Im Baumgärtli

 

Das Baumgärtli war die Strasse, an der wir wohnten. Dennoch sagten wir nie: "Wir wohnen am Baumgärtli." Wir sagten immer: "Wir wohnen im Baumgärtli." Unsere Ad­resse lautete "Im Baumgärtli", als ob dort noch immer der Obstgarten gewesen wäre, dem das Baumgärtli seinen Namen zu verdanken hatte. Andererseits war das Baumgärtli auch nicht eine richtige Strasse, es war eine Sackgasse, eine Seitenstrasse ohne Abschluss. Auf der für Fahrzeuge nicht durchgängigen Seite gab es immerhin eine Treppe ins Dorf hinab. Die Strasse selbst endete auf einer Parzelle aus Geröll und Lehmhaufen. Ziemlich willkürlich. Dahinter fing die Wiese an, un­sere Spielwiese mit der Landschaftskulisse von Ormalingen und dem frühen Licht der aufgehenden Sonne. Irgendwann sollte weitergebaut werden, die Pläne waren da, und die Wiese war eigentlich Bauland. Im Ganzen war das Baumgärtli also nichts Fertiges. Oben, gegen die Allersegg zu, verlief das obere Baumgärtli parallel zum unteren Baumgärtli, ebenfalls ohne Weiterführung, und erst viel später wurde das untere Baumgärtli zu einer langen Schlaufe erweitert, die oberhalb des oberen Baumgärtlis in den Farnsbergweg einmündet und den heutigen Baumgärtliring bildet. Das obere Baumgärtli, um das diese Schlaufe herumführt, ist eine Sackgasse geblieben und heisst jetzt nicht mehr "Baumgärtli", so wie früher, als es einfach nur das Baumgärtli war, im Unterschied zum unteren Baumgärtli, dem eine postalische Präposition beigefügt war. Heute heisst das obere Baumgärtli "Im Baumgärtli". Es hat also die postalische Präposition des unteren Baumgärtlis übernommen, wohingegen das untere Baumgärtli heute "Baumgärtliring" heisst, wegen der weiterführenden Schlaufe, die das untere Baumgärtli mit dem Farnsbergweg und indirekt auch mit dem oberen Baumgärtli verbindet. Dank diesem Ring, der eigentlich eine Schlaufe ist, führt nun das untere Baumgärtli über die Höhe des oberen Baumgärtlis hinaus, sodass man strenggenommen kaum noch von oben und unten reden kann. Früher aber liefen die beiden Strassen zur Gänze parallel, die eine war oben, die andere unten, und um die beiden Strassen - die Strasse namens "Im Baumgärtli" und die Strasse namens "Baumgärtli" - in der Rückschau auseinanderhalten zu können, ist es einfacher, man redet vom oberen und vom unteren Baumgärtli, weil oben und unten irgendwie zeitlos sind. Schon damals war das obere Baumgärtli oben und das untere Baumgärtli unten, und so ist es noch heute, auch wenn oben und unten nur noch von den Strassenanfängen her definiert werden können. Zeitlos ist auch der sprachliche Umgang mit der Adresse. Schon damals, als das obere Baumgärtli noch Baumgärtli hiess, gaben seine Bewohner ihre Adresse mit der postalischen Präposition des unteren Baumgärtlis an. Sie sagten also nicht: "Ich wohne am Baumgärtli." Und noch weniger sagten sie: "Ich wohne im Baumgärtli ohne im." Wenn sie ihre Adresse angaben, sagten sie das Gleiche wie die Bewohner des unteren Baumgärtlis. Sie sagten: "Ich wohne im Baumgärtli."

 

Auf dem Balkon unseres Hauses im unteren Baumgärtli - oder im Baumgärtli, um die Sache zu vereinfachen - blickten wir nach Süden über das ganze Dorf hinweg, links der Kirchturm, rechts das Altersheim. Die Aussicht spannte sich sehr weit. Die einzelnen Bäume des gegenüberliegenden Waldsaums sahen wir nur bei Föhnwetter. Unser Garten erstreckte sich über mehrere Stufen, wie die meisten Gärten im Baumgärtli. Darunter fiel der Hang steil ab. Dort war die Bahnböschung, unzugänglich überwuchert von Akazien und Brombeergestrüpp. Das Rattern und Brausen der vorüberfahrenden Züge drang Tag und Nacht zu uns herauf, etwas gedämpft durch den Einschnitt im Gelände und die dichte Vegetation, aber momentweise dann doch stark genug, um sogar die Geräusche aus dem Radio und Fernseher zu übertönen. Es fing leise an, wie ein auffrischendes Windchen, und steigerte sich ziemlich schnell zu einem kurzzeitig gleichbleibenden Getöse, dem ein hohes, durchdringendes Zischen beigemengt war, und entschwand dann in einer Ferne, in die man hineinlauschen konnte, bis man wieder die konstanten Alltagsgeräusche vernahm: Vogelgezwitscher, die ABBA-Musik aus dem Radio, den Mittagsverkehr auf der Ergolzstrasse, den Müllwagen am Farnsberg, die Kirchenglocken mit ihrem viertelstündlichen Geläut, das Hundegebell bei Aenishänslis, den Chäsiwagen mit seinem rumpelnden Frischmilchkessel. Die Bahn gehörte dazu - und ging doch weit über das Dorf hinaus. Ohne den periodisch an- und abschwellenden Lärm hätte ich abends gar nicht einschlafen können. Er war wie eine Meeresbrandung, die mein Dasein mit einem verlässlichen Rhythmus grundierte und mich akustisch an die Weiten des Universums anschloss.

 

Angefangen hat meine Baumgärtli-Existenz, soweit ich sie aus dem Gedächtnis zusammenfügen kann, mit einem ganz anderen Geräusch, nämlich einem Bagger, der direkt vor meinem Zimmer den Garten umgrub. Ich war ungefähr drei Jahre alt. Ich lag im Bett und versuchte mein Mittagsschläfchen zu machen. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden schimmerte Tageslicht. An Schlaf war natürlich nicht zu denken. Das Brummen und Klappern hielt mich wach. Ich weiss noch, wie ich die Brumm- und Klappergeräusche des Baggers, sein Hin- und Herfahren, sein Zurücksetzen, Anfahren, Drehen und Zurückdrehen und vor allem das ruckhafte Schwenken der Baggerschaufel als einen kolossalen Weltumbau wahrnahm. Ich lag einfach nur da und lauschte und lauschte, während der Riese vor meinem Fenster das Erdreich umwälzte und den Boden zum Erzittern brachte. Mit dem Einzug in Gelterkinden setzen die ersten Erinnerungen ein. Sie herauszusondern und zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Grösstenteils verlieren sie sich im ungeordneten Zeitfluss der fortlaufenden Kindheit und gehen konturlos darin auf: das abgedunkelte Zimmer, der Bagger, das Haus mit der nach Benzin stinkenden Buderos-Juno-Heizung in der Waschküche, Vaters Filmvorführungen mit dem ratternden Bauer-Projektor, die Heimorgel mit den vielen Knöpfen, die holzgeschnitzte Don-Quichotte-Figur über der Treppe, das strunzgrün gekachelte WC, die Aussicht über das Dorf, der kahle Garten, die Gärten und Häuser in der Umgebung, oben die Strasse und unten das an- und abschwellende Eisenbahnrauschen. In diesem Universum hatte ich noch keinen zeitlichen Zugriff auf ein Vorher, das dies alles ermöglicht hatte. Für das neue Zuhause hatten meine Eltern eine Hypothek aufgenommen. Ihre Wahl war auf den Herkunftsort meiner Mutter gefallen: Gelterkinden. An der Ormalingerstrasse, nicht weit vom Farnsberg und dem Baumgärtli-Areal, war sie selber aufgewachsen, dort wohnten ihre Eltern, meine Grosseltern, die Grossmutti und Grossvati hiessen, während die Eltern meines Vaters, die Grosspapi und Grossmammi hiessen, in Basel wohnten. Der Gelterkinder Südhang am Farnsberg war eine kluge Wahl gewesen: schönste, sonnenbeschienene Lage, und die Eltern mütterlicherseits in erreichbarer Nähe. Allerdings verzögerte sich der Einzug in das Doppelreihenhaus um etliche Monate. Das Haus, in das wir einziehen sollten, war eines von zwei identischen Häusern im hinteren Baumgärtli. Die beiden Doppelhäuser bildeten sozusagen ein Doppel-Doppelreihenhaus. Doch die einfache und einfach zu duplizierende Architektur täuschte. Bald stellte sich heraus, dass sich ein Bau- oder vielmehr Planungsfehler eingeschlichen hatte. Zuoberst auf diesen Häusern hatte der Architekt ein halbes Stockwerk aufmauern lassen, das eigentlich zuviel war und auch keinen rechten Nutzen brachte, und die versehentlich entstandene Höhe musste wieder zurückgebaut werden. Während des Baus und Rückbaus wohnten meine Eltern in Pratteln, im letzten Wohnblock vor Frenkendorf direkt an einem Bahnübergang, der jedes Mal klingelte, wenn die Schranken herabgelassen wurden. Mich gab es schon, meine Schwester noch nicht. Ich lernte krabbeln, gehen und herumrennen, konnte aber lange Zeit kein einziges Wort sprechen ausser "Ding-Däng". Das war natürlich noch vor jeder bewussten Erinnerung. Das "Ding-Däng" blieb jedoch an mir haften als etwas Typisches und Erzählenswertes. Dieses "Ding-Däng" war für mich in meiner ersten Sprechphase anscheinend so etwas wie ein Universalwort. Ein Hund war ein "Ding-Däng", ebenso eine Untertasse. Vater war ein "Ding-Däng", und Mutter war ein "Ding-Däng". Das "Ding-Däng" war keine Erfindung. "Ding-Däng" machte die Glocke des Bahnübergangs, den ich als Dreikäsehoch oft bestaunt haben muss. Wir wohnten ja gleich nebenan, und Mutter ging dort mit dem Kinderwagen gelegentlich spazieren, aus dem ich hinausschaute und vor allem hinaushorchte in die kleine Welt zwischen Pratteln und Frenkendorf, in der hin und wieder die Glocke des Bahnübergangs ihr "Ding-Däng" erschallen liess. Beim Einzug in Gelterkinden war ich etwa zwei Jahre alt. Ich hatte blonde Locken und krumme Füsse. Alle hielten mich für ein Mädchen, ausser meinen Eltern. Weil ich so lange brauchte, um sprechen zu lernen, und eigentlich die längste Zeit nichts ausser "Ding-Däng" sagte, war ihnen klar, dass ich kein Mädchen sein konnte. Meine Schwester Sabine kam bald nach. Sie war ein Baby, das nie schrie und immer nur vor sich hingluckste.

