Der Maler am Berg

Der Kunstmaler Seppli hadert mit der Kunst, obwohl er ein kantonales Atelierstipendium erhalten hat. In seinem  Bergatelier unternimmt er jeden erdenklichen Versuch, die Bilder zu malen, die er malen sollte. Eine Kunstproduktion im Angesicht des Scheiterns.

 

 

"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." Karl Valentin

 

"Was ist Malerei? Man macht den ersten Pinselstrich, und schon ist die Leinwand versaut."  Varlin

 

Bald ist Silvester, hat Seppli am Telefon gesagt, dann läuten wieder überall die Glocken, und man ist gezwungen, sich mit einem spitzigen Hütchen auf dem Kopf auf das neue Jahr zu freuen. Vielleicht hast du ja noch nichts vor, und es fällt dir ganz spontan ein, mich besuchen zu kommen... Seine Stimme hat geklungen, als spräche er durch eine Mullbinde hindurch. Aber ja, habe ich gesagt - und eigentlich das Gegenteil gedacht. Das ist eine gute Idee, Seppli, habe ich gesagt. Ich werde dich total spontan und unaufgefordert besuchen kommen. Es wird eine tolle Überraschung für dich werden, aus den Schuhen wird es dich hauen, verlass dich drauf. Ich werde unangemeldet an deiner Tür erscheinen - und dir ein Überraschungsgeschenk überreichen, zum Beispiel den Brieföffner aus Antilopenhorn, den du dir schon immer gewünscht hast. Silvester bei dir am Berg, wo es, wenn es im Flachland schneit, gleich doppelt schneit, ist durchaus ein Ereignis, das ich unter keinen Umständen verpassen möchte. Ich liebe Schnee, vor allem wenn er sich meterhoch auftürmt und anhäuft, und wenn du dich auch durch niemanden und kein Argument dazu bewegen lässt, deine Bilderproduktion anzukurbeln, so bin ich doch zuversichtlich, dass du in den nächsten Tagen oder Wochen endlich damit anfängst, die Bilder zu malen, die ich auf deiner Staffelei sehen möchte. Wunschdenken? Von mir aus. Ich wünsche mir einiges. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass du dich hinter deine Aufgabe klemmst. Du bist Maler, Seppli. Auch deswegen werde ich dich besuchen kommen: um dich an deine Malerei zu erinnern.

 

Silvester in einem Künstleratelier in Schindboden, denke ich jetzt, während ich im Zug durch die watteweich verschneiten Voralpen fahre, das verspricht ein krachendes Ereignis zu werden. Aber eigentlich könnte ich gut darauf verzichten. Ich kenne Sepplis Situation zur Genüge. Seine Kunst muss sich der Künstler erarbeiten. Das gilt auch für Seppli, für ihn besonders, da er noch ganz am Anfang seines Schaffens steht. Während des Kunsthochschulstudiums haben wir ein Atelier geteilt. Wir haben viel diskutiert, und vor lauter Diskutieren sind wir kaum zum Malen gekommen. Nach dem Studium hat er an der Kunst festgehalten, während ich mich der Logistik zugewendet habe. Wir sind in Kontakt geblieben. Nach einigen erfolglosen Anläufen hat er in seinem Heimatkanton ein Atelierstipendium ergattert, hat nun endlich etwas erreicht, freilich etwas Äusserliches und Ungenügendes. Was ihm dumpf bewusst ist. Dass er sich noch keineswegs in die Riege der hochwertig und produktiv malenden Maler hinaufgearbeitet hat, belastet ihn, obwohl es das eigentlich gar nicht sollte. Die Anfangshypothek, noch nichts erreicht zu haben, ist beileibe nichts Schlimmes. Ganz im Gegenteil. Auch die Grossen haben mal klein angefangen. Für Seppli kein Trost, geschweige denn ein Ansporn. Er spürt, dass ihm etwas fehlt. Etwas Entscheidendes. Was? Zum Beispiel Fleiss. Zum Beispiel Willenskraft. Eine kantonale Kunstkommission hat ihm Anerkennung gezollt, etwas Unerhörtes ist geschehen, und Seppli, der dann doch nicht auf dem Boden schlafen möchte, wenn er ein Federbett geschenkt bekommt, hat das Angebot selbstverständlich angenommen. Wie jeden Künstler drängt es auch Seppli an die Öffentlichkeit. Er will ausstellen und einen eigenen Katalog drucken lassen. Die Druckerei hat er sich schon ausgesucht, es ist die renommierte Offsetdruckerei Aschwander & Cie von Udligenswil, links vom Usego-Laden im Dorfzentrum, die Offerte steht. Gestalten will er den Katalog selber. Er will das selber in die Hand nehmen, hat er doch vor Jahren eine Ausbildung zum Grafiker absolviert, und zwar in Venedig, in einem von Küchenabluft geschwängerten Atelier über dem Canale Grande. Was ihm jetzt noch fehlt, sind die Bilder. Ja, die Bilder. Über die fehlenden Bilder legt sich Seppli täglich Rechenschaft ab. Es quält ihn, dass sich die Bilder, die er malen möchte, nicht von selber malen. Ich arbeite doch hart, rechtfertigt er sich, die ganze Zeit arbeite ich wie ein Verrückter... Da hat er allerdings unrecht. Zum Arbeiten hat Seppli gar keine Zeit. Er ist anderweitig beschäftigt. Die allergewöhnlichsten Alltagsverrichtungen belegen ihn rund um die Uhr mit Beschlag. Seit er am Berg wohnt, im kantonalen Bergatelier mit Aussicht auf den Säntis, den Pilatus, den Oberalpstock und den Titlis, ist der Alltag für Seppli ein Unternehmen, in das er sich immer tiefer und leidenschaftlicher verstrickt. Er macht tausend Sachen und macht doch nichts. So gibt er sich den Anschein, die Gunst der Stunde zu nutzen, wo er doch eigentlich nur herumtrödelt und das Malen verschleppt. Er sieht sich als fleissig und zielstrebig, und das geräumige Atelier verpflichtet ihn, die Geräumigkeit auch zu nutzen; doch irgendwie klappt es dann noch nicht mit dem Malen, und das Atelier bleibt ungenutzt. Beispiel: stundenlang geht Seppli im Kreis herum. Auf dem grosszügig bemessenen Massivholzparkett zwischen Wand und Wand oder Tür und Wand oder Wand und Tür dreht er seine stumpfsinnigen Runden, und solange er geht und seine Runden dreht, hält er den Glauben an sich aufrecht. Und mit dem Glauben auch den Zweifel. Wer glaubt, zweifelt auch. Das Unvermögen, mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen, nagt an Seppli, seit er in sein Atelier eingezogen ist. Ja, ja, ich arbeite, beteuert Seppli am Telefon. Ja, ja, ich arbeite wie verrückt... Wie ein Verrückter... In Wirklichkeit ist Sepplis Arbeitseifer irgendwo verdunstet, in einer guten Absicht vielleicht, in einem Planungsstadium. Was er die ganze Zeit treibt, hat eher mit Aufwärmübungen als mit Arbeit zu tun. Was an sich ja gar nicht so schlecht wäre. Er bereitet sich auf eine grosse Aufgabe vor. Das ist löblich. Das ist schön. Doch schaut man genauer hin, erhält man ein ganz anderes Bild, und leider kein gemaltes. Im Vorfeld seiner Malerei entwickelt Seppli eine Unrast, die so tut, als hätte sie ein Ziel, obwohl sie es unablässig verfehlt. Wenn er nicht gerade Notvorräte bunkert, berechnet er Leinwandgrössen und überlegt, wie er sich vor der Staffelei positionieren muss, damit er keinen Haltungsschaden bekommt. Tagelang zerbricht er sich den Kopf darüber, ob er beim Malen sitzen oder stehen soll. Und während er sich den Kopf darüber zerbricht, stapft er wie ein Sträfling auf den handgehobelten Holzlatten des Atelierbodens herum, von einer Wand zur anderen, von einer Wand zur anderen. Die Schritte dringen zu mir durch. Ich höre sie beim Telefonieren. Wenn ich mit Seppli telefoniere, höre ich immer diese schweren, unruhigen Schritte, mit denen Seppli durch sein Atelier stapft, ein Knarren und Knarzen wie von einem Föhnsturm, der durch einen Bergwald fegt. Man hört förmlich, wie sich die Baumstämme verbiegen, wie sie aus der Form geraten, ohne umzukippen, zähes, widerständiges Holz, das dem Föhnsturm trotzt. So hört es sich an, wenn Seppli nicht arbeitet.

