethik - von den allgemeinen Menschenrechten bis zur säkularen Staatsverfassung - ist durch die Aufklärung entstanden: nicht ohne Religion, wie man klar hinzufügen muss, aber durchwegs im Widerstreit mit der Religion, wenn nicht sogar in einem diametralen Widerspruch zur Religion. Religiöse Menschen kann man unmöglich davor bewahren, sich auf irgendeine Weise gekränkt zu fühlen. In genau dem Masse, wie sie ihren irrationalen Wahrheitsanspruch zur Geltung bringen, werden sie kritisiert und lächerlich gemacht. Darauf - und nur darauf - beruht das Recht auf Religionsfreiheit.

 

Wer das Recht für sich in Anspruch nimmt, unter dem säkularen Schutzschirm religiöse Praktiken und Lehren zu propagieren, die auf historisch überholten, zutiefst archaischen und irrationalen Weltbildern und Idealen beruhen, zahlt einen Tribut. Dieser besteht darin, dass man sich hin und wieder als Depp hinstellen lassen muss. Es geht nicht an, dass Aussagen oder Bilder eines irrationalen Wahrheitspostulats für unantastbar erklärt werden. Auch rationale Postulate - etwa in der Wissenschaft - sind nicht unantastbar, im Gegenteil, ihre Revidierbarkeit bildet geradezu die Voraussetzung für den geistigen, wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt, den die westlichen Gesellschaften für sich verbuchen können. Selbstverständlich hat dieser Fortschritt auch Schattenseiten: Umweltzerstörung, Konsumismus, Atomwaffen, kapitalistische Ausbeutung, technologische Abhängigkeiten etc. Das alles ist kritikwürdig. Aber es kann nicht als Vorwand dienen, um in ein vormodernes, magisch-religiöses Denken zurückzufallen, das von "göttlich inspirierten" Autoritäten diktiert wird. Unsere Gesellschaft gewährleistet Fortschritt, erlaubt aber auch Kritik an diesem Fortschritt, vorausgesetzt, diese Kritik ist rational begründet. Insofern ist auch Fortschrittskritik Teil des Fortschritts, vielleicht sogar sein wichtigster Motor. Ohne Kritik und Kritikfähigkeit hätten wir keine Wissenskultur, keine Wissenschaft, keine Selbstbestimmung im Sinne der Aufklärung. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Umso berechtigter ist Kritik, wenn sie sich gegen irrationale Positionen wendet.

 