 

Als wir im Baumgärtli einzogen, stand die Wohnung nebenan noch leer. Sie war eine Baustelle mit unverglasten Fenstern, unverputzten Wänden und herabhängenden Kabeln. Eine bewusste Erinnerung daran habe ich nicht. Aber man erzählte mir später oft, ich sei bei jeder Gelegenheit entwischt, um den Bauarbeitern und Handwerkern Gesellschaft zu leisten, die sich einen Spass daraus machten, mir einen Helm aufzusetzen, unter dem ich fast verschwand. In die fertige Wohnung zog schliesslich ein älteres Paar ein, wobei man immer nur die Frau zu Gesicht bekam, eine zierliche Dame mit Trockenhaubenfrisur, die mit ihrem weissen Pudel mehrmals täglich aus der Haustüre kam und freundlich grüsste, wenn jemand von uns im Vorgarten war. Hier setzen denn auch die ersten Erinnerungen ein. Es sind vor allem Erinnerungen an Bauarbeiten - und an das Ewig-Dauernde dieser Bauarbeiten. Kaum waren die Arbeiten im Haus beendet, wurde auf der Strasse weitergearbeitet. Es wurde gegraben, gebaggert, gewühlt und planiert. Und kaum war irgendein Loch zugeschüttet, entstand ein paar Schritte nebenan ein neues Loch. Kaum war ein Strassenabschnitt asphaltiert, grub man ihn wieder auf, weil man irgendeine Röhre auswechseln musste. Deutlich erinnere ich mich an die Episode mit den Haselnüssen. Arbeiter hackten und schaufelten in einer knietiefen Grube, nicht weit von unserm Vorgarten entfernt. Einer von ihnen, schmutzig, hager und braungebrannt, ein Südländer, vermutlich Spanier, schlug mit einem Hammer Haselnüsse auf. Er sass auf einem Zementsack neben der Baustelle. Die Nüsse hatte er auf einem Holzblock zurechtgelegt. Mit dem Hammer bearbeitete er sie ohne besondere Kraftanstrengung, aber sehr konzentriert, als wäre das Nüsseaufschlagen seine einzige Aufgabe. Ich stand daneben und schaute zu. Als er ein paar Nusskerne herausgeschlagen hatte, trennte er sie säuberlich von den zersplitterten Schalen. Er sagte etwas, das ich nicht verstand, und liess die Nüsse in meine hohle Hand kullern, bevor er ein paar neue aufschlug. Zu diesem Zeitpunkt muss ich drei oder vier Jahre alt gewesen sein. Meine Engelslocken war ich da schon los, fast über Nacht hatte ich normales braunes Haar bekommen. Ich hatte mich gemausert. Die krummen Füsse waren allerdings immer noch ein Problem. Nicht weil ich damit nicht hätte gehen können. Ich war dauernd in Bewegung, ein kleiner Rennteufel. Das Problem war, dass es komisch aussah. Ich watschelte herum wie Charlie Chaplin, nur dass bei mir die Füsse nach innen schauten. Sobald ich losrannte, knickten sie einwärts, weil die Oberschenkel leicht verdreht waren. Vage erinnere mich an die Flure des Kinderspitals, wo mich Mutter ein paarmal zur Kontrolle hinbrachte. Die Ärzte begutachteten mich interessiert, kaum besorgt. Ich musste hin und her watscheln wie ein kleiner Dackel, und die Spezialisten und Unterspezialisten von der Pädiatrie machten sich eifrig Notizen. Schliesslich kam ich in ein Zimmer, das wie ein Spielzimmer aussah, in Wirklichkeit aber eine getarnte Therapiestation war. Ich musste mich auf den Boden setzen und mit den nackten Füssen Glasmurmeln von einem Punkt zum andern befördern. Diese Übung musste ich zu Hause jeden Tag wiederholen. Mit den nackten Füssen schob ich auf dem weissflauschigen Flokatiteppich unserer Stube Glasmurmeln herum und versuchte sie mit den Zehen zu greifen und hochzuheben, was mich gewissermassen zum Affen machte. Die Fehlstellung meiner Beine war ein Geburtsgebrechen, das sich auswachsen konnte, nichts Schlimmes. Mit der Zeit normalisierte sich das, es bog sich gerade, und so wuchs ich im Baumgärtli einigermassen normalwüchsig heran, in einer kleinen Welt aus Bauschutt, Wiesen, Asphalt und Bäumen.

 

Meine Schwester und ich spielten auf der Strasse. Nach und nach erkundeten wir die Umgebung, das von Wiesen durchbrochene und locker mit Bäumen bestandene Quartier am Farnsberg. Und bald schon fanden wir andere Kinder zum Spielen. Oder sie uns. Da waren zum Beispiel die Aenishänslis, Kathrin und Thomas, von denen wir lernten, wie man Dreck schluckt, ohne es "grusig" zu finden: man musste nämlich die Augen ganz fest zumachen dabei. So nahmen wir unsere tägliche Dosis Eisen, Kalzium und Zink zu uns. Am Hang hinter dem Haus der Aenishänslis versteckten wir uns manchmal im ungemähten Gras. Wir bahnten uns darin einen Weg und machten uns eine Kuhle. Frau Spiess, die für das Mähen der Wiese zuständige Pächterin, erspähte uns, egal wie gut wir uns versteckten. Mehrmals vertrieb sie uns. Sie mähte die Wiese mit einer Sense. Das sah zum Fürchten aus. Es passte zu ihr, dass sie einen grossen schwarzen Hund hatte, der, ausser beim Mähen, nie von ihrer Seite wich, und immer trug sie einen langen schwarzen Filzmantel und schwarze Gummistiefel, als ob sie permanent in einer eigenen Wetterwolke unterwegs gewesen wäre, in einem eigenen Tiefdruckgebiet, wo es jederzeit regnen konnte. Ich weiss nicht, ob es an ihr oder an der Hunderasse lag, dass ich diesen Hund, einen Belgischen Schäferhund mit hinterlistigen Knopfaugen, nicht ausstehen konnte. Ansonsten liebte ich Hunde sehr, sie konnten mir gar nicht gross genug sein. Mein Lieblingshund gehörte der Familie Frei vom oberen Baumgärtli. Er war ein stattlicher Berner Sennenhund, ein Bär von einem Hund, der sofort auf mich zustürmte, wenn er mich nur schon von weitem sah. Wabbelnd, schlabbernd und hechelnd sprang er an mir hoch und warf mich um. Ich umklammerte ihn, während wir uns auf der Wiese hin und her wälzten. Wir lieferten uns Ringkämpfe, die ich natürlich immer verlor. Sobald er auf mir droben war, leckte er mich ab. Wir hatten ein echtes Vertrauensverhältnis. Nach jedem Ringkampf war meine dunkelgrüne Parka von oben bis unten vollgesabbert, und ich roch so intensiv nach Hund, als hätte ich in einem Hundezwinger übernachtet. Irgendwann kam er unter den Zug. Kann sein, dass er auf seine tollpatschige Art versucht hatte, mit dem Zug zu spielen. Unten am Bahndamm vor dem Viadukt sah ich ihn auf der Strasse liegen. Ich war auf dem Weg zur Schule. Es hatte ihn fortgeschleudert. Er war nicht entstellt, aber eindeutig tot. Polizisten legten ihn auf eine Plache und brachten ihn fort. Es war seltsam: der leblose Körper war für mich nicht mehr der Hund, mit dem ich gespielt hatte. Ich sah diesen Körper aus einer grossen Distanz und ohne Trauer. Das Abschiednehmen fiel mir leicht. Wer spielt schon gern mit einem toten Hund? Die Tiere, mit denen wir uns im Baumgärtli am meisten abgaben, waren die Katzen. Sie waren überall, und sie waren eine Plage. Sie schissen auf die Gartenplatten, frassen Vögel und Zierteichfische, weckten uns nachts mit ihren Muezzingesängen, und dann besassen sie auch noch die Unverschämtheit, nie unter den Zug zu kommen. Katzen als Streicheltiere, das gab es bei uns nicht. Katzen liebten wir nur deshalb, weil sie so schreckhaft waren. Wir machten "Hu!" oder "Ha!" und klatschten in die Hände, wenn wir eine Katze sahen, und die Katze fetzte davon, als wären alle Teufel hinter ihr her.

