Kein gewöhnlicher Onkel

 

Er war weit herumgekommen. Und er war Maler, nicht nur Wandanstreicher, sondern ein richtiger Kunstmaler. Er hatte viele Namen. "Joe", "Traugi" und "Tarzan" waren die gebräuchlichsten. Sein richtiger Vorname lautete "Traugott". Ein Name, der so gar nicht zu ihm passte. Er fluchte oft und ausgiebig. Und er sprach so ungehobelt wie ein Seeräuber. Mit grossen Gesten und lautem Hallo. Dem entsprach auch sein Äusseres: jahrein, jahraus trug er das gleiche fett- und farbgefleckte Matrosenshirt, und nie ging er ohne seine Schiffermütze aus dem Haus. Onkel Traugi war der Bruder meines Vaters. Er war also nicht vom Himmel gefallen. Er war mit mir verwandt.

 

Von klein auf erlebte ich ihn als den schrägen Onkel, den es wohl in jeder Familie gibt. Und sooft wir bei ihm zu Besuch waren, bekamen wir seine Bilder zu sehen. Seine Mietwohnung im Binninger Holeequartier hing voll mit Ansichten von Häusern, Bäumen, Gärten, Landschaften und Wolken: alles in speckigem Öl gemalt. Und obwohl es immer dieselben impressionistischen Schinken waren, langweilten sie uns nicht. Onkel Traugi hatte viel zu erzählen, jedes Bild war mit einer Geschichte durchwoben, einer Seeräuber- oder Van-Gogh-Geschichte, einem Zirkusabenteuer oder einer Kneipenstory à la Hemingway. Onkel Traugi sprach fliessend Französisch, er war lange in Frankreich gewesen, wo er sich gut assimiliert hatte. Fast zu gut. Nach seiner Rückkehr schmiss er regelmässig den Wecker an die Wand.

 

Als Kind mochte ich das flüchtige Odeur der getrockneten Farbschichten. Öl, Holz und Terpentin. Diese Mischung rief in mir eine besondere Empfindung hervor. Etwas wie Fernweh. So riecht Frankreich, dachte ich. So riecht die Kunst. Onkel Traugis Wohnung roch wie ein Atelier, obwohl er nur noch selten an der Staffelei stand. Die Farbtuben hatte er im Keller verstaut, irgendwo in seinem ganzen Gerümpel. Für die Freiluftmalerei fehlte ihm die Zeit, und die Wohnung war kein Ort zum Malen. Wenn er als Maler unterwegs war, ging es um eine ganz andere Malerei. Er strich Wände, fertigte Stukaturen an oder klebte Tapeten, seine grosse Zeit als Künstler lag da schon hinter ihm. Er war jetzt um die Vierzig und musste drei Kinder grossziehen. Das heisst: er musste sie eigentlich gar nicht grossziehen. Sie wuchsen von alleine. Aber sie gaben ihm trotzdem viel zu tun. Er musste Wände anstreichen, damit diese Kinder, wie Onkel Traugi sich ausdrückte, "etwas zu fressen hatten". Seine Frau, eine Französin, war mit einem chilenischen Künstler nach Schweden durchgebrannt. Die Kinder hatte sie zurückgelassen: einfach so, als sei das ganz normal. Und wieso ein Chilene? Und wieso nach Schweden? Bei Onkel Traugi war eben nichts unmöglich.

 

Dem alleinerziehenden Vater dreier Töchter, der mit seinen Finanzen wie auch mit den häuslichen Pflichten oft im Clinch lag, blieb immerhin noch die Vergangenheit, ihre Weite und Fülle, die er in seinen Bildern eingefangen hatte. In seinen Bildern schwelgte er zuweilen, als hätte sie ein anderer gemalt, und in der Rückschau war das vielleicht tatsächlich ein anderer, in dem er sich nur noch vage wiedererkannte und den er aus diesem Abstand heraus um so mehr bewunderte, diesen Stürmer und Dränger von damals, der sich die Malerei noch zugetraut hatte und ebendeshalb imstande gewesen war, ohne jede künstlerische Ausbildung auf den Spuren von Pissarro, Monet und Van Gogh zu wandeln. Onkel Traugi war ja wirklich dort gewesen, in diesen südfranzösischen Landschaften und Städten mit den flimmernden Licht- und Luftstimmungen, die er auf solide Pavatex-Platten gebannt hatte, wie um der Flüchtigkeit der Sinneseindrücke ein materielles Gewicht zu geben. Er hatte sich ganz auf die jeweilige Umgebung eingelassen, hatte jeden Ort gemalt, wo er mit seiner Staffelei und seinem Farbenköfferchen in Stellung gegangen war, und mit dem Ort natürlich auch die Tagesbefindlichkeit, den unwiederbringlichen Moment. Aber was heisst hier "unwiederbringlich"? In den geklecksten und gespachtelten Farben war alles noch da, jede Erinnerungen, jeder Eindruck, jedes Gefühl.

