Retten wir das Klima!

Die Jugendlichen, das Klima und die Grünen

 

Fragt man die Jugendlichen nach ihren Zukunftsängsten, rangiert der Klimawandel an erster Stelle. Politisches Engagement bedeutet für viele oder die meisten Jugendlichen, dass man "etwas dagegen tut", zum Beispiel auf Autofahren oder Fleisch verzichtet. Das ist verständlich. Die heutigen Umweltsünden müssen diejenigen ausbaden, die das Leben noch vor sich haben, und soweit es um Atommüll, Pestizide, Artenschutz, Landschaftsschutz und weitere Dinge geht, die im normalmenschlichen Einflussbereich liegen, kann man jugendlichen Idealismus nur begrüssen. Ich selber bin mit gutem Beispiel vorangegangen. Voller Idealismus und noch ziemlich grün hinter den Ohren habe ich beim Bund für Naturschutz jahrelang in den heissesten Sommerwochen Trockenmauern gebaut, damit die Eidechsen ein Zuhause haben. Und damit die Landschaften hübsch aussehen. Ausserdem gab es da eine Menge hübscher Naturschützerinnen, mit denen man im nächstgelegenen Naturteich ein Naturbad nehmen konnte.

 

Doch beim Klimaschutz kommt man mit diesem Denken an eine Grenze. Retten wir das Klima! Fangen wir mit einem Lasso den Mond ein! Auf der Basis von Theorien und Modellen die Menschheit retten zu wollen, ist nun wirklich nicht das schlauste Vorhaben. Tatsächlich (daran muss hin und wieder erinnert werden) ist die Klimafrage eine wissenschaftliche Streitfrage, die vieles offen lässt - und offen lassen muss. 66 Prozent aller Klimawissenschaftler relativieren den menschengemachten Klimawandel mit guten Gründen. Und "relativieren" heisst eben nicht "leugnen" oder "negieren". Es heisst, dass man Wahrscheinlichkeiten (Probabilitäten) errechnet. Kein Mensch kann behaupten, dass alle Klimawissenschaftler zum gleichen Resultat kommen, auch wenn der Weltklimarat - das Heilige Offizium der apokalyptisch argumentierenden Klimakirche ("Heiss, heisser am heissesten") - dies pausenlos suggeriert. Wissenschaftliche Theorien und Modelle sind nicht in Stein gemeisselt. Sie sind verhandelbar. Darin liegt ein gewisser Unterschied zu den beiden Steintafeln, die Moses vom Berge Sinai herab gebracht hat. Und darin liegt auch die Diskrepanz zur aktuellen Klima-Debatte, in der man "Klimaleugner" gerne als Gesinnungstäter hinstellt, für die man nur deshalb keinen Scheiterhaufen aufschichtet, weil das Feuer zu viel CO2 freisetzen würde. Klar, nach dem gegenwärtigen Wissensstand ist es so gut wie sicher, dass es einen menschengemachten (oder vom Menschen zumindest beeinflussten) Klimawandel gibt. Was aber nicht heisst, dass jeder kritische Einwand verstummen muss. Hier fängt die Diskussion eigentlich erst so richtig an. Wie kann der Mensch mit seinen mickrigen 3 Prozenten CO2 überhaupt so viel Einfluss auf das Klima haben? Gibt es seriöse Klima-Modelle, die aus politischen Gründen nicht publik werden? (Persönliche Anmerkung: ja, solche Modelle gibt es). Und warum muss eine Klimaerwärmung - egal ob menschengemacht oder nicht - unbedingt als Katastrophe gelten? Ist ein stabiles Klima, das eine Norm vorgeben könnte, einen Richtwert für allfällige Abweichungen, nicht eine Illusion? Was ist denn das "normale" Klima? Was ist hier der Richtwert? Kein Klimaforscher hat das bis jetzt klar definiert. (Persönliche Anmerkung: die Klimaforschung setzt mittels Durchschnittswerten ein erstrebenswertes Klimaziel fest. Auf diese Weise erschwindelt sie eine Konstante. Seriös ist das nicht. Die Konstante c gibt es nur in der Physik). Und wenn es doch so etwas wie ein "normales", hypothetisch konstantes Klima gäbe: dürften Gletscher und Polkappen unter "normalen" Klimabedingungen überhaupt existieren? Sind das nicht die Überbleibsel der letzten, immer noch zurückweichenden Eiszeit? (Eine interessante Theorie!) Und ist eine Klimaerwärmung nicht vielleicht sogar etwas Positives? Wäre eine neue Eiszeit für die Menschheit nicht ungleich katastrophaler? Sämtliche Hochkulturen sind in WARMEN Klimaperioden entstanden, während KALTE Klimaperioden für Hungersnöte und Epidemien gesorgt haben.