 

Ein Katzenschreck war auch der Herr Vandervolk. Manchmal tauchte er plötzlich in seinem Garten auf und schrie grundlos herum. Seit seinem Schlaganfall verbrachte er seine Tage vor dem Fernseher. Nie liess er sich blicken, ausser wenn er wieder einen seiner Tobsuchtsanfälle hatte. Er war zwar nicht pflegebedürftig, konnte aber im Haushalt nur noch das Nötigste machen. Die Kinder - immerhin waren sie zu dritt - nahmen ihm das Eine oder Andere ab. Sie waren Schlüsselkinder, obwohl der Vater immer zu Hause war. Frau Vandervolk ging arbeiten. Für ihren Mann und die Kinder füllte sie einmal wöchentlich den Kühlschrank. Das war natürlich eher eine Geste als eine Versorgungsmassnahme. Indem sie den Kühlschrank füllte, zeigte sie, dass sie die Mutter war. Ihre eigentliche Aufgabe war es, das Geld nach Hause zu bringen. Am Morgen stöckelte sie als aufgetakelte Businessdame auf den Zug, und abends stöckelte sie genauso aufgetakelt wieder nach Hause. Für sie und die Kinder war die häusliche Situation bestimmt nicht einfach. Der Schlaganfall, das Schlägli, wie wir sagten, hatte den schon ziemlich betagten Herrn Vandervolk stark verändert. Er konnte sehr nett und gemütlich sein, aber auch plötzlich wieder ausrasten und im Garten herumschreien, ohne irgendein verständliches Wort von sich zu geben. Entweder schrie er auf Holländisch oder mit mangelhafter Artikulation. Oder beides. Niemand wusste, was ihn denn so fürchterlich aufregte, und es war gar nicht so einfach, die Willkürlichkeit dieser Anfälle zu akzeptieren. Einen Grund hatten sie ja schon. Schuld war das Schlägli. An den Herrn Vandervolk und seine Anfälle waren wir Kinder von klein auf gewöhnt. Für uns war dieser alte Herr, der in seinem Garten manchmal ganz plötzlich drauflosfluchte und jeden anschrie, der zufällig vorüberkam, etwas völlig Normales und in keiner Weise Bösartiges, zu erschrecken brauchte sich niemand. Wir wussten, dass hier etwas Mechanisches ablief, dem sich der Herr Vandervolk unmöglich entziehen konnte, vergleichbar einem Niesreiz oder Schluckauf oder, was dem Schlägli vielleicht noch am nächsten kam, einem epileptischen Anfall. Wir hatten einen gewissen Respekt vor ihm, aber keine Angst. Als ich und meine Schwester noch im Vorschulalter gewesen waren, hatte uns Mutter einmal für ein paar Stunden in seine Obhut gegeben. Er war sanft wie ein Lamm. Unter seiner Aufsicht sassen wir im Schneidersitz vor dem grossen Einbauschrank, in dem der Fernseher lief. Wir schauten "Siegfried der Drachentöter", während Herr Vandervolk in seinem Fauteuil vor sich hinlächelte wie ein chinesischer Buddha.

 

Die Vandervolks hatten einen Zierteich. Er war sehr diskret, nicht viel mehr als ein im Boden eingegrabener Asbestkübel mit ein paar feinfiedrigen Pflänzchen und anmutig aufblitzenden kleinen Goldfischen. Trotzdem zog er sämtliche Katzen im Umkreis von drei bis vier Kilometern magisch an. Sie umlauerten ihn Tag und Nacht. Frau Vandervolk musste ständig neue Goldfische kaufen. Mit seinem Geschrei, das meistens gar nicht den Katzen galt, trieb Herr Vanderwolk die Räuber jeweils in die Flucht, und es kann sein, dass er das in seinen lichten Momenten auch so wahrnahm und den Katzen ganz bewusst hinterherfluchte und innerlich über sie triumphierte. Doch sobald er sich ausgetobt hatte und ins Haus zurückging, um eine angefangene Fernsehsendung fertig zu schauen oder ein Nickerchen zu halten, kamen sie aus der Deckung heraus und schlichen sie sich wieder an. Als Abschreckung funktionierte das Geschrei nicht. Katzen sind schlau. Sie merken instinktiv, wenn ein Mensch behindert oder sonstwie eingeschränkt ist in seinen Möglichkeiten, ihnen Einhalt zu gebieten, und nutzen das schamlos aus. Um den Vandervolks zu helfen, besonders dem alten Herrn Vandervolk, der wegen seiner Behinderung nichts gegen die Katzen in seinem Garten unternehmen konnte, legte sich Vater an unserem Dachfenster auf die Lauer und zielte mit seinem Luftgewehr, Marke Norconia, auf die erstbeste Katze, die sich dem Teichrand näherte. Die Luftlinie vom Dachfenster zum Teich betrug etwa 50 Meter. Kein Problem für meinen Vater. Seine Nachbarschaftshilfe schlug an. Die Katze ging baden, und da Katzen ebenso lernfähig sind wie wasserscheu, blieben Vandervolks Goldfische von da an verschont.

 

Michi, der Jüngste von den Vandervolks, war ein Jahr älter als ich und be­sass einen Detektivkasten, ein kleines Walkie-Talkie und alle Bände von "Die Drei Fragezeichen". In seinem fensterlosen Zimmer unter der flachwinkligen Dachschräge des Estrichs, wo wir stellenweise den Kopf einziehen mussten, hingen überall Poster von Elvis Presley. Michi war ein Fan. Für ihn war Elvis der Grösste, was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Als mir einmal eine falsche Bemerkung über Elvis entschlüpfte - ich nannte ihn einen "Schreihals" - musste ich die Bemerkung mit einem formellen Schwur des Ungesagtmachens zurücknehmen, sonst wäre unsere Freundschaft beendet gewesen. Noch Tage später war Michi eingeschnappt. Er gab mir zu verstehen, dass es jedem andern, der ihm so etwas ins Gesicht gesagt hätte, übel ergangen wäre. Das war immerhin grosszügig. Michi hatte mich verschont. Um Michi meinerseits entgegenzukommen, gab ich zu, dass ich kein Elvis-Kenner war. Ich wusste also gar nicht, wie Elvis sang. Oder was er sang. Seine Lieder kamen selten im Radio. Oder ich erkannte sie nicht, weil sie zu allgemein waren. Nichts Besonderes eben. Unter den jüngeren Baumgärtli-Kindern waren Michi und ich oft die Anführer und Realisatoren. Vieles unternahmen wir aber auch zu zweit. Ich erinnere mich an das Detektiv-Büro, das wir in Michis Zimmer eingerichtet hatten, die Dachschräge passte ja dazu. Wir hatten Gesichtsvorlagen auf Folien, die wir übereinanderlegten und kombinierten, um Phantombilder anzufertigen. Ausgerüstet mit Billig-Fotoapparaten und Fingerabdruckpulver zogen wir los, um Passanten zu beschatten. Wir führten eine Fingerabdruckkartei, und in luftdicht abschliessbaren Beiweistüten, eigentlich simplen Gefrierbeuteln, sicherten wir unsere Beweisstücke. Wir erfanden eine eigene Schrift und studierten die Tricks der Geheimagenten. Damit wir uns blitzschnell tarnen konnten, hatten wir jede Menge Ersatzkleider, besonders Mäntel und Hüte, dazu unterschiedlich gefärbte Sonnenbrillen und künstliche Schnäuze. Wie bei Jungenfreundschaften üblich, ging es immer auch ein bisschen darum, wer der Bessere war. Wer der Schlauere. Wer den besseren Durchblick hatte - und so weiter. Einmal disputierten wir sehr ernsthaft darüber, welches die höchste - die allerhöchste - Zahl sei. Jeder hatte den Anspruch, die höchste - die allerhöchste - Zahl nennen zu können. Nachdem wir alle uns geläufigen Zahlwörter jenseits von Tausend durchgegangen waren - Millionen, Milliarden, Billionen, Quadrillionen, Quadrilliarden - nannte ich die Fantasiezahl "eine Brutallion". Ich ging davon aus, dass meine Vorstellung einer brutal grossen und die eigene Brutalität unverhohlen zum Ausdruck bringenden Maximal- oder Brutalzahl unüberbietbar sei. Doch dem war nicht so. Mit "zwei Brutallionen" überbot mich Michi, ohne mit der Wimper zu zucken. Worauf ich siegesgewiss sagte: "Unendlich!" Doch damit kam ich Michi nicht bei. Seine schlagfertige Antwort lautete: "Unendlichundeins!" Damit setzte er mich schachmatt. Michi war ein Jahr älter als ich. Seine geistige Überlegenheit bekam ich immer wieder mal zu spüren. Als wir einmal eine kleine Velotour machten, fuhr ich ständig auf der linken Strassenspur, während Michi korrekterweise rechts fuhr, im Fluss des normalen Strassenverkehrs. Von Verkehrsregeln hatte ich keine Ahnung, und in diesem Alter - ich war neun oder zehn - wäre ich ohne Michi niemals bereit gewesen, mit meinem Velo, zu dem ich ohnehin kein rechtes Zutrauen hatte, die sichere Zone des Baumgärtlis zu verlassen. Velofahren auf befahrenen Strassen: das war nichts für mich. Ich wusste zwar alles über die Dinosaurier und die Raumfahrt. Aber mit der Unterscheidung zwischen links und rechts tat ich mich immer noch schwer. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich mich instinktiv an die linke Seite hielt, die Fussgängerseite, die mir aus Gewohnheit als die sichere Seite erschien. Während wir auf den grossen und kleinen Strassen durchs Dorf radelten, versuchte mich Michi davon zu überzeugen, dass das Rechtsfahrgebot auch für Velos gelte. Dass ich also auf der falschen Strassenseite unterwegs sei. Was mir allerdings überhaupt nicht einleuchten wollte. "Rechts fahren, Stress sparen!" rief mir Michi zu. Und ich: "Links, das bringt's!" Und während wir so dahinradelten - vom Dorfplatz zur Rünenbergerbrücke, von der Rünenbergerbrücke zum Schulhaus, vom Schulhaus zur Leieren, von der Leieren zur Sissacherstrasse - und über die ganze Strassenbreite hinweg miteinander stritten, hupte jedes Auto, das uns entgegenkam. Das war ungefähr die Sphäre, in der wir uns bewegten. Von meiner Seite her war sicher auch etwas Neid dabei. Ich beneidete Michi um seine Freiheiten. Er war ein Schlüsselkind mit weitreichenden Kompetenzen. Und darüber hinaus genoss er auch noch das Privileg, an die Rudolf Steiner-Schule gehen zu dürfen, wo man alles anders machte und alles durfte und es kein Richtig und Falsch gab: ausser in der Polizeilehrstunde, wo man den Strassenverkehr durchnahm. Nie sah ich ein Schulheft auf seinem Schreibtisch, nie musste er etwas ins Reine schreiben, und Noten kannte er nur aus der Musik. Die Schule war für ihn kein Zwang und auch keine Zwangsbeglückung, er ging gern zur Schule, was ich kaum begreifen konnte. Er führte ein Lotterleben. Er durfte vieles, was ich nicht durfte. Er durfte zum Beispiel ultrahocherhitzte Milch trinken. Im Kühlschrank, den seine Mutter gelegentlich auffüllte, gab es literweise Packungen davon. Die ultrahocherhitzte Milch (oder UHT-Milch, wie es auf den Packungen hiess) schmeckte mir viel besser als die gesunde Trink- und Frischmilch, die es bei uns zu Hause gab. An der ultrahocherhitzten Milch mochte ich den für mich ungewohnten cremigen Beigeschmack. Ansonsten schmeckte sie ähnlich wie unsere Milch, denn Milch bleibt Milch, und doch schmeckte die Milch bei Vandervolks wie ein völlig anderes Getränk. Der kleine Unterschied machte es aus. Gleichermassen fremd und vertraut war mir auch die Wohnung der Vandervolks. Das Wohngefühl war ein anderes als bei uns, obwohl die Wohnung im Baumgärtli 7b ein exaktes Duplikat unserer eigenen Wohnung war, der Grundriss war nicht mal spiegelverkehrt wie bei der Wohnung nebenan im gleichen Haus. Trotz dieser Übereinstimmung betrat ich bei den Vandervolks eine andere Welt. Das Garderobenkästchen stand am falschen Ort, wie überhaupt alle Möbel nicht dort standen, wo sie eigentlich hingehörten, die Vorhänge waren zu dick, die Seife war parfümiert und stammte nicht aus der Migros, die Böden und Wände strömten einen befremdlichen Farb- und Leimgeruch aus, die Küche roch nach unbekannten Gewürzen, die Teppiche fühlten sich ungewohnt borstig an, überall Nippesfiguren, die bei uns sofort im Müll gelandet wären, und die Einbauschränke aus Vollholz strotzten vor Unzweckmässigkeit. Das alles gefiel mir nicht. Das Einzige, was mir bei den Vandervolks gefiel, war die ultrahocherhitzte Milch.

