Im Baumgärtli

Das Baumgärtli war die Strasse, an der wir wohnten. Dennoch sagten wir nie: "Wir wohnen am Baumgärtli." Wir sagten immer: "Wir wohnen im Baumgärtli." Unsere Ad­resse lautete "Im Baumgärtli", als ob dort noch immer der Obstgarten gewesen wäre, dem das Baumgärtli seinen Namen zu verdanken hatte. Andererseits war das Baumgärtli auch nicht eine richtige Strasse, es war eine Sackgasse, eine Seitenstrasse ohne Abschluss. Auf der für Fahrzeuge nicht durchgängigen Seite gab es immerhin eine Treppe ins Dorf hinab. Die Strasse selbst endete auf einer Parzelle aus Geröll und Lehmhaufen. Ziemlich willkürlich. Dahinter fing die Wiese an, un­sere Spielwiese mit der Landschaftskulisse von Ormalingen und dem frühen Licht der aufgehenden Sonne. Irgendwann sollte weitergebaut werden, die Pläne waren da, und die Wiese war eigentlich Bauland. Im Ganzen war das Baumgärtli also nichts Fertiges. Oben, gegen die Allersegg zu, verlief das obere Baumgärtli parallel zum unteren Baumgärtli, ebenfalls ohne Weiterführung, und erst viel später wurde das untere Baumgärtli zu einer Schlaufe erweitert, die oberhalb des oberen Baumgärtlis in den Farnsbergweg einmündet und den heutigen Baumgärtliring bildet. Das obere Baumgärtli, um das diese Schlaufe herumführt, ist eine Sackgasse geblieben und heisst jetzt nicht mehr "Baumgärtli", - so wie früher, als es einfach nur das Baumgärtli war, im Unterschied zum unteren Baumgärtli, dem eine postalische Präposition beigefügt war. Heute heisst das obere Baumgärtli "Im Baumgärtli". Es hat also die postalische Präposition des unteren Baumgärtlis übernommen, wohingegen das untere Baumgärtli heute "Baumgärtliring" heisst, wegen der weiterführenden Schlaufe, die das untere Baumgärtli nun auch von der anderen Seite her mit dem Farnsbergweg und mit dem oberen Baumgärtli verbindet. Dank dieser Erweiterung führt nun das untere Baumgärtli über die Höhe des oberen Baumgärtlis hinaus, sodass man strenggenommen kaum noch von oben und unten reden kann. Früher aber liefen die beiden Strassen zur Gänze parallel, zwei Sackgassen, die sich am deutlichsten dadurch unterschieden, dass die eine oben und die andere unten war. Um die beiden Strassen - die Strasse namens "Im Baumgärtli" und die Strasse namens "Baumgärtli" - in der Rückschau auseinanderhalten zu können, ist es am einfachsten, man redet vom oberen und vom unteren Baumgärtli. Die Hanglage hat die beiden Baumgärtli nachhaltig definiert. Oben und unten sind irgendwie zeitlos. Schon damals war das obere Baumgärtli oben und das untere Baumgärtli unten, und so ist es noch heute, auch wenn oben und unten nur noch von den Strassenanfängen her definiert werden können. Das untere Baumgärtli ist keine Sackgasse mehr, es hat sich nach oben hin erweitert. So praktisch das für die Autofahrer ist, die nicht mehr rückwärts fahren oder wenden müssen, wenn sie das untere Baumgärtli verlassen wollen, so verwirrend ist es für jemanden, der sich an den früheren Zustand erinnert und das Oben und Unten von damals mit dem Oben und Unten von heute in einen erinnerungstechnischen Vergleich setzt. Obschon die Neubauhäuser der Siebzigerjahre wie auch die etwas nobleren Häuser der allerersten Bauphase der Nachkriegszeit immer noch dort stehen, wo man sie hingestellt hat, ist der ganze Hangabschnitt zwischen Staffelenbrücke und Ormalingen kaum wiederzuerkennen. Trotzdem ist das Baumgärtli noch da, und trotzdem gibt es immer noch die beiden Baumgärtli, die irgendwie zusammengehören - und die man gerade deshalb streng auseinanderhalten muss. Zeitlos ist nicht nur das Oben und Unten, sondern auch der sprachliche Umgang mit der Adresse. Schon damals, als das obere Baumgärtli noch Baumgärtli hiess, gaben seine Bewohner ihre Adresse mit der postalischen Präposition des unteren Baumgärtlis an. Sie sagten also nicht: "Ich wohne am Baumgärtli." Und noch weniger sagten sie: "Ich wohne im Baumgärtli ohne im." Wenn sie ihre Adresse angaben, sagten sie das Gleiche wie die Anwohner des unteren Baumgärtlis. Sie sagten: "Ich wohne im Baumgärtli."

