Frieden auf Erden

Über meine wilde Jugend als Bibelverkäufer

 

Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Lukas 2,14

 

 

Als Schulabbrecher musste ich irgendetwas machen. Und das Erste, was einem Schulabbrecher in den Sinn kommt, wenn er über seine Zukunft nachdenkt, ist die Möglichkeit, eine Buchhändlerlehre zu machen. Also entschloss ich mich zu einer Buchhändlerlehre. Die Evangelische Buchhandlung an der Schifflände war nicht meine erste Wahl. Viel lieber hätte ich beim Jäggi gearbeitet, der grössten und bekanntesten Buchhandlung in Basel. Als Kind hatte ich mir beim Jäggi jedes Jahr ein Geburtstagsbuch aussuchen dürfen. Hier gab es alles: vom Kreuzworträtselbuch bis zum Ausmalbuch, vom seriösen Roman bis zum weniger seriösen Roman, vom Ramschbuch bis zum Edelbildband. Zum Jäggi ging man nicht, um zu schmökern. Oder weil man beim Stadtbummel vom Regen überrascht wurde. Meistens ging man nur in die Stadt, um in den Jäggi zu gehen. Und wenn man in Zürich oder in Bern jemandem sagte, man wohne in der Nähe von Basel, hiess es sofort: "Ah, das ist doch die Stadt, wo es diese berühmte Buchhandlung gibt." Der Jäggi animierte zum Kaufen, während jede andere Buchhandlung nur zum Schmökern animierte. Zum Jäggi ging man mit einem Wunschzettel, mit dem Auftrag, eine Schullektüre zu beordern, mit einer aus der BaZ gerissenen Buchbesprechung, mit dem Wunsch, eine eigene Bibliothek einzurichten, mit dem Bedürfnis, den umfangreichsten Brockhaus zu erstehen. Wer zum Jäggi ging, sprang mit Anlauf in einen Swimming Pool voller Bücher. Zum Jäggi ging man, wie man in die Migros, ins Freibad oder in die Schule geht, der Jäggi war eine Lebensinstitution.

 

Doch beim Jäggi war gerade keine Lehrstelle frei. Und so landete ich in der Evangelischen Buchhandlung, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Das Wort "evangelisch" schreckte mich ab. Branchenkenner versicherten mir zwar, dass man kein Frömmigkeitsattest brauche, um dort arbeiten zu dürfen. Eine ganz normale Buchhandlung, hiess es. Eine Fachbuchhandlung für Theologie, die auch ganz normale Bücher verkaufe. Aber irgendwie komisch war es schon. Dieses Umfeld, eine Mischung aus aufgeklärtem Protestantismus und halbvergreistem Patriziertum, war für mich, als ich die Zusage erhielt, so etwas wie ein Tombolagewinn in Form eines Geranienstocks. Es war nicht gerade das, was ich mir erträumt hatte. Ich war zwar konfirmiert worden, hatte aber mit Religion nicht allzuviel am Hut. Und schon gar nicht mit christlicher Theologie. Ausserdem war ich achtzehn Jahre alt - und hatte gerade damit angefangen, in einer Punkrock-Band zu spielen. Das Übungslokal befand sich in Birsfelden neben dem Coop. "Wo arbeitest du?" - "In einer evangelischen Buchhandlung." - Wie peinlich!

 

Am ersten Arbeitstag begrüsste mich mein Chef mit den Worten: "Wir sind keine religiöse Buchhandlung. Wir sind eine theologische Buchhandlung. Beten müssen Sie bei uns nicht. Damit die Kasse stimmt, müssen Sie in allererster Linie klug geschäften können. Vom Beten wird niemand feiss." Als ich dann die hundert Regalmeter mit der theologischen Fachliteratur zum ersten Mal abstaubte, wobei ich jeden Band von Karl Barths Dogmatik herausnahm, 9000 Seiten insgesamt, und mit einem Pinselchen akribisch abwischte, dozierte mein Chef die ganze Zeit über biblische Hermeneutik. Ich verstand natürlich Bahnhof. Wenn die Frommen wüssten, was ihnen da alles entgeht, dachte ich. Es war mir damals noch nicht bewusst, dass diese kleine verstaubte Fachbuchhandlung eine ins Abseits gedrängte, bildungsbürgerlich aufgeklärte Religiosität behütete, die es hier noch gab. Als Hauptlieferantin der Münstergemeinde und der Theologischen Fakultät versorgte die Evangelische Buchhandlung Pfarrherren, Vikare, Diakone, Katecheten, Dekane, Theologieprofessoren und Theologiestudenten mit Bibeln und Andachtsbüchern, mit Werken der systematischen und praktischen Theologie, mit Büchern über Gottesdienstgestaltung, Diakonie, Liturgie, Seelsorge und Psychoanalyse, mit Exegesen und Synopsen, mit Kompendien der Kirchen- und Dogmengeschichte, mit altsprachlichen Lehrbüchern, mit Schriften zum Kirchenrecht, mit Büchern über Eschatologie, Skramantlehre, Ekklesiologie, Pneumatologie, Soteriologie, Christologie und vergleichender Religionswissenschaft, aber auch mit kirchen- und religionskritischen Werken von Feuerbach bis Deschner. Und mit der ganzen Philosophie von Platon bis Jaspers, wobei die Theologen und Kirchenfunktionäre nicht einmal vor Heidegger zurückschreckten. In meiner Freizeit büffelte ich Fachbegriffe. Ich musste ja verstehen, was ein Kunde von mir wollte, wenn er eine kulturgeschichtliche Abhandlung über die "Perikope" suchte. Und dass eine "Perikope" nicht das Gleiche war wie eine "Perikarditis". Am meisten Mühe machte mir das Wort "Transsubstantiation". Bis heute kommt es mir nicht fehlerfrei über die Lippen. Ich stelle mir vor, wie sich Luther und Zwingli über die "Transsubstantiation" gestritten haben: ein Disput im Stil von "Fischers Fritz fischt frische Fische".

 

Hin und wieder verlangte ein emeritierter Theologieprofessor eine Hauslieferung. Dann packte ich die bestellten Bücher in ein Einkaufswägelchen und marschierte los. Das machte ich am liebsten. Ich war gerne an der frischen Luft. Ausserdem gab es reichlich Trinkgeld. Und manchmal setzte ich mich unterwegs kurz hin und rauchte einen Joint. Die emeritierten Theologieprofessoren waren freundlich, wenn auch etwas konfus. Wenn sie etwas sagten, war ich nie ganz sicher, ob sie nur mit sich selbst sprachen oder auch mit mir. Ich merkte: das sind Menschen, die in höheren Sphären zu Hause sind. Dort, wo man über das Göttliche und Ewige nachdenkt. Über das Unaussprechliche, wie zum Beispiel die "Transsubstantiation". In die Buchhandlung kamen sie nie. Ihre Bestellungen tätigten sie schriftlich. Niemals hätten sie sich in die Niederungen des normalmenschlichen Umgangs begeben, in die profane Sphäre der Erdfüssler, wo man arbeitete, einkaufte, spazierte, Kinderwägen herumschob und Joints rauchte. Wenn sie sich ausserhalb ihrer Studierstuben und Schreibkammern blicken liessen, eilten sie wie in geheimer Mission durch die Altstadt und dem Münster entgegen. Im ehemaligen Domherrenhaus, wo die Allgemeine Lesegesellschaft untergebracht war, schmökerten sie in althumanistischen Folianten. Oder lasen die neuste NZZ.