 

Thomas und Kathrin von den Aenishänslis waren ebenfalls Schlüsselkinder. Vater und Mutter gingen arbeiten, und die im Untergeschoss wohnenden Grosseltern wollten die Kinder möglichst nicht im Haus und um sich herum haben, da Grossvater Aenishänsli wegen seines Jobs als Nachtwächter tagsüber in einem abgedunkelten Zimmer liegen musste wie Graf Dracula. Die Kinder waren gezwungen, ihren Lärm woanders zu veranstalten, zum Beispiel bei uns, zwei Häuser weiter vorn, im Baumgärtli 6b. Unsere Mutter war darüber nicht gerade erfreut. Die Aenishänslis nisteten sich regelrecht bei uns ein. Schon in aller Herrgottsfrühe, wenn wir noch im Bett lagen, läuteten sie bei uns, weil sie mit uns spielen wollten. Sie waren ein bisschen verwildert, wie Findelkinder. Ohne Wecker, Benimmregeln und Kleidervorschriften lebten sie nach Lust und Laune in den Tag hinein. Ständig sprangen und turnten sie irgendwo herum, halb auf den Bäumen, halb im Gras, oder sie jagten einem Ball hinterher, der, wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, immer genau in den Garten der Frau Bürgin schoss, wo er die Tulpen umknickte. Trotz alledem konnte man nicht von einer Vernachlässigung sprechen. Richtige Schlüsselkinder waren sie nicht. Die Grossmutter war jederzeit für sie da. Sie durften nur nicht stören. Der Grossvater brauchte seinen Schlaf. Sein Schlaf war heilig. Als dann der Grossvater starb und Graf Dracula eine andere Ruhestätte bekam, war der Kinderlärm im Hause Aenishänsli wieder willkommen. Die Grossmutter gewährte ihnen jede Freiheit, versorgte sie mit Süssigkeiten und kochte ihnen desöftern mal etwas Feines, etwas ohne Spinat. Und auch weiterhin war das Baumgärtli für die Aenishänsli-Kinder das bevorzugte Kinderzimmer, mitsamt der ganzen Obstwiese am Farnsberg und allen angrenzenden Strassen und Wegen. Besonders Thomas tobte sich draussen gehörig aus. Jedes Geländer und Mäuerchen musste von ihm erklettert werden. An der steilen Aussentreppe neben dem Aenishänsli-Haus brach er sich hin und wieder ein Arm oder Bein. Oder die Nase. Mehrmals ging seine Brille zu Bruch, ohne die er prompt den nächsten Unfall baute, weil er beim Turnen danebengriff und den Halt verlor. Einmal hüpfte er mit frisch eingegipstem Arm und notdürftig geflickter Brille stundenlang die Treppe hinauf und hinunter. Er konnte es nicht lassen.

 

Das besserte sich erst, als sich die Aenishänsli-Eltern trennten. Die Mutter zog aus, und Vater Aenishänsli holte sich eine Asiatin ins Haus, die Zuki, wie sie von den Aenishänsli-Kindern und bald auch von uns allen genannt wurde. In das neue Regime fügten sich die Aenishänsli-Kinder ohne Wenn und Aber. Als hätten sie nur darauf gewartet, endlich jemandem gehorchen zu dürfen. Plötzlich gab es bei den Aenishänslis eine Erziehung. Plötzlich mussten sie pünktlich zu Hause sein und bekamen Schimpfis, wenn sie Grasflecken auf dem T-Shirt oder einen zerquetschten Heugumper im Hosensack hatten. Und sie gehorchten ohne Widerrede, ohne irgendeinen Mucks. Für die Aenishänsli-Kinder schien es das Natürlichste zu sein, dass Zuki nun das Sagen hatte. Dieser vobehaltlose Respekt einer Person gegenüber, mit der die Aenishänsli-Kinder nicht einmal verwandt waren, erstaunte mich. Wieso gehorchten sie einer Mutter, die nicht ihre wirkliche Mutter war? Taten sie es nur ihrem Vater zuliebe? Hätte man unsere Mutter durch eine Mutter mit Schlitzaugen ersetzt, wäre ich sofort auf die Barrikade gegangen. Doch für die Schlitzaugen konnte Zuki nichts. Auch nicht für die Brandnarben im Gesicht. Man sagte, sie sei in Nagasaki gewesen. Bis sich dann irgendwann herausstellte, dass die Brandnarben vom Koreakrieg herrührten, was uns aber nicht davon abhielt, Zukis Gesichtsentstellung auch weiterhin mit der Atombombe von Nagasaki in Verbindung zu bringen. Diese Vorstellung hatte sich bei uns fest eingebürgert. Bald schon gehörte Zuki zum Baumgärtli wie alles andere im Baumgärtli auch: wie jeder Baum und Strauch am Strassenrand, wie die Katzen, wie die Bahnböschung, wie die Eisenbahn, wie die Frau Spiess und wie der alte Herr Vandervolk und seine Tobsuchtsanfälle. Wenn wir die Zuki sahen, sahen wir über ihrem Kopf automatisch den Atompilz von Nagasaki. Ganz ungewohnt war dieser Anblick nicht: bei schönem Wetter sahen wir über der Schafmatt die Kühlturmwolke von Gösgen, eine strahlend weisse Wolke in der Form eines Brokolis.

