Die Schlafzimmerdebatte

Im Netz und in vielen Leitmedien ist eine Debatte über Sexismus entbrannt. Währenddessen haben Wissenschaftler einen tiefgefrorenen Höhlenlöwen gefunden, den sie nun klonen wollen. Eine interessante Nachricht. Aber was hat das mit Sexismus zu tun? Leider eine ganze Menge.

 

 

"Wenn Frauen Aufsehen erregen wollen, veranstalten sie einen Schweigemarsch." (Frauenwitz Nummer 174)

 

"Die spinnen, die Weiber." Obelix

 

Sexismus ist, wenn jemand wegen seines Geschlechts diskriminiert wird. Pardon: wegen ihres Geschlechts. Davon betroffen sind mehrheitlich Frauen. Damit hätten wir das schon mal geklärt. Zunächst aber noch folgendes: in Sibirien haben Wissenschaftler einen tiefgefrorenen Höhlenlöwen gefunden, den sie nun klonen wollen. Eine interessante Nachricht. Was das mit Sexismus zu tun hat, ist mir noch unklar. Aber ich vermute, dass es einen Zusammenhang gibt. In letzter Zeit hat sehr vieles - auch weit Entferntes - eine sexistische Bedeutung oder Unterbedeutung. Also eigentlich alles. Um aber auf den Höhlenlöwen zurückzukommen: inwiefern ist es sinnvoll, einen Höhlenlöwen zu klonen? Werden dadurch Krankheiten geheilt? Gefährdete Tierarten gerettet? Neue Energiequellen erschlossen? Werden dadurch echte Probleme gelöst?

 

Ein echtes Problem ist auch die weltweite Diskriminierung von Frauen. Es kann aber auch ein unechtes Problem sein. Je nachdem, wo man oder frau hinschaut - und durch welches ideologische Vergrösserungsglas. Auf #MeToo berichten Frauen über alltägliche Belästigungen und Übergriffe. Ein schnappatmendes Massenbekenntnis. Kein Tag vergeht, ohne dass ein Sexprotz aus Politik, Film oder Showbiz an den Pranger kommt. Gestern war es Harvey Weinstein. Heute ist es Sylvester Stallone. Morgen ist es vielleicht der Papst. Und übermorgen Fritzli Meier von nebenan. Damit ist klar: Sexismus lauert überall. Jede Frau kann zur Zielscheibe werden. Und jeder Mann ist ein potentieller Täter. Der Papst soll bloss nicht so unschuldig gucken. Der kommt auch noch dran.

 

Die meisten dieser Belästigungen sind jedoch keineswegs strafrelevant. Mit methodischer Unbesorgtheit, wenn auch persönlich natürlich stark betroffen, schmeissen die Anklägerinnen Kraut und Rüben bunt durcheinander, Plattitüden und Schwerwiegendes, strafbare Handlungen und Unhöflichkeiten. Die Affäre "Weinstein", die das Ganze angestossen hat, ist denn auch symptomatisch. Falls dabei nichts Strafrelevantes herauskommt, muss man das Ganze wohl oder übel als Rufmordkampagne werten. Falls aber die Justiz einen Strafttatbestand nachweisen kann, wäre die Frage zu klären, warum das erst jetzt passiert. Und warum es eine Hetzkampagne braucht, um ein Verbrechen zur Anklage zu bringen. Im Normalfall geht das auch ohne Hetzkampagne. Gerade darin unterscheidet sich das moderne Rechtssystem von der Inquisition, bei der die Schuld zum vornherein feststeht und der öffentliche Pranger die Funktion eines weltlichen Fegefeuers übernimmt. Im übrigen waren das erwachsene Frauen. Bei plumpen Zudringlichkeiten hätten sie ohne weiteres "Nein" sagen und die Türe hinter sich zuschmettern können. Damit wäre die Sache vom Tisch gewesen. Und hätte Weinstein beizeiten von einer Frau, die sich zu wehren weiss, einen Tritt in die Eier bekommen, wäre die ganze Diskussion gar nie losgegangen und der Filmproduzent hätte eine neue Karriere starten können. Zum Beispiel als Sopranist an der Mailänder Scala. Im nachhinein und in der kollektiven Raserei eines shitstormgesteuerten Harpyienschwarms auf Weinstein loszugehen, ist ziemlich billig. Um nicht zu sagen: albern. Es erinnert an das beleidigte Kleinmädchen-Verhalten auf dem Schulhof, das Verhalten von "Rätschwybern". Hier sieht man, was auf der methodischen Ebene falsch läuft. #MeToo unterliegt einer methodischen weiblichen Selbstinfantilisierung. Damit demontiert diese Kampagne den Feminismus quasi von innen heraus. Ein weiteres Problem ist die fehlende Differenzierung und systematische Vorverurteilung. Wenn schon das ausdrücklich bekundete Interesse an Sex als delinquent gilt, ist kaum noch zu unterscheiden, was nun schlimmer ist: eine anzügliche Bemerkung oder eine Vergewaltigung. Bei dieser unqualifizierten Verwischung total unterschiedlicher und extrem einseitig rapportierter Vorkommnisse bekommt man leicht den Eindruck, dass man es hier lediglich mit schlecht erzogenen Männern und überkandidelten Frauen zu tun hat. Was zum grössten Teil wohl auch der Realität entspricht. Auch dort, wo Männer ihre Machtposition ausnutzen. Das tun Männer eben. So wie Frauen ihren Sex Appeal einsetzen, um irgendeinen Vorteil zu erlangen. Männer punkten mit dem sozialen Status, Frauen mit dem Aussehen. Frauen schlafen sich nach oben. Männer nehmen, was zu haben ist. Ist das Sexismus? Nein, es ist Biologie. Und es ist komplementär. Im geschlechtlichen Rating verhalten sich Männer und Frauen mit nahezu schlafwandlerischer Instinktsicherheit spiegelverkehrt zueinander, und das mit gutem Grund: es dient der Fortpflanzung. Ich bin zwar kein Biologe, aber eines habe ich verstanden: die Fortpflanzung ist bei Lebewesen so ziemlich das Wichtigste. Und so sehr sich Neo-Feministinnen auch bemühen, das F-Wort aus ihrem Wortschatz zu verbannen: die Realität lässt sich nicht umpolen. Sie lässt sich nicht gendern. Gendern lässt sich höchstens unsere Auffassung von Realität. Ein Blick nach Afghanistan oder in ein beliebiges nordafrikanischen Land gibt Aufschluss über die wahren Relationen. Frauen sind bei uns extrem privilegiert. Mit den Männer ziehen sie mindestens gleich. Eine strukturelle Schranke gibt es kaum noch. Freilich hält das die Neo-Feministinnen nicht davon ab, den sogenannten Alltagssexismus zu einem betroffenheitstriefenden Anklagetribunal aufzublasen, das einen strukturellen, alles durchsetzenden Sexismus insinuiert und damit ein Klima von Schuld, Lamentation und Bezichtigung erzeugt. Wohlverstanden: wir reden hier nicht über den Sexismus in Ägypten, Indonesien, Afghanistan oder dem Sudan, einen Sexismus, der religiös und kulturell verankert ist und insofern tatsächlich eine strukturelle Komponente hat. Im Iran werden Ehebrecherinnen gesteinigt, und in Ägypten hüten sich junge Frauen mit gutem Grund, alleine auf die Strasse zu gehen. Diesen Sexismus blenden die meisten Feministinnen kategorisch aus. Das, worüber sie jammern und klagen, ist eine Gesellschaft, in der Frauen alle Freiheiten geniessen - und gleiche Rechte für Männer und Frauen grundsätzlich gewährleistet sind. Eine zwangsverheiratete Afghanin, die in der Öffentlichkeit nicht mal ihr Gesicht zeigen darf, kann über diese Debatte nur den Kopf schütteln. Es ist eine Schlafzimmerdebatte im Luxuspavillon. Fehlt nur noch die Kopfkissenschlacht. Mit der weltweiten Unterdrückung von Frauen in rückständigen Kulturen hat das herzlich wenig zu tun.