Was darf Satire? Darf sie alles? Nein. Es gibt Grenzen. Der Gegenstand der Satire sollte der Satire angemessen sein. Wenn ich mich über einen Behinderten lustig mache, ist es schwierig, diesen Spott als satirisch zu empfinden. Er ist nicht wirklich motiviert. Es sei denn, der Behinderte heisst Adolf Hitler. Die Grenzen liegen freilich nicht dort, wo man das Grosse und Heilige vor sich hat. Hier findet die Satire die bestmögliche Zielscheibe. Man darf sich über Mohammed und Jesus lustig machen, man darf Religionen und ihre Repräsentanten als lächerlich hinstellen. Dafür gibt es triftige Gründe, und zwar nicht nur aus atheistischer Perspektive. Wer hinter solchen Bestrebungen eine typisch atheistische Position auszumachen meint und von einer “gottlosen Gegenreligion” redet, täuscht sich gewaltig. Das Schema "Gläubig versus Ungläubig" ist viel zu eng gefasst. Es ist das Schema der Fundamentalisten. Und nicht zufällig auch das Schema der militanten Kirchengegner der Freidenker-Vereinigung, die die kulturelle und spirituelle Tiefe des Christentums ignorieren. Sowohl die einen wie die andern liegen falsch. Das Christentum ist mehr als eine Religion. Mehr als eine duale Angelegenheit, bei der sich "Gläubige" und "Ungläubige" gegenüberstehen. Ob ich gläubig oder ungläubig bin, tut nichts zur Sache. Christ bin ich, ob ich will oder nicht. Selbst wenn ich zum Shintoismus, Buddhismus oder Islam konvertieren würde, wäre ich immer noch ein hundertprozentiger Christ. Als Konvertit trüge ich nur ein Kostüm. Ich würde mich als Pferd verkleiden und das Wiehern und die Gangart eines Pferdes nachahmen, ohne freilich ein Pferd zu sein. In diesem Punkt täuschen sich die Fundamentalisten genauso wie die radikalen Freidenker. Und auch die Konvertiten täuschen sich: nichts ist lächerlicher als ein Schweizer, der zum Islam konvertiert und sich schämt, weil seine Nationalflagge ein Kreuz hat. Dieses Kreuz hat er auch in seinem Kopf, in seinen Gefühlen, in seinen Träumen - und es verfolgt ihn bis nach Mekka. Sein Christsein wird er niemals los. Deshalb sind die Konvertiten oftmals die grössten Fanatiker. Sie müssen vor allem gegen sich selbst kämpfen. Der wunde Punkt bei ihnen - und bei allen, die ihre Religiosität als eine Willenssache auffassen - besteht darin, dass man sich die Religion eigentlich gar nicht aussucht. Man kann zehnmal hintereinander aus der Kirche austreten und bleibt trotzdem ein Christ. Ich selber weiss das. Einen Kirchenaustritt habe ich schon hundertmal in Erwägung gezogen. Schliesslich bin ich jemand, der den Glauben durchschaut und jedes Glaubenskorsett verachtet. Doch inwiefern bin ich deswegen kein Christ? Das Christentum findet ja nicht nur in der Kirche statt, sondern betrifft zum Beispiel auch die Art und Weise, wie ich denke und empfinde. Ich denke dualistisch, ich mag Gegensätze. Also bin ich schon mal kein Buddhist. Ich mag Hunde. Und im Schwein sehe ich ein Symbol für Glück und Wohlstand. Also scheiden bei mir der Islam und das Judentum schon mal aus. Ich bin da kulturell ein bisschen anders geprägt. Und diese Prägung dringt immer wieder durch. Sie markiert Werte, Traditionen und Vorstellungsmuster, mit denen ich mich verbunden fühle. Wieso sollte ich mich von Michelangelo und Bach distanzieren? Vom Besten, das wir haben? Und es zwingt mich ja niemand in die Kirche. Deshalb lasse ich die Kirche im Dorf - und bezahle weiterhin brav meine Kirchensteuer. Meine Kirchenzugehörigkeit ist genauso schnurzegal wie meine persönliche Einstellung zum Glauben. Christ bin ich aufgrund meiner kulturellen Prägung - und nicht weil ich an dies oder jenes glaube oder diese oder jene Überzeugung habe. Man kann jeden Tag etwas anderes glauben - und die Überzeugung kann man wechseln wie ein Hemd. Die Prägung aber bleibt. Das Christentum, das uns geprägt hat und weiterhin prägt, ist ein Grundpfeiler der abendländischen Zivilisation. Zusammen mit der klassischen Antike (die auch über den Umweg islamischer Gelehrsamkeit nach Europa gelangt ist, wie man fairerweise hinzufügen muss) hat es den Nährboden gebildet, aus dem der Humanismus und die Aufklärung entsprossen sind. Ausserdem ist das Christentum der Schleifstein, an dem sich das aufklärerische Denken über Jahrhunderte hinweg geschärft hat, ein Gegner, den man letzten Endes zwar besiegt hat, dem man aber auch viel zu verdanken hat. Nicht nur Weihnachten und Ostern, sondern beinahe alles. Deshalb muss man aufpassen, dass man nicht das Kind mit dem Bad ausschüttet, wenn man religiöse Neutralität einfordert und öffentliche Kreuze entfernt. Diese Neutralität ist eine Illusion. Ohne das Christentum gäbe es auch keine Freidenker-Bewegung - und letztlich auch keinen Säkularismus. Wir alle sind vom Christentum durchdrungen: umso besser, wenn uns das bewusst ist. Bei den Freidenkern und ihren Bemühungen, alles Christliche aus der Öffentlichkeit zu entfernen, kratzt man sich zuweilen am Kopf. Angesichts einer Kirche, die keine weltliche Macht mehr besitzt oder auch nur anstrebt, ist die Freidenker-Bewegung zum Leerlauf verkommen. Zur Donquichotterie. Als ob man heute noch die Inquisition bekämpfen müsste. Der Vatikan hat zwar noch einen gewissen politischen Einfluss, aber die Katholische Kirche ist schon längst nicht mehr die kriegführende, alles beherrschende Supermacht des Mittelalters und der frühen Neuzeit, sondern allenfalls so etwas wie ein Grosskonzern, ein spirituelles Disneyland, wo man seltsame Trachten trägt und unter Hosianna-Gesängen uralte Riten vollführt, die sogar dem Papst fremd sind. Die Freidenker adressieren eindeutig den falschen Feind: das Christentum ist nämlich weitgehend säkularisiert. Zumindest was die Landeskirchen betrifft. Man kann gläubig sein und trotzdem am gesunden Menschenverstand festhalten. Man kann in der Kirche sein und Kirchensteuer zahlen - und trotzdem den Standpunkt vertreten, dass das letzte Wort im Zusammenleben der Menschen nicht Gott oder irgendeine mythische Tradierung haben soll, sondern die Vernunft. Das Recht auf Blasphemie lässt sich nicht auf die Gretchenfrage reduzieren. Man muss es in einem grösseren Zusammenhang sehen. Wer Religionen in Frage stellt, will sie ja nicht durch eine alternative Weltanschauung ersetzen. Das Ziel kann nicht eine Ersatz-Religion sein. Ein Atheismus, der diesem grösseren Zusammenhang Rechnung trägt, ist keine Ersatz-Religion, sondern lediglich eine Abrissbirne für Häuser, die zuviel Platz einnehmen. Sofern sich der Atheist auf den Standpunkt stellt, dass Atheismus vor allem mit intellektueller Redlichkeit und weniger mit festen Glaubenssätzen zu tun hat, kann er die von ihm kritisierten oder verspotteten Religionen ganz gut am Leben lassen. Er möchte bloss verhindern, dass religiöse Menschen allzu selbstsicher werden. Er sägt ihnen sozusagen die Hörner ab. Kurz gesagt: er kämpft nicht für eine atheistisch genormte Weltanschauung, sondern für eine säkulare Gesellschaft, die den religiösen Pluralismus überhaupt erst ermöglicht. Das Recht auf Blasphemie kommt nicht ausschliesslich den Atheisten zugute. Meinungsfreiheit schützt auch diejenigen, die zwar gläubig sind, aber nicht ganz auf der verlangten Linie: Abweichler, Häretiker, Minderheiten. Das aber bedeutet, dass keine Religion das Recht hat, ihre Schutzwürdigkeit über die Meinungsfreiheit zu stellen. Jede Religion muss sich messen lassen, vor allem auch an sich selbst. Auch innerhalb einer Religion offenbaren sich Widersprüche, Feindschaften und konkurrierende Auffassungen. Diese Divergenz macht deutlich, dass intersubjektive Verbindlichkeit in Glaubensfragen illusorisch ist. Sie ist ein realitätsfernes Versprechen. Ein gefährliches Versprechen, weil Religionen diese Verbindlichkeit vorgaukeln, ohne sie im geringsten garantieren zu können. Wo eine Religion gegründet wird, ist das Schisma schon programmiert. Mit ihren "dogmatischen Abschirmungs-Prinzipien" (Hans Albert) kaschieren religiöse Weltdeutungen eigene Denkfehler, Widersprüche und Auslegungsspielräume, die zu endlosen Streitereien führen können, bis hin zu offener Gewalt. Nicht nur zwischen Religionen, sondern auch und vor allem innerhalb ein und derselben Glaubensgemeinschaft, wobei dieser Spaltpilz sogar innerhalb ein und derselben Konfession wirken kann, wie die Geschichte des Protestantismus zeigt. Liberale Protestanten und Evangelikale stehen sich fremder gegenüber als Buddhisten und Muslime.