 

Arbeit. Das Wort lässt sich verdünnen und ausdehnen, bis es auf fast jede Tätigkeit anwendbar ist. Bis es auch dort zur Geltung kommt, wo es beim besten Willen nichts zu suchen hat. Arbeiten wir an unserer Beziehung, sagt zum Beispiel ein Ehepaar. Und dann wird gehobelt und gebohrt, man mischt Mörtel und klatscht ihn sich gegenseitig ins Gesicht. Die Beziehung ist also etwas, an dem man arbeiten kann, idealerweise zu zweit. Aber man kann auch an sich selbst arbeiten. Ich arbeite an mir, sagt jemand, der sich in eine Psychotherapie begibt, um irgendetwas durch- oder aufzuarbeiten. Es ist ein Ziel, das viele Menschen verfolgen, die mit sich und ihrem Leben nicht im Reinen sind, das Ziel, etwas Sinnvolles aus dem Leben zu machen - oder überhaupt etwas aus dem Leben zu machen. Millionen und Abermillionen Menschen arbeiten an sich oder ihren Beziehungen, und das Ergebnis spricht für sich. Die Menschen reden sich ein, sie hätten ihr Schicksal in der Hand. Dabei sind sie vielleicht nur Marionetten, bei denen irgendein Beleuchtungstrick die Fäden zum Verschwinden gebracht hat. Und du Seppli, was würdest du wählen, wenn du die Wahl hättest? habe ich Seppli am Telefon gefragt. Die Vervollkommnung deiner Kunst oder ein glückliches Leben? - Habe ich denn die Wahl? hat Seppli zurückgefragt. Bin ich denn jemals vor eine Entscheidung gestellt worden? Bin ich denn nicht ungefragt, was ich bin? Mache ich denn auch nur eine Sekunde lang etwas anderes als das, was ich machen muss? Ich male Bilder, weil das meine Bestimmung ist. Von Glück kann keine Rede sein. Und auch nicht von Unglück. Und auch nicht von einem Wettrennen um irgendeinen Meistertitel. Kunst ist etwas, das man macht, und dann funktioniert es irgendwie. Oder auch nicht. Der Maulwurf gräbt seine Gänge. Der Vogel baut sein Nest. Der Biber baut seine Burg. Und ich male meine Bilder. Macht es mich glücklich? Macht es mich unglücklich? Keine Ahnung. Ich weiss nur, dass ich mache, was ich mache. Und dass es viel Arbeit macht, was ich mache, ich arbeite mich ab am Machen und mache mir eine Menge Arbeit, und das ist mühsam, weil es sein muss, und es ist auch schön, weil es nicht jedem zufällt. Mir ist es nun mal zugefallen, und das macht mich auch ein wenig stolz. Das Atelierstipendium ist sowohl Privileg als auch Last. Nicht umsonst liegt das Atelier an einem steilen Berghang. In der Sprache der Einheimischen nennt man das "Stotz". Der Stotz ist stotzig, was so viel heisst wie: mühselig steil. Wann immer ich im Tal gewesen bin, um meine Vorräte aufzustocken, und danach schwer beladen mit Ravioli-Dosen den Stotz hinaufkeuche, kommt mir wieder zu Bewusstsein, dass ich mir mein Atelierstipendium sauer verdienen muss. Es ist stotzig. Dass es aber auch etwas Schönes ist, dieses Atelierstipendium, so wie der Berg, an dem das Atelier erbaut worden ist, ein Berg mit Aussicht auf die rundum liegenden Berge, aber auch ein Berg, den man mühsam besteigen muss, um diese Aussicht überhaupt geniessen zu können. Zweimal wöchentlich gehe ich im Tal unten einkaufen, und zweimal wöchentlich keuche ich den Stotz hinauf. Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, denke ich manchmal, wenn ich auf halber Höhe zwischen Tal und Atelier kurz stehenbleibe, um Atem zu schöpfen und die Aussicht auf die gegenüberliegende Bergkette zu geniessen - und auf die darüber hinausragende Bergkette dahinter, die ihrerseits von noch höheren Bergen überragt wird. Schon auf halber Höhe zwischen Tal und Atelier ist die Bergaussicht derart beeindruckend, dass man beim Aufstieg unwillkürlich stehenbleibt. Man ist überwältigt. Man muss das in sich aufnehmen. Und man muss sich Zeit lassen, damit es sich setzen kann. Schauen braucht Zeit. An dieser Stelle am Berg - im Bannwald klafft hier eine Schneise, die man mit Stützverbauungen vor Lawinen gesichert hat - kreuzt eine Fahrstrasse den Aufstiegsweg, und dort hatte ich einmal eine Begegnung, die mir als kurioser Vorfall im Gedächtnis geblieben ist. Die Fahrstrasse ist auch eine Reitstrasse. Und einmal trabten da zwei Freizeitreiter hoch zu Ross an mir vorüber, während ich am Strassenrand auf die Berge starrte. Ich zuckte erschrocken zusammen. In meiner Gedankenverlorenheit - ich war ganz in die Bergaussicht versunken gewesen - hatte ich die Hufgeräusche überhört. Einer der Reiter drehte sich im Sattel nach mir um. Er lachte über meine Reaktion. Nur keine Angst! rief er mir zu. Die Pferde sind harmlos. Es sind Pflanzenfresser.