 

Ende der Achtzigerjahre, als ich meine Buchhändlerlehre machte, gab es in Basel vier christliche Buchhandlungen. Jede hatte einen bestimmten Grad an Frömmigkeit anzubieten - und eine eigene konfessionelle Ausrichtung, wobei das eine mit dem andern zusammenhing. Es gab die Frommen von der Freikirche, die mehr oder weniger Frommen von der Basler Mission und die eindeutig weniger Frommen, die über verschiedene Kanäle mit der evangelisch-reformierten Landeskirche oder der katholischen Una sancta verbunden waren. Die Evangelische Buchhandlung war die am wenigsten fromme protestantische Buchhandlung in Basel. Sie war die Hausbuchhandlung der mit der Landeskirche verkoppelten Ökolompadianer, der universitären Barthianer, der theologisch interessierten Altphilologen und der kirchlich engagierten Bildungsbürger. Der Dramatiker Rolf Hochhuth ("Der Stellvertreter") war in der Evangelischen Buchhandlung genauso Stammkunde wie das Fräulein Doktor Stähelin aus dem Basler Teig. Förmlich und betulich ging es hier zu, zuweilen auch etwas akademisch, aber fromm nicht. Die katholische Entsprechung zur Evangelischen Buchhandlung war die Buchhandlung Vetter an der Spiegelgasse. Allerdings fehlte hier das religiöse Umfeld. Alles in allem eine ziemlich normale Buchhandlung. Wenn nicht gerade Fastenzeit war, verkaufte man hier mehr Kochbücher als Bibeln. Nur zwei Strassen weiter, auf der anderen Seite des Fischmarkts, in der kleinen Buchhandlung an der Schifflände, fragten wir uns manchmal im Scherz, ob denn die Katholiken überhaupt lesen können. Und wofür die drei bis vier gläubigen Christkatholiken, die es in Basel gab, überhaupt eine eigene Buchhandlung brauchten. Diese Frage war leicht zu beantworten. Katholisch war die Buchhandlung Vetter nur pro forma. Für die kleine katholische Exil-Kommunität genügte das. Wie auch für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich ein Pilger auf dem Weg nach Mariastein in die Spiegelgasse verirrte. In den beiden Schaufenstern türmten sich Bildbände über die Rhätische Bahn, die Schwarzwaldbahn, die Preussische P10 und die Firma Märkli. Irgendwie stand das eher mit dem Modelleisenbahnen-Shop am oberen Spalenberg als mit dem Papst in Verbindung. Etwas frommer gelagert war die Missionsbuchhandlung an der Missionsstrasse, nicht zu verwechseln mit der Pilgermission am Spalenberg, dem späteren Bibelpanorama, einem Ableger der freikirchlichen Chrischonagemeinde. Die Missionsbuchhandlung hatte zwar ebenfalls einen pietistischen Einschlag, aber ohne das gefühlige Jesus-hat-dich-lieb-Getue der Pilgermission. In der Missionsbuchhandlung herrschte die pingelige Nüchternheit eines Kontors. Das Unternehmen fungierte auch als Verlagsauslieferung und stand in einer zwar weitläufigen, aber traditionell gesicherten und namengebenden Verbindung zur altehrwürdigen Basler Mission, die in Afrika und Indien den protestantischen Glauben verbreitet hatte. Und natürlich auch die mitteleuropäischen Tischmanieren. Beim Anblick der Basler Missionarsgattinnen seien die Giftschlangen in die Büsche entfleucht, um nicht gebissen zu werden, schrieb einmal Urs Widmer, der das bestimmt nicht bös gemeint hat. Selbstverständlich haben die Basler Missionare auch Gutes getan. Mit schwäbischem Fleiss und Pflichtbewusstsein haben sie Spitäler, Schulen und florierende Handelsniederlassungen gegründet. In der Missionsbuchhandlung konnte man neben Bibeln und Andachtsbüchern auch Kokosmatten und Negertrommeln kaufen. Neben verschiedenen Bibelausgaben (Elberfelder Bibel, Schlachter Bibel, Gute Nachricht etc.) prangte im Schaufenster ein Plakat von Terre des Hommes mit einem grossäugigen Drittewelt-Kind, und auf einem zerknüllten Batiktuch lagen die dazugehörigen hand- oder fussgefertigten Originalprodukte: exotische Teemischungen, Haarpulver aus Khadi, holzgeschnitzte Elefanten und Ohrgehänge aus Vogelknochen. Man fand hier alles, was man auch in einem Weltladen finden konnte, ausser Meditationskissen und Räucherstäbchen: die galten nämlich als heidnisch. Das Christliche stand hier eindeutig im Vordergrund - wie auch der gute alte protestantische Ordnungssinn. Die Missionsbuchhandlung war die aufgeräumteste und modernste Buchhandlung weit und breit. Schon in den Achtzigern, als die meisten Buchhändler noch Buchlaufkarten vollkritzelten und Auslieferungskataloge herumfugten, die an Schwere und Dicke jede Bibel übertrafen, besass die Missionsbuchhandlung ein eigenes Computersystem. Davon war die Buchhandlung an der Schifflände noch weit entfernt. Hier gab es noch Bakelit-Telefone und eine mechanische Kasse. Und die mechanische Türglocke schepperte so laut, dass ich sie mit einer Socke umwickeln musste, wenn viel Betrieb war. Und dann die Wandregale: dreieinhalb Meter hohe Ungetüme aus Massivholz. Die obersten Regale erreichte man mit einer Leiter, die an einer Schiene eingehängt war. Beim Abstauben vermied ich den Blick nach unten. Altertümlich war auch die Methode der Geldaufbewahrung. Unter dem Bestellpult gab es einen Tresor für die Tageseinnahmen. Jedes Mal, wenn mein Chef das Geld versorgen wollte, musste er unter das Pult kriechen. Einmal verklemmte sich seine Krawatte in der Tresortür, die er nicht mehr aufbrachte. Mit strampelnden Beinen lag er unter dem Pult und rief um Hilfe, bald schon röchelnd, weil sich die Krawatte immer enger zuzog. Mit einer Schere konnte ich ihn schliesslich befreien.

 