 

Liberale Religionsvertreter stellen das Religiöse gerne als eine Art Therapie gegen Empathielosigkeit dar. Das ist natürlich Unsinn. Um Empathie haben zu können, braucht man nicht gläubig zu sein, und über weite Strecken der Menschheitsgeschichte sind Religionen nichts anderes als Machtinstrumente und Unterdrückungsorgane gewesen. Oder Opium für das Volk, um mit Marx zu reden. Ausserdem täuscht die wohlfeile Kirchentagsrhetorik über das Dunkle und Psychotische hinweg, das aus der Religion herausspringt wie der Kobold aus der verwunschenen Schachtel, sobald man den Deckel ein bisschen anhebt. Wenn man die heiligen Texte liest und sich mit religiösen Traditionen und Auffassungen auseinandersetzt, merkt man schnell, dass man hier das ganze Paket geliefert bekommt. Das ganze Irrenhaus des Menschlich-Allzumenschlichen, um mit Nietzsche zu reden. Doch wie es halt so ist: auch in einem Irrenhaus kann man sich geborgen fühlen. Vorausgesetzt, man gehört zu den Patienten, die fügsam ihre Pillen schlucken. Religiöse Narrative geben Sinn und Halt, weil sie mit einer kulturellen Identität verbunden sind. Sie reissen aber auch Gräben auf und verleiten Menschen zu einer Selbstautorisierung jenseits jeder verhandelbaren Rationalität. Das Problem an Religionen ist ihr Anspruch, "von oben" gewollt zu sein. Die göttliche Beauftragung mit der Aussicht auf Erlösung ist wie eine Generalbevollmächtigung, ein Freibrief. Der natürlich oft auch als Schutzbrief verstanden wird. Religionen verlangen stets eine Sonderbehandlung; religiöse Gefühle gilt es zu schonen. Andererseits ist diese Schonung eine ziemlich alberne Einbahnstrasse. Religionen verschonen nämlich nichts und niemanden, wenn man sie von der Leine lässt. Selbst im Protestantismus, der sich schon vor langer Zeit selber an die Leine gelegt hat und vorbildlich für den Säkularismus eintritt, kommt zuweilen ein Moralismus zum Vorschein, bei dem es einem kalt über den Rücken läuft. Die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin war eine Pfarrerstochter. Kein Zufall. Auch wenn ich hinzufügen muss, dass die meisten Pfarrerstöchter relativ harmlos sind - und die grösste terroristische Bedrohung heute aus ganz anderen Kreisen kommt. Gudrun Ensslin erwähne ich nur, um nicht schon wieder auf dem Islam herumhacken zu müssen. Und selbstverständlich gibt es religiösen Terror auch ausserhalb des Monotheismus, etwa im Buddhismus, von dem man sich im Westen ziemlich naive Vorstellungen macht. (Der Nichiren-Buddhismus hat die Japaner in den Zweiten Weltkrieg getrieben). Eines haben alle Religionen gemeinsam: sie wollen sich durchsetzen, sie wollen die Gesellschaft offensiv beeinflussen. Diesen Bestrebungen gilt es ebenso offensiv entgegenzutreten. Religionskritik ist ein tragendes Element jeder säkularen Gesellschaft, die als solche ein vitales Interesse daran hat, irreale, totalitäre und theokratische Bestrebungen zu unterbinden. Das Christentum ist nur deshalb tolerierbar, weil man es in die Schranken gewiesen hat. Katholiken und Protestanten wissen das sehr genau, zu viele Federn haben sie schon lassen müssen. Mit guten Gründen verzichten sie darauf, ihre historisch bedingte Sonderstellung auszunützen. Sie halten sich vornehm zurück, halten sich brav an die Spielregeln und pflegen sogar eine gewisse Selbstkritik. Nicht einmal der übelste Hardcore-Katholik käme heute noch auf die Idee, die Inquisition gutzuheissen. Und die Protestanten, die in der Neuzeit gewütet haben wie die Buddha-Statuen zerstörenden Talibanmilizen, sind inzwischen ganz nett und kleinlaut und getrauen sich kaum noch, einen Gottesdienst zu veranstalten, ohne mit Buddhisten, Muslimen und Katholiken Händchen zu halten. Wo man früher das Schwert geschwungen hat, um Glaubensabtrünnige niederzumetzeln, benutzt man heute Stricknadeln, um die obligaten Wollsocken für den Kirchenbazar zu stricken. Im Umgang mit dem Säkularismus sind die Landeskirchen - das muss man anerkennen - über den eigenen Schatten gesprungen. Ernsthafte Konflikte gibt es hier kaum noch. Ausnahmen wie die katholische Entrüstung über die Papst-Sottisen der Satire-Zeitschrift “Titanic” bestätigen die Regel. Im allgemeinen gehen die Landeskirchen ziemlich souverän mit Religionskritik um. Denn eines haben sie gelernt: Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiöse Autoritäten und Auffassungen nicht lächerlich gemacht werden dürfen.