 

Zum Mittag- und Nachtessen gibt es bei Seppli Ravioli aus der Dose. Am liebsten hat er die Füllung mit Pferdefleisch. Wenn Seppli das Pferdefleisch erwähnt, redet er wie ein Feinschmecker, der weiss, was gut ist. Dabei sind es ja nur Ravioli. Mit Schmiersauce übergossene Teigtäschchen mit Schlachtereiabfällen. Ihm ist vollkommen klar, dass er mit seiner Kunst niemals genügend Geld verdienen wird, um auch nur halbwegs anständig davon leben zu können. Wer Künstler werden will, muss sich frühzeitig mit Ravioli anfreunden. Und natürlich auch mit dem Dosenöffner. Ob Seppli deswegen den Rank nicht findet? Seit er sein Atelier bezogen hat, zermürbt ihn eine innere und äussere Ruhelosigkeit. Es ist, als hätte ihm die Berghöhe das Eigengewicht genommen, das Selbstverständliche des Könnens und Wollens, das einen Menschen dazu befähigt, seine Aufgaben wahrzunehmen. Was unternimmt Seppli dagegen? Wie versucht er das Chaos zu bändigen? Ganz einfach. Er bemüht sich um Disziplin, er praktiziert praktisches Denken. Ich bin recht unkompliziert, behauptet er. Beim Duschen behalte ich immer die Schuhe an. Die Füsse wasche ich separat. Da ich unverheiratet bin, brauche ich keine Rücksichten zu nehmen. Das hat seine Vorteile. Unbeweibt, wie ich bin, kann ich mein Leben so weit wie möglich vereinfachen und die alltagsüblichen, in der Beziehung zwischen Mann und Frau unweigerlich auftretenden Umstandsorgien vermeiden. Zum Beispiel kann ich mit schmutzigen Schuhen ins Bett gehen, ohne dass jemand reklamiert... Seppli weiss sehr wohl, dass er Künstler ist. Und weil dies weitherum niemand so sicher weiss wie er, spricht er gerne über die allgemeine Kunstignoranz. Als Künstler habe ich ein gewisses Können, das mich von der Masse abhebt, hat Seppli am Telefon behauptet. Wer schon ausser mir kann so malen wie ich? Niemand! Mein Farbauftrag ist unnachahmlich, meine Pinselführung würde jeden Fälscher vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellen, und meine Pigmentmischungen, die ich endlosen Tüfteleien verdanke, sind mir oft selbst ein Rätsel. Wie hat er das bloss gemacht? fragen sich die Leute, wenn ich ihnen ausnahmsweise einen Blick auf meine Bilder gestatte. Wie habe ich das bloss gemacht? frage ich mich oftmals selber, wenn ich ein Bild fertig habe und es im Garten an einen Baum hänge, um es bei Sonnenlicht zu betrachten. Entgegen allen Behauptungen ist der Malvorgang mit dem fertigen Bild noch überhaupt nicht abgeschlossen. Im Kopf drin malt es weiter... Im Kopf drin malt es weiter, denn der Kopf hat keinen Abschaltknopf. Das Malen ist ein Automatismus wie die Atmung oder der Herzschlag. Da ist kein Platz für Selbstzergliederung. Entweder man malt oder man malt nicht, und wenn man sich zergliedert, weil man nicht malt, untersucht man eigentlich immer nur das, was abwesend ist, ein Phantom. Über das Malen nachdenken kann ich nur, wenn ich nicht male, wenn sich die Distanz zwischen mir und der Malerei so weit gefestigt hat, dass ich die Malerei als etwas von mir Abgetrenntes begreifen kann. Dann aber ist die Malerei bloss noch ein Phantom, und die Malerei, die ich wirklich erlebe und ausübe, hat nicht die geringste Ähnlichkeit damit. Was ich über das Malen sage und denke, ist völlig unerheblich. Ich könnte nichts darüber sagen und denken, ich könnte als der grösste Hohlkopf herumlaufen und trotzdem ein guter Maler sein. Das Malen kommt nicht aus dem Sachverstand des Kunstverständigen. Es kommt aus dem Räuberversteck. Oder direkt aus Honolulu. Wenn ich das Malen erklären soll, gerate ich in eine Erklärungsnot, die mich sprachlos machen würde, könnte ich sie nicht durch einen Seitenblick auf die Biologie ein bisschen abschwächen. Wie ist es möglich, frage ich mich, dass mein Körper seine komplizierten Stoffwechselvorgänge abwickelt, ohne meinen Willen einzuschalten? Ohne mein Bewusstsein in diese Vorgänge einzuweihen? Ich weiss es nicht. Mein Bewusstsein hat nichts damit zu tun. Es ist das falsche Auskunftsbüro. Auch für das Malen hat es keine Erklärung parat. Ich male nicht, weil ich das will, sondern ich will malen, weil es in mir die ganze Zeit schon malt, schon immer gemalt hat. Es wäre töricht von mir, das Malen als beschämende Vergeblichkeit zu betrachten, nur weil ich im Moment kein Bild male. Was ist denn schon ein Bild? Nur die allergrössten Kunstbanausen hängen ein Bild an die Wand, um die Wand zu verschönern. Schade um die Wand! Die Bilder sind nebensächlich. Man müsste sie in die Luft hängen, ins Nichts, wo sie tatsächlich hingehören. Geht es beim Malen etwa darum, Bilder herzustellen? Das meint auch nur, wer vom Malen keine Ahnung hat. Wenn ich male, zerstöre ich das Bild, das ich malen könnte, weil das Bild, das ich malen könnte, nie und nimmer mit dem Bild zusammenfällt, das beim Malen tatsächlich entsteht. Somit ist das Malen auch ein Vorgang der Bildvernichtung. Was ein Maler mit seiner Malerei betreibt, ist die pure bildnerische Destruktion: Vandalismus in Gelb, Rot, Blau, Schwarz und Weiss. Und andererseits, wenn ich nicht male, male ich dann tatsächlich nicht? Das meint auch nur, wer vom Malen keine Ahnung hat. Wenn ich nicht male, male ich zwar kein Bild und befinde mich als Maler im Schlafzustand, im Wartebetrieb, aber ich gebe mir damit wenigstens die Chance, bald oder in naher Zukunft ein Bild zu malen, das besser ist als das Bild, das ich malen würde, wenn ich mir diese Chance vorenthalten würde. Verstehst du?

 

Ich verstehe das. Manchmal ist die Aufmerksamkeit herabgesetzt und das Interesse gering, dann will einem einfach nichts gelingen. Dann hilft es auch nichts, dass man mit dem Kopf durch die Wand will. Vielleicht muss Seppli das Malen vorübergehend ruhen lassen, es gibt ja schliesslich noch andere Beschäftigungen für einen Künstler. Beschäftigungen, die weniger anstrengend sind. Vor kurzem hat Seppli das Zeichnen entdeckt. Zeichnen könnte mich aus meiner Stagnation erlösen, hat Seppli am Telefon gesagt. Zeichnen ist Glukose für das Künstlerblut. Eine Frischzellenkur. Weil es Kopf und Hand nicht trennt, sondern zu einem einzigen Impuls vereinigt. Wie bei einer Zen-Übung ist das Zeichnen ein Methode des Zu-sich-selbst-Kommens in der absichtslosen Konzentration, ein lebendiges Pulsieren zwischen Yin und Yang, zwischen Auslassung und Strich, Ruhe und Fluss, Leere und Fülle. Beim Zeichnen fühle ich eine Energie, die direkt in den Strich fliesst, vom Kopf zur Hand und über den Stift in den Strich, wie wenn das alles am Stück wäre, und ich brauche den Strich weder zu denken noch zu lenken, er findet seinen Weg von alleine, ganz flüssig läuft er aus mir heraus und aufs Papier, jede bewusste Lenkung könnte ihn verwirren und zerstören, weshalb es vor allem darauf ankommt, ihn nicht bemeistern zu wollen. Es gilt, die Kontrolle abzugeben und den Ruhepunkt, aus dem der Strich herausfliesst, zu erhalten. Beim Zeichnen bin ich ganz bei mir selbst. Sofern ich mich nicht anstrenge. Jede Anstrengung würde den Strich vermurksen und eine Verkrampfung verursachen, der man den Krampf ansieht. Indem ich einfach draufloszeichne, bleibe ich dran und im inneren Gleichgewicht. Eine beglückende Erfahrung. Wie beim Velofahren oder Seiltanzen ist es die Bewegung, die das Gleichgewicht erhält, eine Bewegung, die nicht über sich selbst nachsinnen darf. Nun, ich möchte zeichnen. Ich möchte eine Frau zeichnen, die auf einem Stuhl sitzt. Ein richtiges Modell muss her, ein schönes Modell mit einer nicht zu kurzen Frisur und nicht zu grossen Füssen. Und ihre Bluse muss hübsch drapiert sein, faltig wie eine Schneelandschaft, und diese Frau muss natürlich im richtigen Licht sitzen, als Erscheinung sozusagen.