 

Als Zuki das häusliche Regime übernahm, zusammen mit ihrem Dackel, mit dem sie dreimal täglich Gassi ging, war Grossvater Aenishänsli nur noch ein Porträt an der Wand. Niemand konnte Zuki den Rang streitig machen. Niemand, ausser der alten Frau Aenishänsli, der Grossmutter. Sie war ja noch da. Mit der neuen Schwiegertochter musste sie sich nun irgendwie arrangieren. Sie mochte diese Fremdländerin nicht. Schon am ersten Tag lag sie mit ihr über Kreuz. Was da in ihr Haus und in das Haus ihres Sohnes einzogen war, empfand sie als falsch. "Das isch falsch," sagte sie, wenn ihr etwas nicht passte. "Falsch" war alles, was ihr fremdartig vorkam. Die Fremdländerin wiederum setzte alles daran, die alte Frau in die Schranken zu weisen und zu schikanieren. Über die Kinder durfte nur noch die Stiefmutter bestimmen, während sich die Grossmutter aus allem herauszuhalten hatte. Die Grossmutter bekam Hausverbot im eigenen Haus. Das heisst: das untere Stockwerk mit ihrer Wohnung war für die Kinder tabu, genauso wie es für die Grossmutter tabu war, eines der oberen Stockwerke zu betreten. Faktisch wurde die alte Frau Aenishänsli von jedem nicht überwachten Kontakt zu ihren Grosskindern abgeschnitten. Dem fernöstlichen Hausregime setzte sie ihre bodenständige Sturheit entgegen. Aus Trotz igelte sie sich ein. Den ganzen Tag verbrachte sie vor dem Fernseher, wo sie auch die Mahlzeiten einnahm, mit einem Serviertablett auf dem Schoss, das sie wahrscheinlich aus dem Migros-Restaurant mitgenommen hatte. So hielt sie die Stellung, die ihr als Grossmutter zustand, und war doch entmachtet. Zur Lockerung dieses erzwungenen Zusammenlebens wurden einige streng reglementierte Ausnahmen erlaubt. Die Kinder durften das untere Stockwerk mit der am Fernseher angepflockten Grossmutter immerhin noch an Weihnachten und Ostern betreten. Dann aber musste alles sehr förmlich ablaufen, sozusagen mit Knicks und Kratzfuss. Mutter schaute manchmal bei der alten Frau Aenishänsli vorbei, um ihr etwas Selbstgebackenes zu bringen, und nachher sprach sie dann wieder eine ganze Weile über nichts anderes als über dieses Shakespeare-Drama rund um matriarchale Thronerschleichung und Feindesübernahme im Hause Aenishänsli. Die alte Frau Aenishänsli tat uns leid. Es war schade um sie, war sie doch ein typisches Grosi, eine herzliche, wenn nun leider auch etwas verdrückte und verbitterte alte Dame, bei der wir Kinder aus der Nachbarschaft hin und wieder vorbeischauten, da der Schulweg auf der Ormalinger Seite direkt an ihrem Garten vorbeiführte.

 

Auf der anderen Seite, in Richtung Bahnhof, führte der Schulweg den Farnsbergweg hinunter und über die Staffelenbrücke, die zwischen der Baader-Villa und dem Lehrerhaus die Bahnlinie überquerte. Entschieden wir uns für die Ormalinger Route, stiegen wir auf der schmalen Treppe zwischen dem Anwesen der Aenishänslis und dem Anwesen der Vandervolks zum Langmattweg und zum Türkenblock hinunter, bevor wir unter dem Viadukt hindurch ins Dorf marschierten. Den Türkenblock mochten wir nicht. Er war Feindesgebiet. Obwohl es zwischen uns und den Türkenkindern nur ein einziges Mal zu einer grösseren Auseinandersetzung gekommen war. Plötzlich flogen Steine hin und her, ohne Ankündigung. Ehe wir wussten, was da geschah, waren wir in einen Kleinkrieg verwickelt, dem nichts vorangegangen war, keine Drohung, kein Vorgeplänkel, keine Demarche auf diplomatischer Ebene. Wir waren im Vorteil, da wir unsere erhöhte Stellung am Hang nutzen konnten, um die Türkenkinder mit einem Steinhagel einzudecken. Oski, der grosse Bruder von Michi, war auch dabei, was selten vorkam. Wir waren ihm zu klein. Unsern Spielen war er längst entwachsen. Hier, im Getümmel eines spontanen Banden- oder Territorialkriegs, hatte er allerdings die Nase vorn. Während die Türken mit Steinen fuchtelten und ihr typisches Gülü-Gülü-Geschrei ausstiessen, heizte Oski mit Ausfallschritten, Grimassen und einem die Türkenkinder und alles Türkische verhöhnenden Gülü-Gülü-Geschrei die Konfrontation immer weiter an. Später, als er sich eine AC/DC-Jacke und ein Töffli zulegte, verschwand er fast gänzlich aus unserm Gesichtskreis. Er wurde zu einer Figur, die wir, die kleineren und grösseren Kinder vom Baumgärtli, nur noch aus der Ferne bestaunten. Er war nun ein Halbstarker oder Töfflibub. Seine Freizeit verbrachte er mit anderen Halbstarken oder Töfflibuben, während er sich im Baumgärtli nur noch blicken liess, wenn er auf seiner Knatterkiste von einem Motocross-Rennen im Wald oder einem Tuning-Treffen mit anderen Halbstarken oder Töfflibuben zurückkam oder in Richtung Farnsbergweg wieder davonknatterte. Nach einer nächtlichen Fete im Waldhaus Kipp baute er mit seinem Töffli einen schlimmen Unfall. Beim Abbiegen in Richtung Gelterkinden überfuhr er das Stoppsignal und knallte in die Motorhaube eines Autos. Oskis Freundin, die auf dem Gepäckträger sass, starb noch auf der Unfallstelle. Oski selbst wurde schwer verletzt. Wie um das Mass vollzumachen, erlitt seine Schwester Christina kurze Zeit später ebenfalls einen Strassenverkehrsunfall. Nach einer Fete in Rickenbach wurde sie auf dem Heimweg nach Gelterkinden von einem Auto angefahren. Sie kam aber mit Knochenbrüchen davon.

 

Mutter hörte zwölf Stunden am Tag Radio, natürlich den helvetischen Hauptsender, auf dem ein ABBA-Hit nach dem andern lief - und zur Abwechslung auch mal ein Stück von Trio Eugster, den Minstrels oder Pfuri, Gorps und Kniri. Hauptsächlich lief jedoch ABBA. Mit der Permanenz einer ewig in sich kreisenden Sphärenharmonie formte ABBA die ganze Realität um uns herum wie auf einer Töpferscheibe. Es war der Soundtrack, der bei allem mitlief und sich überall einmischte, in das Wäschemachen, das Teigkneten, die Hausaufgaben und das Milchtrinken. Nur beim Mittagessen verstummte die Musik für mindestens eine halbe Stunde, weil dann die Nachrichten kamen. Doch kaum war das Mittagessen vorüber, ging es wieder los. ABBA war die Tonspur, die unsern Haushalt und das Baumgärtli und überhaupt die ganze damalige Welt definierte. ABBA lief in Dauerrotation. Um ABBA kam niemand herum. Besonders nicht bei uns zu Hause. Von morgens bis abends lief das Radio mit einem sprudelnden Gerede, das hie und da von Signet-Einspielungen und ABBA-Musik unterbrochen wurde. Oder vielleicht war es eher umgekehrt: das Gerede unterbrach die eigentliche Hauptsache, nämlich die Musik von ABBA, um die Zuhörer daran zu erinnern, dass hier ein gemütlicher und wohlgelaunter Radiomoderator hinter den Einspielknöpfen und Schiebereglern sass und dass die vielen ABBA-Hits, die täglich über den Äther liefen, nicht einfach nur heruntergedudelt wurden, um die zeitlichen Lücken zwischen den Nachrichten zu füllen, sondern einer fürsorglichen und umsichtigen Auswahl entsprangen. Wobei die Stimmen hie und da wechselten oder sich zu einem gemeinsamen Plauderstündchen zusammenfanden. "Gspröchle" nannte man das. Tagsüber waren Mutter, meine Schwester und ich die einzigen Leute im Haus, aber im Radio schwatzten und sangen so viele Stimmen, dass man hätte meinen können, das Haus sei bis unter das Dach mit Smalltalk treibenden und singenden Gästen gefüllt. Es war ein schallendes Kommen und Gehen, als ob alle Fenster und Türen weit geöffnet gewesen wären, um alles, was klingen und schwatzen konnte, herein- und herauszulassen. Jedes Zimmer wurde beschallt, auch wenn im ganzen Haushalt höchstens drei Radiogeräte liefen. Dass sie alle gleichzeitig liefen, kam selten vor. Dennoch war die akustische Reichweite gross genug, um uns sogar auf dem WC zu erreichen, und diese Reichweite war auch eine sprachliche, denn der helvetische Hauptsender sprach uns ja sehr direkt auf Mundart an. Mutter war in der Küche, in der Stube, in der Waschküche, manchmal auch im Garten, wo sie die Wäsche vom Stewi-Ständer nahm, und immer und überall lief das Radio, und diese Stimmen und Klänge schwirrten die ganze Zeit um uns herum. Wir hörten Hörspiele, Diskussionen, Ueli Beck, der eine Sendung moderierte, oder Margrit Staub, die eine Ansage machte. Und immer wieder die hell aufschäumende Musik von ABBA.