 

Doch wie man solche Fragen auch immer beantwortet: den wachsenden Volkswirtschaften in Indien, China und Afrika dürfte es ziemlich egal sein, wenn bei uns ein paar Klima-Spinner heldenhaft an einer CO2-Bilanz herumdoktern, die im globalen Masstab kaum ins Gewicht fällt. Und die man sowieso niemals hinbekommt, weil das ganze Wirtschaftssystem unabänderlich in die andere Richtung läuft: mehr Mobilität, mehr Warentransfer, weitere Transportwege und immer neue "Kurzschluss-Innovationen" wie zum Beispiel Elektroautous, die bei weitem umweltschädlicher produziert und betrieben werden als normale Autos. Diese Realität wie auch den wissenschaftlichen Dissenz ignorieren die Grünen hartnäckig. Wie sie auch die eigene Widersprüchlichkeit ignorieren. Diejenigen, die sich am vehementesten für den Klimaschutz einsetzen, sind in der Regel gutsituiert und können sich ein Umweltgewissen leisten. Daneben geniessen sie natürlich eine unbeschränkte Mobilität (die sprichwörtliche grüne Vielfliegerei) und lassen - durchaus im eigenen Interesse - die einzigen relevanten CO2-Sünder ungeschoren: den internationalen Schiffgüterverkehr und die Bauwirtschaft. Die grossen Klima-Killer gewähren lassen und den kleinen Leuten das Heizen verteuern, was natürlich die Ärmsten am heftigsten trifft: darauf läuft die grüne Politik hinaus. Doch welche Interessen verstecken sich hier? Natürlich Interessen, die mit der Globalisierung einhergehen. Nehmen wir als Beispiel die Bauwirtschaft, und richten wir dabei den Blick auf die Schweizer Politik. Das mit Abstand meiste menschengemachte CO2 entsteht in der Zementindustrie. Darüber reden die Grünen jedoch nicht. Und sie wissen auch genau warum. Im Vorfeld der Abstimmung über die SVP-Initiative "Gegen Masseneinwanderung" sind die Grünen sehr dezidiert für einen künstlich forcierten Bevölkerungszuwachs und infolgedessen auch MEHR Infrastruktur, MEHR Bautätigkeiten und MEHR Zementverbrauch eingetreten. Den Grünen geht es mit Sicherheit nicht um die Einsicht in sozioökologische Zusammenhänge. Ihnen geht es ausschliesslich darum, den kleinen Mann und die kleine Frau in die Pflicht zu nehmen. Es geht um Psychologie. Es geht um die Macht über die Massen. Es geht um Bevormundung: Autofahren böse, Fleischessen böse, Jutesäcke gut, Windkraft gut, Kohlekraft böse etc. etc.

 

Der grüne Moralismus zwingt alles und jedes in das Raster eines leitbildartigen Wohlverhaltens und geht dabei weit über jede nachvollziehbare umweltschützerische Kausalität hinaus. Dadurch beschädigt er das ökologische Hauptanliegen: die Harmonie zwischen Mensch und Natur. Ein Veggie-Day tut nichts zur Sache, wenn der Freihandel und seine lukrativen Fleischimporte nicht bekämpft werden. Den Verbrennungsmotor als Klimakiller zu dämonisieren, ist eine lächerliche Nullnummer, eine Art Sündenbock-Politik, wenn Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden spriessen. Biogemüse ist sinnlos, wenn man die Agrarkonzerne ungeschoren lässt. Natur- und Landschaftsschutz werden hinfällig, wenn man das Mass der Migration nach dem Wirtschaftsdiktat ausrichtet. Und schliesslich das linksgrüne Insistieren auf Political Correctness. Damit ersetzt man keinen Klassenkampf. Die soziale Ungerechtigkeit ist von dorther genau so wenig zu bekämpfen wie die ökologische Schieflage, die man nicht abkoppeln kann vom Neoliberalismus, auf den die Grünen paradoxerweise angewiesen sind, um ihre Machtpolitik durchzusetzen. Klingt verschwurbelt, und das ist es auch. Ein verschwurbelt selbstwidersprüchliches Taktieren. Die grüne Moral verfolgt eine systematische Vermeidungsstrategie. Andererseits ist sie auch ein Herrschaftsinstrument. Und insofern ist sie eine Moral um der Macht willen. Das, was man Moralismus nennt. Moralismus ist ein Herrschaftsanspruch im Namen der Moral. Moralismus instrumentalisiert die Moral, braucht aber selber nicht moralisch zu sein, sondern kann sich im Namen der Moral über die Moral hinwegsetzen: die Logik des Jakobinismus. Darin sind die Grünen derzeit führend. Ihre Moral ist eine Moral der Selbstoptimierung. Wie auch der Selbstangleichung an das bestehende ökonomische Steuerungssystem, das die Grünen für ihre Zwecke übernehmen und perfektionieren. Insofern ist die grüne Moral durch und durch neoliberal. Die Parallelen sind offensichtlich. In beiden Bereichen gilt ein totales Optimierungsgesetz: individuelle Quantitäten (Leistungswerte und moralische Verdienste) werden exzessiv ermittelt und ausgewertet. Man braucht nur den Radio einzuschalten oder irgendeine beliebige Zeitung aufzuschlagen, und schon hört oder liest man das Wort "klimaneutral". Es gibt ein "klimaneutrales" Verhalten. Das Mass aller Dinge ist die "Klimaneutralität". Was davon abweicht, ist "klimaschädlich". Ein lebender Organismus, der Nahrung zu sich nimmt, tendiert grundsätzlich in Richtung "Klimaschädlichkeit". Und hier beginnt eine Abstufung der Wertigkeiten, eine quantifizierbare Moral, durch die man die ganze Lebenswelt in ein biopolitisch verwertbares Raster einfügen kann. 15 Hunde sind etwa so "klimaschädlich" wie ein Mensch. Wohingegen 2 Kinder etwa so "klimaschädlich" sind wie ein Erwachsener. Schäm dich, Mensch! Schämt euch, ihr Erwachsenen! Das eben ist Moralismus: man rechnet alles moralisch gegeneinander auf. Dabei gelingt es den Grünen, dies auch noch als sexy zu verkaufen, indem sie sich der neoliberalen Taktik des Lifeloggings oder Self-Trackings bedienen. Auf einmal vermessen die reuigen Wohlstandsbürger wie wild ihren CO2-Fussabdruck - und bringen ihr Marktverhalten, ihr Superego (das sogenannte Über-Ich) und ihr intimstes Selbst in ein transparentes Leistungs- und Belohnungssystem, das letztlich dem Kapital dient. Dank dem psychologischen Kniff der vorgespiegelten Selbstermächtigung muss man nicht mal Zwang ausüben. Die Menschen optimieren sich freiwillig, wenn auch äusserst zwanghaft, weil der Zwang in der neoliberalen Gesellschaft verinnerlicht wird. Auf diese Weise machen sich die Grünen zur moralischen Wächterinstanz des Neoliberalismus. Ihre Moral ist eine Herrenmoral. Sie vertritt die kapitalistischen Interessen der Herrschenden und Besitzenden. Vom Prinzip her ist sie anti-emanzipativ. Sie will herrschen. Der Einzelne soll als Lebensschüler behandelt werden, dem man das richtige Verhalten anerzieht. Und natürlich auch den Selbstoptimierungsdrang. Und viele Menschen sind froh, wenn man sie diesbezüglich an die Hand nimmt. Denn wer möchte nicht ein guter Mensch sein! Im Öko-Hype reisst sich das liberale Bürgertum fast in Fetzen vor Begeisterung. Auf einmal ist es schick, sich zu kasteien. Tim Bendzkos "Muss nur noch kurz die Welt retten", ein nicht ganz unironischer Song über die Belanglosigkeit des heutigen Heldentums, bringt diese Art der gutbürgerlichen Selbstvergewisserung auf den Punkt. Man tut zweifellos das Richtige, wenn man grün wählt. Man rettet die Welt. Und zwar völlig unironisch, ohne Distanz. Was eben auch heisst, dass man mit der Strömung schwimmt. Und so schwimmen die Grünen obenauf. Ihre mediale Präsenz und die Art und Weise, wie sie den politischen Diskurs dominieren, zeigen fast schon exemplarisch, welche Macht der Moralismus entfalten kann, wenn es ihm gelingt, sich über jede Kritik zu erheben. Wer das Gute will und dies auch lautstark verkündet, steht natürlich von vornherein auf der richtigen Seite. Wer die Welt retten will, kann sich unmöglich irren. Und wer dieser Grundannahme widerspricht, ist dann zwangsläufig ein "Böser", respektive ein Rechtspopulist oder sonst ein Scheusal, weil er sich weigert, die Welt und die Menschheit zu retten. Weil er sich am hehren Ideal versündigt. Auch hier wieder die Logik des Jakobinismus Und wie immer, wenn sich die Moral zum Moralismus steigert, bleibt auch bei den Grünen die Vernunft auf der Strecke.