 

Mit der Kathedrale von Vienne, die Onkel Traugi vor einem glühenden und sprühenden Abendhimmel gemalt hatte, verband sich zum Beispiel die Erinnerung an die Tochter eines Friseurs, bei dem sich der vagabundierende Maler eingemietet hatte. Und die Tochter, die dort wohnte und im väterlichen Friseursalon aushalf, entging ihm natürlich nicht. Zumindest nicht seiner Aufmerksamkeit. Picasso hätte wahrscheinlich einfach die Tochter gemalt. Doch Onkel Traugi war ja Impressionist. Er malte keine Menschen, er malte Ansichten. Und so verarbeitete er die Friseurstochter zu einer Abendstimmung in starken Farbtönen und vollzog damit unfreiwillig den Schritt vom Impressionismus zum Expressionismus. Er habe wie ein Ekstase gemalt, "wie nit ganz bache", erzählte uns Onkel Traugi, wann immer wir vor diesem Bild standen, seinem "misslungenen Meisterwerk", wie er dieses Bild nannte. Noch Jahrzehnte nach dem Malakt beschäftigte es ihn wie etwas Unabgeschlossenes. Er wurde nie fertig damit. Weil die Farben darin machten, was sie wollten, und nicht, was der Maler wollte, war das Bild vielleicht tatsächlich ein Meisterwerk. Wenn auch ein misslungenes.

 

Seine Bilder führten ihn nach Frankreich zurück. Und eigentlich noch viel weiter zurück, nämlich in das Basel seiner Jugend und in die Zeit, als er seinen Vater, den knauserigen Bäcker, vergeblich um Geld für Noppenfussballschuhe angebettelt hatte. Noch ein halbes Jahrhundert später war er überzeugt davon, dass er nur deshalb nicht Profifussballer und ein Star wie Maradona geworden sei, weil sein Vater am Radio immer nur die Boxkämpfe mitverfolgt habe. Für Fussball hatte dieser Vater überhaupt kein Gehör. Schon früh hatte sich Onkel Traugi deshalb dem Kulturleben zugewandt. An den Tanzbällen trank er die halbvollen oder halbleeren, respektive angefangenen Weinflaschen aus, wenn die Leute auf der Tanzfläche waren. Er verkehrte mit Künstlern und Musikern, die sich ebenfalls darauf spezialisierten, an den Tanzbällen die halbvollen oder halbleeren, respektive angefangenen Weinflaschen auszutrinken und mitunter auch das stehengelassene Essen aufzuessen.

 

Das Basel der Fünfzigerjahre. Onkel Traugi erzählte oft von den Schlägereien in der Steinenvorstadt. An manchen Abenden sei es dort zugegangen wie im Wilden Westen. Und im legendären Atlantis tummelten sich zum Gaudium des jungen Publikums echte Alligatoren. Daneben besass Basel einen eigenen kleinen Montparnasse. Für die selbsternannten Bohemiens gab es zwei zentrale Treffpunkte: die Riobar am Barfüsserplatz und die Hasenburg in der Schneidergasse. Onkel Traugi verkehrte in der Hasenburg. Zum illustren Kreis der "Hasenburgianer" gehörten Leute wie der Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth, das Jazz-Genie Peter Schmidli, Gründer der legendären "PS Corporation", und der Kunstmaler Kurt Fahrner. Der junge Urs Widmer verkehrte ebenfalls in der Hasenburg, während Hansjörg Schneider, der spätere Autor der Hunkeler-Krimis, sein Bier am liebsten in der Riobar trank. In seiner Autobiografie hat er meinen Onkel mit keinem Wort erwähnt. Er kannte ihn nicht, wie auch mein Onkel Hansjörg Schneider nicht kannte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz. Wer in die Hasenburg ging, ging nicht in die Riobar, und wer in die Riobar ging, ging nicht in die Hasenburg. Es konnte aber vorkommen, dass jemand, der in die Riobar ging, im Restaurant Kunsthalle mit jemandem zusammentraf, der in die Hasenburg ging. Basel war ein Dorf. Und die Stimmung war - noch lange vor 68 - mit einer ganz eigenen Spannung aufgeladen. In der Basler Kunstszene brodelte es wie in einem aktiven Vulkan. Revolte war angesagt. 1959 erreichte diese Ära ihren Höhepunkt, als Kurt Fahrner das Bild einer gekreuzigten nackten Frau auf dem Barfüsserplatz präsentierte. An der Aktion beteiligten sich auch Fahrners Freunde. Es war ein Happening mit Musik und grossem Scheiaweia, und man verteilte Flugblätter, aus denen kein Mensch schlau wurde. Die Polizei löste die Versammlung auf. Sie konfiszierte das Bild und brachte den Künstler auf den Polizeiposten.