 

Gesetzlich bewegt man sich hier zwar in einer Grauzone. In den meisten europäischen Ländern - auch in der Schweiz - gibt es einen Blasphemieartikel, ein Gesetz gegen Gotteslästerung. Allerdings kennt es eine wichtige Einschränkung. In der juristischen Praxis kann es nicht so ohne weiteres gegen Karikaturen, Polemik, Satire und Ähnliches angewendet werden. Eine Handhabe für Zensur bietet dieses Gesetz nicht. Die Meinungs- und Kunstfreiheit hat meistens Vorrang. Man kann praktisch jeden Juristen fragen und erhält stets dieselbe Antwort: in einer liberalen Gesellschaft ist die Meinungsfreiheit höher zu gewichten als religiöse Empfindlichkeit, da letztere keine intersubjektive Geltung besitzt, keine wirkliche Konsensfähigkeit, die Meinungsfreiheit aber schon. Der Blasphemieartikel - eigentlich ein alter Zopf aus vergangenen Jahrhunderten - richtet sich in erster Linie gegen handfeste Störungen und Vandalenakte wie zum Beispiel Kirchenschändungen. Eine Protestaktion, wie sie Pussy Riots in einer Moskauer Kirche veranstaltet haben, könnte auch bei uns mit dem Blasphemiparagraphen geahndet werden. Doch in der Praxis wäre das gar nicht so einfach. Würde ein derartiger Fall in der Schweiz verhandelt werden, müsste der Ankläger höchstwahrscheinlich eine Argumentation vorbringen, die in Richtung "Erregung öffentlichen Ärgernisses" geht. Der Vorwurf der Blasphemie hätte vor einem mitteleuropäischen Gericht, das seine religiöse Neutralität hochhalten muss, denkbar schlechte Chancen.