 

Doch eigentlich möchte ich auf etwas anderes hinaus. Nämlich auf den Höhlenlöwen. Was die Wissenschaftler mit ihm vorhaben, ist vielleicht gar nicht so sinnlos. Das Klonen des Höhlenlöwen könnte über Sein oder Nichtsein der Menschheit entscheiden. Es könnte dazu beitragen, die menschliche Fortfplanzung sicherzustellen. Vielleicht kommt irgendwann der Tag, da unsere Paarungsbereitschaft von derart vielen Skrupeln gehemmt wird, dass wir uns ohne Gen-Matching nicht mehr fortpflanzen können. Irgendwann wird uns der politisch korrekte Puritanismus derart beherrschen, dass wir den gefährlichen Kampfplatz der Leidenschaften und Begierden - das natürliche Selektionsverfahren ohne Auffangnetz und Airbag - verschmähen und zwecks Fortpflanzung die Gentechnik zu Hilfe nehmen müssen. Irgendwann werden wir diesen Idealzustand erreicht haben: dann essen wir als zwangsbekehrte Vegetarier nur noch künstliche Würste und dimmen unter dem Diktat der Gender-Ideologie die Sexualität so weit herab, dass wir den Hosenschlitz freiwillig zu lassen, weil in dieser schönen neuen Welt der unentwegten Optimierungen und der allumfassenden Berechenbarkeit im Namen unfehlbarer Moralität ohnehin keine Lust aufkommen will. Aber vermutlich ist es den Frauen dann auch wieder nicht recht, und so geht das Theater wieder von vorne los. Nur dass sich die Männer diesmal als Eunuchen beschimpfen lassen müssen.

 