 

Und letztlich auch die Ökologie. Man zielt auf Kleinigkeiten - und verliert das Ganze aus den Augen. Ob ich für eine Mitgebsel-Tüte 10 Rappen bezahlen muss, ist für die Umwelt wie auch für mein persönliches Umweltbewusstsein völlig egal. Ob ich nach einem Ferienflug eine Woche lang im härenen Büssergewand den schrecklichsten Vegi-Frass in mich hineinstopfe, um meine CO2-Bilanz aufzubessern: völlig egal. Das Klima hält sich mit Garantie nicht an meine Privatbuchhaltung. Und meine Skrupel entspringen wohl eher einer Gehirnwäsche als einem ehrlichen Naturgefühl oder dem Bewusstsein meiner Verantwortung der Umwelt gegenüber. Alles nur Gewissenskosmetik, Mitmach-Theater fürs gemeine Volk. Was wir tun oder lassen, um unsere persönliche Öko-Bilanz zu frisieren, geht nicht über den Schein hinaus. Wir spielen nur ein Theaterstück. Der reuige Wohlstandsbürger tritt in einer Schmierenkomödie auf, um Busse zu tun für seine Umweltsünden. Auf die Bühnenmechanik - das automatisierte oder heimlich gesteuerte System, das diese ganze Öko-Inszenierung vorschiebt, um nicht vom wütenden Mob angegriffen zu werden - haben wir überhaupt keinen Einfluss. Dieses System hält uns gefangen. Und es läuft wie geschmiert. Der Stromverbrauch steigt unvermindert an. Und parallel dazu auch ein Konsum, der an allen Ecken und Enden gepusht wird. Andauernd findet ein "Black Friday" statt. Und in der Zeit, die daneben noch übrig bleibt - zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens, wenn die Ausverkaufsläden geschlossen haben - bestellt man bei Zalando und Co. jeden erdenklichen Klimbim, ohne auch nur einen Gedanken an die Transportwege zu verschwenden. Klimaschutz? Kein Problem. Das kann man andernorts wieder gutmachen. Ich verzichte einfach auf ein paar Flüge, die ich sowieso nicht machen will. Oder nicht machen kann, weil sie ausserhalb meiner finanziellen Möglichkeiten liegen. Dieses Jahr fliege ich zum Beispiel nicht nach Neuseeland, nicht nach Argentinien, und nach Taiwan fliege ich auch nicht. Ist das nicht grossartig? Ein dreifacher Verzicht! Das tut mir gut! Es entlastet mein Gewissen. So kann man aus der Gewissensentlastung eine akrobatische Übung machen. Das ist es, was uns die Grünen beibringen. Doch mit der Akrobatik ist es noch nicht getan. Was die Grünen so stark macht, ist der unfreiwillige dialektische Materialismus ihrer Moral. Die grüne Moral funktioniert nämlich nur ab einem bestimmten Level des Habens und Könnens. Diejenigen, die uns Askese predigen, sind oft auch diejenigen, die auf nichts verzichten müssen. Sie dürfen, aber müssen nicht. Sie können dies und jenes tun, weil es in ihren materiellen Möglichkeiten liegt, und just daraus beziehen sie das Bewusstsein einer moralischen Höherwertigkeit. Wer bei diesem Heimspiel der Privilegierten nicht mitmacht (mitmachen kann oder will), muss belehrt oder bekehrt werden. Einer dialektisch-materialistischen Logik folgt die grüne Moral insofern, als sie ihre Grundlage negiert und verschleiert: die neoliberale Ausbeutung. In einer neoliberalen Gesellschaft nimmt die Ungleichheit zu. Und immer mehr Menschen wären froh, sie könnten sich den Luxus leisten, auf etwas zu verzichten! So gesehen ist der grüne Weg der falsche. Über kurz oder lang führt er in einen Bürgeraufstand. Oder um es etwas altmodischer auszudrücken: in einen Klassenkampf.