 

In der näheren oder weiteren Umgebung des Bergateliers eine Frau zu finden, die bereit wäre, stundenlang mit drapierter Bluse auf einem Stuhl und im richtigen Licht zu sitzen, dürfte allerdings gar nicht so einfach sein. Die Bergbevölkerung hat in der Regel anderes zu tun, als einem dahergelaufenen Künstler Modell zu sitzen. Seppli weiss das, und es bedrückt ihn. Ein bisschen gezeichnet hat er trotzdem, und zwar nach der Natur. In einem freistehenden Stall in der Nähe seines Ateliers überwintert eine Ziege, mit der sich Seppli angefreundet hat. Sieh an, habe ich zu ihm gesagt, Träume werden wahr... So ist es, hat Seppli gesagt, ohne auf meine Ironie einzugehen. Sicherheitshalber wollte ich wissen, ob das eine richtige Ziege sei. Ja, eine richtige Ziege mit vier Beinen und zwei neckischen kleinen Hörnchen, hat Seppli daraufhin gesagt. Und sie komme ihm wie gerufen. Sie heisse Meggy. Sie habe ein wunderschönes weisses Fell, und sie fresse ihm aus der Hand. Eine Superziege! Ihr Besitzer, der Bio-Bauer Madöri, der das Atelier verwalte, habe ihm freien Zutritt gewährt... An dieser Stelle hörte ich ein Rascheln von Papier. Seppli kramte vermutlich in seinen Zeichnungsblättern. Dann fuhr er fort: ich darf dort ein- und ausgehen. Zu jeder Tageszeit. Ein Glücksfall für meine Kunst! Meggy ist ein kluges und geduldiges Tier. Beim Zeichnen hält sie still, als wüsste sie Bescheid. Und ob du's glaubst oder nicht: alle Ziegen-Zeichnungen, die ich bis jetzt gemacht habe, sind bereits in Madöris Besitz. Stapelweise hat er mir die Zeichnungen abgekauft. Einfach so. Mehrere Hundert Franken hat er hingeblättert, einfach so, aus seinen schmutzigen Cordhosen hat er die Scheine gezogen, aus dem Bauernbankomaten sozusagen, und es scheint mir sonnenklar, dass er nur deswegen so viel hingeblättert hat, weil auf den Zeichnungen seine Ziege abgebildet ist. Hätte ich eine andere Ziege gezeichnet, zum Beispiel die Ziege des Nachbarn, eines gewissen Hans Stöffli, den Madöri als “zugewanderten Fötzel” bezeichnet, so würde Madöri niemals soviel Geld locker gemacht haben. Mit ziemlichem Behagen hat er sich auch meine früheren Arbeiten angeschaut. Er hat sie für gut befunden, für “brauchbar”, und nachher, du glaubst es nicht, hat er mich zu einem gediegenen Nachtessen nach Schindboden eingeladen, irgendwas mit Kutteln, ich habe tüchtig reingehauen. Da siehst du es wieder, wir sind voller Vorurteile. Die meisten Bergler stehen der Kunst gar nicht so banausisch gegenüber, wie wir immer denken. Sie lassen auch Künstler gelten, die nicht so akurat malen und zeichnen wie Albert Anker. Madöri hat mir einen Bärendienst erwiesen, nicht nur als Geldgeber und Mäzen. Er hat mich auch künstlerisch gefördert. Dank seiner Ziege habe ich den Zeichner in mir entdeckt, und der Zeichner in mir hat die Ziege entdeckt, und die Ziege ihrerseits hat mein Brot entdeckt. Sooft ich ihr einen Brotbrocken zuwerfe, schnappt sie ihn freudig meckernd und lässt ihn mit einem backenausstülpenden Käuen und Malmen zwischen ihren Zähnen zerkrachen.

 

Seppli zeichnet. Er zeichnet redlich und gut. Aber letztlich ist das nicht so seine Sache. Es ist nur eine Verlegenheitslösung. Neben dem Zeichnen bleibt alles, wie es ist. Seppli versäumt sich im gleichförmigen Tagesablauf des Nichts- oder Wenigtuns, kocht Ravioli auf einem Minikocher und mischt - wahrscheinlich in derselben Pfanne, in der er seine Ravioli kocht - pflanzliche und mineralische Pigmente mit Harz und Eigelb, woraus Farben entstehen, die durch die Lufttrocknung sehr schnell unbrauchbar werden. Sobald Seppli die Farben parat hat, kommt etwas dazwischen und das Malen verzögert sich um ein weiteres Mal, und meistens vergisst er dann die Einweckgläser zuzuschrauben, in die er die Farben abgefüllt hat. Und so geht der Alltag im Bergatelier seinen Gang: mit leeren Leinwänden und eingetrockneten Farben. Und natürlich ist das nicht Faulenzerei und schon gar nicht wenig oder nichts. Es ist eine interessante Situation. Mich nimmt wunder, wie es bei Seppli aussieht. Ich möchte sehen, womit sich ein Künstler in seinem Atelier beschäftigt, wenn er nicht malt. Mich interessiert auch die Vorgeschichte des Malens, die Mühsal der Selbstmotivation. Das Forschen und Suchen in einer Phase, in der noch kein einziger Pinselstrich getan ist. Die Bildlosigkeit, mit der sich Seppli abmüht, regt meine Phantasie an. Ich sehe sie bildlich vor mir, diese Bildlosigkeit, sie inspiriert mich. Seppli, der Maler, betätigt sich bildnerisch und malt doch kein einziges Bild. Ein interessanter Ansatz, kratzt er doch am herkömmlichen Werkbegriff. Die Leinwände bleiben leer, die Bildschätze ungehoben. Dies und das und jenes behindere ihn und verzögere das Malen, hat Seppli am Telefon gequengelt, er könne nicht stillsitzen oder stillstehen und sich konzentrieren, weil ihn dies und das und jenes mit Beschlag belege, ja, vermutlich sei er hochgradig abgelenkt, permanent auf dem falschen Sender. Aber was noch schlimmer sei: er brüte innerlich über das Malen und mache es herunter... Ja Seppli, das ist nun mal so, wenn ein Maler malen möchte, dann plagen ihn Zweifel. Und weil er nicht loskommt von seinen Zweifeln, verheddert er sich in maltechnischen Zurüstungen. Und weil er sich in maltechnischen Zurüstungen verheddert, kommt er nicht zum Malen. Und weil er nicht zum Malen kommt, treiben ihn berechtigte Zweifel um. Nicht dass ich Seppli nicht gut zugeredet hätte. Ich habe es versucht. Als Mensch, habe ich gesagt, bist du von vornherein entschuldigt. Es ist anstrengend, Mensch zu sein. Kaftraubend. Es ist fast nicht zumutbar, und trotzdem müssen wir das erdulden. Ja Seppli, mit deinem beschränkten Körper und deinem stupiden Geist lebst du in einer Welt der ausgedehntesten Wirklichkeit. Scheitern ist keine Schande. Es ist menschlich. Es ist das, was uns die Wirklichkeit auferlegt. Die Wirklichkeit ist riesig und unberechenbar, und wir sind ein Nichts, das sich in seiner Nichtigkeit verliert. Egal, was wir anstellen: es ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Was uns aber nicht davon abhalten sollte, dem Scheitern die Stirn zu bieten. Nicht um es abzuwenden oder abzuschwächen. Wenn man denn schon scheitern muss, sollte man wenigstens so virtuos wie möglich scheitern. Auf die Fresse fliegen wir sowieso. Es liegt jedoch an uns, aber wir das mit einem Salto Mortale tun oder wie Schaufensterpuppen, die einfach nur umfallen.