Als ich in das letzte Lehrjahr kam, stand die Evangelische Buchhandlung kurz vor dem Konkurs. Mein Chef war nervös wie ein Ameisenhaufen, in dem jemand herumstochert. Innerhalb weniger Wochen wurde eine spektakuläre Rettungsaktion in die Wege geleitet. Die Evangelische Buchhandlung sollte sich der Missionsbuchhandlung anschliessen. Vom Sortiment her war das natürlich naheliegend, die theologische Ausrichtung war nahezu gleich - wie auch der Frömmigkeitsgrad. Beide Buchhandlungen blieben an ihrem Standort. Ansonsten wurde alles auf den Kopf gestellt. Da die Missionsbuchhandlung den ganzen Postversand und die Gesamtadministration übernahm, konnte das Büro an der Schifflände zur Ladenfläche umgestaltet werden. Auf einmal gab es Platz für eine moderne Multitask-Theke mit einer Sichtfront für Taschenbücher und Prospekte. Dort bediente man den Computer oder sortierte die angelieferten Bücher. Und oftmals machte man beides gleichzeitig, sozusagen vierhändig, während man nebenbei auch noch einen Kunden bediente. Die Multitask-Theke war so konzipiert, dass man sich beliebig auffächern konnte. Ihre eigentliche Bedeutung erhielt sie aber durch den Computer. Der Computer war die Neuerung des Jahrhunderts, auch für mich persönlich. Am Arbeitsplatz kam ich zum ersten Mal mit so einem Gerät in Berührung. Und es war gar nicht so schlimm! Man konnte damit umgehen. Kurze Zeit später flog ich bereits mit einem Flugsimulator um die halbe Welt und überlebte dabei etliche Abstürze. Allerdings tat ich das nur im Privaten. Im Geschäft benutzte ich den Computer ausschliesslich zum Arbeiten. Das buchhändlerische Gekritzel und Gekratzel wurde überflüssig. Jede Katalogangabe, jede Empfehlung, jede Buchliste, jede Statistik konnte sauber ausgedruckt werden. Auf einmal herrschte die totale Transparenz. Mein Chef hatte nicht so richtig Freude daran. Er kämpfte um seine berufliche Reputation. Eigentlich stand er kurz vor der Pensionierung. Unter normalen Umständen hätte er einfach gehen können. Nun musste er noch ein Weilchen ausharren, weil der Kapitän das sinkende Schiff nicht verlassen darf. Alles stand auf der Kippe. Auch für die Missionsbuchhandlung, die insofern noch ein bisschen besser dran war, als sie eine Verlagsauslieferung betrieb. Damit schrammte sie knapp an den roten Zahlen vorbei. Das war gut, aber keine Rettung. Aufatmen konnte niemand. Die Angestellten beider Buchhandlungen verbrachten ihre Kaffeepausen mit dem Studium von Stelleninseraten. Sie wussten, dass hier nichts mehr zu retten war. Sie konnten nicht so viel Wasser ausschöpfen, wie in das Boot eindrang. 

 

Der Zusammenbruch des protestantischen Buchhandels kam nicht aus heiterem Himmel. Schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, schrumpfte die Trägerschaft des gebildeten Protestantismus dahin. Die traditionsbewussten Kirchgänger starben weg, und die Landeskirche verlor an Einfluss. Und so erwies sich selbst die Fusion als vergeblich. Kaum hatte ich meine Lehre abgeschlossen, verschwanden die beiden evangelischen Buchhandlungen für immer aus dem Stadtbild. Ausserhalb des Basler Teigs fiel das niemandem gross auf. Die Presse nahm es kaum zur Kenntnis. Es war der sprichwörtliche Reissack, der in China umfällt. Es gab ja noch genügend andere Buchhandlungen, und die goldenen Neunzigerjahre, in denen die Buchverkäufe einen Rekordstand erreichten, hatten eben erst begonnen. Die Buchhandlung Vetter existiert noch heute. Gut getarnt katholisch hat sie sich erfolgreich durchgewurstelt. Und wenn ich "erfolgreich" sage, meine ich damit die buchhändlerische Definition von Erfolg: das Hinauszögern der Insolvenz. Die grosse Gewinnerin war jedoch die Pilgermission am Spalenberg. Sie war die Hausbuchhandlung der Evangelikalen. Und sie ist es bis heute, auch wenn der Name und die Besitzverhältnisse seitdem mehrmals gewechselt haben. In den Achtzigerjahren legte die Pilgermission kräftig zu. Nicht nur, weil die protestantische Konkurrenz im Buchgeschäft wegbrach. Die Freikirchen wuchsen rasant. Sie nutzten den Zeitgeist. Hier gab es keine Gottesdienste, sondern Happenings, keine Predigten, sondern Entrückungserlebnisse, keine Gebete, sondern Briefings mit Gott, keine Matthäus-Passion, sondern Gospel-Geschrei und Pop-Gesäusel. Überall schossen evangelikale Gruppen aus dem Boden, die einen "erlebbaren Jesus" verkündeten, einen Jesus, der keine Sandalen mehr trug, sondern Adidas-Turnschuhe - und der sich entsprechend erfolgreich vermarkten liess. Diesen Jesus nannte man denn auch nicht Jesus, sondern "Tschises". Es war der Jesus von Billy Graham und Konsorten. Bei den protestantischen Althumanisten, die der Basler Münstergemeinde die Treue hielten, kam das natürlich schlecht an. Es war nicht nur Neid. Es war eine riesige Kluft, ein gegenseitiges Unverständnis, das den Protestantismus bis zur Wurzel hinab spaltete. Es war die Spaltung zwischen alt und neu. Aber eben nicht so, wie man vielleicht denken könnte. Mit Barth, Bultmann und dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren die evangelischen Althumanisten in der Moderne angekommen, während die hippen, auf jugendlich getrimmten Evangelikalen - oder Freikirchler, wie sie häufiger genannt wurden - ein Bibelverständnis pflegten, das die Bibel zum Fetisch machte. Hier versuchte man den Glauben nicht durch Beherrschung von Komplexität zu bewahren, sondern durch radikale Vereinfachung. So kam es, dass die Evangelikalen alles Biblische direkt auf das gegenwärtige Leben übertrugen, ohne Rücksicht auf historische Bezüge, hermeneutische Feinheiten und geisteswissenschaftliche Interpretationsspielräume. Eine theologische Plattheit, die das Wort beim Wort nahm. Als ob die Bibel im heutigen Deutsch vom Himmel herabgefallen wäre, blitzsauber redigiert und von Gott persönlich signiert. Die tautologische Prämisse der Evangelikalen lautete: wer an die Schrift glaubt, hat Recht, weil die Schrift göttlich ist. Und wer daran glaubt, dass die Schrift göttlich ist, muss demzufolge natürlich doppelt Recht haben! Eine wasserdichte Schlaumeier-Logik. Kurzum: die Evangelikalen glaubten an die Schrift. Tautologisch und total. Ganz anders die evangelischen Protestanten: sie glaubten nicht an die Schrift, sondern an das, worauf die Schrift hinweist, wodurch sie das Bibelverständnis öffneten und relativierten. Sie glaubten der Schrift, nicht an die Schrift. Kleiner Unterschied, grosse Wirkung. Für die einen war der Wortlaut der Bibel etwas Göttliches, für die anderen etwas Menschengemachtes. Die einen sprachen von Bibelvergötzung, wenn sie den Glauben der anderen kritisierten, und diese wiederum warfen den anderen Bibelverfälschung vor. Die schismatische Unterscheidung zwischen "An etwas glauben" und "Etwas glauben" war mehr als nur Wortklauberei. Es lagen Welten dazwischen. Die evangelischen Protestanten - aufgeschlossene, moderne Christen - vertrugen sich mit allen Religionen und Konfessionen und gewannen sogar dem Atheismus etwas Positives ab, mit allem und jedem kamen sie zurecht. Nur nicht mit den Fundamentalisten im eigenen konfessionellen Lager, die von Offenheit und Toleranz so gar nichts wissen wollten. Wenn es heute so aussieht, als wäre dieser Graben verschwunden, so liegt es daran, dass die aufgeklärten Protestanten durch ihren fortgesetzten Mitgliederschwund gezwungen sind, mit den Fundamentalisten zu kooperieren. Also heisst es nun auch dort: Friede, Freude, Eierkuchen. Damals wäre das undenkbar gewesen. Wenn der Eierkuchen überhaupt zum Einsatz kam, dann nur für einen gezielten Tortenwurf. Mein Chef verbrachte die Hälfte seiner Arbeitszeit damit, sich über die Evangelikalen aufzuregen, die er samt und sonders für einfältige Tröpfe hielt. Besonders entsetzte ihn ein Buch, das sich damals sehr gut verkaufte. Darin behauptete ein evangelikaler Pastor, Goethe sei ein gottloser Mensch gewesen, ein Verräter am christlichen Glauben. Mein Chef knallte das Buch auf meinen Tisch, zeigte auf Goethes Konterfei auf dem Titelblatt und danach auf die Fotografie des Autors auf dem Bucheinband. "Jetzt vergleichen Sie mal," sagte mein Chef triumphierend. "Hier das Gesicht eines zerquetschten Apfeltörtchens, und hier das markante Gesicht eines geistigen Giganten. Das sagt doch eigentlich schon alles!"