 

Will man die Frage beantworten, wodurch religiöse Satire begründbar ist, tut man gut daran, zuerst einmal den Begriff der Religionsfreiheit zu klären. Religionsfreiheit ist nicht gleichbedeutend mit dem Recht auf religiöse Immunität. Eine solche Immunität gibt es nur in Theokratien. Bei uns hat niemand das Recht, seine Überzeugungen für sakrosankt zu erklären. Religionsfreiheit bedeutet lediglich, dass ich das Recht habe, meine eigene Religion zu wählen. Ich darf sogar meine eigene Religion oder Kirche gründen: - wie das zum Beispiel der französische Komponist Erik Satie getan hat, der sich zum Papst seiner eigenen Kirche ernannt hat, deren einziges Mitglied er war. (Das Experiment schlug dann allerdings fehl: als er sich wegen Häresie exkommunizieren wollte, verstrickte er sich im Unfehlbarkeitsdogma und schmiss den Papsthut mit einem "Urbi et Orbi" aus dem Fenster). Glauben darf ich alles, solange ich in der Ausübung meines Glaubens nicht gegen die Gesetze verstosse. Ich darf den grössten Unsinn glauben. Ich darf in meiner Besenkammer den heiligen Besen anbeten. Das darf mir niemand verbieten. Aber umgekehrt darf ich auch niemandem verbieten, meinen heiligen Besen als ein plumpes Stück Holz zu bezeichnen. Ja mehr noch: man darf ihn sogar als Dreckschleuder bezeichnen. In einer säkularen Gesellschaft müssen solche Meinungen frei und offen geäussert werden dürfen. Religiöse Menschen müssen erkennen und akzeptieren, dass ihr Glaube keine intersubjektive Geltung besitzt. Ausserdem ist der Glaube keine personale Angelegenheit. Seine Verletzung oder Kränkung betrifft nicht die Unversehrtheit der Person. Heikel ist Religionskritik erst dann, wenn sie - wie zum Beispiel im Antisemitismus - nicht die Religion an sich zum Gegenstand hat, sondern die ethnische Zugehörigkeit. Hier kann der Spott das falsche Ziel treffen, weil er einen Diskurs aktiviert, der nicht ausschliesslich auf die Religion abzielt. Doch dieses Problem besteht bei den allermeisten Religionen nicht. Im Normalfall steht eine Religion auf der gleichen Stufe wie eine politische oder ideologische Überzeugung. Und für eine Überzeugung muss ich - als geistig mündiger Mensch, der seiner kleinkindlichen Trotzphase entwachsen ist - selbstverständlich Kritik einstecken können. Ein Spott, der nicht auf die Person, sondern auf die Überzeugung zielt, kann nicht mit persönlicher Diffamierung - geschweige den Rassismus - gleichgesetzt werden. Eine Religion kann man ablegen oder annehmen, nicht aber die Haut- oder Haarfarbe, die Körpergrösse, das Geschlecht oder eine Behinderung. Ein Punkt, der oft unter den Tisch fällt. Vor allem in linken Kreisen wird Islamkritik gerne mit Rassismus gleichgesetzt. Ein hanebüchener Blödsinn. Und ein Eigentor obendrein. Wenn man Rassen konstruiert, wo gar keine sind, um sich hinter dem Schutzschild von Rassismusvorwürfen zu verstecken, ist das eben auch schon Rassismus. Grundsätzlich geht es darum, dass für alle die gleichen Regeln gelten sollen. Ob ich eine religiöse oder sonst eine Macke habe: in beiden Fällen muss ich mit Reaktionen rechnen. Ich kann ja schliesslich auch nicht mit einem Spaghettisieb auf dem Kopf durch die Stadt spazieren und von den Leuten verlangen, dass sie mich nicht seltsam anschauen. So logisch das alles ist: leider steht zu befürchten, dass die Abwehrkräfte des Säkularismus erlahmen. Durch den Druck strenggläubiger Imigranten und ihrer religiösen Interessensverbände ist eine Entwicklung in Gang gekommen, die fast nicht mehr aufzuhalten ist. Das säkulare Terrain verkommt zum Selbstbedienungsladen für religiöse Separatisten, und der Widerstand ist zwar vorhanden, fällt jedoch politisch nicht ins Gewicht. Das Problem ist, dass sich unsere Gesellschaft für derartige Missbräuche geradezu anbietet. Durch ihr naives Toleranzethos gerät sie zunehmend unter Druck, sie lässt sich erpressen und ausnehmen. Selbst die Landeskirchen predigen mittlerweilen eine Toleranz, mit der sie die eigenen Voraussetzungen untergraben. Denn der Mainstream-Islam kann in keiner Weise mit dem Mainstream-Christentum verglichen oder gleichgesetzt werden. Zwischen den beiden Religionen liegen ungefähr 500 Jahre Schocktherapie in Form von Reformation, Gegenreformation, Humanismus, Aufklärung, Positivismus, Darwinismus, Marxismus und einer Moderne, die in der muslimischen Welt nur als Leuchtreklame für Coca-Cola existiert.