Mit dem Sexismus ist es so eine Sache. Wäre das Paarungsverhalten unserer Vorfahren immer vorbildlich gewesen, würden wir wahrscheinlich gar nicht existieren. Wäre es da immer einwandfrei moralisch zugegangen: die Menschheit wäre schon längst verkümmert. Sie hätte sich systematisch geschwächt. Sie hätte ihre eigene Verblödung herangezüchtet. Dank umfangreichen Genom-Untersuchungen weiss man zum Beispiel, dass 16 Millionen Asiaten direkt von Dschingis Khan abstammen. Biologisch gesehen sind Männer wie Dschingis Khan im Vorteil. Sie haben es leichter, ihre Gene weiterzugeben. Sie sind durchsetzungsfähig und machtbewusst. Sie können aus dem Vollen schöpfen. Was sich für die Gattung auszahlt, da auf diese Weise das gesunde Genmaterial die grösstmögliche Reichweite bekommt. Frauen hingegen dürfen und müssen wählerisch sein. Sie investieren unendlich viel mehr in die Reproduktion als Männer. Deshalb ist jeder weibliche Ausrutscher Gold wert: durch ihn erhöht sich nämlich die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft. Männliche Skrupellosigkeit und weibliche Launen ergänzen sich reproduktionstechnisch perfekt. Für die Moralapostel - egal, ob sie religiös oder politisch korrekt unterwegs sind - ist das natürlich bitter. Zu einem nicht unbeträchtlichen Teil verdanken wir den reproduktiven Erfolg unserer Spezies den klassischen Lastern. Als da wären: Völlerei, Hybris, Eifersucht, Jähzorn, Geiz, Unmässigkeit und Trägheit. Die sieben Todsünden kommen nicht vom Teufel. Sie kommen aus der Natur. Es sind lang erprobte Verhaltensmuster, die der menschlichen Spezies eingeschrieben sind, weil sie sich bewährt haben. Sie haben den biologischen TÜV-Test bestanden. Es gibt also einen überlebenstechnischen Grund, weshalb wir so sind, wie wir sind. Im Guten wie im Schlechten. Wobei das mit dem Guten und dem Schlechten ziemlich vertrackt ist. Die Evolution hat uns nicht mit guten und schlechten Eigenschaften ausgestattet. Sie hat uns mit Eigenschaften ausgestattet, die sowohl gut als auch schlecht sind. In allem, was wir tun, gibt es ein Kippmoment. Je nach Situation überwiegt entweder das eine oder das andere. Ein selbstbewusster Mensch kann auch arrogant sein. Ein origineller Mensch kann auch verrückt sein. Ein gemütlicher Mensch kann auch faul sein. Ein zielstrebiger Mensch kann auch über Leichen gehen. Ein genussfreudiger Mensch neigt vielleicht auch dort zur Opulenz, wo es nicht unbedingt angebracht ist. Und hier stehen wir schon mitten in der aktuellen Schlafzimmer- oder Sexismusdebatte, die den Anschein erweckt, als gälte es, ein tausendköpfiges männliches Monstrum in die Hölle hinabzustossen. Dabei ist die Sache doch eigentlich recht einfach. Ein Mann, der daran gewöhnt ist, sich Geltung zu verschaffen, wird sich auch bei Frauen nicht unbedingt zurückhalten. Im Guten wie im Schlechten. Die Moral ist ein Korrektiv. Sie sollte das Schlechte eindämmen und das Gute fördern, und genau darin spiegelt sie die ganze Ambivalenz des Menschen. Das variable Kippmoment, das uns in Gut und Böse spaltet, spaltet auch die Moral. Sie ist genauso ambivalent wie die Menschen, die sie bessern will. Das ist ihr Schwachpunkt. Wenn sie das Schlechte einzudämmen versucht, kann sie naturgemäss auch das Gute angreifen. Im schlimmsten Fall kann sie die sündhaften Menschen zu Tode korrigieren, mit dem Bösen auch das Gute austreiben. Das Bessere ist dann der Feind des Guten. Die auf die Spitze getriebene politische Korrektheit erinnert oft an die (ältere) Morallehre der katholischen Kirche. Im unreflektieren und medial gehypten Echoraum einer willkürlichen Massenerregung etabliert sich ein Schuld- und Bezichtigungskult mit eigenen Autodafés, Hexenverfolgungen, Hexenbullen, Ketzerverhören, hochnotpeinlichen Befragungen, Abschwörritualen, Hexenproben, Flagellationstechniken, Bussezeichen, Prangern, Scheiterhaufen und Bannflüchen. Der Mensch soll besser sein, als er ist. Insbesondere der Mann. Im Moment nennt sich das "Sexismus-Debatte".

 