 

Wie aber müsste eine grüne Politik aussehen, die nicht nur gerecht, sondern auch nachhaltig wäre? Diese Frage kann ich leider nicht beantworten. Ich bin kein Politiker, und ich sitze auch nicht im Nationalrat, wo man fürs Nachdenken und Klug-Dreinschauen jährlich 100'000 Franken Aufwandsentschädigung erhält. Trotzdem habe ich so ein gewisses politisches Gefühl. Es bezieht sich auf die Handlungsfähigkeit des Staates. Ja, wofür hat man denn einen Staat? Gute Frage. Grundsätzlich bin ich kein Freund von Paragrafen. Der Ruf nach "mehr Staat", mehr Vorschriften und schärferen Gesetzen ist mir eigentlich suspekt. Aber ebenso suspekt ist mir das blinde Vertrauen in Marktmechanismen. Im grünen Neoliberalismus versucht man beides miteinander zu verbinden: ein fataler Irrweg. Aber um auf die Funktion des Staates zurückzukommen. Ich glaube nicht, dass es seine Aufgabe sein kann, das ökologische Wohlverhalten seiner Bürger zu erzwingen. Seine Aufgabe ist es doch eigentlich, die grösstmögliche Freiheit seiner Bürger zu gewährleisten. Klar, Freiheit ist nichts Abstraktes, von allem Losgelöstes. Sie hat immer ein Bezugssystem. Man ist frei in Bezug auf andere Menschen und vor allem in Bezug auf einen Bewegungsraum, einen Lebensraum, eine Umwelt, die es zu schonen gilt. Hier das richtige Mass zu finden, die Mitte zwischen individueller Freiheit und Umweltverträglichkeit, ist meines Erachtens eine Aufgabe, die nur der Staat erfüllen kann. Aber eben nicht dadurch, dass er alles Mögliche und Unmögliche vorschreibt und auf jede noch so kleine Umweltsünde eine Strafgebühr erhebt, damit die Leute sich richtig verhalten. Indem der Staat die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen in tausend Einzelfragen beschneidet, verfehlt er das Ziel, die grösstmögliche Freiheit zu gewährleisten. Der Zwang zum Verzicht, auch Verbot genannt, ist auch deshalb der falsche Weg, weil man damit das Wesen der Ökologie verkennt. Jeder Förster weiss, dass sein Wald nicht Schaden nimmt, wenn hie und da jemand darin herumstapft. Einen Verzicht oder ein Verbot braucht es hier nicht. Stapfen aber täglich Hunderte Leute durch den Wald, sieht die Sache schon ganz anders aus. Die Forderung nach dem "Allheilmittel" des Verzichts, der Einschränkung und der Massregelung lenkt den Blick in die falsche Richtung. Nicht der Verzicht, sondern die Mengenrelation ist es, womit wir uns in der Ökologie zu beschäftigen haben. Würde sich der Staat dazu durchringen, das Bevölkerungswachstum zu regulieren, wäre das zwar noch keine Umweltschutzmassnahme. Aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Hier ist nämlich der archimedische Punkt für ALLE Umweltprobleme. Die ökologische Grundfrage lautet ja immer: wie viel Mensch erträgt die Umwelt? Genau diese Frage wird aber nicht tangiert, wenn man neoliberale Regeln - wie etwa "Wirtschaftswachstum um jeden Preis" - auf die Ökologie überträgt. Und damit den Souverän entmachtet zugunsten neoliberaler Biopolitik oder irgendwelcher Multis, die mit dem Öko-Label ihre Profite vergolden. Die Grünen politisieren im Sinne biopolitischer Reformen, die immer nur das Wohlverhalten des Einzelnen anstreben. Das heisst: seine Zurichtung für den Markt. So wird die Ökologie zum Lockmittel und Schamblatt eines ideologisch und moralisch getrimmten Marktverhaltens, das eben nicht für das richtige Mass sorgt. 