 

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, hat einst Karl Valentin gesagt, und das Gleiche sagt auch Seppli, der diesen Spruch gepachtet hat, um damit die selbstauferlegte Mühsal des künstlerischen Arbeitens zu rechtfertigen. Das Zitat bezieht sich auf die schmutzige und handfeste Wirklichkeit der Kunst, die sogenannte Kunstpraxis. Hier geschieht das Eigentliche. Hier wird zubereitet und angerührt, was auf die Leinwand kommt. Hier wird die Leinwand bearbeitet, bis sie unter dem Farbauftrag verschwunden ist. Bietet sich die Gelegenheit, einen Maler zu besuchen, besser gesagt einen Kunstmaler, so ist das ein Glücksfall. Das Atelier eines Malers ist zwar keine Dunkelkammer, im Gegenteil, was sich darin entwickelt, entwickelt sich in natürlicher Sichtbarkeit, im vollen Tageslicht. Doch andererseits haben Atelier und Dunkelkammer auch einiges gemeinsam. Zum Beispiel unterliegen sie ähnlichen Zutrittsbeschränkungen. Besucher sind nicht unbedingt erwünscht. Wird man dennoch eingelassen, betritt man eine Zone, in der man nichts zu suchen hat, wo unerklärliche Dinge geschehen und jeder Handgriff ein bisschen geheimnistuerisch wirkt. Die Künstler fördern diesen Eindruck ja nach Kräften. Sie werden grantig, wenn man ihnen über die Schulter schaut, und noch grantiger werden sie, wenn man, anstatt schön brav auf Abstand zu bleiben, wo man als Kunstliebhaber eigentlich hingehört, den Kopf mitten in die Leinwand hineinstösst, um auf die andere Seite blicken. Wenn man, anstatt den Mund zu halten, ein sogenanntes Werkgespräch zu führen versucht. Damit stört man den Arbeitsfluss des Künstlers, beeinträchtigt sein Schaffen und macht sich zum Vollidioten. Aber auch ohne dieses Fehlverhalten dürfte es manchem Kunstliebhaber schwerfallen, mit Künstlern ins Gespräch zu kommen. Notwendigerweise auf die Leinwand fixiert, die sie bearbeiten, verschmähen sie den zwischenmenschlichen Kontakt und halten die Geselligkeit, dieses perfide Druckmittel der Gesellschaft, so weit wie möglich von sich fern. Das Misstrauen der Künstler jenen gegenüber, die ihnen auf die Schliche kommen wollen, ist berechtigt und muss in jedem Fall respektiert werden. Wenn man darauf verzichtet, die Künstler zu bedrängen, und sich ihnen gegenüber nicht als Kunstliebhaber aufspielt, sondern bescheiden daran festhält, dass man im Grunde genommen von Kunst überhaupt nichts versteht, so ist dies vielleicht der erste Schritt zu einem erspriesslichen Miteinander. Künstler möchten nicht, dass man sich um Verständnis bemüht. Wir brauchen euer Verständnis nicht, sagen die Künstler, sagt auch Seppli. Wir sind keine Straftäter, die man verstehen muss. Wir haben keine schwierige Kindheit gehabt... Im sogenannten Kunstverständnis sehen die Künstler das Gegenteil von Kunst, und im sogenannten Kunstliebhaber sehen nichts als einen Kunstschwätzer, der ihnen wohlmeinend dreinredet, obwohl er von Kunst etwa so viel Ahnung hat wie ein Elefant von Porzellan. Den Kunstliebhaber und seinen Gemeinsinn halten die Künstler von sich fern, indem sie das Atelier verriegeln und sich benehmen wie Schiffbrüchige, die auf einer einsamen Insel Kokosnüsse aufklopfen. Aber man braucht doch Menschen um sich herum! sagt man den Künstlern. Man braucht doch den zwischenmenschlichen Kontakt, den Gesprächsaustausch und das Mitmachen im Gemeinschaftlichen, um sich nicht einsam zu fühlen! Und die Künstler antworten: einen Scheiss braucht man. Einsamkeit ist lediglich ein anderes Wort für Produktivität.

 

Ein Schwätzer bin ich nicht. Und ich bedränge auch keine Künstler. Nur in einem Punkt bin ich schrecklich ordinär: ich interessiere mich für Kunst. Und für Künstler interessiere ich mich ausschliesslich deswegen, weil sie die Kunst herstellen. Die menschliche Seite der Künstler interessiert mich weniger. Nichts Dümmeres als Künstlerbiografien. Als Menschen sind Künstler, ich muss es leider sagen, überhaupt nicht erwähnenswert. Wenn ich Seppli am Telefon habe, würde ich am liebsten aufhängen. Mach du deine Kunst, sage ich ihm, mach du deine Kunst, und zwar kommentarlos. Hör auf, mir auf die Nerven zu gehen mit deinem Altweibergequengel. Hör auf, durch dein Atelier zu wackeln mit deinem Gespucke und deinen Kopfkratzgeräuschen, während du mit mir telefonierst. Hör auf, die handgehobelten Massivholzlatten des Atelierbodens mit deinen Schritten zu bearbeiten, während du in den Telefonhörer hineinspuckst. Alles Menschliche an dir ist irgendwie peinlich. Es ist unnötig und ungehörig. Wenn Künstler nicht arbeiten, sollte man sie mit Äther betäuben, damit sie nicht noch auf die Idee kommen, eine Lebensäusserungen von sich zu geben. Künstler sollten Kunst machen und sonst nichts. Vor allem sollten sie ihre Zeit nicht mit Telefonieren vertrödeln und ihre Umwelt belästigen mit Quengeleien. Künstler, die nicht arbeiten, sind die schlimmsten Jammersäcke, und sie jammern zu Recht, denn sie sind einfach nichts wert! Ja Seppli, ich sage dir auf den Kopf zu, dass du, solange du jammerst, an der Sache vorbeigehst. Erst wenn du aufhörst mit Jammern, wirst du auf die Sache zugehen, die uns beiden so wichtig ist, nämlich die Kunst.