 

Die Debatte um Religionskritik durch Satire und Karikatur hat sich am Islam neu entzündet. Es ist eine uralte Debatte, und noch im 20. Jahrhundert betraf sie vor allem das Christentum. Seit der Fatwa gegen Salman Rushdie und der Ermordung Theo Van Goghs haben sich die Gewichte merklich verschoben. Was nicht nur mit dem islamistischen Terrorismus zu tun hat, sondern auch mit dem Islam insgesamt. Von wegen: es hat nichts mit Religion zu tun. Diesen Spruch kann man sich sparen. Die Fakten reden eine andere Sprache. Der Jihadismus ist nun mal etwas spezifisch Islamisches. Kommt dazu, dass sich das Erscheinungsbild des Islam seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts sowohl in Europa als auch weltweit radikal gewandelt hat. Während sich die christlichen Landeskirchen modernisiert haben, ist der Mainstream-Islam ins Mittelalter zurückgekehrt. "Scheinbar" müsste man sagen: in seiner Rückwärtsgewandtheit unterliegt der islamische Fundamentalismus einer Logik, die sehr modern ist. Es ist die Logik des Totalitären. Im Islam findet sich für totalitäre Tendenzen der ideale Nährboden, da diese Religion - gegründet von einem Feldherrn, Politiker und Kaufmann - schon von Grund auf politisch konnotiert ist - und auf bedingungslose Expansion setzt. Noch in den Achtzigerjahren sah man in den Strassen europäischer Städte keine jungen muslimischen Frauen mit Kopftüchern. Oder besser gesagt: wenn eine junge muslimische Frau ein Kopftuch trug, fiel sie auf. Und das Gleiche galt auch für einen Grossteil der muslimischen Welt, wo traditionelle muslimische Bekleidungen nicht überall im gleichen Masse erwünscht und normal waren. In der Türkei etwa war das Kopftuch lange Zeit verpönt und in öffentlichen Einrichtungen (Universitäten etc.) sogar verboten, weil es als rückständig galt, als politisch reaktionär. Inzwischen wimmelt es überall von Kopftüchern und anderen islamischen Selbstbekundungen, und auch meine muslimische Nachbarin, die noch keine fünfundzwanzig Jahre alt ist, verlässt das Haus nie ohne Tschador, den muslimischen "Ganzkörper-Sack", der nur gerade das Gesicht frei lässt. Was die Linkstoleranten gerne als ethno-kulturelles Identitätsmerkmal verharmlosen, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines tiefgreifenden Mentalitätswandels. Damit könnte man umgehen, wenn der Westen eine klare religionskritische Haltung hätte und sich dazu durchringen könnte, die liberalen und säkularen Kräfte in der muslimischen Welt zu unterstützen. Leider passiert genau das Gegenteil. Die linksgrüne Islam-Toleranz, eine kurzsichtige Blanko-Toleranz, die das Böse immer nur rechts verortet und jeden Islamkritiker als Rassisten diffamiert, verrät nicht nur den westlichen Säkularismus, sondern auch all jene mutigen Muslime, die unter Lebensgefahr ihre eigene Religion zu kritisieren wagen. Getrieben von einer verknöcherten anti-westlichen Ideologie und einer falschen Auffassung von Religionsfreiheit hofiert man den Kreide fressenden Islamisten und schliesst mit ihnen eine Art Schutzpakt, mit dessen Hilfe Frauen unterdrückt, die Meinungsfreiheit eingeschränkt und ein weltweiter religiöser Obskurantismus durchgesetzt wird. Dieses anti-aufklärerische Engagement von Menschen, die ihrer politischen Überzeugung nach eigentlich die Werte der Aufklärung verteidigen müssten, befeuert den rechten Populismus und reisst die ganze Linke in den Abgrund. Und mit ihr auch jeden Ansatz zu einer nachhaltigen Assimilation europäischer Muslime. Sogar in der vergleichsweise schwach islamisierten Schweiz befürworten sehr viele Muslime die Scharia. (Nach einer Umfrage der Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften befürwortet jeder fünfte Schweizer Muslim die Scharia. Stand November 2018). Diese demonstrative und gleichsam selbstverständliche Abgrenzung, die man heute bei vielen europäischen Muslimen antrifft, ist ein deutliches und alarmierendes Zeichen dafür, dass sich der Islam in einem globalen Massstab politisiert hat und den Säkularismus ablehnt. Und nein, schuld daran ist eben nicht der rechte Populismus oder irgendeine systematische Stigmatisierung ("Islamophobie"). Hier verwechselt man Ursache und Wirkung, zumal der erstarkte islamische Fundamentalismus ein globales Phänomen darstellt. Viele Muslime stigmatisieren sich selber.

 