 

Nachhaltige Ökologie funktioniert anders. Sie berücksichtigt das richtige Mass. Ein einzelner Mensch kann auf einer Wiese spazierengehen, ohne diese Wiese zu beschädigen. Bei fünfzig Menschen funktioniert das nicht mehr so gut. Was der Einzelne tut oder nicht tut, hat hier keine Vorrangigkeit. Was er tun oder lassen soll - moralisch oder normativ gesehen - ist ja eigentlich erst die Folge der Menge an Menschen, die man der Wiese zumutet. Entscheidend ist daher die Zahl der Menschen, die die Wiese betreten (dürfen). Auf solche Zusammenhänge kommen die Grünen seltsamerweise nicht. Das Verhältnis oder Missverhältnis zwischen Raum und Menge, das man an einer Wandtafel jedem Primarschüler begreiflich machen könnte, ist für sie das Unbegreifliche schlechthin. Hier hat die grüne Weltsicht einen blinden Fleck. Während die Ecopop-Initianten und fast alle Natur- und Heimatschutzaktivisten, die in den Fussstapfen von Franz Weber unterwegs sind, das Verhältnis oder Missverhältnis von Raum und Menge - oder einfacher gesagt: die lebensräumlichen Relationen - mitbedenken und einkalkulieren, denken die Grünen weitab von solchen Kategorien. Sie denken kapitalistisch: nicht deduktiv, sondern induktiv. Sie setzen beim Einzelnen an, beim einzelnen Individuum, beim einzelnen Produkt, beim einzelnen Kaugummipapierlein, beim einzelnen Weiss-ich-nicht-was, und tasten sich von dort aus, ohne auch nur den geringsten Begriff von einem integralen Ganzen zu haben, in die Nebelwolke eines zukünftigen Utopias vor. Der Mensch ist für sie in erster Linie ein Wirtschaftssubjekt. Und als solches versuchen sie ihn "dranzukriegen". Sie versuchen in seinen Kopf einzudringen, um das ökologisch richtige Verhalten zu steuern. Die Wiese aus meinem Beispiel - eine unberührt blühende Magerwiese - würden sie gemäss ihrer induktiven Logik höchstwahrscheinlich mit einer Öko-Gebühr belegen. Jeder darf die Wiese betreten, sofern er sich von der ökologischen Schuld freikauft. Die Gebühr soll ihn zum richtigen Verhalten erziehen. Wer die Umwelt belastet, soll dafür bezahlen. Aber egal, wie er sich entscheidet, ob für den gebührenpflichtigen Wiesenspaziergang oder den Verzicht: sein Verhalten dient einer strikten Marktlogik. Diese kann rein marktwirtschaftlich sein oder - wie im Neoliberalismus üblich - staatlich gelenkt. Und egal, was die grüne Moral intentiert, letztlich sind es die Reichen, die am meisten davon profitieren. Diejenigen, die sich ein Umweltgewissen leisten können. Für beides - den Verzicht wie auch die gebührenpflichtige Würdigung der naturbelassenen Wiese - braucht man Geld. Wer knapp über die Runden kommt, hat mit Sicherheit kein Interesse an einer Öko-Strafgebühr. Also bleibt er der Wiese fern. Aber eben nicht willentlich, nicht im Sinne eines Verzichts, sondern weil er dazu gezwungen ist. Und hier wird es nun wirklich wunderbar grün. Das heisst: absurd. Wer auf das Betreten der Wiese willentlich verzichtet, kann sich damit brüsten, ein moralisch höherwertiger Mensch zu sein. Und wie das bei denen ankommt, die die Wiese nicht betreten können, weil ihnen das Geld dazu fehlt, kann man sich ja denken! Womit das Mass des Absurden noch lange nicht erschöpft ist. Selbstverständlich haben die Grünen ein Interesse daran, möglichst viele Menschen auf die Wiese zu locken. Öko macht sich bezahlt! Auch wenn es sich hier um den umgekehrt reziproken Fall zu einem ökologisch sinnvollen Tun handelt. Hauptsache, es steht "Öko" drauf. Und so werden die geschäftstüchtigen Grünen wahrscheinlich den Naturschutzaspekt "aus Gründen der Profitabilität" ein Stückweit zurückschrauben - gerade so weit, wie das ökologisch noch zulässig ist - und auf der Wiese ein Karussell und eine Vegi-Würstchenbude aufbauen. Das Ergebnis: eine Öko-Wiesenparty für die Reichen und Privilegierten! Mit sprudelnden Einnahmen! Und einem marktkompatiblen Öko-Ideal, das die Wiese zwar nicht völlig verschandelt, aber das "richtige Mass" dann doch irgendwie strapaziert und die Gesellschaft spaltet. Und Letzteres ist denn auch das Einzige, was man an der grünen Politik als nachhaltig bezeichnen könnte.