Um das klarzustellen: es gibt schwerwiegende sexuelle Übergriffe. Und es gibt eine weltweite strukturelle Unterdrückung von Frauen. Aber genau darum dreht sich die Sexismus-Debatte eben nicht. Sie nivelliert und banalisiert die echten Missstände, indem sie den Sexismus zu einem Universalproblem ausweitet. Anstatt die tatsächlichen Relationen zu benennen, was einen Sinn für Verhältnismässigkeit voraussetzen würde, zielt sie auf das allumfassende, bis in jede Banalität hineinwirkende manichäische Prinzip des Bösen: die Herrschaft durch den "bösen weissen Mann". Und genau an diesem Punkt scheitert die Sexismus-Debatte an sich selbst. Aufschlussreich an dieser Debatte ist nicht, was über Sexismus gesagt wird, sondern was mit keinem Wort Erwähnung findet, obwohl es ganz direkt mit der Thematik zusammenhängt. Dazu gehören stichhaltige Erkenntnisse aus der Naturwissenschaft, insbesondere der Anthropologie, sowie die bei uns fraglos gültigen ethischen Normen der Aufklärung, die anderswo mit Füssen getreten werden. Aber bleiben wir noch bei der Naturwissenschaft. Was Naturwissenschaftler über den Menschen zu sagen haben, ist selten besonders schmeichelhaft. Feministinnen können Weihwasser versprühen und Kruzifixe schwenken, soviel sie wollen: das Böse kommt nicht vom Teufel. Es entsteht nicht dadurch, dass Satan, Beelzebub, Leviathan und Belial irgendwo im tiefsten Höllenpfuhl einen Ringelreigen um den Oberphallus veranstalten. Das Böse ist etwas ganz Normales. Es kommt aus der Natur. Wenn ein Mann ein Arschloch ist, bedeutet das nicht, dass er keine Frau findet. Im Gegenteil. Da stellt sich natürlich die Frage: was gilt nun? Hält sich der Mann an den feministischen Mindestkonsens, müsste er seinen Trieben entsagen und mit einem "Mea culpa" ins Kloster eintreten. Hält er sich jedoch an das, was ihn bei Frauen erfolgreich macht, müsste er eher den umgekehrten Weg einschlagen. Dann darf er sogar ein Arschloch sein, ein Psychopath, Sexist und Macho. Dann darf er ein Machtmensch sein wie Alexander Borgia. Oder wie Heinrich der Achte, der "sexsüchtige Heinrich mit den sechs Ehefrauen". Die berühmte Eselsbrücke ist das Einzige, was mir vom Geschichtsunterricht im Gedächtnis geblieben ist, und ich bin froh, dass ich sie hier endlich einmal sinnvoll einsetzen kann. Oder nehmen wir doch gleich den grössten Womanizer dieser Epoche: den vatikanischen Hofmaler Raffael, der mit 37 Jahren den Wunschtod aller Wüstlinge starb. Sein Atelier befand sich in einem Bordell, wo er seine Modelle wahrscheinlich etwas zu oft in Anspruch nahm. Es gibt einen männlichen Urinstinkt, der Sex, Macht, soziales Prestige und den Willen zu ausserordentlichen Leistungen zusammenbringt. Und die Frauen - jetzt kommt es! - spielen mit. Sie stehen drauf. Sofern der betreffende Mann nicht allzu dumm oder hässlich ist. Ansonsten darf ein Mann, der Erfolg bei Frauen haben will, alles Mögliche und Unmöglich sein. Er darf sogar ein Triebtäter und Serienmörder wie Ted Bundy sein. Der hat in seiner Todeszelle ganze Säcke voller Liebesbriefe bekommen. Da könnte man fast neidisch werden. Den Genen ist es egal, wie und um welchen moralischen Preis sie weitergegeben werden. Die Natur war noch nie besonders zimperlich. Und auf den Feminismus nimmt sie schon gar keine Rücksicht.

 

Eine biologistische Betrachtungsweise stösst bei Hardcore-Feministinnen auf geharnischte Ablehnung. Und hier wird es wirklich interessant. Wenn im 21. Jahrhundert eine Bemühung gesellschaftsfähig wird, wissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Vieles, was nicht in das meinungsführende Gender-Weltbild passt, lässt sich biologisch sehr einfach erklären. Dass es keinen weiblichen Jack the Ripper oder Mozart gibt. Dass Jungen und Mädchen unabhängig von irgendwelchen erzieherischen Einflüssen unterschiedliche Spielzeuge präferieren. Dass die meisten Mädchen die starken Tatort-Kommissarinnen ignorieren und als Traumberuf "Prinzessin" angeben, während die Jungen ihrerseits überhaupt nicht Conchita Wurst nacheifern, sondern mehrheitlich kraftstrotzende "Superhelden" sein möchten. Dass sich Mädchen eher an kitschigen Disney-Schönheiten orientieren als an Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter. Dass sich weibliche Teenager mit wilder Begeisterung dem eng geschnürten viktorianischen Beauty-Diktat einer Heidi Klum oder Bibi unterwerfen und sich nichts sehnlicher wünschen, als in einer Puppenstube zu leben. Dass Buben ihre Konflikte mit den Fäusten austragen, während Mädchen einander kratzen und an den Haaren reissen. Dass Frauen kreischend auf einen Stuhl springen, wenn eine Maus vorüberhuscht, was Männer überhaupt nicht nachvollziehen können. Dass sämtliche Studien und Erhebungen darauf hinweisen, dass Frauen mächtige und reiche Männer anziehend finden, während Männer lieber selber mächtig und reich sind - und ein Aschenputtel genauso attraktiv finden wie eine Konzernchefin, wenn nicht sogar attraktiver. Und das alles nach 100 Jahren Feminismus? Willkommen in der Realität! Nein, das alles ist keine Frage von Milieueinflüssen oder Erziehung. Wenn jemand auf einer Farbpalette immer dieselbe Farbe aussucht, liegt es bestimmt nicht an der mangelnden Auswahlmöglichkeit. Identifikationsangebote gibt es heute mehr als genug. Mädchen und Jungen könnten sich auch anders orientieren. Könnten! Nur tun sie es eben mehrheitlich nicht. Und warum wohl? Die Wissenschaft kann uns das sehr elegant beantworten. Und nicht einmal besonders dogmatisch. Die biologischen Einflüsse, die sie geltend macht, sind kein Absolutum. Die Natur zeigt immer eine gewisse Variabilität, sie ist nicht normiert, und die geschlechtsspezifischen Verhaltensmuster interagieren (gezwungenermassen) mit sozialen Bedingungen. Auch das kann die Wissenschaft nachweisen. Im wesentlichen aber zeigt sie uns, dass wir nicht frei sind. Wir kommen nicht als weisse Blätter auf die Welt, die beliebig beschriftet werden können. Man kann die Menschen nicht "gendern", damit sie sich "richtig" verhalten. Das Richtige ist immer schon da. Es ist angeboren. Die biologistische Betrachtungsweise erklärt uns die Realität - und macht so manchen Gender-Traum zunichte. Illusionen zu zerstören, ist ein undankbarer Job. Die Wissenschaft erfüllt diesen Job nur allzu gut. Das hat schon damit angefangen, dass sie uns erklärt hat, die Erde sei nicht das Zentrum des Universums - und der Mensch nicht die Krone der Schöpfung. Auch heute noch - und vielleicht mehr denn je - brauchen wir eine "harte" Naturwissenschaft, die mit pseudowissenschaftlichen Illusionen aufräumt, eine Wissenschaft, die nicht einen ideologisch überfrachteten Idealzustand als Masstab nimmt, sondern das reale Fundament, auf dem wir als biologische Lebewesen stehen. Auch wenn es in Sachen Gleichberechtigung sinnvolle Kritikpunkte gibt, zielt das Gemotze der Feministinnen an der Realität vorbei. Wenn es um das Thema "Mann und Frau" oder "Sexualität" geht, hat sich der Feminismus in eine Sackgasse manövriert.