 

Da war Onkel Traugi allerdings schon in Frankreich. Er hatte ein Alibi. In Basel hatte er noch eine Schauspielschule besucht, in Eisenhosen, wie er sagte, die Basler Theaterszene sei ein einziger Schwulenverein gewesen. Dennoch sah sich Onkel Traugi als Schauspieler. Seine Ähnlichkeit mit Marlon Brando verschaffte ihm den Ruf eines aufstrebenden Filmstars. Er war jung und abenteuerlustig und wollte sein Glück im Ausland versuchen. In der miefigen Nachkriegsschweiz war die Flucht ins Ausland nichts Ungewöhnliches. Die Traumdestination hiess Frankreich. Etwa zur gleichen Zeit, als ein junger Schaufenster-Dekorateur aus dem Basler Gundeldingerquartier nach Paris zog, um ein berühmter Eisenplastiker zu werden, liess sich Onkel Traugi von einem französischen Zirkus anheuern. Er mistete Tierkäfige aus und stellte Zeltstangen auf. Als ihm ein Elefant versehentlich oder absichtlich auf den Fuss trat, war Onkel Traugis Zirkuskarriere abrupt beendet. Aus dem angehenden Zirkusartisten und Filmstar hatte der Elefant einen Invaliden gemacht. Zum Glück nicht endgültig. Der plattgetretene Fuss konnte geflickt und gegipst werden. Onkel Traugi blieb in Frankreich. Im Spital begann er zu malen. Und als er wieder gehen konnte, versuchte er sich als Kunstmaler, zuerst noch hinkend, aber mit zunehmendem Geschick. Er übernachtete auf Zeltplätzen und in billigen Absteigen. Tagelang hatte er nichts zu essen. Er ass, was er finden konnte, unter anderem auch Miesmuscheln, die schon ein wenig rochen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich eine Nahrungsmittelvergiftung zuzog. Eine christlich gesinnte Familie las den Todkranken von der Strasse auf. Vermutlich waren es Mennoniten. Sie weigerten sich, ihn ins Spital zu bringen. Abend für Abend beteten sie an seinem Krankenbett, und mit einem regelmässigen Einlauf halfen sie der göttlichen Einwirkung ein bisschen nach. Später, als er wieder auf dem Damm war und sich erneut ans Malen machte, griff ihn die Fremdenpolizei auf. Er hatte keine Arbeitsbewilligung. Ausserdem musste er sich auf Tuberkulose untersuchen lassen. Der Arzt bescheinigte ihm eine tadellose Gesundheit. Die medizinische Zwangskontrolle führe man nur wegen den Spaniern durch, erklärte der Arzt. "Während des Bürgerkriegs haben sie die Tuberkulose eingeschleppt. Aber ihr Schweizer seid kerngesund. Das kommt von der vielen Milch, die ihr trinkt."

 

Zu guter Letzt holte ihn doch noch das bürgerliche Leben ein. Er heiratete eine Französin. Mit ihr liess er sich sich in Binningen nieder und bekam drei Kinder. Das heisst: die Kinder bekam natürlich sie, wobei sie ihn mit diesen Kindern sitzen liess. Also war es am Schluss dann doch Onkel Traugi, der die Kinder "bekam". Und obwohl sich der dreifache Vater als Flachmaler durchschlug, umwitterte ihn immer noch das Savoir-vivre des Bohemiens. Er liebte den Alkohol und die Kleinbasler Kaschemmen. Als freischaffender Handwerker konnte er sich seine Arbeitszeit selbständig einteilen, was dazu führte, dass er von Beiz zu Beiz zog, natürlich immer unter dem Vorwand, dass die Farbe trocknen müsse, bevor er weiterarbeiten könne. Hin und wieder machte er mit einem kleinen Skandal von sich reden: an der Art Basel zerstörte er einmal ein 10'000 Franken teures Kunstwerk. Es war ein Papierstuhl, den Onkel Traugi benutzte, um sich auszuruhen. Als ihn die Polizei verhörte, versuchte er zu fliehen. Die Geschichte kam im "Blick" und entfachte eine öffentliche Kontroverse wegen der Haftpflichtversicherung, die nicht bezahlen wollte. Man kann sagen: Onkel Traugi blieb sich treu. Er liebte den Blick nach Frankreich und das französische Essen, zum Beispiel gratinierte Weinbergschnecken. Manchmal radelte er über die Grenze nach Neuwiler, nur um wieder einmal in Frankreich gewesen zu sein, im Land der guten Küche und der Kunst. Wenn er selber kochte, war ihm die Haute Cuisine allerdings egal. Dann durfte es auch etwas Primitives sein. Berühmt waren seine "Dschungelspaghetti". Er stellte den grössten Kochtopf auf den Herd und füllte seine grösste Pfanne mit Apfelkompott, zermantschtem Brot und Bergen von Zucker und Zimt. Er hatte das Rezept selber erfunden. Es funktionierte. Wir Kinder waren begeistert. Niemand kochte so gut wie "Onkel Joe", der sich selber "Tarzan" nannte und sich auf die Brust trommelte, sobald seine "Dschungelspaghetti" al dente waren.