 

Der innere Widerspruch dieser Politik liegt auf der Hand. Und nein, eine Umverteilung der Öko-Einnahmen auf die Allgemeinheit beseitigt ihn nicht. Der Zutritt muss limitiert bleiben. Ein Massenauflauf wie in Woodstock würde die Wiese zerstören. Und so bleibt der innere Widerspruch auch dann bestehen, wenn der Neoliberalismus Zugeständnisse an die soziale Gerechtigkeit macht. Den Hebel für einen gesellschaftsverträglichen Naturschutz muss man woanders ansetzen. Der Staat müsste - nötigenfalls über wirtschaftliche Interessen hinweg - Einfluss auf die demografische Entwicklung nehmen. Die scherzhaft abgewandelte Grundfrage wäre: wie viele Menschen passen in einen Schuhkarton? Dass die Bevölkerungsdichte (Populationsdynamik durch Zuwanderung, Geburten etc.) keine Rolle zu spielen hat, wenn es um ökologische Anliegen geht, ist ideologische Augenwischerei. Da erweist sich die grüne Politik als ziemlich ungrün, wenn nicht sogar als betongrau. Man will die schrankenlose Migration, weil man ein guter Mensch ist, der die offenen Grenzen befürwortet. Und weil man natürlich auch die wirtschaftlichen Vorteile des Turbo-Liberalismus erkennt, zumindest für das eigene Portemonnaie. Aber mehr Menschen in einem Raum XY, der nicht vergrössert werden kann, bedeuten dann eben auch auch, dass die Umwelt grösseren Belastungen ausgesetzt ist: mit entsprechenden Abfallbergen und Emissionen und einer Zunahme baulicher Infrastrukturen, die mit Garantie eher grau als grün sind und immer mehr Landschaften verschlingen, verschandeln und zerstückeln. Und so siegt wieder einmal die grüne Moral über die Vernunft. Und letztlich auch über die Ökologie.

 

Dabei wäre Ökologie durchaus eine Sache, die man mit Vernunft betreiben könnte. Tatsächlich gibt es berechtigte Umweltschutzanliegen, und natürlich wäre es sinnvoll, die Verbrennung fossiler Stoffe einzudämmen. Nicht nur aus Klimaschutzgründen. Und hier zeigt sich denn ein weiterer Schwachpunkt im Weltbild der Grünen. Nicht nur, dass sie einem selbstgefälligen Moralismus verfallen sind und mit frischgrünem Übereifer biopolitische und neoliberale Herrschaftstechniken unterstützen und adaptieren. Nun kommt auch noch das Klima hinzu, ein Thema, das an Diffusität und Komplexität kaum zu überbieten ist. Ein Thema, das sich für Fehleinschätzungen, Missverständnisse, melodramatische Rhetorik und quasi-religiöse Überhöhung geradezu anbietet. Mit diesem neuen Angelpunkt grüner Selbstlegitimation entsteht eine fragwürdige Symbolpolitik. Seien wir ehrlich: wer den Anspruch hat, auf der Grundlage irgendwelcher Klimaberechnungen die Menschheit zu retten, ist entweder nicht ganz dicht oder macht Symbolpolitik. In der Praxis und bei Lichte besehen ist die sogenannte Klimapolitik ein massenmedialer Popanz. Die Verengung der Wahrnehmung auf das Klima erzeugt eine politische Themensetzung, die an die Schildbürger erinnert. Selbst die Kuhfürze werden zu einem breit diskutierten Politikum, sobald ein Grüner sie als klimaschädigend einstuft, und so kommt es, dass beim Klimaschutz die Prioritäten oftmals im Bereich des Absurden liegen. Und dass die wirklichen Umweltprobleme aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Dazu gehören auch Bedrohungen und Risiken, die jedes Erderwärmungsszenario in den Schatten stellen. Das Mahnmal der nach wie vor grössten Umweltgefahr kann man in Tschernobyl besichtigen. Klar, da haben wir scheinbar die richtigen Konsequenzen gezogen. Aber eben nur scheinbar. Wenn wir unsere eigenen AKWs abschalten, ist auch DAS dem grünen Moralismus geschuldet: eine trügerische Alibi-Massnahme. Populismus auf unterstem Niveau. Eine Weigerung, reinen Wein einzuschenken und den Tatsachen in die Augen zu blicken. Denn die Abhängigkeit von Atomenergie bleibt unverändert bestehen. Noch immer gibt es keine erneuerbare Energie, die den steigenden Strombedarf zuverlässig, d.h. witterungsunabhängig decken könnte. Und das ist auch der Grund, weshalb weltweit ständig neue AKWs ans Netz gehen. England, Frankreich und Russland übertreffen sich gegenseitig mit der Planung superleistungsfähiger Mammut-Atomkraftwerke. DAS ist die Zukunft. Unterdessen basteln wir an Windrädern herum, in die wir am Ende noch selber hineinpusten müssen, weil der Wind nicht mitmacht. Was aber eigentlich egal ist: unser Strom kommt zum Glück aus der Steckdose.