 

Wir wohnten im Baumgärtli, nicht am Baumgärtli. Und obwohl es das untere Baumgärtli war, nannten wir die Strasse einfach "Baumgärtli". Das Baumgärtli war unser Zuhause. Wie auch das Dorf, das wir vom Balkon aus bequem überschauen konnten: links der Kirchturm, rechts das Altersheim, und dazwischen das Gemenge aus Dächern, Kaminen und Antennen. Direkt gegenüber befand sich die Schulanlage Hofmatt, über der sich der üppig bewaldete Berg oder Gelterkinder Berg erhob. Er stand uns immer vor Augen, ein unregelmässig geformter Fladen. Die einzelnen Bäume sahen wir nur bei Föhnwetter, dann aber waren sie zum Greifen nah. In dem weit geöffneten Tal lag alles sehr weit auseinander und war doch übersichtlich wie in einem Schaukasten. Unser Garten erstreckte sich über mehrere Stufen, wie die meisten Gärten im Baumgärtli. Darunter fiel der Hang steil ab. Dort war die Bahnböschung, unzugänglich überwuchert von Akazien und Brombeergestrüpp. Das Rattern und Brausen der vorüberfahrenden Züge drang Tag und Nacht zu uns herauf, etwas gedämpft durch den Einschnitt im Gelände und die dichte Vegetation, aber momentweise dann doch stark genug, um sogar das Radio und den Fernseher zu übertönen und die Gespräche am Garten- oder Balkontisch verstummen zu lassen. Uns fiel das fast nicht mehr auf, aber sobald wir mit Besuchern im Garten oder auf dem Balkon sassen, merkten wir, dass das für andere Leute nicht ganz so selbstverständlich war. Sobald das Rattern und Tosen eines Zuges einsetzte, erhoben sie ihre Stimmen und verfielen in eine überdeutliche Aussprache, krampfhaft bemüht, gegen den Lärm anzureden. Für uns wäre das zu anstrengend gewesen. Wir hatten es uns angewöhnt, bei jedem heranrauschenden Zug das Reden zu unterbrechen. Man hörte das nämlich schon von weitem. Es fing leise an, wie ein auffrischendes Lüftchen, und steigerte sich langsam zu einem gleichbleibenden Getöse, dem ein hohes, durchdringendes Zischen beigemengt war, und entschwand dann in einer Ferne, in die man hineinlauschen konnte, bis man wieder die konstanten Alltagsgeräusche vernahm: Vogelgezwitscher und Blätterrascheln, die ABBA-Musik aus dem Radio, den Mittagsverkehr auf der Ergolzstrasse, den Müllwagen am Farnsberg, die bedächtigen Glockenschläge, das Hundegebell bei Aenishänslis  - und samstags das Knallen von der Schiessanlage Leiern. Kaum war der Zug vorüber, hörte man wieder das Leben aus der nahen und fernen Umgebung, wo alles immer gleich oder ähnlich war. Die Eisenbahn gehörte dazu - und ging doch weit über das Dorf hinaus. Ohne den periodisch an- und abschwellenden Lärm hätte ich abends gar nicht einschlafen können. Er war wie eine Meeresbrandung, die mein Dasein mit einem verlässlichen Rhythmus grundierte und mich akustisch an die Weiten des Universums anschloss.