 

Einmal am Tag ging Mutter ins Dorf hinunter. In der Chäsi, in der Metzgerei Zimmermann, in der Migros und im Coop machte sie ihre Einkäufe, ihre "Kommissionen", wie man bei uns sagte. Dann lief das häusliche Radio ausnahmsweise nicht. Allerdings lief auch in der Chäsi, in der Metzgerei Zimmermann, in der Migros und im Coop die ganze Zeit nur ABBA. Auch hinter der Fleischer- oder Käsetheke oder in den Verkaufsräumlichkeiten zwischen den Ladenregalen, wo es vermutlich schon damals diskret versteckte Lautsprecher gab, lief das Radio mit unverhohlener Selbstverständlichkeit. Und wenn es kein Radio gab, lief zumindest ein Grundig-Kassettenrecorder oder sonst ein Abspielgerät. Das fröhliche ABBA-Gedudel, egal ob aus dem Radio oder ab Kassette, war sowohl für das Verkaufspersonal als auch für die Kunden (der typische Kunde war weiblich und Mutter) eine wertvolle psychologische Unterstützung. Soweit ich mich erinnere, war das Einkaufen die einzige Betätigung, durch die meine Mutter mit der Aussenwelt - der näheren und ferneren Umgebung des Baumgärtlis - in Berührung kam. Beim Einkaufen traf sie andauernd Leute, mit denen sie schwatzen konnte. Für einen Schwatz nutzte sie jede noch so kleine Gelegenheit, während sie eigentlich unterwegs war, sei es in der Migros, in der Chäsi, in der Metzgerei Zimmermann oder im Coop. Trotz den jeweiligen Umständen, die immer etwas Gedrängtes und Voraneilendes hatten, da Mutter neben dem Einkaufen auch noch putzen und kochen musste, fand sie immer und überall ein kleines Zeitfenster, um mit jemandem zu schwatzen. Ein Thema gab es immer, was mich manchmal erstaunte. Auch wenn es kein Thema gab, das sich aus aktuellem Anlass aufgedrängt hätte, fand man sofort ein Thema, über das man schwatzen konnte, und meistens war es etwas Unwichtiges. Oder etwas, das ich nicht verstand, weil es Umstände und Vorkommnisse betraf, in die ich nicht miteinbezogen war. Die Leute im Dorf hatten immer etwas zu erzählen. Zu "berichten", wie man sagte. Ein Wort gab das andere, und manchmal musste man sich losreissen, weil es noch vieles zu erzählen oder zu berichten gegeben hätte, aber die Zeit... Nach dem Einkaufen zählte Mutter am Küchentisch die gesammelten Mondopunkte und führte das Haushaltsbuch nach. Jeden Einkauf trug sie auf den Rappen genau in eine Kolonne ein, und am Ende des Monats hatte sie auf dem untersten Feld eine doppelt unterstrichene Zahl mit einem Minus oder Plus davor. Manchmal sass sie in der Stube und strickte mit ihrem Strickzeug, das sie jederzeit aufnehmen und wieder weglegen konnte. Stricken war Gelegenheitssache. Mutter strickte nach den Vorlagen eines Strickheftlis, und die abgebildeten Pullover zum Nachstricken waren natürlich genau die gleichen, die auch die Sängerinnen von ABBA trugen. Wobei mir nie so recht klar war, was Mutter mit den fertigen Pullovern eigentlich anstellte. Vielleicht schickte sie das Zeug nach Schweden.

 

Bei schönem Wetter spielten wir meistens auf der Strasse. Manchmal zog es uns auf die östliche Wiese - und nur ganz selten auf den unteren Kiesweg, der sich vom Langmattquartier her zwischen das Baumgärtli und die Bahnschneise schob. Hier befand sich unser Komposthaufen. Und hier konnten wir von unten her unsern Garten betreten, der auf drei Etagen angelegt war. Für mich und meine Schwester war der Privatgarten das Zentrum des Baumgärtlis. Er war sozusagen unsere Operationszentrale. Auf der mittleren Etage, neben dem Sitzplatz und dem Rasen, hatten wir etwas sehr Spezielles: ein Spielhäuschen und ein Wikingerschiff. Dahinter steckte das Heimwerker-Talent unseres Vaters. Das Spielhäuschen war eine Mischung aus Krämerladen und Westernsaloon, und das Wikingerschiff hatte ein rotweiss gestreiftes Segel wie in den Wicki-Filmen. An der Mastspitze hing eine Totenkopf-Flagge aus Filz. Hier hatte Vater ausnahmsweise etwas aus Stoff gemacht. Ansonsten machte er lieber Sachen aus Holz, Karton oder Elektroschrott. Einmal bastelte er aus Karton eine Weltraumkapsel, in die wir durch eine Luke hineinkriechen konnten. Sie war kegelförmig und sehr eng, sodass wir uns wie die echten Weltraumfahrer zusammenkauern mussten. Im Innern bedienten wir eine blinkende Schaltanlage, die Vater weiss Gott wo herausgeschraubt hatte. Er konnte aus allem etwas machen, aus einem Mixer eine Weltraumsonde, aus einem Föhn eine Antriebsdüse, und er war bei allem auf dem Laufenden, das lief. Lief etwas nicht, so drückte er einfach auf den richtigen Knopf, zog die richtige Schraube an oder steckte das richtige Kabel ein, und schon fing die Sache an zu piepsen, zu düdeln oder zu rattern. Ob Mechanik oder Elektronik: Vater hatte alles im Griff. Als das erste Computerspiel auf den Markt kam, war Vater der Erste, der es kaufte. Natürlich hatte man noch keinen Computer. Es war ein Konsolenspiel, das man an den Fernseher anschloss. Mit zwei Drehknöpfen bewegte man auf dem Bildschirm einen Punkt hin und her, der "Pong" machte, wenn er links oder rechts abgespielt wurde. Geräte waren Vaters Marotte. Er spielte Heimorgel, und als Amateurfilmer gewann er regelmässig Pokale, Becher und Medaillen. Ständig brachte er ein neues Gerät nach Hause, und oft war es ein Gerät, von dem niemand ausser Vater wusste, wozu es gut sein sollte. Solange es piepste, düdelte, ratterte oder "Pong" machte, hatte er seine Freude daran, und für uns Kinder war es das Paradies. Einen solchen Vater hatten andere Kinder nicht. Vater drehte mit uns Super8-Filme, bastelte uns Sachen zum Spielen und unterhielt uns nach Feierabend mit seinem Orgelgedudel. Doch jedes Paradies hat auch seine Schattenseiten. Weil Vater immer up to date sein wollte und jedes neu entwickelte Gerät kaufte, mit dem er seine Hobbywerkstatt aufmotzen, das heisst durch neue Anwendungsmöglichkeiten und technische Raffinessen erweitern konnte, waren seine Auslagen beträchtlich. Sein Lohn ging zur Hauptsache für seine Hobbys drauf. Für das Essen und den Haushalt blieb Mutter nur gerade das Nötigste. Sie musste jeden Rappen umdrehen. Deshalb gab es bei uns zu Hause oft nur altes Brot zu essen, das Mutter, so gut sie eben konnte, in Form von Fotzelschnitten und Vogelheu schmackhaft zubereitete. Anständiges Essen gab es eigentlich nur sonntags und abends - und vielleicht noch an Weihnachten. Den Zusammenhang zwischen Vaters Hobbys und Mutters Altbrotaufbereitung erkannten meine Schwester und ich noch nicht, und es war uns klar, dass die Kinder in der Dritten Welt mit weniger auskommen mussten. Wir beschwerten uns nicht. Was auf den Teller kam, assen wir auf. Immerhin durften wir es mit Milch hinunterspülen. In seiner Freizeit war Vater nicht nur mit seinen Hobbys beschäftigt. Er versah den hausinternen Reparaturdienst. Er machte alles Defekte wieder flott. Und daneben war er auch für Notfälle zuständig. Ein Notfall war alles, wofür es einen Vater brauchte, weil die Mutter schreiend davonlief. Im unteren Stockwerk holte er die dicken Spinnen von den Wänden. Mit einer Kehrschaufel, einem Rosshaar-Beseli und einer Dose Anti-Insekten-Spray ging er gegen eine Armada fliegender Ameisen vor, die sich an der Wand über meinem Bett angesiedelt hatte. Und in unserm Garten auf der Südseite, auf dem kleinen Rasenviereck, wo wir im Sommer Boccia spielten, zerschnitt er mit der Heckenschere die Maulwurfsgrillen, die wir "Wärri" nannten. Manchmal versuchte er mit dem Gartenschlauch die Nester auszuspülen, was aber nicht besonders wirksam war. Vater sagte, dass man eigentlich Dynamit nehmen müsse, aber da hatte Mutter etwas dagegen. Unter "Rasensprengen" verstand sie etwas anderes. Auch dafür war Vater zuständig, wie überhaupt für alles, was mit dem Garten zu tun hatte. Den Zwerghasen Hopsli zu füttern und seinen Käfig auszumisten, war dann allerdings etwas, das wir unter uns aufteilten. Für Hopsli waren wir alle zuständig. Im Sommer stellten wir seinen Käfig bei schönem Wetter in den Schatten des Spielhäuschens. Der Käfig hatte oben eine schmale Öffnung für das Futter. Normalerweise deckten wir die Öffnung mit einem Brettchen ab, damit Hopsli nicht hinausschlüpfen konnte. Doch genau das geschah. In einem unbeobachteten Moment schubste er das Brettchen weg und zwängte sich durch die schmale Öffnung ins Freie. Es war ein Schock. Alles Rufen und Suchen brachte nichts. Hopsli blieb verschwunden. Doch dann erfuhren wir, dass ein Türke vom Türkenblock einen Zwerghasen eingefangen habe. Die Beschreibung traf auf Hopsli zu. Um ihn vor dem türkischen Kochtopf zu retten, den wir schon dampfen sahen, machte sich Mutter unverzüglich auf den Weg. Ich begleitete sie. Der Türke, ein älterer Herr mit Bürstenschnauz und Brille, empfing uns freundlich. Er brachte uns in den Keller, wo er den Hopsli eingesperrt hatte. Doch im Kellerabteil erwartete uns eine böse Überraschung. Der Türke traute seinen Augen nicht. Hopsli hatte am Holzgatter eine Mulde gescharrt, durch die er auf die andere Seite geschlüpft war. Danach war es ihm offensichtlich gelungen, durch das ebenerdige Kellerfenster zu springen. So war uns Hopsli zum zweiten Mal entwischt, und diesmal für immer. Der Türke schaute uns traurig an. "Hasli fort! Hasli fort!" Für den Hopsli fand sich bald Ersatz: ein Meerschweinchen, das wir "Möhrli" tauften. Es hatte einen mohrenschwarzen Kopf und frass am liebsten Möhrchen.