 

Wir werden zusammen Silvester und Neujahr feiern. Doch was heisst hier feiern? Die Situation ist ernst. Wir feiern, um nicht trübsinnig zu werden. Zu feiern gibt es nichts, - es sei denn, wir sehen grosszügig darüber hinweg, dass Sepplis Atelieraufenthalt mit einem dramatischen Zuwachs an Sorgen verbunden ist. Diese Sorgen müssen wir in Alkohol ertränken, denn dafür sind Sorgen schliesslich da. Nur mit Alkohol können wir uns dazu bringen, Sepplis Atelieraufenthalt als Chance zu feiern. Gratuliere, Seppli, du hast es geschafft. Endlich hast du ein Atelier und bist auf dem Sprung, ein anerkannter Künstler zu werden. Du wirst gefördert, man flösst dir die Opiumtropfen des Erfolgs ein und setzt dir ein Papierkrönchen auf den Kopf wie am Dreikönigstag. Für die Dauer deines Atelieraufenthalts darfst du im Rampenlicht stehen und Kunst machen, dass sich die Balken biegen. Du geniesst das Vertrauen von Kunstexperten, die dich empfehlen und anpreisen, so wie sie auch sich selber empfehlen und anpreisen, und so lernst du Menschen kennen, Kunstliebhaber, die es gut mit dir meinen und deinen Bekanntheitsgrad zu steigern vermögen. Sie stellen dich aus, sie portieren dich als Künstler, nennen dich aber nicht Künstler, weil das viel zu altbacken und vielleicht auch zu unseriös klingt, Künstler, das klingt ja fast wie Gaukler; offiziell bist du ein Kunstschaffender, also jemand, der sein Einkommen ordnungsgemäss versteuert und seinen Beruf nicht zu verstecken braucht. Beruf? Ja, tatsächlich, es ist ein vollgültiger Beruf. In der Eidgenössischen Berufsregistratur befindet sich der Kunstschaffende direkt vor dem Kunststoffsachbearbeiter. Man hat dich quasi geadelt und zur Vertrauensperson erhoben, als Kunstschaffender schaffst du Vertrauen in die Kunst und vor allem auch in deine Förderer, und so wirst du erleben, dass man dir von allen Seiten hofiert, weil du, so die offizielle Verlautbarung, das kulturelle Leben der Region bereicherst und aufwertest. Ja, die Kunstförderer und Kunstliebhaber werden deine Nähe suchen wie die Motten das Licht, und sie werden über deine Witze lachen, über die niemals zuvor jemand gelacht hat. Wir, deine Freunde, kennen ja deine Witze zur Genüge, und deshalb distanzieren wir uns von dir, bevor es in deinem Umkreis quasi obligatorisch wird, über deine albernen und geschmacklosen Witze zu lachen. Diese Leute, die Kunstförderer und Kunstliebhaber, werden sich nicht zu schade sein, mit dir gleichzuziehen, keine Gelegenheit werden sie auslassen, über deine Witze zu lachen. Schon jetzt schmeicheln sie dir mit Vorbedacht. Sie kalkulieren bereits deinen Erfolg, sie hoffen, dass der Wetterfrosch das Erfolgsleiterchen hochklettern wird. Sie machen dich zu ihrem Spekulationsobjekt. Sie, diese Leute, die du mit deinen albernen und geschmacklosen Witzen zum Lachen bringen wirst, geben dir Vorschusslorbeeren, denn sie lieben es, ein Talent zu entdecken, es "gross rauszubringen". Sie tätscheln dir von oben den Kopf. Aber bald schon wirst du sie überragen! Sie werden deine Ausstellung besuchen und dir die Hand schütteln, als würdest du zu ihnen gehören. Denn das haben die einflussreichen und kunstliebenden Menschen so an sich: sie brauchen die Kunst, um sich in ihr zu verwirklichen. Und mit den Künstlern gehen sie eine oberflächliche Komplizenschaft ein, um sich selber einen Hauch von Künstlertum zu geben. Von sich selber sind sie natürlich sehr eingenommen. Sie halten sich für kultiviert und verstehen sich auf modische Attitüden, auf schöne Kleider und tolle Frisuren. Auf schöne Dinge reagieren sie mit kribbliger Bewunderung, es spielt dann auch fast gar keine Rolle, worum es sich handelt: eine Bachkandate gilt ihnen gleich viel wie eine hübsch bemalte Zuckerdose. Kultur ist für sie eine Dienstleistung, die das Bedürfnis nach schönen Sachen und Sächelchen befriedigt, und in den Kunstwerken sehen sie etwas, das den Mehrwert des blossen Schönseins besitzt, ohne sich im Gegenstandslosen zu verflüchtigen. Kunstwerke sind für sie Sachen, wertvolle Sachen natürlich, und Bilder sehen sie nicht einfach nur als Bilder, sondern als etwas Handfestes zum Aufhängen. Mit Bildern verschönern sie ihr Interieur. Das Wort Interieur ist denn auch eines ihrer Lieblingswörter. Überhaupt stehen sie auf Fremdwörter, die man durch die Nase oder im Kehlkopf aussprechen muss, und es macht sich für jeden Künstler bezahlt, wenn er seine Bilder mit englischen oder französischen Titeln versieht. Hauptsache hip oder schick. Hauptsache durch die französische Nase oder den englischen Kehlkopf. Das gibt dir diesen Hauch von Weltläufigkeit, ohne den du im Kunstbetrieb sofort als Irrenhauskünstler abgestempelt bist, oder schlimmer noch: als malende Hausfrau. Du kannst malen, wie du willst und was du willst: mit den Bildern allein erreichst du noch nichts, mit den Bildern allein machst du dich höchstens zum Bettler und handelst dir ein Imageproblem ein. Es braucht schon sehr viele Zutaten, damit die Kunst als solche gewürdigt wird. Zum Beispiel Information. Zum Beispiel Kontakte. Das gesellschaftliche Drumherum, das Geschwätz, die Wichtigtuerei. Fast mehr noch als die Bilder schätzen die Kunstliebhaber den Ausstellungskatalog. Mit ihm können sie sich im Gedränge der Vernissage Luft zufächeln. Wenn das dann auch noch filmreif aussieht, sind sie restlos glücklich und verzeihen dir deine schlimmsten Marotten. Er ist halt Künstler, sagen sie. Er hat keine Manieren. Oder besser gesagt: er hat spezielle Manieren. Er trinkt den Campari ohne Strohhalm. Er steht neben seinen Bildern wie jemand, der sich in der Tür geirrt hat, Fragen beantwortet er ausweichend, einsilbig oder gar nicht, und seine Fingernagelränder sind schwarz. Aber malen, das kann er. Die Künstler tun ihr Bestes, um sich dem gesellschaftlichen Druck nicht beugen zu müssen. Sie können sich das auch leisten. Im Gegensatz zu allen andern - denjenigen also, die keine Künstler sind und es auch nicht sein wollen - wissen sie, dass das ganze Getue rund um die Kunst nur ein Schwindel ist. Ein Zirkus. Wenn er da ist und sich glanzvoll präsentiert, drängen die Leute hinein, aus Neugier oder Langeweile - oder weil die anderen auch hingehen. Bleibt der Zirkus jedoch aus, vermisst ihn kein Mensch. Die Leute haben anderes im Kopf. Die Künstler wissen um diese Fragwürdigkeit. Sie spielen ja auch damit. Eine leise Tragik umschwebt sie, und darauf sind sie insgeheim stolz. Sie bilden sich etwas darauf ein, dass es auf sie nicht ankommt. Dass diese ganze Kunstbetriebsamkeit nur Schein ist, ein einziger Bluff, bei dem die Künstler mitspielen, ohne auf sich selbst und die Wichtigtuerei der Kunstwelt hereinzufallen. Als diejenigen, die die Kunst machen, sind die Künstler auch diejenigen, die die Kunst durchschauen. Sie wissen, dass von ihnen nichts abhängt. Dass sie entbehrlicher sind als Müllmänner und Brotbäcker. Würden sämtliche Künstler von einem Tag zum andern ihre Kunstproduktion einstellen, so wäre das ungefähr das Gleiche, wie wenn in China ein Reissack umfallen würde. Man würde nicht einmal ein leises Rumsen vernehmen. Nichts würde passieren. Niemand würde sich aufregen. Die Öffentlichkeit würde kaum darauf reagieren. Die Welt würde sich weiterdrehen, wie wenn nichts gewesen wäre. Bilder sind stumm und unbeweglich. Sie singen nicht, tanzen nicht, sie hängen einfach nur da. Man kann sie ignorieren. Und wer denn unbedingt ein Bild anschauen will, kommt jederzeit und überall auf seine Rechnung. Das Zeug hängt in jedem Museum, in jeder Arztpraxis, in jedem Amtsraum, in jedem Spital. Kunst, wohin man blickt. Es gibt genug davon. Der Bedarf ist für alle Zeiten gedeckt. Kein Mensch braucht jeden Tag neue Kunst. Würden aber die Bäcker aufhören, Brot zu backen, und würden die Müllmänner aufhören, den Müll einzusammeln, dann gäbe es ein grosses Geschrei und die Zeitungen wären voller Schlagzeilen.