 

Mein Chef war ein feuriger Goethe-Fan. Was er an Goethe ständig hervorhob, war dessen Lebensphilosophie der unbedingten Tätigkeit. Goethe sei ein lebenspraktischer Dichter gewesen, ein Dichter der Weltzugewandtheit, sagte mein Chef. Meine jugendliche Parteinahme für die Romantiker wischte er kurzerhand beiseite. Meine Lieblingsautoren aus der Goethe-Zeit - es waren E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine und Jean Paul - zählten für meinen Chef nicht. Nach seinem Empfinden waren sie viel zu verdreht. Goethe sei kein Träumer gewesen, sondern ein Tatmensch, sagte mein Chef. Deshalb habe Goethe alles Romantische instinktiv abgelehnt. Mein Chef wollte auch so lebenspraktisch sein wie Goethe. Und vor allem: so hypermässig aktiv. Fast jede freie Minute trieb er Sport. Im Sommer schwamm er im Rhein. Mehrmals kam er nach der Mittagspause klapperdürr und nur mit einer Badehose bekleidet über die Strasse gerannt, tropfend wie ein nasser Hund. Er kam direkt aus dem Wasser, gleich gegenüber war ja die Schifflände, wo nicht nur das Rheinschiff anlegte, sondern hin und wieder auch mein Chef, wenn er sich mit Goethischer Willenskraft durch die grünlichen Fluten gekämpft hatte. Keine fünf Minuten später wieselte er wieder in Anzug und Krawatte durch den Laden und motivierte sich selbst und seine Angestellten mit einem Goethe-Zitat: "Nur rastlos betätigt sich der Mann!" Kamen die Angestellten nach dem Mittagessen nicht so richtig auf Trab, konnte die Dosierung erhöht werden. "Erfolg hat drei Buchstaben: Tun!" - "Und nun, über Gräber vorwärts!" Für jede Gelegenheit hatte mein Chef das passende Goethe-Zitat. Seine Quelle: "Mit Goethe durch das Jahr." Im Grunde genommen war Goethe das Sesam-öffne-dich für meine Buchhändlerlehre gewesen. Beim Vorstellungsgespräch hatte ich zufällig Goethe erwähnt. In welchem Zusammenhang weiss ich nicht mehr. Aber es hatte gewirkt. Sekunden später hatte ich die Lehrstelle. Meine mittel- bis saumässigen Schulnoten waren wie ausradiert. Der fehlende Schulabschluss zählte kaum noch. Wie auch die Tatsache, dass ich im Bewerbungsschreiben den Namen des Geschäftsführers falsch geschrieben hatte. Und dass mich jeder Grafologe nach einem einzigen Blick auf meine stark nach rechts abfallende Handschrift als völlig arbeitsuntauglich hätte einstufen müssen, war nun auch nicht mehr so wichtig. Schwamm darüber! Ich musste nur noch den Lehrvertrag unterschreiben.

 

Zu zweit oder dritt betraten sie den Laden. Kaum erblickten sie mich, steuerten sie auf mich zu und schwatzten auf mich ein, bis mein Chef dazwischentrat und die Brüder verscheuchte. Es waren Hare-Krishna-Brüder, einer glatzköpfiger als der andere, und stets hatten sie ihre Bücher dabei, die sie uns aufschwatzen wollten. Das Verkaufsargument: "Jede Religion wurzelt in den uralten vedischen Überlieferungen. Auch das Christentum, was ja schon der Name verrät. Christus und Krishna sind nahezu identisch. Die Lebensläufe sind nahezu gleich. Eine christliche Buchhandlung ohne Krishna, das geht gar nicht!" Das hätte mich eigentlich beeindrucken müssen. Vielleicht sogar überzeugen! Doch das mit dem Christentum und den indischen Wurzeln wusste ich natürlich besser. Mit der Zeit lernte ich viele Behauptungen zu durchschauen. Ich war keineswegs ein Alleswisser, wie etwa mein Chef, der sich hin und wieder dazu verstieg, einem Pfarrer die Theologie zu erklären. Es war nur so, dass ich an diesem Ort mit so vielen Überzeugungen und PR-Tricks in Berührung kam, dass ich mit der Zeit alles relativieren konnte. Angesichts der vielen religiösen Selbstpreisungen blieb ich lieber auf Abstand und hielt mich an den Tessalonicher-Spruch: "Man prüfe alles und behalte das Gute." Das Gute, das übrig blieb, war freilich nichts Religiöses. Es war die Skepsis. Und ich rede hier nicht einmal über den Fundamentalismus, den ich damals nur am Rande erlebte. Die christlichen Fundis kamen selten zu uns. Für sie gab es ja die Pilgermission. Die wenigen Evangelikalen, die ich kennenlernte, fand ich gar nicht so schlimm. Solange sie es sich verkniffen, einen Christen zum Christentum bekehren zu wollen, war es durchaus möglich, ein normales und verständiges Gespräch mit ihnen zu führen. Man musste nur darauf achten, dass das Gespräch nicht plötzlich eine falsche Wendung nahm und ein biblisches Thema berührte. Es war auch nicht immer klar, ob jemand, der in den Laden kam, überhaupt gläubig war. Und wenn ja, in welchem Ausmass. Deshalb musste man immer ein bisschen aufpassen, was man sagte. Und vor allem: wie man es sagte. Strenggläubige Christen aus dem evangelikalen Sektor konnte ich mit der Zeit recht gut identifizieren. Sie gaben sich oft durch ihre Bekleidung zu erkennen. Oder eine bestimmte Attitüde. Sie entsprachen in etwa dem Typus des Autoverkäufers oder Versicherungsvertreters. Wobei man sich diese Figuren oder Typen auf einem Kreuzfahrtschiff oder Campingplatz vorstellen muss, in einer Umgebung, "wo man gut drauf ist". Wenn jemand betont leger, mit aufgesetzter Freizeit-Lässigkeit - eine kurzfrisierte Erscheinung mit einem silbrigen Kreuzchen am Hals, weissem T-Shirt, Jeans, Tennissocken und blauweissen Adidas-Badelatschen, den sogenannten Adiletten - nach einer Bibel oder einem Büchlein von Jörg Zink fragte, war für mich klar, dass ich einen waschechten Evangelikalen vor mir hatte. Es war ungefähr so, als würde man jemandem gegenüberstehen, der Fische verkauft. Das riecht man einfach. Doch im grossen und ganzen hielten sich solche Auffälligkeiten in Grenzen. Da hatte man es mit den Hare-Krishna-Brüdern leichter. Im Buchhandel habe ich gelernt, dass man den Verrückten die Verrücktheit nicht immer ansieht. Einmal bekamen wir Ärger mit einer Kundin, die sich darüber beschwerte, dass wir ein Buch von Shirley Maclaine verkauften. Esoterik war heikel. Die Pilgermission war da viel restriktiver. Dort wurde dieses "Teufelszeug" konsequent boykottiert. Nicht so in der Evangelischen Buchhandlung. Mein Chef hatte diesbezüglich freie Hand. Er hatte den Segen der Landeskirche. Die Evangelische Buchhandlung lag an einer Tramhaltestelle mitten im Stadtzentrum, also an bester Passantenlage, die man nutzen konnte, um die frommen Bücher und die hochstehende Theologie zu alimentieren. Das war die Geschäftsstrategie. Fundamentalistische Anwürfe parierte mein Chef gerne mit Johannes 14,2: "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." Woran sich unfehlbar ein Goethe-Zitat anschloss: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Wenn es um die Jesus-Freaks ging, die alles auf ihre bibeltreue Linie bringen wollten, hatte mein Chef eine deutliche Meinung. "Bei ihnen dreht sich alles um Jesus. In allen Lebensbelangen nehmen sie ihn in Anspruch: bei Zahnschmerzen, Alkoholsucht, Fusspilz, Haarausfall, Eheproblemen und Geldsorgen. Ein theologischer Unsinn! So ist das nun wirklich nicht gemeint im Neuen Testament! Jesus wollte kein Wunderkrämer sein, und er wollte auch nicht, dass man ihn anbetet, Göttlichkeit hin oder her. Die Freikirchler vergessen oft, dass es auch noch einen Senior-Chef gibt. Jesus wollte, dass man zum Vater betet. Wieso das Herrlein anrufen und nicht den Herrn? Abgesehen davon hockt im Himmel kein Weihnachtsmann, der unsere Wünsche erfüllt. Gott kann, muss aber nicht helfen. In manchen Fälle hilft er überhaupt nicht. Zum Beispiel bei Dummheit. Jesus hat nicht die Idioten gemeint, als er die geistig Armen selig gepriesen hat. Er hat die scheinbar Gottfernen gemeint, diejenigen, die nicht auf dem hohen Glaubensross sitzen, wo man auf die Ungläubigen herabschaut. Das haben die Freikirchler irgendwie falsch verstanden."