 

Das Baumgärtli war das Ergebnis einer Bauverzögerung. Ein Provisorium. Die kinderfreundliche Zone war nicht mit Absicht entstanden, sondern weil das Baumgärtli eine Baustelle geblieben war. Hätte man die Strasse in einer einzigen Etappe nach Osten erweitert, wäre schon damals das ganze Areal zwischen Baumgärtli und Lörenweg grossflächig überbaut worden und wir hätten auf unsere Spielwiese verzichten müssen. Unten am Langmattweg, neben dem Anwesen der Aenishänslis, erhob sich ein Erdhügel, der kleine Mount Everest, wie wir ihn nannten. Er war mit dem Aushub der verschiedenen Baustellen im Quartier aufgeschüttet worden, und im Laufe der Jahre verschwand er gänzlich unter Brombeersträuchern. Die ersten paar Jahre war der Bewuchs noch mässig, sodass wir zwischen den Dornenranken hindurchrobben konnten. Dort waren wir oft hinter den Katzen her, die ihrerseits hinter den Mäusen her waren, und aus den Ameisenhaufen buddelten wir die Larven aus und beobachteten, wie die Ameisen darauf reagierten. Hin und wieder holten wir uns ein paar Kratzer, wenn wir zu weit in das Gewirr hineinkrochen, aber die Brombeeren waren es wert. Im Winter verwandelte sich der Wiesenabhang in eine einzige weisse Bahn. Das Baumgärtli lag in dieser Hinsicht genau am richtigen Ort: an erhöhter Lage. Mit unsern Holzschlitten und Plastikbobs sausten wir vom oberen Baumgärtli zum Langmattweg hinunter, wo wir über das Grasbord hinausschossen und auf den schneebefreiten Asphalt knallten. Steuerten wir nach rechts, wenn wir denn überhaupt zu steuern in der Lage waren, ging es unten am Brombeerhügel jäh ein Stückweit hinauf und mitten in die Dornen hinein. Neben dem kleinen Mount Everest lief der Garten der Aenishänslis auf mehreren Etagen bis zur Bahnböschung hinab. Es war der Garten, der nie fertig wurde. Vater Aenishänsli verbaute über Jahre hinweg tonnenweise Sandstein, trug Erde ab, legte Etagen an, baute Stützmauern, strich Schutzlackierungen, schüttete Kies aus, setzte Bäume - und das alles in der permanenten Angst, der Hang könne abrutschen. Mit einer Beharrlichkeit, die jedem Wetter trotzte, stemmte er sich gegen das tatsächliche oder vermeintliche Risiko der tatsächlich oder vermeintlich instabilen Hanglage. Aber vielleicht entstand dieses Risiko erst eigentlich durch das jahrelange Wühlen, Pflanzen, Bauen und Aufschütten, mit dem Vater Aenishänsli den Hang sichern wollte. Wie auch immer: seine Fixierung auf die Hangsicherung und die jahrelange Schufterei in einem Garten, der nie fertig wurde, erlebten wir als etwas Selbstverständliches - und irgendwie auch Beruhigendes. Solange Vater Aenishänsli in seinem Garten den ewig planenden Baumeister spielte, der immer wieder etwas baute und umbaute, gab es im Baumgärtli eine verlässliche Konstante. Und die war verlässlicher als jede Stützmauer.

 

Im Sommer 1976 - es war der sogenannte Jahrhundertsommer - stand ich in Badehosen und mit Schwimmflügeli im Garten auf unserem Rasen, der ganz gelb und zerklüftet war. Die Erde bildete Schollen, so trocken war es. Ich stand da und blickte nach oben auf die Strasse. Dort hielt ein silbrig glänzender Tankwagen. Später erfuhr ich, dass es ein Wassertankwagen gewesen war. Warum ich Schwimmflügeli trug, ist mir allerdings ein Rätsel. Es herrschte ja Dürre, und ein volles Planschbecken gab es nirgends. Das übrig gebliebene Wasser war für die Landwirtschaft reserviert. Der Chauffeur wollte das Wasser vermutlich auf ein Erdbeerfeld bringen. Er musste sich verfahren haben. Die Sache war immerhin ein Ereignis. Dass ein Fahrzeug dieser Grösse - ein Schlachtschiff - ins Baumgärtli hineinfuhr, in diese unbedeutende Nebenstrasse am Farnsberg, muss mich erstaunt haben. Ich kannte den Müllwagen, den Chäsiwagen und den Öltankwagen, aber einen Wassertankwagen kannte ich noch nicht. Die anderen grossen Fahrzeuge kamen regelmässig, am häufigsten der Müllwagen. Einmal in der Woche besuchte uns der Chäsiwagen. Der Milchmann war gleichzeitig Chauffeur und Verkäufer. Er trug eine milchweisse Schürze, und seine Ärmel hatte er demonstrativ hochgekrempelt. Er sah ein bisschen aus wie Hannes Schmidhauser in einem Gotthelf-Film. Bei seinem Zwischenhalt im Baumgärtli betätigte er eine Hupe, die wohl eher ein Signalhorn war. Aus einem silbrigen Kessel schöpfte er die Frisch- oder Rohmilch, unser Lebenselixier. Bei uns zu Hause war Milch das einzige Getränk, das niemals ausgehen durfte. Milch gab es jeden Tag und zu jeder Mahlzeit, wobei die Frischmilch nur beim Frühstück auf den Tisch kam. Mutter kochte sie in einem Pfännchen auf, aber nie bis zum Siedepunkt. Nicht nur wegen des Überkochens. Wenn die Erhitzung zu gross war, schadete das den natürlichen Vitaminen. Andererseits musste die Milch schon ein bisschen heiss sein, gerade heiss genug, damit die Keime abgetötet wurden. Steril war diese Milch ja nicht, sie kam direkt aus dem Kuhbauch. Und das erklärte auch, warum sie so rahmig war. Ungekocht hatte sie einen gelblichen Schimmer. Vater sagte, das sei Kuhpisse. Mutter meinte jedoch, es sei nur das Fett, das sich auf der Milch ablagere. Dieses Fett konnte die ganze Oberfläche mit einer sogennanten "Schlämpe" überziehen. Beim Aufkochen wurde die "Schlämpe" etwas fester und bekam jenen unverwechselbaren gummigen Geschmack, für den sie sowohl geliebt als auch gehasst wurde. Vater hasste die "Schlämpe". Er trank seine aufgekochte Frischmilch nie, ohne sie akribisch abgesiebelt zu haben. Die Geschmäcker waren eben verschieden. Für mich war das dünne Häutchen auf der warmen oder heissen Milch etwas vom Köstlichsten. Die wöchentliche Lieferung des Chäsiwagens reichte allerdings nur für ein einziges Frühstück. Vater und Mutter taten die Milch in ihren Kaffee, während meine Schwester und ich die Milch entweder als Milch tranken oder mit Kakao (Nesquik, Banago, Suchard Express) vermischten. Und immer galt: die Frischmilch musste konsumiert werden, solange sie noch frisch war, deshalb hiess sie ja Frischmilch. Im Gegensatz zur Milch aus dem Regal war sie unverpackt; deshalb hatte sie auch kein aufgedrucktes Haltbarkeitsdatum. Sie kam direkt aus dem Kuhbauch oder dem bäuerlichen Milchkessel in jenen Plastikbehälter, den Mutter in das unterste Kühlschrankregal schob. In Ermangelung einer Kuh, die uns täglich mit Frischmilch hätte versorgen können, und weil der Milchmann nur einmal in der Woche ins Baumgärtli hineinfuhr, ging Mutter regelmässig in die Chäsi. Die Chäsi war mein Lieblingsladen, weil es darin so heimelig nach "Schlämpe" roch. Und auch nach Butter, Molke und dezentem Käse. Wie in einer Alphütte, in der die geronnene Milch gerührt wird, während die Alpenkräuter hereinduften und irgendwo in der Ferne ein Senn jodelt. Nur eine Kleinigkeit irritierte mich. Nicht an den Gerüchen und auch nicht an der "Schlämpe", sondern am Wort, mit dem wir die "Schlämpe" als "Schlämpe" bezeichneten. Ich fand es seltsam, dass es für "Schlämpe" kein hochdeutsches Wort gab. Ich nahm an, dass ein Deutscher, der seine "Schlämpe" absiebelt, diesen Vorgang ungefähr so beschreiben würde: "Ich, der Gunther, Heiko oder Hagen, schicke mich nun an, das Häutchen dieser köstlichen Frischmilch abzusiebeln." Es war mir unverständlich, dass die Deutschen, die dafür bekannt waren, dass sie reden konnten wie gedruckt, es nicht über sich brachten, das Wort "Schlämpe" in ihren Wortschatz aufzunehmen. Oder wenigstens ein eigenes Wort dafür zu erfinden. So sehr ich die "Schlämpe" mochte, dieses unvergleichliche Tüpfelchen auf dem i, so war ich doch nicht unbedingt der fanatische Frisch- oder Warmmilchtrinker. Mutter kaufte auch die handelsübliche Trinkmilch in den Tetra-Packungen. Diese war pasteurisiert, sodass man sie nicht aufzukochen brauchte. Andererseits war sie weder ultrahocherhitzt noch zentrifugiert. Sie war, soweit es die Lebensmittelhygiene zuliess, in ihrem Naturzustand belassen worden. Dank der schonenden Nachbehandlung waren noch alle wichtigen Vitamine drin, auch die lebenswichtigen Vitamine A und B1, also sozusagen die gleichen Vitamine, die auch im Wort ABBA enthalten waren. Diese Milch aus dem Kaufregal - die Migrosmilch, wie wir sie nannten - war für die Mahlzeiten bestimmt - und auch für zwischendurch. Bei uns zu Hause wurde die Milch nicht getrunken: sie wurde getankt. Andauernd ging ich an den Kühlschrank und schenkte mir ein Glas davon ein. An manchen Tagen trank ich über einen Liter Milch. Häufig hatte ich einen Milchschnauz, weil ich zu zerstreut war, um mir nach jedem Kühlschrankbesuch den Mund abzuwischen. 