 

Seppli wird mich am Bahnhof abholen kommen. Ich weiss, dass er darauf bestehen wird, den Ort nach einer Fressbeiz abzuklappern. So wie ich ihn kenne, wird ihm das ganz spontan einfallen. He, wie wär’s? Wolltest du nicht schon immer eine richtige Fressbeiz kennenlernen? Wie wär’s mit einem Silvestermenü? Am besten etwas Regionales, mit Kutteln? Natürlich werden wir darauf verzichten müssen. Am Silvesterabend spontan in eine Beiz gehen, um etwas Währschaftes zu essen? Vergiss es! Die Beizen werden gerammelt voll sein. Und die einzigen unbesetzten Plätze werden natürlich reserviert sein, nicht für Spontangäste, sondern für Gäste, die sich frühzeitig angemeldet haben. In der grössten Winterkälte werden wir also durch Schindboden marschieren und unter jedem Wirtshausschild in die erleuchteten und von Eisblumen überkrusteten Butzenscheiben spähen, und Seppli wird die Faust im Sack machen, und die Augen werden ihm tränen von der Kälte. Reserviert hat er wohl nichts. Seppli plant nie, er improvisiert mit dem grössten Vertrauen in die jeweiligen Umstände. Das zeugt von Unbekümmertheit, könnte man denken. Oder von Leichtsinn. Aber so einfach ist es nicht. Nach Belieben nimmt sich Seppli Dinge vor, die er nie geplant hat. Nicht einmal andeutungsweise hat er diese Dinge auch nur in Erwägung gezogen. Er redet ins Blaue hinein, und in seiner verquasten Spontanität beruft er sich auf Überlegungen, die man ihm abkauft, weil sie weder blauäugig noch verquast sind. Als sein eigener Advokat wirkt Seppli überzeugend. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er glaubt, was er sagt, dass seine Worte nicht einfach aus der Luft gegriffen sind, sondern wohlüberlegt. Infolgedessen überlässt man ihm bereitwillig das Feld. Man lässt ihn machen. Was er sagt, hört sich vernünftig an. Dass es in der Realität, also ausserhalb des blossen Argumentierens, nicht trittfest ist, merkt man erst später. Wenn es zu spät ist. Seppli geht niemals von realistischen Annahmen aus. Realistisch ist für ihn das, was ihm gerade durch den Kopf geht, also im Prinzip auch Blödsinn. Und er ist verteufelt gut darin, von einer Sekunde zur andern irgendeine oberschlaue Begründung aus dem Hut zu zaubern, um sich im Schlamassel seiner Fehleinschätzungen auf die sichere Seite zu bringen. Vernunft kann man ihm nicht attestieren, Schlauheit schon. Ist Seppli ein Chaot? Ja und nein. Momentweise gelingt es ihm, einen geordneten Eindruck zu machen. Er zückt seine Agenda und trifft Abmachungen, die meistens nur so lange gültig sind, wie sie ihm keine allzu feste Verbindlichkeit abverlangen. Sobald er etwas ernst nehmen muss, weil es nicht mehr zu umgehen ist, verwirft er es blitzartig und bringt eine neue Idee ins Spiel. Was dabei herauskommt, kann man sich ja denken. Seine Planlosigkeit ist kaum zu beschreiben. Sie ähnelt verdächtig ihrem Gegenteil. Er habe ein Konzept, behauptet Seppli, er male so und so. Das sei sein Konzept. Was ich davon halte. Aber du malst doch gar nicht, wende ich ein. Du stellst ein Konzept auf, das ist alles. Du redest irgendetwas daher, und dann verlangst du von mir, dass ich dir zustimme. Dass ich damit einverstanden bin. Aber womit denn eigentlich? Du malst ja gar nicht!

 