Ansätze zu einem mittelalterlichen Gesellschaftsverständnis gibt es freilich auch in anderen Religionen, selbst im solid säkularisierten Christentum. Obwohl der Islam mit seinem rigiden Tugendkatalog und seiner Neigung zur schriftgetreuen Militanz weitaus stärker aneckt als jede andere Religion, ist der Fanatismus auf christlicher Seite keineswegs verschwunden. Und man sollte ihn auch nicht aus den Augen verlieren. Nur weil christliche Fundamentalisten darauf verzichten, Halleljua schreiend Menschen umzubringen mit gesegnetem Sprengstoff, sind sie noch lange nicht zur Vernunft gekommen, was man vor allem in den USA sehen kann. Während sich die Landeskirchen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils liberalisiert haben, sind die Evangelikalen - mehr noch als die im Mittelalter hängengebliebenen Opus-dei-Katholiken - weltweit in eine erfolgreiche Expansionsphase eingetreten. Mittlerweilen betreiben sie eine ähnliche Popaganda wie die Salafisten: mit Volldampf in die Apokalypse. Alles oder nichts. Himmel und Hölle zum Discountpreis. Beide Gruppierungen profitieren von der gleichen Schwäche, der gleichen Nachgiebigkeit. Christliche und islamistische Fundamentalisten machen sich nur deshalb breit, weil wir ihnen die Chance dazu geben. Weil wir uns erpressbar machen aus Angst, wir könnten das Augenmass verlieren und die eigenen Grundwerte verletzen. Jeder Fernseh-Evangelist und salafistische Scharfmacher darf seinen religiösen Blödsinn straflos verbreiten, es herrscht Meinungsfreiheit, und Dummheit ist nun mal nicht strafbar. Davon profitieren religiöse Menschen ganz erheblich. Die Frage ist, ob und wie man sie daran hindern kann, das offene Meinungsforum, das ihnen genauso zur Verfügung steht wie jedem andern Mitbürger auch, für die planmässige Propagierung von Wahnideen zu missbrauchen. Die Frage ist überdies, wie man Demarkationslinien durchsetzt, um die religiöse Okkupation des öffentlichen Raums zu stoppen. Dass dies möglich ist, hat die Schweizer Anti-Minarett-Initiative bewiesen. Dennoch sollte man die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wer sich vom Friedens- und Versöhnungsgesäusel der “Rechtgeleiteten” und “Barmherzigen” einlullen lässt, riskiert ein unsanftes Erwachen. Diese Leute werden nämlich ganz und gar ungemütlich, wenn man ihren Idealen und Weltbildern nicht den verlangten Respekt zollt. Dabei müsste ihnen doch eigentlich klar sein, dass sie in einer liberalen Gesellschaft nicht darum herumkommen, diesen oder jenen Kratzer hinzunehmen. Der deutsche Publizist Henryk M. Broder hat unlängst eine Schocktherapie vorgeschlagen, eine Strategie des roten Tuchs, mit der man religiöse Fanatiker herumhetzen kann, bis sie sich ausgetobt haben und abstumpfen. Broder ist der Meinung, dass jede grössere Zeitung regelmässig Mohammed-Karikaturen veröffentlichen sollte. Bis sich das Empörungspotential verbraucht hat. Die Gewöhnung ist eine Macht, die jedem Tabu früher oder später die Spitze abbricht. Noch in den Fünfzigerjahren waren Frauen in Hosen ein Skandal. Irgendwann hat man sich dann aber daran gewöhnt, und hosentragende Frauen wurden zur Normalität. Der Gewöhnungseffekt ist auch im Umgang mit religiösen Fanatikern der alles entscheidende Faktor. Unter dem Dauerbeschuss religionsfeindlicher Karikaturen müssten sich die religiösen Fanatiker dem Druck der Gewöhnung beugen. Und Gott behüte, dass es umgekehrt läuft! Wir, die säkular gesinnten Menschen, dürfen uns unter keinen Umständen daran gewöhnen, dass uns religiöse Fanatiker ihre Tabus aufzwingen. Leider passiert genau das immer öfters. Aus Feigheit oder weil man die Zwangsjacke eines linkstolerant verschwurbelten Wertesystems trägt, kommt man immer weiter davon ab, die Freiheit des Denkens und der Kunst gegen religiöse Einschüchterungen zu verteidigen. Und was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt, ist die Tatsache, dass viele Linken dazu neigen, unterschiedliche Massstäbe anzulegen. Während sie bei jeder Gelegenheit über die katholische Kirche herziehen, die eigentlich keine wirkliche Macht mehr hat, knicken sie ein, sobald es sich um den Islam handelt. Viele Muslime spielen hemmungslos die Diskriminerungskarte aus, um sich einen religiösen und kulturellen Sonderstatus zu sichern, den die Linken bereitwillig unterstützen. Diese neulinke Naivität dem Islam gegenüber mag verwundern. Aber irgendwie ist sie auch logisch. Da man nach dem Verschwinden einer weltumspannenden sozialistischen Ideologie nicht mehr als Klassenkämpfer auftreten kann, der das unterdrückte Proletariat befreit, muss man sich halt an etwas Neues ranschmeissen - und stellt sich schützend vor vermeintliche Opfergruppen, die man "positiv" stigmatisiert. Und obwohl der Islam sämtliche linksemanzipatorischen Werte negiert, zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frau, verteidigen ihn die Linken mit Zähnen und Klauen. Was, allen Unterschieden zum Trotz, vielleicht dann doch auf eine gewisse innere Verwandtschaft hinweist. Eine primitiv moralisierende, auf Tugendterror, Unterwerfungspathos, Kampfeswille und Märtyrertum spezialisierte Religion der totalitären Gleichschaltung dürfte dem sozialistischen Selbstverständnis nicht allzu fremd sein. Zumindest haben die radikalen Muslime etwas, das die Linken verloren haben und dem diese heimlich nachtrauern: einen gläubigen Heroismus.