 

Da ist es besser, man hält sich an die Wissenschaft. Biologen, Neurologen und Verhaltensforscher zeigen uns die ungeschminkte Wahrheit: Männer sind testosterongesteuerte Tiere, die nur die Wahl haben zwischen Zirkus und freier Wildbahn, und Frauen sind östrogengesteuerte Schwatzbasen, wovon auch diejenigen hochgeschätzten Exemplare nicht ausgenommen sind, die auf Lehrstühlen für Gender Studies sitzen. An der menschlichen Natur herumzumäkeln, bringt nichts. Sie ist unverbesserlich. Die Natur lässt sich äusserstenfalls zähmen. Ausserstenfalls! Gegen den Strich bürsten lässt sie sich nicht. Wobei diese Zähmung ja schon immer vorhanden gewesen ist. Man nennt sie "Kultur". Wie jede Zähmung funktioniert die Kulturzähmung nur auf der Grundlage von natürlichen Regungen und Interessen. Einen Tiger so abzurichten, dass er sich wie ein Lamm verhält und Gras frisst, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Hilfreich gegen Sexismus ist nicht eine ideologische Bevormundung, die aus Männern Heilige und aus Frauen bessere Männer machen möchte, sondern eine gelebte Kultur des galanten Respekts, der Höflichkeit und der männlichen Courtoisie. Eine Sublimierung, Dämpfung und Abfederung des natürlichen Verhaltens. Nur dumm, dass die Feministinnen solche Tugenden schmähen, wo es nur geht, da sie in ihnen den patriarchalen Ungeist wittern. Das Korsett für die Frau. Diesbezüglich haben sie - wie alle Erben der 68er-Bewegung - das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Wer die kulturellen Einschränkungen entfernt, bekommt nicht Freiheit, sondern Verrohung. Ein Befund, mit dem Sigmund Freud immer noch hoch im Kurs steht. Seine Kulturtheorie erweist sich heute als zutreffender denn je.

 

Es gibt gute Gründe, die Hauptursache von Alltagssexismus nicht in Frauenfeindlichkeit zu sehen, sondern in einem Mangel an Etikette und Schamgefühl, der auch in anderen Bereichen sein Unwesen treibt. Zum Beispiel auch dort, wo sich Feministinnen mit dem Holzhammer empören. Insofern ist der politisch korrekte Puritanismus vielleicht nur die Überreaktion auf ein Problem, von dem er selber infiziert ist. (So würde es wahrscheinlich Freud sehen). Der Mangel an Umgangsformen ist ein allgemeines Phänomen. Wer jemals im Verkauf gearbeitet hat, weiss, wovon ich spreche. Was Boshaftigkeit, Egoismus und Primitivität betrifft, gibt es zwischen Männern und Frauen nur sehr geringe qualitative oder quantitative Unterschiede. Was man allenfalls feststellen kann, ist ein Unterschied in dem, worin sich die Verrohung äussert: bei Männern ist es die Wichtigtuerei - und bei Frauen die manipulative Kleinlichkeit. Was natürlich mit der unterschiedlichen biologischen Ausstattung zusammenhängt. Das sexistische Übel im "bösen weissen Mann" und seiner patriarchalen Rückendeckung zu sehen, greift nicht nur zu kurz, sondern sogar komplett daneben. Die westlich geprägten Männer - die meisten von ihnen - verhalten sich vergleichsweise zivilisiert. Westlich geprägt heisst: durch die Aufklärung und den Feminismus geprägt. In unseren Breitengraden bestreitet niemand, dass Frauen und Männer gleichwertig sind. Strukturell ist da alles im Lot. Bei uns gilt weder die Scharia noch die christliche Morallehre. Jahrhunderte hat es gebraucht, bis wir diesen historisch einmaligen Punkt erreicht haben: eine säkulare Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Wenn sich nun neuerdings Feministinnen schützend vor den Islam stellen, indem sie jede Islamkritik als rassistisch diffamieren und im Einklang mit sunnitischen Fundamentalisten gegen das Kopftuchverbot kämpfen, so installieren sie in der Mitte unserer Gesellschaft ein trojanisches Pferd, das sich früher oder später gegen den Feminismus wenden wird. Die ersten Opfer religiöser Machtansprüche sind immer Frauen.