 

Und auch das dürfen wir nicht vergessen: während die Öffentlichkeit wie gebannt aufs Klima schaut, stellen sich die Atommächte in aller Heimlichkeit neu auf. Die nuklearen Waffenbestände sind bald wieder auf dem Stand des Kalten Kriegs. Und kein Mensch spricht darüber! Angesichts der immer noch lauernden Risiken durch Atomenergie und Atomwaffen ist die Klimaerwärmung ein Pappenstiel. Dass die Bauern am Vierwaldstättersee bald schon Bananen und Mangos anbauen müssen, weil die Kühe die Hitze nicht mehr ertragen, ist hier wahrscheinlich das kleinere Übel. Diese Feststellung mag ketzerisch sein. Aber zynisch ist sie nicht. Selbstverständlich sind die Auswirkungen des Klimawandels dramatisch. Und viele Menschen (und nicht nur Kühe!) leiden darunter - oder werden noch darunter leiden. Doch dem ansteigenden Meeresspiegel kann man ausweichen. Dem tauenden Permafrost kann man geeignete Sicherheitsmassnahmen entgegensetzen. Neue Klimazonen entstehen, neue Umweltbedingungen, neue Lebensverhältnisse. Der Mensch ist extrem anpassungsfähig. In Grönland wird man in ein paar Jahren oder Jahrzehnten eine üppige Landwirtschaft betreiben können, weil die Wärme in den bislang unfruchtbaren Böden viele Mineralstoffe freisetzt, und die Grönländischen Fischer machen jetzt schon täglich Freudensprünge und bedanken sich beim CO2 für die vielen Thunfische, die es ihnen beschert. Und Grönland ist nur ein klitzekleines Beispiel: auch bei uns - und sogar viel weiter südlich - werden die Menschen vom Klimawandel profitieren können. Sie werden freudig überrascht sein! Und das Gleiche gilt auch für die Pflanzen und Tiere. Wenn die Eisbären aussterben, freuen sich die Braunbären. Und wenn die Weisstannen eingehen, wachsen dafür die Kastanien umso besser. Abgesehen von solchen klimatischen Verschiebungen bedeutet mehr CO2 vor allem eines: mehr Pflanzenwachstum. CO2 hat einen Düngeeffekt.

 

Eine atomare Verseuchung ist ein ganz anderes Kaliber. Hier gibt es keine Anpassung. Hier gibt es nur Tod und Verwüstung. Und hier ist das Wort "Katastrophe", das die Grünen so leichtfertig verwenden, um ihre Klimapolitik zu verkaufen, auf einmal angemessen. Die ehemaligen Kernkraft-Gegner und Eidechsen-Schützer können gar nicht dick genug auftragen, wenn es um das Klima geht. Und das Klima bestimmt mittlerweilen fast die ganze politische Agenda, nicht nur bei den Grünen. Diese Monothematik hat etwas Opportunistisches. Sie riecht nach Massenverdummung. Was umso bedenklicher ist, als da auch eine gute Portion Grössenwahn mitspielt. Das grösste Menschheitsproblem! Hört, hört! Damit lässt sich gut einheizen! Nur zu dumm, dass es auch noch andere Probleme gibt! Wo protestieren die Grünen eigentlich noch gegen Überbauungen? War das nicht mal ein grünes Kernanliegen? Und wenn wir schon bei den Gretchenfragen sind: könnten die vielen Überschwemmungen der letzten Jahrzehnte nicht vielleicht etwas mit den versiegelten Böden zu tun haben? Aber nein: es ist das Klima!

 

Allerdings steckt da nicht einfach nur Blödheit dahinter - oder grüne Naivität. Entgegen ihrem Image sind die Grünen keineswegs auf den Kopf gefallen. Das Klima ist das ideale Steuerungsinstrument, ein politisches Allzweckmittel, das vor allem dazu dient, einen Gesellschaftsumbau im Sinne der globalistischen Eliten voranzutreiben. Kein Grüner wagt es, die Globalisierung anzutasten, respektive die eigene Privilegierung. Will sagen: die Grünen, die man fälschlicherweise oft als Linke darstellt, verfolgen eine knallharte Oberklassen-Agenda. Mehr als jede andere Partei politisieren die Grünen für die EU, die durch ihre Freihandelspolitik die Zerstörung der Amazonas-Regenwälder mitzuverantworten hat, für offene Grenzen, die den Freihandel durch Wirtschaftsmigration ergänzen, für den undurchsichtigen Handel mit Emissionsrechten, für neoliberale Klientelpolitik auf dem Buckel der Geringverdiener, für mehr Mobilität durch internationale Vernetzung, für staatlich oder EU-mässig alimentierte Eliten, die das alles promoten, etc. etc. Und hier zeigt sich auch das Ausmass der Scheinkämpfe, die auf der Bühne der "Klimarettung" ausgetragen werden. Das Ganze ist ein einziges Alibi-Spektakel. Wo immer ein Grüner "Klimapolitik" propagiert, haben wir es mit dem Auftritt eines Luftgitarristen zu tun, der sich zum jaulenden Feedback der angezupften Saiten ekstatisch verrenkt, aber eigentlich gar nicht wirklich Gitarre spielt. Und das betrifft nicht nur den Umgang mit dem Klima. Alles, was gesellschaftspolitisch begrünt wird, bekommt diesen leicht kindischen Alibi-Charakter. Die Monothematik der Klimaerwärmung ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Oder besser gesagt: das Zugpferd. Während andere Natur- oder Umweltthemen zusehends an den Rand gedrängt werden, übernimmt die grüne Politik viele Bereiche, die man eigentlich als bunt bezeichnen müsste. Wenn nicht sogar als "kunterbunt". Die Grünen kämpfen für eine "offene Gesellschaft". Was immer das auch ist. Jedenfalls ist es etwas, das auch die Liberalen und Neoliberalen wollen. Und natürlich vor allem auch die Linken, die eigentlich fast nur noch im Windschatten der Grünen politisieren, als schlechte Öko-Kopie mit ein bisschen Rosarot.