 

Trotz seiner Abneigung gegen die Freikirchen und die aus Amerika herüberschwappende charismatische Erneuerungsbewegung war mein Chef keineswegs ein typischer Repräsentant der Landeskirche. Als Pfarrer hätte er eine ziemlich komische Figur abgegeben. Obwohl er sich gerne als stramm kirchentreuen Protestanten darstellte und als Vize-Präsident irgendeiner Kommission - vermutlich der Friedhofskommission - an jeder Synodalratssitzung teilnahm, schrammte er mit seinen neutestamentlichen Ausführungen gelegentlich haarscharf an offener Ketzerei vorbei. Sein theologisches Steckenpferd waren die Essener und die Schriftrollen von Qumran. Alles Neutestamentliche, das von der Bibel abweicht und von ihr verschwiegen wird, interessierte ihn brennend. Die Apokryphen und die gnostischen Strömungen des Urchristentums: solche Themen brachte er mit viel Tamtam unter seine Kundschaft. Wochenlang hatte er zum Beispiel das Thomas-Evangelium bei sich auf dem Tisch und las jedem theologisch interessierten Kunden daraus vor. Was ihn bei solchen Texten regelrecht in Begeisterung versetzte, war das weibliche Element, das hier überall zur Sprache kam - und das die frühchristlichen Kirchenväter seiner Meinung nach systematisch und böswillig unterdrückt hatten. "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan!" rief mein Chef manchmal, wenn er über die Frauen um Jesus und die apokryphe Weiblichkeit referierte. Womit er dann wieder bei Goethe andocken konnte.

 

Ich kann mich an kein einziges Streitgespräch erinnern, das sich um Religion gedreht hätte. Was mich im nachhinein ein bisschen verwundert. Doch um 1988 herum war Religion noch kein Reizthema. Klar, es gab einzelne Grabenkämpfe, es gab Abneigungen und Vorbehalte. Aber gesamthaft gesehen war Religion etwas Nebensächliches und im Grunde genommen Privates: zu unbedeutend, um überhaupt einer Diskussion würdig zu sein. Die grossen Konflikte lagen woanders. Kurz vor seinem Ende, das niemand kommen sah, schaukelte sich der Kalte Krieg noch einmal hoch. Während die Schweiz in die Fichenaffäre hineinrutschte, tobte in Basel der Kampf um die Alte Stadtgärtnerei, "die letzte konsumfreie Zone", wie es auf den Flugblättern hiess. Eine Zeitlang gab es fast täglich eine Demo. Es roch nach Krawall. Mein Chef, ein stramm bürgerlicher EVP-Wähler, bangte um seine Schaufensterscheiben. Am 21. Juni 1988 räumte die Polizei das besetzte Areal hinter dem St. Johannstor, nur wenige hundert Meter von der Evangelischen Buchhandlung entfernt. Zusammen mit einem Schulkollegen hatte ich mich unter die Demonstranten gemischt. Wir freuten uns auf den grossen Schlagabtausch mit der Polizei, wir wollten das mal erleben, als Schlachtenbummler und Zaungäste. Wir rauchten einen Joint, um uns Mut zu machen. Doch es geschah nichts. Nach einer Stunde geschah noch immer nichts. Jedenfalls nichts Gewalttätiges. Die Stimmung war locker und friedlich. Ein paar Typen mit Gesichtsverhüllung bastelten Molotow-Cocktails. Wir schauten ihnen interessiert zu. Es war wie an einer Gartenparty, wo der Gastgeber die Grillade und den Sommerbeeren-Punsch vorbereitet, während sich die Gäste langsam akklimatisieren. Jemand spielte Gitarre, und jemand klopfte mit den Handballen indianermässig auf einer Felltrommel herum. Wir rauchten den zweiten Joint. Es ging das Gerücht um, an der Lörracher Grenze hätten sich Neo-Nazis aus ganz Deutschland versammelt, um mit Schlagringen und Baseballschlägern in das hiesige Geschehen einzugreifen. Das machte uns ein wenig nervös; Neo-Nazis waren für uns der Inbegriff des Bösen. Mein Schulkollege, ein notorischer Kiffer, der neben seinen Raucherutensilien ständig ein zerfleddertes Buch von Carlos Castaneda mit sich herumtrug, war schon mehrmals mit Neo-Nazis zusammengeraten. Der blosse Anblick seiner wild gekrausten Hippiefrisur genügte, um die Glatzköpfe in Rage zu bringen. Um unsere Nervosität zu unterdrücken, steckten wir uns gleich nochmals einen Joint an. Die Polizei verhielt sich ruhig, die Demonstranten verhielten sich ruhig. Alles war friedlich. Schliesslich verzogen wir uns. Am nächsten Tag erfuhr ich aus der Basler Zeitung, dass die Polizei das Gelände gestürmt hatte. Unter massivem Tränengaseinsatz, wie es hiess. Von Neo-Nazis stand da nichts. Aber es habe wüste Szenen gegeben, ein Polizist habe lichterloh gebrannt. Als ich das las, fühlte ich mich ein bisschen verschaukelt. Wir hatten den Showdown um nicht mal fünf Minuten verpasst.