 

Harmlosen Alltagssexismus als frauenfeindlich zu brandmarken, erscheint ziemlich dumm, wenn man das mal vor dem Hintergrund wirklicher Frauenfeindlichkeit betrachtet. Insofern geraten Feministinnen in eine schlimme Zwickmühle. Da sie in den westlichen Gesellschaften ihre Ziele weitgehend erreicht haben und die massive Frauendiskriminierung in den Migrantenmilieus und den rückständigen Kulturen anderer Erdteile nicht wahrhaben wollen, bleibt ihnen nur die Möglichkeit, auf den "bösen weissen Mann" zu spielen. Was natürlich nicht aufgeht, da der "böse weisse Mann" schon ziemlich feminisiert ist, wie auch die westliche Gesellschaft als Ganzes, die den traditionell weiblichen "Soft Skills" immer stärker den Vorzug gibt, während die "bösen weissen Männer" sich eher lächerlich machen, wenn sie im Hochgefühl ihrer Männlichkeit wilde Stiere zureiten oder jemandem "die Prügel rausschmeissen", wie es der Youtuber und Heavy-Metal-Experte "Drachenlord" so schön formuliert hat. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Buben in der Schule benachteiligt werden. Überhaupt werden Männer nahezu überall herabgesetzt und lächerlich gemacht. In etwa 80 Prozent aller Werbefilme, in denen Interaktionen zwischen Männern und Frauen dargestellt werden, agieren die Männer als Volltrottel. (Was natürlich auch eine biologische Komponente hat, da witzige Männer bei Frauen gut ankommen). Von einer generellen Frauenverachtung kann also keine Rede sein. Im Gegenteil. Unsere Gesellschaft ist stark verweiblicht. Was übrigens ein Indiz dafür ist, dass das Geschlecht eben doch keine Konstruktion ist. Sobald die Frauen den Ton angeben, geht es anders zu. Und doch auch wieder nicht. Denn die Männer sind ja nicht von der Bildfläche verschwunden, und das Pendel tendiert immer zur Mitte. Die nach wie vor bestehende männliche Dominanz in Wirtschaft und Politik kann man deshalb als halb volles oder halb leeres Glas begreifen. Verhandlungsgeschick und Flexibilität sind dort mittlerweilen genauso wichtig wie Dickfelligkeit und Durchsetzungsvermögen. Dass Frauen in unserer hochgetrimmten Kommunikationsgesellschaft benachteiligt sind, kann niemand ernstlich glauben, der jemals mit einer Frau geredet hat. Wenn Frauen etwas können, dann ist es reden. Kein Witz.

 