 

Irgendetwas läuft hier gründlich schief. Was ist denn eigentlich noch grün, wenn grün für alles Mögliche und Unmögliche steht? Klar, grün ist zum Beispiel Kermit der Frosch. Und die spitzhütige Hexe in "The Wizard of Oz". Und grün ist auch die Heide in einem deutschen Heimatfilm, der nicht zufällig den Titel "Grün ist die Heide" trägt. Die Apotheken haben ein grünes Kreuz, woran man sie schon von weitem erkennt, und wenn man im Restaurant einen grünen Salat bestellt, weiss der Kellner genau, was das ist, und bringt dann auch tatsächlich einen grünen Salat. Doch was bekomme ich, wenn ich grün wähle? Bekomme ich dann auch wirklich etwas Grünes? Bekomme ich dann nicht meistens etwas Rotes, Gelbes, Violettes oder sogar Blaues? Genau deshalb wähle ich schon lange nicht mehr grün. Schon seit Jahren ist es mit dieser Farbbestimmung nicht mehr so weit her. Wenn ich eine Wundertüte möchte, gehe ich zum Kiosk. Wir, die Ökos alter Schule, die Balkongärtner und Fischmadenzüchter, die Vogelstimmenlauscher und Igelretter, die Wurmkompostierer und Reisigbesenwischer, wir wissen schon längst, dass sich die Grünen in ihrem Buntheitsbestreben verrannt haben. Schuster bleib bei deinen Leisten! Die Grünen sollten sich radikal auf ihre Farbe zurückbesinnen. Sie sollten sich nur noch mit Fröschen, Eidechsen und Magerwiesen beschäftigen. Oder sagen wir: mit Natur. Mit dem, was kreucht und fleucht oder grünt und blüht. Und bitte nicht mit dem Klima! Das Klima sollte für die Grünen tabu sein. Wie auch die Moral, soweit sie sich nicht aufs Recycling bezieht. Du sollst die Senftuben vom Abfall trennen. Soweit ist der kategorische Imperativ der Grünen noch ganz in Ordnung. Doch das Klima schützen! Das Klima retten! Das ist etwas für Bekloppte! Die ideologische Verquickung von Klima und Moral ist wohl das Bekloppteste, was die Grünen jemals propagiert haben. Wo man hinschaut: Bekloppte, die das Klima retten wollen. Oh wären die Grünen doch bei ihren Gräslein und Würzlein geblieben! Alles, was nicht mit der Natur oder der Umwelt in der allernächsten Umgebung zu tun hat, führt bei den Grünen in die Irre. Oder ins ideologische Irrenhaus. 

 

Angesichts der "Klimakatastrophe" ist die heutige Jugend den machtbewussten Volkspädagogen schutzlos ausgeliefert, und das ist die eigentliche Katastrophe. Hier droht die eigentliche Gefahr. Eine grüne Politisierung der Jugend wäre schlimm; fast noch schlimmer als eine Verführung durch den softigen Neoliberalismus, den Operation Libero propagiert. Müssen wir am Ende gar froh sein, dass das grosse politische Engagement bei den Jungen ausbleibt? Nicht auszudenken, wenn da plötzlich ein politischer Wille um sich greifen würde, ein Fanatismus des Alles-oder-nichts! Aber seien wir gnädig! Sie hat es nicht leicht, diese Jugend. Ihre Situation ist hochgradig schizophren. Einerseits verdankt sie der rücksichtslosen Wirtschaft einen Wohlstand ohnegleichen. Andererseits schmelzen die Polkappen: also muss man dringend etwas tun und tanzt - mangels vernünftiger Optionen - den Schalmeienklängen einer rührend idealistischen Weltrettungsphantasie hinterher. Der grüne Romantizismus kommt bei den Jungen an: wieder einmal. Man ist grün, und grün ist hip, nicht unbedingt politisch, aber als Lifestyle. So kann man das noch akzeptieren. Ein bisschen grün sind wir alle einmal gewesen, sogar die Vernünftigsten unter uns. Vielleicht ist das der Hesse-Effekt. Den gab es schon zu meiner Zeit. Nur hat man sich damals noch mit der Rettung von Eidechsen begnügt. Und ich meine: das war schon anstrengend genug. Hätte ich damals auch noch die Welt retten müssen, so hätte ich wohl heute noch Muskelkater. Damals hat man noch etwas geschützt, das man sehen und anfassen kann: vor der eigenen Haustüre, im eigenen Land, im Naturteich eines Hochmoors und in den schönen Bergen. Ansonsten hat die Jugend das gemacht, was sie am besten kann: Drogen nehmen, Alkohol saufen, falsche Entscheidungen treffen, bei Rot über die Kreuzung fahren, dämlichen Idealen hinterherlaufen und sich masslos überschätzen. Das kann die Jugend gut. Darin liegt etwas zeitlos Genialisches, das Sturm-und-Drang-Potential, das schon den jungen Schiller beflügelt hat, als er "Die Räuber" schrieb. Mit diesem Potential kann man alles Mögliche anstellen, zum Beispiel ein geniales literarisches Erstlingswerk oder einen bahnbrechenden Rocksong wie "Smells Like Teen Spirit" schreiben. Aber die Welt retten kann man damit nicht. 

 

2014