 

Wenn es ein Konfliktpotential gab, dann lag es hier. In der politischen Orientierung. Bezüglich Freiraumnutzung. Oder bezüglich Schweizer Armee. Sollte sie abgeschafft werden oder nicht? Die Politik war ein Minenfeld, nicht aber die Religion. Hier schien alles klar zu sein. Religion war Privatsache. Punkt. Da musste man gar nicht erst darüber diskutieren. Mein Chef wäre der Erste gewesen, der das unterschrieben hätte, und die meisten seiner theologisch interessierten Kunden akzeptierten diese Auffassung ohne weiteres. In der mehrheitsfähigen Welt des normalen Zusammenlebens hatten religiöse Überzeugungen nichts zu suchen. Das nennt man Säkularismus. Und unter Religionsfreiheit verstand man lediglich das Recht, im privaten Rahmen zu glauben, was man wollte. Man verstand darunter nicht das Recht, anderen Leuten mit seinem Glauben auf die Nerven zu gehen. Oder die Unantastbarkeit religiöser Auffassungen. Oder das Recht auf Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch Minarette und riesige Shiva-Statuen. Jedem halbwegs informierten Menschen war klar: die traditionellen Kirchen geniessen diesbezüglich ein Ausnahmerecht. Sie beziehen öffentliche Gelder (je nach kantonaler Regelung viel oder wenig) und üben - wenn auch unter der Bedingung, dass man das Christentum ohne Gefahr für Leib und Leben in Frage stellen darf - einen gewissen politischen Einfluss aus. Für diese Sonderstellung gibt es historische und kulturelle Gründe, die mit dem Prozess der Säkularisierung unauflösbar verwoben sind. In den letzten dreissig Jahren hat sich die religiöse Landschaft stark verändert. Und nicht unbedingt zum Guten. Die Landeskirchen - die Gralshüter einer aufgeklärten Religiosität - schwächeln. Doch im Ganzen sind Religionen wieder auf dem Vormarsch, und sogar mitten in Europa versuchen sie ihren Geltungsbereich zu erweitern. Natürlich immer im Windschatten der Religionsfreiheit, auf die sich jeder religiöse Neandertaler berufen kann, wenn ihm eine religionskritische Karikatur nicht passt - oder wenn seine Sitten und Gepflogenheiten mit säkularen Standards kollidieren. Zwei Ereignisse hätten mir schon damals zu denken geben müssen: das eine war der Film "The Last Temptation of Christ", der bei fundamentalistischen Christen auf heftige Ablehnung stiess. In Frankreich steckten sie sogar ein Kino in Brand. Das andere Ereignis, aus heutiger Sicht geradezu ein Menetekel, war die Fatwa gegen Salman Rushdie. Ich erinnere mich, dass wir in der Buchhandlung darüber diskutierten, ob wir "Die satanischen Verse" an Lager nehmen sollten oder nicht. Mein Chef war dagegen. Er machte Sicherheitsbedenken geltend. Khomeinis Arm reichte bis in die Evangelische Buchhandlung hinein. Das muss man sich einmal klar machen! Hier wurde uns vorgeführt, was Religion wirklich bedeutet. 

 

Diskutiert man mit liberalen und toleranten Leuten über Religion, schleicht sich oft ein Missverständnis ein. Ein fatales Missverständnis. Wenn ich an irgendeinen Gott glaube, an irgendeine höhere Macht, die ich nicht näher beschreiben kann und die mich nicht an eine kollektive Verfassung oder Norm bindet, hat das noch nichts mit Religion zu tun. Bin ich aber getauft und konfirmiert, so hat das sehr wohl mit Religion zu tun, wenigstens der Form nach. Für die meisten von uns ist der Glauben nach allen Seiten hin offen. Die Form  - der kulturelle und institutionelle Rahmen des Religiösen - ist zwar noch da, aber der spezifische Inhalt hat sich verflüchtigt. Der Glaube hat keine normative Bedeutung mehr. Man nimmt ihn als ein Sinnangebot wahr, das nicht nur frei wählbar ist, sondern auch beliebige Auffassungen zulässt. Der moderne Kirchgänger kann glauben, was er will. Diese unverbindliche Spiritualität findet man in der Esoterik, im liberalen Christentum, im popkulturellen Mainstream und sogar im Atheismus. Auch ein Atheist kann auf irgendeine Weise gläubig sein. Obwohl er nicht an einen personalen Gott glaubt und die verfassten Religionen ablehnt, glaubt er womöglich an eine Letztursache, eine alles durchdringende Macht, das Numinose. So ähnlich haben Shelley und Einstein ihren Glauben beschrieben. So ähnlich beschreibt die ufogläubige Nina Hagen ihren Glauben. Und so ähnlich beschreiben die meisten modernen Menschen ihren Glauben. In einer säkularen Gesellschaft ist das die Norm. Man glaubt an etwas "Höheres", das den Verstand übersteigt, oder man glaubt an irgendeinen verborgenen oder halbverborgenen Sinn, den jeder und jede für sich selbst erschliessen muss: wie in den Romanen des Paulo Coelho. Wenn nun aber Menschen, die diese individuelle Spiritualität für Religiosität halten, archaisch geprägte und machtpolitsch agierende Religionen umarmen und gegen jede Kritik verteidigen, ist das ziemlich naiv. Ja geradezu absurd. In einer Religion, die ihren vollen Geltungsanspruch durchzusetzen vermag, gibt es nämlich keine Unverbindlichkeit. Da kann man nicht sagen: Gott ist rot oder grün, je nachdem, was mir gerade genehm ist. In einer Religion, die mit dem Ernst macht, was sie inhaltlich transportiert, kann man nicht an irgendetwas glauben. Genau darum geht es ja in einer Religion! Das Alte Testament handelt davon, dass alle Götter ausser Jahwe null und nichtig sind. Und dass jedem die Vernichtung droht, der sich Jahwe widersetzt. Dieser Jahwe ist nun beim besten Willen kein numinoses Etwas, mit dem man die Wohlfühlzone moderner Religiosität auspolstern kann. Von Toleranz keine Spur. Von Unverbindlichkeit keine Spur. Und wer jetzt meint, so radikal sei nur das Alte Testament, den muss ich leider enttäuschen. Das Neue Testament ist noch viel radikaler. Hier opfert sich nämlich Gottes Sohn für unsere Sünden. Und dann kehrt er nach der Kreuzigung von den Toten zurück. Und wer das nicht glaubt, ist auf ewig verdammt.

 