Dann wäre da noch die Lohnungleichheit. Die existiert tatsächlich. Eins zu Null für die Feministinnen! Doch zu früh gefreut. Ich verderbe ihnen die Freude natürlich nur ungern, aber die Statistiken reden nicht unbedingt vom "bösen weissen Mann", der alle Chefposten besetzt hält. Der Bösewicht heisst nicht "Patriarchat", sondern "Kapitalismus". Um die Lohnungleichheit zu beseitigen oder einzudämmen, müsste man gegen ein System vorgehen, in dem weiblich definierte und von Frauen bevorzugte Tätigkeiten schlecht entlöhnt werden. Was dann eben nicht Frauenpolitik wäre, sondern Marxismus. Im grossen und ganzen (Ausnahmen gibt es immer) verdienen Frauen nicht deshalb weniger, weil sie Frauen sind, sondern weil sie überproportional in Berufen tätig sind, in denen auch Männer schlecht verdienen. Dass Frauen in den Chefetagen hin und wieder ein paar Franken weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, trifft zwar zu, ist aber ein Schein-Problem. Hier wird eine "Diskriminierung Deluxe" vorgeschoben, um die Öffentlichkeit an der Nase herumzuführen. Das Problem liegt nämlich auf einer völlig anderen Ebene. Und dort könnte es für die kapitalismushörigen Gender-Linken richtig heikel werden. Es liegt doch auf der Hand, dass der Kapitalismus die Frauen nicht ausnützt, weil irgendjemand etwas gegen Frauen hätte, sondern weil sich Frauen unter kapitalistischen Gesichtspunkten in besonderem Masse dazu eignen, ausgenützt zu werden. Der Misstand ist nicht ideologisch bedingt, sondern systemisch. Kein Bauer melkt seine Kuh in der Absicht, sie zu "unterdrücken". Aus der Sicht des Bauern ist die Kuh ein wertvolles Nutztier. In den schlecht gestellten und schlecht bezahlten Berufen suchen die Arbeitgeber oft ganz gezielt nach Frauen. "Verkäuferin gesucht", heisst es da etwa. Fast nie heisst es: "Verkäuferin oder Verkäufer gesucht". Der Grund dafür ist recht einfach: Frauen können prima ausgebeutet werden. Das weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich habe über 20 Jahre lang in einem mässig bis mies bezahlten Beruf gearbeitet, Frauenanteil etwa 80 Prozent, und ich kann nun wahrlich nicht behaupten, dass ich dort als Mann irgendwie privilegiert gewesen wäre. Die Ausnützerei geschah ohne Ansehen des Geschlechts, betraf aber vorwiegend Frauen, weil sie in der Mehrheit waren. Und weil viele von ihnen, anders als die jobbenden Studentinnen und Studenten, bei denen der Männer- und Frauenanteil etwa gleich gross war, nicht nur temporär angestellt waren. Im übrigen habe ich dort auch die weibliche Sicht kennengelernt. Ich habe mit Dutzenden von Frauen - direktbetroffenen Frauen - über dieses Thema diskutiert, und es stimmt: Frauen werden systematisch ausgebeutet.  Doch eben nicht  - und das ist der entscheidende Punkt! - auf der Grundlage irgendeiner Benachteiligung Männern gegenüber. Für mich steht schon lange fest, dass der sogenannte Gender pay gap ein Mythos ist - und dass er fast nur Gutverdiener betrifft, bei denen ich wirklich keine Träne vergiessen kann, wenn in einzelnen Fällen Frauen ein bisschen weniger gut verdienen als die gleichgestellten männlichen CEOs. Für die taffen Karrierefrauen, die in ihren Spitzepositionen von den bösen Männern unterdrückt und schikaniert werden, empfinde ich weder Sympathie noch Antipathie. Es ist nur so, dass die meisten Frauen von solchen Problemen überhaupt nicht tangiert werden. Wir befinden uns hier in einer neoliberalen Scheinwelt, im Versailles des 21. Jahrhunderts, wo man sich darüber wundert, dass die Armen keinen Kuchen essen, wenn es ihnen an Brot mangelt. Die  New Yorker Philosophieprofessorin Nancy Fraser spricht in diesem Zusammenhang von der "hegemonialen Krise des progressiven Neoliberalismus". Die progressiven Kräfte eines elitär-liberalen Feminismus, eines gepushten Multikulturalismus und eines grünen Kapitalismus bezeichnet sie als "emanzipatorische Fassade", als "Alibi für die Raubzüge des Kapitals". Nun ist Nancy Fraser natürlich alles andere als ein Bier saufender Wutbürger, der in seinem Schrebergarten gegen den Feminismus stänkert. Wir haben es hier tatsächlich mit einer gewaltigen Schieflage zu tun. Ach, die armen gut verdienenden Frauen! Im monatlichen Schnitt verdienen sie 2.50 Franken weniger als die Kollegen in der gleichen Lohnklasse. Und das bei einem Monatsgehalt von 15'000 Franken! Ach herrjemine! Was für eine Tragödie! Die armen geknechteten Frauen! Aber zurück zur Realität. Ich kenne Frauen, die unter dem Existenzminimum schuften. Und da kräht keine Feministin danach. Oder nur, wenn sich die entsprechenden Daten in eine Gender-Statistik der Lohnungleichheit einbauen lassen. Ansonsten übergeht man dergleichen lieber. Der Job einer Putzfrau oder Fleischwurst-Verkäuferin ist halt nicht unbedingt das ideale Aushängeschild für den Feminismus. Feministinnen - besonders Gender-Feministinnen - setzen sich lieber für Frauen ein, "die es nach oben geschafft haben". Doch das ist eine Minderheit. So wie es auch bei den Männern nur eine Minderheit ist, "die es nach oben geschafft hat". Es stimmt: Frauen verdienen oftmals schlecht. Aber genauso stimmt auch: wenn die Bezahlung mies ist, hat der männliche Kollege mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den gleichen Scheisslohn. Bei den Geringverdienern herrscht Gleichheit, alle verdienen gleich schlecht, und DAS scheint mir der neuralgische Punkt am ganzen Problem. Hier widerspricht sich der Feminismus selbst, weil die schlecht bezahlten Frauen ja eigentlich gar kein Problem darstellen dürften. Sie sind ja nicht diskriminiert. Hier fällt das Gender-Konstrukt in sich zusammen wie ein Kartenhäuschen. Die angemahnte Lohngleichheit zwischen Mann und Frau ist zwar richtig, aber sie ist auch verlogen. Sie dient als Feigenblatt und Ablenkungsmanöver. Wo ist denn der Kapitalismus auch nur im geringsten fair oder gerecht? Kapitalismus beruht nun mal auf Ausbeutung, und das betrifft vor allem Tätigkeiten, in denen die Karrieremöglichkeiten beschränkt sind: Verkäuferjobs, Jobs in der Pflegebranche, in der Hotelbranche, in der Reinigungsbranche, Jobs auf Teilzeit- und Aushilfsbasis etc. Das alles sind Jobs, die zu einem Grossteil von Frauen ausgeübt werden, weil Frauen dem Beruf tendenziell eine andere Bedeutung beimessen als Männer. Keine geringere, aber eine andere. Die Gebärfähigkeit beeinflusst die Prioritäten und die  ganze Lebenshaltung, zum Beispiel auch das Risikoverhalten, das bei Männern (Testosteron!) weitaus stärker entwickelt ist. Der Gender-Klamauk kann hier nicht viel ausrichten. Weil er am falschen Ort ansetzt. Weil er die Illusion nährt, dass eine Frau dank Genderismus nicht Putzfrau oder Fleischwurst-Verkäuferin wird, sondern Generaldirektorin. Als ob das strukturelle Problem in der patriarchalen Gesinnung läge! Oder überhaupt in einer Gesinnung, die völlig losgelöst vom Kapitalismus existiert. Patriarchen gibt es nicht nur im Kapitalismus. Es gibt sie auch bei den Gorillas und den See-Elefanten. Und strukturell (nicht biologisch!) haben wir in den westlichen Gesellschaften schon längst kein Patriarchat mehr. Der feministische Grundirrtum besteht darin, dass man die materielle Realität (= Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau) als das Ergebnis eines unzulänglich gegenderten Bewusstseins interpretiert. Doch schon Marx hat festgestellt, dass nicht das Bewusstsein die materielle Realität erschafft, sondern die materielle Realität das Bewusstsein. Auch bei der Lohnungleichheit müsste man den guten alten Hegel vom Kopf auf die Füsse stellen. Oder wie Brecht es formuliert hat: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Wenn Frauen im Arbeitsleben schlecht wegkommen, liegt das nicht daran, dass sie oder ihre Ausbeuter eine mangelhafte feministische Gesinnung haben. Wenn man an der Lohnungleichheit etwas ändern will, muss man beim System ansetzen. Beim Kapitalismus. Man müsste für mehr Gerechtigkeit sorgen, und zwar nicht nur für Frauen, sondern für alle und jeden. Gerechtigkeit kann nur marxistisch eingelöst werden: ein Bewusstsein, das den Linken - und auch den Feministinnen - weitgehend abhanden gekommen ist. Diese Gesinnung befasst sich mit dem System, das jede andere Gesinnung hervorbringt. Sie begibt sich auf die Meta-Ebene. Und das wäre denn auch die einzige Gesinnung, die etwas ausrichten könnte. Das Bewusstsein der dialektisch-materialistischen Zusammenhänge ist der einzig mögliche Angelpunkt für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern - und letztlich auch der Hebel, der geschlechtsspezifische Stereotypen, die durchaus nicht immer naturbedingt sind, beeinflussen kann. Wo waren im 20. Jahrhundert Frauen und Männer vorbildlich gleichgestellt? Antwort: unter Lenin, Stalin und natürlich in der DDR! In Verkennung dieser Tatsache gerät der Genderismus zu einer Alibi-Veranstaltung von Privilegierten, was den gemässigten Linken zunehmend zum Verhängnis wird. Nicht grundlos stürzen die Sozialdemokraten überall ab. Zum Thema "Klassenkampf" haben sie überhaupt nichts mehr zu sagen. Stattdessen irren sie in einem Spiegellabyrinth potentiell diskriminierter Minderheiten und Sondergruppen umher und verlieren sich in einem moralischen Sektierertum, das mit naiven Selbstüberzeugungsmantras eine heile Welt erschaffen möchte.