 

Eine meiner frühesten Erinnerungen verbinde ich mit einem ganz anderen Geräusch, nämlich dem Rumoren eines Baggers, der direkt vor meinem Zimmer den Garten umgrub. Ich war ungefähr drei Jahre alt. Ich lag im Bett und versuchte mein Mittagsschläfchen zu machen. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden schimmerte Tageslicht. An Schlaf war natürlich nicht zu denken. Das Brummen und Klappern hielt mich wach. Ich weiss noch, wie ich das Baggern des Baggers, sein Hin- und Herfahren, sein Zurücksetzen, Anfahren, Drehen und Zurückdrehen und vor allem das ruckhafte Schwenken der Baggerschaufel als einen kolossalen Weltumbau wahrnahm. Ich lag einfach nur da und lauschte und lauschte, während der Riese vor meinem Fenster das Erdreich umwälzte und mit seinem Raupenlaufwerk den Boden zum Erzittern brachte. Mit dem Einzug in Gelterkinden setzen die ersten Erinnerungen ein. Sie herauszusondern und zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Grösstenteils verlieren sie sich im ungeordneten Zeitfluss der fortlaufenden Kindheit und gehen konturlos darin auf: das abgedunkelte Zimmer, der Bagger, das Haus mit der nach Benzin stinkenden Buderos-Juno-Heizung in der Waschküche, Vaters Filmvorführungen mit dem ratternden Bauer-Projektor, die Heimorgel mit den vielen Knöpfen, die holzgeschnitzte Don-Quichotte-Figur über der Treppe, das strunzgrün gekachelte WC, die Aussicht über das Dorf, der kahle Garten, die Gärten und Häuser in der Umgebung, oben die Strasse und unten das an- und abschwellende Eisenbahnrauschen. In diesem Universum hatte ich noch keinen zeitlichen Zugriff auf ein Vorher, das dies alles ermöglicht hatte. Für das neue Zuhause hatten meine Eltern eine Hypothek aufgenommen. Ihre Wahl war auf den Herkunftsort meiner Mutter gefallen: Gelterkinden. An der Ormalingerstrasse, nicht weit vom Farnsberg und dem Baumgärtli-Areal, war sie selber aufgewachsen, dort wohnten ihre Eltern, meine Grosseltern, die Grossmutti und Grossvati hiessen, während die Eltern meines Vaters, die Grosspapi und Grossmammi hiessen, in Basel wohnten. Der Gelterkinder Südhang am Farnsberg war eine kluge Wahl gewesen: schönste, sonnenbeschienene Lage, und die Eltern mütterlicherseits in erreichbarer Nähe. Allerdings verzögerte sich der Einzug um etliche Monate. Das Haus, in das wir einziehen sollten, war eines von zwei identischen Dopplhäusern im hinteren Baumgärtli. Die beiden Doppelhäuser bildeten ein Doppelreihenhaus mit einer Lücke in der Mitte. Doch die