Trump ist Trumpf

 

"Die befremdliche Pointe ist, dass einige der Wahlversprechen von Donald Trump exakt einer linken Agenda entsprechen. Seine Ankündigung, die Arbeitsvisa für die USA deutlich restriktiver zu bewilligen, hat vor allem bei den Internetkonzernen aus Kalifornien zu einem Aufschrei geführt. Die Doppelmoral dieses Aufschreis muss die Linke verstehen, damit sie sich nicht immer wieder durch moralische Panik für die Interessen des Kapitals einspannen lässt."

 

Bernd Stegemann, Das Gespenst des Populismus, 2017

 

 

Donald Trump ist ein Phänomen. Ein psychologisches Phänomen. Nicht unbedingt im Hinblick auf seine Persönlichkeit, so exzentrisch die auch sein mag, sondern vor allem im Hinblick auf die Art von Resonanz, die er bei seinen Verächtern und Sympathisanten auslöst. Mehr noch als sein Geprotze mit Statussymbolen ist es seine Wortwahl, was ihn beim linksliberalen Establishment so verhasst macht. Er schert sich nicht um die richtige Gesinnung, und im Fachbereich "Diplomatie" hat er sein Diplom wahrscheinlich bei den Vandalen gemacht. Wenn Trump als lächerlich, dumm oder böse hingestellt wird, dann meistens nur deshalb, weil er gewisse Empfindlichkeiten verletzt. Weil er das Geschwurbel politisch korrekter Gesinnungshuberei mit einem "Fuck you" beantwortet. Und genau dieses Verhalten ist der Grund dafür, weshalb er bei einer breiten Bevölkerungsschicht so gut ankommt - und weshalb ihn jede Kritik und Herabsetzung nur noch stärker macht. Der hat einen eigenen Kopf! Endlich mal ein Politiker, der sich getraut, ein authentisches und gnadenlos unsympathisches Arschloch zu sein! Und vermutlich macht er das nicht mal absichtlich! Er kann gar nicht anders! Und genau das spricht für ihn. Lieber ein aufrichtiger Kotzbrocken als ein heuchlerischer Gutmensch! Dass er damit nicht nur die Linken, sondern auch die neoliberalen Kapitalisten und Kapitalistinnen gegen sich aufbringt, sollte einem schon ein wenig zu denken geben. Und so gibt es denn auch tatsächlich Linke, die Trump sympathisch finden, zumindest sympathischer als Hillary Clinton, und diese Linken - wen wundert's - kommen hauptsächlich aus dem marxistischen Lager. Trump hat, wenn auch unfreiwillig, sehr viele ultralinke Wähler gewonnen. Als Bernie Sanders aus Rücksicht auf Hillary Clinton aus dem Rennen schied, war das für viele Ultralinke eine Katastrophe. Denn die Kriegstreiberin, Systemopportunistin und Wallstreet-Freundin Hillary Clinton ist so ziemlich das Letzte, was ein Linker wählen kann, wenn er wirklich links ist. Was blieb also übrig? Immerhin hat sich Trump in seinen Wahlreden deutlich gegen den systemischen Neoliberalismus der neulinken Globalisierungselite gestellt. Seine kapitalistische Logik - soweit sie sich überhaupt politisch artikuliert - ist keine neoliberale, sondern eine protektionistische. Das lässt doch hoffen! Ausserdem ist Trump als Unternehmer und Selbstdarsteller ein genau kalkulierter Witz. Mit Sicherheit ist Trump schlauer als diejenigen, die ihn für dumm oder grössenwahnsinnig halten. Er setzt geradezu darauf, dass man ihn unterschätzt. Zu dieser Taktik trägt auch seine Selbstironie bei, die vor nichts zurückschreckt - und die wahrscheinlich mit Trumps Sternzeichen zu tun hat: er ist ein typischer Zwilling. Das heisst: man kommt ihm einfach nicht bei. Seine Lügen sind derart offensichtlich, dass man sie nicht einmal richtig entlarven kann, und in seinem plumpen Protz-Verhalten eines neureichen Emporkömmlings ist er derart primitiv, dass man ihn schon fast als raffinierte Entlarvung seiner selbst empfindet. Wie auch als Entlarvung dessen, wofür dieser Präsident eigentlich steht: die Dummheit des Kapitals. Eine Dummheit, die an ihrer eigenen Logik gemessen dann doch wieder sehr intelligent ist. Bei Trump passt das irgendwie alles zusammen. Er ist die lebendige Karikatur seiner selbst, ein selbstreferentielles Monstrum, und als solches geniesst er bei Systemfeinden auf beiden Seiten des politischen Spektrums einen gewissen Kredit. Für die einen ist er derjenige, der das verkrustete Establishment angreift, und für die anderen ist er derjenige, der den neoliberalen Kapitalismus protektionistisch verhunzt. Als Trumps Wahlsieg feststand, habe ich auf dem Schreibtisch getanzt vor Freude. Oder besser gesagt: vor Schadenfreude. Nicht nur weil ich eine Wette gewonnen habe. Oder weil meine Einschätzung Trumps als eines Jokers - der Joker ist die "wilde Karte" ohne Eigenwert, die alle anderen Karten auszustechen vermag - bestätigt worden ist. Die Sache ist vielmehr die: wenn jemand den Kapitalismus endgültig desavouieren kann, dann ist es Trump. Und besonders desavouiert er die linksliberalen Kapitalisten, die Möchtegern-Linken. Für sie ist Trump die Hassfigur schlechthin, weil er sie als Heuchler entlarvt - und ihr Gutmenschentum als schöne Fassade, die bloss dazu dient, den Neoliberalismus zu legitimieren. Trump selbst hat diesen Umstand in einer Rede präzise auf den Punkt gebracht: "Wohlhabende Politiker und Spender drängen auf offene Grenzen und leben ihr Leben hinter Mauern, Toren und Wachen." Der linksliberale Hass auf Trump ist ziemlich albern und selbstentlarvend: vor allem in moralischer Hinsicht. Angesichts dessen, dass Obama den Friedensnobelpreis bekommen hat, müsste man Trump eigentlich heilig sprechen. Dass Trump kein Kriegstreiber ist und eher auf gute Deals als auf Killerdrohnen und militärische Einschüchterungen setzt, unterscheidet ihn von einer ganzen Reihe seiner Vorgänger, egal ob Demokraten oder Republikaner. Aber das zählt für die sonst so pazifistischen linksliberalen "Fake-news-Medien" anscheinend nicht. 