 

Im linksliberalen Universum der Diskriminierungen gibt es kein Unten und keine Ränder, keine wirklich unterdrückte Klasse, denn alles ist hier nur noch eine Frage von individuellen Empfindlichkeiten und Etikettierungen, die man pseudowissenschaftlich unterfüttert, um ihnen den Anschein von Objektivität zu geben. So läuft es leider auch im Feminismus. Während die früheren Feministinnen - Hut ab, das waren noch Frauen! - um Grundrechte und gegen verkrustete Konventionen gekämpft haben, erliegen die heutigen Feministinnen allzu oft der infantilen Regression privilegierter Menschen, die es sich leisten können, in Luxusproblemen zu schwelgen. Sexismus? Gendergerechte Sprache? "Woman's March" gegen Donald Trump? Scheiss drauf! Den einfachen Büezer tangiert das nicht. Er muss schauen, dass er seine Rechnungen bezahlen kann. Und ob die Schlafzimmerdebatte für die geringverdienenden Putzfrauen und Pflegerinnen oder die zwangsverheirateten Frauen in Afghanistan besonders hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Was Nancy Fraser als "emanzipatorische Fassade" bezeichnet, ist ein aufklärerisches Projekt, das seine Grundlagen zunehmend verliert, weil es vom Kapitalismus gekapert, instrumentalisiert und korrumpiert worden ist. Im wesentlichen geht es nur noch darum, den Schein zu wahren. Stimmen, die behaupten, die #MeToo-Debatte habe das allgemeine Bewusstsein "nachhaltig" und "tiefgreifend" verändert, bringen die Illusion unfreiwillig auf den Punkt. Eine in ihrer Selbstbestätigungsblase gefangene Elite, bestehend aus JournalistInnen, AkademikerInnen, KulturintendantInnen, Kulturschaffenden und PolitikerInnen, bestimmt, was die Allgemeinheit zu denken und zu empfinden hat. Oder bildet sich das zumindest ein. Bei 99.9 Prozent aller Menschen kommt diese Debatte gar nie an. Weil sie schlicht keine Relevanz hat. Und weil sich das "allgemeine Bewusstsein" nicht verordnen lässt. 

 

Der "sexsüchtige Heinrich mit den sechs Ehefrauen" mag ein fürchterlicher Macho gewesen sein, ein Schürzenjäger und Tyrann. Doch wie wir wissen, ist das nur die halbe Geschichte. Um die schöne Anne Boleyn ehelichen zu können, von der er sich einen männlichen Thronerben versprach, überwarf sich Heinrich mit dem Papst, löste sämtliche Klöster auf und gründete seine eigene Kirche. Alles umsonst! Anne Boleyn bekam nur ein Mädchen. Doch das wurde dann prompt die Königin, die England aus den grössten Krisen herausgeführt und zur Weltmacht aufgebaut hat. Ohne Elizabeth I. wäre die heutige Weltsprache nicht Englisch, sondern Spanisch. Ein Ergebnis guter Gene! Und apropos Gene: unter den Wissenschaftlern, die den Höhlenlöwen klonen wollen, gibt es auch ein paar Frauen, also Wissenschaftlerinnen. Trotzdem steht halt wieder einmal ein Mann im Mittelpunkt. Und am Schluss heisst es, wie so oft: gut gebrüllt, Löwe!

 

2017