 

Das Malen blieb eine sehnsüchtige Erinnerung. Kurz nach seiner Pensionierung raffte er sich noch einmal auf und ging in die Langen Erlen, um den sanften Schwung der Teichbrücke und das saftige Grün der Parkbäume einzufangen. Als er das fertige Bild auf sich wirken liess, fehlte ihm etwas. Das Licht der Provence! Die Farben der Côte d'Azur! Danach malte er nur noch auf Bestellung. Das Ortsmuseum Binningen beauftragte ihn mit einem naturkundlichen Wandbild, das den Jagdflug der einheimischen Fledermäuse darstellen sollte. Onkel Traugi malte einen wunderschönen Nachthimmel mit ein paar vorüberhuschenden Schatten. Als er die Arbeit ablieferte, fragte ihn der Museumsleiter: "Und wo sind die Fledermäuse?" Von da an war Onkel Traugi der bekannteste Künstler in Binningen. Er bekam Anfragen von Leuten, die sich für seine Bilder interessierten. Meistens stellte er sich quer. Einmal kaufte er ein verkauftes Bild zum doppelten Preis zurück, weil ihn der Verkauf reute. "Meine Bilder gehören in die richtigen Hände," sagte er manchmal. Aber er sagte nie, wessen Hände das waren. Als ich selber mit Malen anfing, überliess mir Onkel Traugi das Bild mit der Kathedrale von Vienne, sein "misslungenes Meisterwerk". Es war bloss eine Leihgabe. Trotzdem durfte ich mich glücklich schätzen. Wer ein Bild von Onkel Traugi besitzt, wenn auch nur leihweise und auf Rückruf, hat die denkbar höchste Auszeichnung erhalten. Weniger heikel war er bei Auftragsarbeiten. Für die Binninger "Vogesenwaggis" bemalte Onkel Traugi einen Fasnachtswagen. Das Sujet, an das er sich bei der Umsetzung halten musste, erschien ihm so unspektakulär, dass er der Versuchung nicht widerstehen konnte, ein paar eigene Schnitzelbankverse zu dichten und mit entsprechenden Illustrationen auf den Wagen zu pinseln. Um ein Haar hätte er kurz vor dem Morgenstraich alles übermalen müssen. Die ansonsten so humorvollen "Vogesenwaggis" fanden Onkel Traugis Anspielungen auf die Basler Nutten gar nicht so witzig.

 

Noch immer wohnt er in seiner kleinen Wohnung in Binningen, gleich neben dem Ortsmuseum. Er ist bald neunzig Jahre alt und nicht mehr so gut zu Fuss. Zum Gehen braucht er zwei Stöcke. Die Spitex kümmert sich um ihn. Die Pflegerinnen haben ihm schon mehrmals die Weinflaschen weggenommen. (Onkel Traugi: "Diese Weiber sind ganz fixiert auf mich!") Doch Onkel Traugi lässt sich nicht so leicht unterkriegen. In einem Geheimversteck im Keller hat er immer ein paar Weinflaschen auf Vorrat. Trotz seiner Gehschwäche kann er noch selbständig in den Keller hinabsteigen. Auch seine Einkäufe kann er noch selber machen. Er weiss genau, welche Weinsorten im Coop gerade Aktion haben, und manchmal geht er in ein Bistro und bestellt dort einen Liter Chablais, den er nur zur Hälfte austrinkt, um die andere Hälfte in seinem Rucksack verschwinden zu lassen. Es geht ihm gut. Er redet viel und gern, mit grossen Gesten und lautem Hallo - und mit allen möglichen Leuten. Bei jedem meiner Besuche redet er davon, dass er irgendwann bereit sei für den letzten grossen Schritt. Dann werde er sein Malzeug hervorholen - ein letztes Mal! - und nach Südfrankreich abhauen, um sein ultimatives Meisterwerk zu malen.