 

Der Farnsberg war unser Hausberg. Den offenen Korridor nach Osten, wo sich der Farnsberg zum Langmattquartier und nach Ormalingen ausstreckte, benutzten wir oft zum Spielen und für allerlei Streifzüge. Auslauf hatten wir dort mehr als genug, und das hangwärts sich hinziehende Terrain war so offen und konturlos, dass es allen möglichen Fantasien entsprechen konnte. Mal war es ein Ozean, mal eine Prärie. Und oft sogar der Weltraum. Interessanterweise heisst dieses Gebiet auf alten Landkarten "In dr Mare" oder "Maren". Diese Flurbezeichnung lässt den Ozean anklingen, denn "Mare" ist das lateinische Wort für "Meer". Und genau das fanden wir dort: einen Ozean, der nur durch die Erdkrümmung begrenzt wurde. Das windbewegte Gras verlor sich scheinbar in einer mysteriösen Ferne. In Wirklichkeit befanden wir uns an einem Hang, der weit im Osten an einen Berg stiess. Es gab diese natürliche Grenze - und selbstverständlich auch eine künstliche, nämlich die Dorfgrenze. Ansonsten war das ein Gebiet, das wir als unbegrenzt erlebten. Die ganze nördliche Talseite hatten wir für uns. Nirgends ein Zaun oder Wohnhaus. Etwas weiter unten fing das Langmattquartier an, wo Mutters Vater, der inzwischen verwitwete Grossvati, wohnte, aber solange wir uns leicht schräg am Berghang hinauf bewegten, konnten wir die paar wenigen in die Wiese hineingebauten Häuser und Blocks bequem umgehen. Das Gras, durch das wir unsere Wege bahnten, knisterte und roch und war voller Leben. Wir kauten Sauerampfer, pusteten in die Pusteblumen, die wir "Weihefäcken" nannten, und fingen Heugumper: die kleinen, die zwischen den Händen zappelten und kitzelten, und die grossen, die auch zwickten, was wir uns aber womöglich nur einbildeten. Manchmal kletterten wir auf die Obstbäume und drückten unsere Fingerspitzen in die superklebrigen Harzbeulen. Der äusserste Punkt, den wir mit gutem Gewissen erreichen konnten, war das Unterwerk Ormalingen. Die Starkstromleitungen und Transformatoren markierten den östlichen Rand unserer Welt. In dieser Gegend, ungefähr gegenüber der Pneufabrik Maloja, betraten wir Ormalinger Boden, und diese Grenze hatten wir im Gefühl. Weiter trauten wir uns nicht. Höchstens bergaufwärts. Die weit geschwungenen Grashänge führten nicht nur nach Ormalingen, sondern auch den Farnsberg hinauf. Wie ein gutmütiger Riese schien er über uns zu wachen. Da wir im Baumgärtli schon recht weit oben wohnten, erklommen wir die direkt über uns liegende erste Anhöhe in wenigen Minuten. Den Aufstieg nahmen wir allerdings meist von der anderen Seite her, wo ein Wanderweg eine Verbindung zu den Gehöften der Allersegg und dem gestaffelt aufragenden Berg herstellte.

 

Dort oben waren wir zu Hause, wir, die Bewohner vom Baumgärtli, die Gelterkinden wie ein Modelldorf überschauen konnten und denen es leicht fiel, sich vorzustellen, sie würden die Menschen und Autos zwischen den kleinen, ineinander geschachtelten Häusern und Häusergruppen wie Playmobil-Figuren hin und her bewegen. Kinder gab es im Baumgärtli gar nicht so viele. Die Aenishänslis, die Vandervolks, meine Schwester und ich vom Baumgärtli 6b. Die ersten paar Jahre wohnten im Haus nebenan noch die Ruppens mit ihren zwei Töchtern. Die beiden Mädchen waren schon im Schulalter, und obwohl sie mit mir und meiner Schwester Ausflüge in den Wald und Spaziergänge durchs Dorf gemacht haben, verschwinden sie in meinen Erinnerungen hinter ihrem Vater, einem hemdsärmligen Hobby-Grilleur und Biertrinker. An heissen Sommertagen stellte er am Gartenhag einen kleinen Grill auf, den er im Nu auf die erforderliche Betriebstemperatur brachte. "Hophop!" rief er, indem er den Bügelverschluss einer Warteck-Bierflasche aufdrückte und zum ersten Schluck ansetzte. Das war das Signal für meinen Vater. Mit unsern frisch manirierten Koteletts eilte er zum Gartenhag, um sie hinüberzureichen. Als ich etwa neun Jahre alt war, zogen die Ruppens fort, und die Wohnung stand danach jahrelang leer, während der Garten verwilderte. Zuwachs erhielten wir, als nebenan im gleichen Haus, im Baumgärtli 6a, die Vizzardis einzogen. Der Vater Italiener, die Mutter Schweizerin. Der Sohn Ivan wurde für mich und meine Schwester ein unentbehrlicher Spielgefährte. Obschon ein Einzelkind, passte er sich gut ins Baumgärtli ein und war bald überall dabei, ob beim Katzenjagen, Ballspielen, Schlitteln oder auf den Wiesenexpeditionen am Farnsberg. Ivi war witzig, aber auch etwas träge und weinerlich, ein Riesenbaby mit dem Gesicht eines Tapirs. Seine Gewohnheit, bei jedem Wehwehchen nach seine Mutter zu rufen, erschien uns sehr italienisch, wie aus einem Fellini-Film, obwohl Ivi oder Ivan doch eigentlich nur ein halber Italiener war - und dem Namen nach sogar ein Russe. Manchmal stellten meine Schwester und ich im Garten ein Campingzelt auf, und jedes Mal, wenn Ivi zu uns hereinkroch, ergriffen wir schon nach kurzer Zeit die Flucht und warfen uns röchelnd auf den Boden. Ivis Fürze waren nicht nur die lautesten, sondern auch stinkigsten. Was womöglich am italienischen Essen lag. Waren wir bei unsern Nachbarn zum Essen eingeladen, mussten wir schon Tage zum voraus auf Schmalkost umstellen, damit wir den italienischen Tafelfreuden gewachsen waren. Vater Vizzardi schenkte allen Gianti ein, auch uns Kindern, und am liebsten sich selbst, und Mutter Vizzardi kochte Polenta in einem riesigen Kochtopf. Und das war erst die Vorspeise. Auf irgendeine Weise waren wir schon vor dem Einzug der Vizzardis sehr italophil gewesen. Mutter hatte mit den beiden TV-Knetfiguren "Rosso e Blu" Italienisch gelernt, und regelmässig verbrachten wir zwei Wochen Sommerferien am Lago Maggiore, zwar auf der Tessiner Seite, aber wir sahen das nicht so eng. Italien war einfach dort, wo südlich des Gotthards die Sonne schien und wo die Leute den ganzen Tag "O sole mio" sangen und bei jedem Wehwehchen nach ihrer Mamma riefen. 1982 war das Jahr, als Italien die Welt eroberte. In der Stube unserer Nachbarn fieberten wir mit, als Rossi, Tardelli und Altobelli gegen die Deutschen einen Treffer nach dem andern erzielten. Und dann brach es los, das grosse Erdbeben, von dem auch unser Haus und das Baumgärtli erfasst wurde. Als die letzte Gegenoffensive misslungen war und der Weltmeister endlich feststand, fiel Vater Vizzardi vor dem Fernsehapparat auf die Knie und küsste weinend die Mattscheibe.