 

Broders Vorschlag hat meine uneingeschränkte Sympathie. Das Dümmste, was man machen kann, wenn religiöse Fanatiker auftrumpfen, ist nachzugeben. Der Klügere sollte in die Offensive gehen. Und auch wenn er die rote Karte riskiert: lieber foulen als zurückweichen. Lieber nachtreten als Zugeständnisse machen. Trotz erheblichem Widerstand von Seiten islamischer Staaten hat sich diese Ansicht teilweise auch bei der UNO durchgesetzt. Auf der Informationsplattform des Vereins Humanrights.ch wird in Bezug auf entsprechende UNO-Beschlüsse unmissverständlich klargestellt, dass niemand “wegen seiner Äusserungen über eine bestimmte Religion bestraft werden” kann, es sei denn, “es handle sich um eine ohnehin strafbare Verletzung religiöser Gefühle (Blasephemie-Verbote auf der Ebene des Strafrechts)...” Blasphemie-Verbote, so führt Humanrights.ch weiter aus, “fallen unter die Meinungsäusserungsfreiheit”.

 

Hier beisst sich die Katze freilich in den Schwanz. Was nützt es, Religionen kritisieren zu dürfen, wenn man keine religiösen Gefühle verletzen darf? Ich darf also uneingeschränkt Kuchen essen, muss aber darauf achten, dass ich meine Diät einhalte. Da sich das Diffamierungsverbot in Religionsfragen als Unsinn erweist, wird es auf die strafrechtliche Ebene der “Meinungsäusserungsfreiheit” abgewälzt, was aber keine Lösung bringt, sondern lediglich zur Folge hat, dass ein Unsinn durch einen grösseren Unsinn ersetzt wird. De facto (wenn auch nicht de juris) gibt es für Ideen, Ideologien und religiöse Traditionen keine Immunität. Der von den Religionswächtern gerne zitierte Blasphemieartikel (im Schweizerischen Strafgesetzbuch Artikel 261) kollidiert, wie ich bereits erwähnt habe, mit dem Recht auf Meinungs- und Kunstfreiheit und entlarvt sich immer wieder als Papiertiger, der in der säkularen Rechtsprechung nur sehr beschränkt angewendet werden kann. Wenn überhaupt. Im Ernstfall kann der Blasphemieartikel keine einzige Form von Religionskritik unterbinden oder einschränken, vor allem nicht im Kunstbereich. Und selbstverständlich ist es nicht an den Gläubigen, zu definieren, wo eine Kritik aufhört und eine Verunglimpfung anfängt. Ob jemand, der kritisiert wird, die betreffende Kritik als herabwürdigend empfindet oder nicht, hängt einzig und allein von seiner subjektiven Empfindung ab. So gesehen kann jede Kritik als verunglimpfend empfunden werden, und das Argument, dass man Religionen wohl kritisieren darf, aber nicht verunglimpfen, hängt ziemlich in der Luft. Die Unterscheidung zwischen einer Diffamierung oder Diskriminierung und einer religionskritischen Manifestation oder Äusserung kann nicht vom Beleidigten getroffen werden. Wenn der Farbenblinde befugt wäre, seinen Mitmenschen den korrekten Gebrauch von Farbbezeichnungen vorzuschreiben, wäre das ziemlich fatal. Die juristische Logik ist eine andere. Hier hat nicht der Religionswächter darüber zu befinden, was man darf und was nicht. Wenn sich jemand persönlich beleidigt fühlt, kann er Klage einreichen und eine unabhängige Instanz anrufen, die den Vorwurf überprüft. Wobei der Tatbestand der Blasphemie absolut untauglich ist, um irgendeine Grenzlinie zu ziehen. Was darf man? Und bis wohin? Und ab wo darf man was nicht? Und in Bezug worauf? Es gibt keine Massstäbe, mit denen man etwas so Schwammiges wie Blasphemie rechtlich definieren könnte, da fehlt jegliche Objektivität. So könnte es zum Beispiel für einen Druiden den Gipfel der Blasphemie darstellen, wenn jemand an einen Baum pinkelt. Die meisten andern Menschen werden das aber keineswegs als blasphemisch empfinden, höchstens als unappetitlich. Und so geht es ja auch bei Mohammed- und Papstkarikaturen: wieso sollte man auf die irrationalen Empfindlichkeiten von Muslimen und Katholiken Rücksicht nehmen? Wenn man das täte, müsste man sämtlichen Glaubensgemeinschaften und Sekten das Recht zugestehen, religionskritische Äusserungen zu reglementieren, und worauf das hinauslaufen würde, kann man sich ja ungefähr vorstellen. 

 

2012