Du bist eben ein Bürotiger, hat mich Seppli am Telefon abgekanzelt. Du hast keine Ahnung, was Arbeiten bedeutet. Bei dir läuft das anders. Bei dir sagt der Chef, was du zu tun hast, und er schreibt dir haarklein vor, wie du vorzugehen hast, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und das Ziel ist schon da, bevor du dich überhaupt mit ihm auseinandersetzen musst, so wie auch dein Bürostuhl schon da ist und die ganze Firma, für die du arbeitest. Du bist ersetzbar und im höchsten Grade manipulierbar. Man zieht an deinem Schlips - und du spurst. Man gibt dir einen Tritt in den Hintern, wenn du einschläfst. Und hast du, unter welchen Repressalien auch immer, eine Arbeit erledigt, so bist du damit noch lange nicht aus dem Schneider, denn jetzt kommt das Nachspiel, die sogenannte Selbstevaluation, ein Verfahren, das übrigens Stalin erfunden hat. Du bekommst einen Qualifikationsbogen ausgehändigt, auf dem du deine Leistung hinsichtlich der erledigten Arbeit mit einer Punkteskala von eins bis zehn bewerten sollst. Natürlich wirst du niemals eine Zehn ankreuzen, weil du dich als ehrlich und bescheiden einschätzt und die Offenheit, die der Qualifikationsbogen suggeriert, nicht ausnützen möchtest. Und natürlich hegst du die grosse Hoffnung, dass dein Chef, der manchmal überraschend nett sein kann, dein Entgegenkommen zu würdigen versteht. So hält er dich unter Kontrolle und versucht dein psychisches Selbstbelohnungssystem anzureizen. Dabei besteht deine ganze Tätigkeit ja nur darin, eine plumpe Vorgabe zu erfüllen. Wenn du von Arbeit redest, redest du nicht von Arbeit, sondern von einer Methode, Schablonen auszumalen. Fast jede Erwerbstätigkeit besteht im Grunde aus nichts anderem. Man malt Schablonen aus. Man tut etwas, das auch ein anderer tun könnte. Und weil du das nicht begreifst, unterstellst du mir Arbeitsunwilligkeit. Damit liegst du definitiv falsch. Eigentlich bin ich ein Schwerarbeiter. Während andere Leute die Arbeit machen, die sie bekommen, mache ich mir meine Arbeit selber. Niemand gibt mir diese Arbeit, und niemand steigt mir auf den Rücken mit Anweisungen und Lohnanreizen. Niemand plagt mich mit Qualifikationsbögen und läppischen Evaluationsmassnahmen. Ich bin selber dafür zuständig, dass ich meine Arbeit erledige, ich bin mein eigener Chef und werde bei mir selber vorstellig, wenn ich ein Arbeitszeugnis brauche. Die Zutaten für die richtige Arbeit sind mir noch unbekannt, aber ich werde daran arbeiten, am richtigen Arbeitsrezept, so wie ich auch an der Motivation arbeite, indem ich mir zum voraus ein gutes Arbeitszeugnis ausstelle. Freilich ist das gar nicht so einfach. Worauf soll sich denn die Bewertung stützen, wenn noch gar nichts da ist, das ich bewerten könnte? Ist sie nicht da, die Arbeit, so ist es auch nichts mit der Bewertung, die dieser Arbeit einen Sinn attestieren könnte. Demzufolge ist das Arbeiten blockiert, und ich muss über die Bücher gehen, weil da nämlich etwas nicht in Ordnung ist mit mir, mit meiner Arbeitsmotivation. Daran siehst du, dass meine Arbeit nichts Vorfabriziertes ist. Wüsste ich jederzeit Bescheid über mein weiteres Vorgehen, so wäre ich nicht Künstler, sondern Bürogummi oder Hosenverkäufer. Ich sei arbeitsunwillig, sagst du. Eine kühne Behauptung! Dir entgeht eben, dass ich schon längst zu arbeiten begonnen habe. Wo du mich noch jammern hörst, bin ich schon mitten in der Arbeit drin. Sie hat mich am Wickel. Es ist die Arbeit, die der eigentlichen Arbeit vorangeht, die Präventivarbeit. Sie beugt dem Misslingen vor, indem sie es schon mal in Rechnung stellt. Sie bereitet allen Eventualitäten des schöpferischen Prozesses den Boden. In der Ruhe dieses Stillehaltens werde ich durchlässig, empfänglich, könnte man sagen. Ich arbeite also rund um die Uhr, sogar im Schlaf. Hörst du hinter der Türe meines Ateliers ein Schnarchen, so sei dir gewiss: der Künstler arbeitet. Er arbeitet an sich, an seiner Arbeitsmotivation, die nichts Vorfabriziertes ist. Er muss sie zurechtsägen, in die richtige Form bringen. Er muss sich auf sein Werk vorbereiten, das vielleicht schon in ihm schlummert. Irgendwann wird sie ihn ereilen, die Inspiration, irgendwann wird sie das Werk in ihm freisetzen, das die ganze Zeit schon in ihm geschlummert hat.

 

Meine Komplikationen, hat Seppli am Telefon gesagt, sind in einem Künstlerleben nichts Ungewöhnliches. Sie haben eine einfache Ursache. Sie sind entstanden, als ich mir vorgenommen habe, zu malen. Und jetzt halten sie an. Obwohl ich auf dem Sprung bin, ein anerkannter Künstler zu werden. Bei meinem Sprung befinde ich mich in der Luft und ausserhalb jeder Möglichkeit, mich in diese oder jene Richtung zu lenken, was ja ganz natürlich ist. Ich habe den Faden in der Hand, aber nicht das Wollknäuel. Und ich sehe, dass sich der Faden irgendwo in meinen Gehirnwindungen verliert. Mein Alltag ist weitgehend bestimmt durch das, was ich An die Kunst denken nenne. Meine Kunst, die sich gedanklich vorformt, ehe sie zum Gegenstand einer Handlung wird, kann es kaum erwarten, dass meine Schädeldecke knackend aufspringt und ein fertiges Bild in die Welt entlässt. Ich brenne darauf, dass sich meine Kunst, die so lange im Verborgenen geschlummert hat, explosionsartig enthüllt. Aber das tut sie natürlich nicht, nicht so ohne weiteres. Noch nicht. In diesem Stadium entsteht nichts Fertiges, kein Finitum, sondern lediglich eine Stimmung, aus der sich eine gewisse innere Empfänglichkeit ergibt, die das Kunstmachen zwar nicht immer begünstigt, aber doch zumindest nicht verunmöglicht. Man könnte dieses Stadium als ein Schweben zwischen verschiedenen Möglichkeiten beschreiben. Die Gedanken schweifen, sie erproben, inwieweit sie der Kunst, die ich vorhabe, gewachsen sind, aber diese Gedankenarbeit ist noch keine Arbeit im eigentlich Sinn, die Arbeit im eigentlichen Sinn entsteht erst bei völliger innerer Freiheit des Denkens, die in diesem Stadium erst angedeutet, aber noch weit davon entfernt ist, eine tatsächliche Form anzunehmen. Die eigentliche Arbeit kommt aus der Musse. Dem Schweifen der Gedanken, den täglichen Handhabungen. Beim Einkaufen, Salatrüsten und Raviolikochen denke ich immerzu an die Kunst, ohne an etwas Bestimmtes zu denken, ich denke ans Machen, ohne daran zu denken, dass ich mir unter dem Machen schon irgendetwas vorstellen könnte, etwas Machbares zum Beispiel, ja, die Vorstellung an sich ist mir noch völlig fern, das Machen schwebt mir lediglich als Hohlform vor, als etwas Unbestimmbares, und dann - dann kommt mir plötzlich eine Eingebung, ich stosse durch, ich renne zu meinem Notizbuch und schreibe auf, was mir da durch den Kopf geschossen ist, und meistens ist es ein Gedanke, aus dem ich nicht schlau werde. Aber wer wird schon schlau aus sich selber?

 

Ein Ruck befördert mich aus meinen Gedanken. Ich sehe das Stationsschild. Da bin ich also. Ich wälze mich aus dem Sitz, nehme meine Tasche aus der Gepäckablage und binde mir den Schal um den Hals. Draussen muss es klirrend kalt sein. Vor den Zugtüren drängen sich Skifahrer, und hinter den weissen Dächern ragt ein Berg in die Höhe, der mit seinen blau durchfurchten Hängen wie gemalt aussieht.

 

2008