Diesem Absolutheitsanspruch steht die moderne Theologie gegenüber. Insbesondere die historisch-kritische Theologie, die sich mit den historischen Bedingungen des Religiösen befasst. Und daneben gibt es eine interdisziplinär definierte Theologie, die die psychischen Innenräume des Glaubens auslotet. In der Evangelischen Buchhandlung habe ich beides kennengelernt. Dieses Kennenlernen war kein systematisches. Ich bin kein Theologe geworden. Auch mein Chef war kein Theologe. In der Theologie war ich bestenfalls ein Hochstapler, so wie auch mein Chef als Theologe nur ein Hochstapler war. Was aber keineswegs negativ gemeint ist. Jeder Buchhändler weiss, wie das gemeint ist. Als Buchhändler liest man kaum je ein Buch, das man verkauft. Um das Sortiment lesend kennenzulernen, fehlt die Zeit. Aber andererseits weiss man alles, was in den Büchern steht, die man verkauft, weil nach ihnen gefragt wird. Man baut auf das, was in diesen Büchern gesucht wird. Was über sie gesagt wird. Was sie an Widerspruch provozieren. So ging es mir auch mit der Theologie. Wenn man jahrelang theologische Bücher verkauft und täglich mit Leuten redet, die theologisch versiert sind, entwickelt man mit der Zeit ein Gespür. Man bekommt einen Überblick und kann "mitreden". Ich habe gemerkt, wie relativ das alles ist, was an religiösem Gedankengut herumgeistert. Wie stark es von materiellen und sozialen Bedingungen abhängt. Dass also Religion immer eine zeitbedingte und sozial approbierte Projektionsfläche ist. Und wie stark die religiösen Texte an ihren Entstehungsort und ihre Entstehungszeit gebunden sind. Und dass hier Menschen am Werk gewesen sind, die alles Mögliche abgeschrieben und zusammengeflickt haben. Und dass die Bibel ein Bericht ist, in dem ein Zebra einmal als schwarz und einmal als weiss beschrieben wird, und die Theologie muss dann herausfinden, was das für ein Tier gewesen ist. Oder was es im biblischen Kontext überhaupt darstellen soll. Oder warum es einmal als schwarz und einmal als weiss beschrieben wird. Und dass es da Motive gibt, menschliche und historische, die man verstehen muss, wenn man nicht wie die Fundamentalisten an weisse und schwarze Fabeltiere glauben will. Und es wurde mir klar, dass die moderne Theologie alles andere als eine Spielerei ist. Da geht es nicht um die Frage, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben. Theologie kann den Glauben stützen. Aber sie tut es eben mässigend, nicht mit dem Wunsch, den Glauben zu entfesseln. Schon seit mehr als hundert Jahre muss sie den modernen wissenschaftlichen Standards genügen. Deshalb ist sie ziemlich pragmatisch. Sie weist den Glauben in die Schranken. Sie zähmt ihn. Sie ist gegen die Leichtgläubigkeit gerichtet. Und gegen den Hang zur religiösen Hybris, der allen Religionen eigen ist - und der in der starken Gruppenbindung wurzelt, den Religionen gewährleisten. Michael Schmidt-Salomon nannte das einmal "die gruppennarzisstische Selbstüberhöhung des Religiösen". Am Ende meiner Lehrzeit musste ich dem guten alten Marx Recht geben. Ich weiss bis heute nicht, weshalb man einen besonderen Respekt vor Religionen haben sollte. Religionen spiegeln nur wider, was man unter dem Hintern hat. Sitzt man auf einem Holzstuhl, so ist auch der Himmel aus Holz. Oder die Hölle. Je nachdem. Natürlich wird man in eine Religion oder Konfession hineingeboren, die einen prägt. Und diese Prägung muss man weder verleugnen noch schlechtreden. Noch immer sind die Katholiken prunksüchtig, leichtlebig und bussfertig. Und noch immer sind die Protestanten sparsam, fleissig und tierisch ernst. In der Mentalität ist das tief verankert. Doch im Religiösen haben sich die Unterschiede verflüchtigt. Die Zeiten religiöser Sippenhaft sind vorbei. "Einer Religion angehören" und "eine religiöse Überzeugung haben" sind zweierlei. Wenn jemand in einer säkularen Gesellschaft eine religiöse Überzeugung vertritt, tut er dies aus einer Affinität heraus. Es gibt Modelleisenbahn-Freaks, und es gibt Leute, die sich zu einem Glauben bekennen - und in diesem Glauben vollumfänglich aufgehen. So gesehen waren die Eisenbahnbücher im Schaufenster der Buchhandlung Vetter vielleicht doch nicht so weit hergeholt.

 