einfache und einfach zu duplizierende Architektur täuschte. Rückblickend sagte Vater manchmal, der Architekt habe seiner Intelligenz freien Lauf gelassen. Bekanntlich hat das bei Architekten selten etwas Gutes zu bedeuten. Bald stellte sich heraus, dass sich ein Bau- oder vielmehr Planungsfehler eingeschlichen hatte. Der Architekt hatte die Dachschräge versehentlich so kalkuliert, dass dem Nachbarn auf der oberen Strassenseite die Sicht ins Dorf abgeschnitten wurde, was gegen die Auflagen verstiess. Als der Rohbau schon fast fertig war, musste die versehentlich entstandene Höhe wieder zurückgebaut werden. Durch die Korrektur der Dachschräge entstand im Estrich sehr viel Stauraum. Wäre das Haus ein Flugzeug gewesen, hätte man hier das Gepäck verstauen können. Der fensterlose Verschlag, in dem allenfalls ein Liliputaner hätte wohnen können, war nicht gerade ein Gewinn. Ärgerlicher als das war aber die Warterei. Eine Geduldsprobe. Während des Baus und Rückbaus wohnten meine Eltern in Pratteln, im letzten Wohnblock vor Frenkendorf direkt an einem Bahnübergang, der jedes Mal klingelte, wenn die Schranken herabgelassen wurden. Mich gab es schon, meine Schwester noch nicht. Ich lernte krabbeln, gehen und herumrennen, konnte aber lange Zeit kein einziges Wort sprechen ausser "Ding-Däng". Das war natürlich noch weit vor jeder bewussten Erinnerung. Das "Ding-Däng" blieb jedoch an mir haften als etwas Typisches und Erzählenswertes. In meiner ersten Sprechphase war es anscheinend so etwas wie ein Universalwort. Ein Hund war ein "Ding-Däng", ebenso eine Untertasse. Vater war ein "Ding-Däng", und Mutter war ein "Ding-Däng". Das "Ding-Däng" war keine Erfindung. "Ding-Däng" machte die Glocke des Bahnübergangs, den ich als Dreikäsehoch oft bestaunt haben muss. Wir wohnten ja gleich nebenan, und Mutter ging dort mit dem Kinderwagen gelegentlich spazieren, aus dem ich hinausschaute und vor allem hinaushorchte in die kleine Welt zwischen Pratteln und Frenkendorf, in der hin und wieder die Glocke des Bahnübergangs ihr "Ding-Däng" erschallen liess. Beim Einzug in Gelterkinden war ich etwa zwei Jahre alt. Ich hatte blonde Locken und krumme Füsse. Alle hielten mich für ein Mädchen, ausser meinen Eltern. Weil ich so lange brauchte, um sprechen zu lernen, und eigentlich die längste Zeit nichts ausser "Ding-Däng" sagte, war ihnen klar, dass ich kein Mädchen sein konnte. Meine Schwester Sabine kam bald nach. Sie war ein Baby, das nie schrie und immer nur vor sich hingluckste.