 

Trumps Erfolg ist ein Erfolg mit Ansage. Trump ist der Johnny Rotten der Politik, der personifizierte Stinkefinger. Die Punkbewegung der Siebzigerjahre war die unflätige Antwort auf Margaret Thatcher. Und so ist auch der Trumpismus zu verstehen. Er ist das, was dabei herauskommt, wenn Leute wie Obama oder Merkel die Weltpolitik bestimmen. Dass eine neoliberale Politik mit linkem Übergewändchen an ihren Widersprüchen scheitern muss, ist mittlerweilen ein feuilletonistisches Dauerthema. Abgezeichnet hat sich das schon 2008, nach dem Crash der Finanzmärkte, als in einem noch nie gekannten Ausmass Vermögenswerte von Arm nach Reich umgeschichtet worden sind. Gleichzeitig hat die hausgemachte europäische Finanzkrise die Kleinen bluten lassen, während sich die Grossen mit politischer Rückendeckung saniert, wenn nicht sogar bereichert haben. Vor dem Hintergrund dieser ökonomischen und moralischen Weltkrise, die nicht nur die freie Marktwirtschaft, sondern auch die supranationale Lenkung der Weltwirtschaft betrifft, hat sich die Identitätspolitik als ideologische Regulierung von oben fest etabliert: eine verordnungssüchtige "Schutzraum-Politik", die eng mit dem Neoliberalismus und der Globalisierung verzahnt ist. In diese "Schutzraum-Politik" einer neulinken Gesinnungshegemonie poltert nun Trump hinein wie ein Dinosaurier, der ein Kaffeekränzchen stört. Er ist die Nemesis der linksliberalen Globalisierung, die Quittung für einen Realitätsverlust, den man lange Zeit mit einer trügerischen Selbstgewissheit übertüncht hat. Natürlich ist Trump kein Robin Hood, der alles besser oder gerechter macht. Er macht es lediglich anders. Er macht es wie ein Trampeltier. Er trampelt durchs Weisse Haus und auf allen möglichen Empfindlichkeiten und Tabus herum. Eigentlich müsste man da genügend Angriffsfläche finden. Doch Fehlanzeige! Nichts und niemand hält ihn auf oder bringt ihn zu Fall: kein Impeachment-Antrag und keine Russland-Ermittlung. So schlau wie Trump ist nur einer: nämlich Trump selber. Seine Gegner laufen hektisch ins Leere, anstatt ihre Wahlniederlage zu akzeptieren. Immerhin ist das ganze Trump-Theater mal etwas Anderes, eine weltpolitische Betriebsstörung, die man durchaus positiv sehen kann, selbst wenn man diesen Präsidenten für eine Fehlbesetzung hält. Das wirtschaftliche und ideologische Konstrukt einer neoliberalen Globalisierung wird durch Trump empfindlich gestört. Und ich meine: verdientermassen.

 

2017