Ich habe weder etwas gegen Religionen noch gegen Modelleisenbahnen. Das Problem sehe ich dort, wo sich jemand in seiner Glaubensinbrunst herausgehoben und erwählt fühlt, obwohl er nur eine Schablone ausfüllt, eine Masche abzieht, eine Predigt recycelt, etwas Angelesenes widerkäut und nachbetet. Es ist nicht das Schablonenhafte, was mich ärgert, und ebensowenig ärgert mich die Gläubigkeit. Solange das nicht zusammenkommt, habe ich keine Mühe damit. Meine Grossmutter ist eine fromme Katholikin gewesen. Wenn sie den Hausschlüssel nicht finden konnte, betete sie zum Heiligen Antonius. Form und Inhalt stimmten bei ihr überein. Ihre Einfalt war nicht missionarisch oder anmassend, sondern rührend - und eigentlich gar nicht so dumm, weil da nämlich auch ein gewisser Witz dabei war, ein Sinn für die metaphysische Bedeutung des Banalen und Zufälligen. Der Heilige Antonius als Vorsteher eines göttlichen Fundbüros. In den gezeichneten Bibelgeschichten von Jean Effel, die ich als Kind verschlungen habe, findet man etwas Ähnliches. Etwas Versponnen-Fabulierendes, das sich dem religiösen Wahrheitsanspruch entwindet - ohne die Religion zu negieren. Bei den Fundamentalisten findet man das nicht. Hier wird anderes Geschütz aufgefahren: die Bibel als Dicke Bertha, als Superkanone, die alles Sündhafte in Grund und Boden donnert. Was mich an den Fundis ärgert, ist die Diskrepanz zwischen Sein und Wollen. Zwischen der bodenlosen mentalen Plattheit und dem Gefühl göttlicher Erwähltheit. In der Evangelischen Buchhandlung habe ich das eigentlich nur indirekt erlebt. Oder als Ausnahmefall. Die Stammkundschaft war evangelisch, nicht evangelikal. Und eines darf man ja nicht vergessen: die Evangelische Buchhandlung befand sich in Basel, und in Basel herrscht seit jeher ein spezielles Understatement. Wo sonst ähnelt die Fasnacht einem Trauermarsch? Und wo sonst gehen Millionäre kellnern - und spenden das Trinkgeld einem Wohltätigkeitsverein? Die theologisch interessierte Kundschaft war mehrheitlich kopfgesteuert. Den Glauben behandelte sie diskret, fast wie etwas Unanständiges, während sie die Theologie als etwas betrachtete, das nützlich sein konnte, wenn man beim Ausfüllen eines Kreuzworträtsels das deutsche Wort für "Transsubstantiation" brauchte. Kurzum: im Christentum sah diese Kundschaft einen Grundpfeiler der abendländischen Kultur, eine Wissensanstalt mit Querverbindungen zum Humanismus und zur Aufklärung. Andererseits gab es auch Kunden, die - vermutlich noch auf einer nachschwappenden Welle der 68er-Bewegung - einer superprogressiven Agitprop-Theologie huldigten. Hier war man protestantisch im eigentlichen Wortsinn: man legte Protest ein, man war für oder gegen etwas und griff zu jener urprotestantischen Waffe, mit der schon Luther den Teufel, sprich den Papst zur Zielscheibe gemacht hatte. Diese Waffe war das Wort. Hier war es allerdings nicht mehr gegen den Papst gerichtet, der sich inzwischen fast nur noch mit seinem eigenen aufmüpfigen Hauspersonal (Drewermann, Küng) herumschlagen musste, sondern gegen die Unterdrückung der Dritten Welt, die soziale Ungerechtigkeit, die Aufrüstung, die Apartheid und so weiter. Das konnte bis zu einem "negativen" existentialistischen Glauben gehen, in dem Gott zu Godot wird - und durch Abwesenheit glänzt. In der neuevangelischen Ethik einer Dorothee Sölle hiess das, dass auf Gott kein Verlass mehr war. Dass der Mensch den Laden selber schmeissen musste. In eigener Verantwortung. Diese Auffassung war zwar nicht neu, aber in den Achtzigerjahren wurde sie erstmals richtig populär. Besonders im Schwange war damals alles, was mit Feminismus, Atomabrüstung und Umweltzerstörung zu tun hatte, und andauernd kam ein neues Buch über Jesus heraus, das ihn als modernes "Role Model" in Anspruch nahm: "Jesus, der Therapeut", "Jesus, der neue Mann", "Jesus, der Sozialist", "Jesus, der erste Feminist" und so weiter. Mein Lieblingsbuch aus diesem Bereich war das Buch eines amerikanischen Forschers, der die Behauptung aufstellte, Jesus sei ein Drogen-Guru gewesen - und das von ihm verwendete Salböl ein Cannabis-Extrakt. Im Schaufenster und in den Eingangsvitrinen waren solche Bücher ständig ausgestellt. Es waren die populärtheologischen Renner. Oft wurde sehr kritisch über den Glauben gesprochen. Oder zumindest mit einer gewissen Reserve. Es herrschte eine grundprotestantische Nüchternheit, eine gepflegte Trockenheit. Eine Religiosität wie ein Weihnachtsbaum ohne Nadeln, Kerzen und Schmuck: absolut stubenrein und feuersicher. Religiöse Fanatiker und Schwarmgeister? Fehlanzeige. Zum Verrücktwerden war höchstens die Wendigkeit, die man aufbieten musste, um auf die vielen unterschiedlichen Interessen und Haltungen eingehen zu können. Mein Chef schoss da manchmal etwas über das Ziel hinaus. Es konnte vorkommen, dass er mit einem stadtbekannten Theologen über die Apokryphen zu fachsimpeln begann, obwohl dieser nur ein Trostbüchlein für eine unmittelbar bevorstehende Beerdigungsfeier brauchte. Und es konnte vorkommen, dass mein Chef mit seiner Fachsimpelei einfach nicht mehr aufhören konnte. Bis der Theologe unter vielen Entschuldigungen rückwärts aus dem Laden stolperte, um die Beerdigung nicht zu verpassen. Stand der Professor Wagner im Laden, ein Spezialist für Althebräisch und jüdische Geschichtsschreibung, referierte mein Chef wie auf Knopfdruck über Judaistik, obwohl er ausser "Jahwe" und "Shalom" kein einziges Wort Hebräisch konnte. Stand ein religiöser Freigeist im Laden - von der Sorte "rebellischer Katholik" - trug mein Chef eine Stegreif-Enzyklika gegen die Paulinische Sexualmoral vor. Bei einem Gymnasiallehrer für Altgriechisch, der eigentlich nur nach einem Geschenk für seine Frau suchte, rückte mein Chef den christlichen Platonismus in den Vordergrund. War es ein normaler Kunde, der nicht so recht wusste, was er lesen sollte, kam natürlich Goethe zum Zug. Bei Literaturfragen war das die Trumpfkarte, die mein Chef unweigerlich ausspielte. Goethe war seine Religion. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar: meinem damaligen Chef, aber auch dem Meister aus Weimar. Es war sehr unterhaltsam. Sobald die Sprache auf Goethe kam, kippte die Gelehrsamkeit meines Chefs in ein schwadronierendes Abschweifen, ein weitausgreifendes "Wie-Goethe-schon-sagte" ohne Punkt und Komma. Und vor allem: ohne Schlusspunkt. Wegen Goethe war mein Chef ständig neben der Spur. Verpasste Termine, verschluderte Dokumente, verlegte Bücher, falsch herum angezogene Kleidungsstücke, versehentliches Brennenlassen der Schaufensterbeleuchtung am Morgenstraich: an alledem war Goethe schuld. Doch genau das war das Sympathische an dieser Sache. Ohne Goethe wäre mein Chef kaum zu ertragen gewesen. Ohne Goethe wäre er nur Chef gewesen. Bei Goethe konnte er sagen: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" Nach einem Geschäftsessen fuhren wir einmal spätabends mit dem Tram nach Hause. Wir hatten denselben Weg, beide wohnten wir im Gellertquartier. Auf der Tramfahrt diskutierten wir angeregt über Goethe. Über Goethes Italienreise. Über Goethes Schweizerreisen. Über Goethes Farbenlehre. Über Goethes Freundschaft mit Schiller. Über Goethes Liebschaften. Über Goethes Alkoholkonsum. Über Goethes Hundephobie. Über Goethes Zeichenkunst. Und plötzlich fuhr das Tram in eine Halle hinein. Sämtliche Lichter erloschen. Mein Chef drückte wie wild auf den Türknopf, doch die Türen blieben geschlossen. Wir hatten Glück. Der Tramchauffeur half uns aus der Klemme. Freundlicherweise bestellte er uns ein Taxi. Wir befanden uns am falschen Ende der Stadt, im Tramdepot Morgartenring. Der Tramchauffeur konnte uns auch nicht erklären, wie wir das fertiggebracht hatten.

 

In der Evangelischen Buchhandlung habe ich Religion als Bildungsauftrag erlebt, nicht als Überzeugungssache. Insofern fühlte ich mich dort recht wohl. Auch mein Chef war nur mässig religiös, ein formell praktizierender Sonntagschrist, der das halbe Kirchengesangsbuch auswendig wusste, aber der kollektiven Gemütseinfalt des gemeinsamen Singens und Betens nicht allzuviel abgewinnen konnte. Mein Chef war vor allen Dingen Buchhändler, und die Bibel war für ihn zuerst und vor allen Dingen ein Buch. Ein schlichtes oder weniger schlichtes Buch mit Buchstaben und Ziffern. Dieses Buch konnte schön oder hässlich sein, gebunden oder broschiert, man konnte es in dieser oder jener Übersetzung kaufen, mit Goldschnitt oder ohne, mit Schuber oder ohne, mit Lesebändchen oder ohne - und so weiter. So sahen es auch die netten älteren Damen, die in der Evangelischen Buchhandlung Bibeln verkauften. Und nicht nur Bibeln, sondern auch alles Andere, das in dieser dubiosen kleinen Buchhandlung an der Schifflände zu haben war: vom Globi-Buch bis zum Miniatur-Sticker, von der Kalorientabelle bis zur Faksimile-Ausgabe der Diebold Schilling-Chronik. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Frau Werenfels. Sie drückte sich immer sehr gewählt aus, und in der Freizeit malte sie nostalgische Stadtansichten. Während meiner Lehre arbeitete sie gerade an einem Bilderbuch für Kinder. Ein paar Jahre später erschien es unter dem Titel "Em Schuggi sy Basel". Es wurde auf Anhieb ein Bestseller. Frau Werenfels durfte man nie unterschätzen. Als sie einmal einen Bücherdieb erwischt hat, ist sie ihm bis zum Fischmarkt nachgerannt und hat ihm dort eine Szene gemacht, inmitten schaulustiger Passanten. Frau Werenfels war eine Figur wie aus einem Roman von Robert Walser. Und tatsächlich war Robert Walser ihr Lieblingsautor, den sie allerdings nur mit grösster Vorsicht zur Lektüre empfahl. Nur ein einziger Leser unter Tausenden, wenn nicht sogar unter Millionen, könne mit der kurios verwickelten Prosa Robert Walsers in Einklang kommen, sagte Frau Werenfels, während sie mit einem zierlichen Löffelchen ihren Kaffee umrührte. Jeden zweiten Samstag hüteten wir zusammen den Laden, und in der Zehnuhrpause diskutierten wir manchmal über Literatur. In meinem Fall erwies sich Frau Werenfels als grosse Menschenkennerin. Sie empfahl mir Robert Walser ohne jedes Bedenken. Und so las ich zum ersten Mal Robert Walser, der mich sofort mitriss.

 

 

 

April, 2018