 

Als meine Eltern mit mir, der ich schon gehen konnte, und meiner Schwester, die im Handgepäck transportiert wurde, in das Doppelhaus 6a/6b einzogen, stand die Wohnung nebenan noch leer. Man war dort in einen zusätzlichen Rückstand geraten, und die Innenarbeiten waren noch in vollem Gang. Es werden wohl die üblichen, der Schlüsselübergabe unmittelbar vorangehenden Verputz-, Anstreich- und Verkabelungsarbeiten gewesen sein. Eine bewusste Erinnerung daran habe ich nicht. Aber man erzählte mir später oft, ich sei bei jeder Gelegenheit entwischt, um den Handwerkern Gesellschaft zu leisten, die sich einen Spass daraus machten, mir einen Helm aufzusetzen, unter dem ich fast verschwand. In die fertige Wohnung zog schliesslich ein älteres Paar ein, wobei man immer nur die Frau zu Gesicht bekam, eine zierliche Dame mit Trockenhaubenfrisur, die mit ihrem weissen Pudel mehrmals täglich aus der Haustüre kam und freundlich grüsste, wenn jemand von uns im Vorgarten war. Hier setzen die ersten Erinnerungen ein. Frau Graf, so hiess unsere erste Nachbarin im gleichen Haus, sehe ich noch deutlich vor mir. Und auch ihren Pudel, den ich als schneeweissen Pudel vor mir sehe, obwohl ihn meine Eltern in der Rückschau immer als grau oder schwarzgrau beschrieben haben, was vermutlich daran liegt, dass die Nachbarn auf der anderen Seite ebenfalls einen Pudel gehabt haben: keinen weissen, wie meine Eltern später immer behauptet haben, sondern einen grauen oder schwarzgrauen. Der Pudel-Fall ist bis heute ungelöst. Wenn ich an die frühe Baumgärtli-Zeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an Bauarbeiten - und an das Ewig-Dauernde dieser Bauarbeiten. Kaum waren die Arbeiten im Haus beendet, wurde auf der Strasse weitergearbeitet. Es wurde gegraben, gebaggert, gewühlt und planiert. Und kaum war irgendein Loch zugeschüttet, entstand ein paar Schritte nebenan ein neues Loch. Kaum war ein Strassenabschnitt asphaltiert, grub man ihn wieder auf, um irgendeine Röhre auszuwechseln. Deutlich erinnere ich mich an die Sache mit den Haselnüssen. Arbeiter hackten und schaufelten in einer knietiefen Grube, nicht weit von unserm Vorgarten entfernt. Einer von ihnen, schmutzig, hager und braungebrannt, ein Südländer, vermutlich Spanier, schlug mit einem Hammer Haselnüsse auf. Er sass auf einem Zementsack neben der Baustelle. Die Nüsse hatte er auf einem Holzblock zurechtgelegt. Mit dem Hammer bearbeitete er sie ohne besondere Kraftanstrengung, aber sehr konzentriert, als wäre das Nüsseaufschlagen seine einzige Aufgabe. Ich stand daneben und schaute zu. Als er ein paar Nusskerne herausgeschlagen hatte, trennte er sie säuberlich von den zersplitterten Schalen. Er sagte etwas, das ich nicht verstand, und liess die Nüsse in meine hohle Hand kullern, bevor er ein paar neue aufschlug. Zu diesem Zeitpunkt muss ich drei oder vier Jahre alt gewesen sein. Meine Engelslocken war ich da schon los, fast über Nacht hatte ich normales braunes Haar bekommen. Ich hatte mich gemausert. Die krummen Füsse waren allerdings immer noch ein Problem. Nicht weil ich damit nicht hätte gehen können. Ich war dauernd in Bewegung, ein kleiner Rennteufel. Das Problem war, dass es komisch aussah. Ich watschelte herum wie Charlie Chaplin, nur dass bei mir die Füsse nach innen schauten. Sobald ich losrannte, knickten sie einwärts, weil die Oberschenkel leicht verdreht waren. Vage erinnere mich an die Flure des Kinderspitals, wo mich Mutter ein paarmal zur Kontrolle hinbrachte. Die Ärzte begutachteten mich interessiert, kaum besorgt. Ich musste hin und her watscheln wie ein kleiner Dackel, und die Spezialisten und Unterspezialisten von der Pädiatrie machten sich eifrig Notizen. Schliesslich kam ich in ein Zimmer, das wie ein Spielzimmer aussah, in Wirklichkeit aber eine getarnte Therapiestation war. Ich musste mich auf den Boden setzen und mit den nackten Füssen Glasmurmeln von einem Punkt zum andern befördern. Diese Übung musste ich zu Hause jeden Tag wiederholen. Mit den nackten Füssen schob ich auf dem weissflauschigen Flokatiteppich unserer Stube Glasmurmeln herum und versuchte sie mit den Zehen zu greifen und hochzuheben, was mich gewissermassen zum Affen machte. Die Fehlstellung meiner Beine war ein Geburtsgebrechen, das sich auswachsen konnte, nichts Schlimmes. Mit der Zeit normalisierte sich das, es bog sich gerade, und so wuchs ich im Baumgärtli einigermassen normalwüchsig heran, in einer kleinen Welt aus Bauschutt, Wiesen, Asphalt und Bäumen.

 

Meine Schwester und ich spielten auf der Strasse. Nach und nach erkundeten wir das von Wiesen durchbrochene und locker mit Bäumen bestandene Quartier am Farnsberg. Und bald schon fanden wir andere Kinder zum Spielen. Oder sie uns. Da waren zum Beispiel die Aenishänslis, Kathrin und Thomas, von denen wir lernten, wie man Dreck schluckt, ohne es "grusig" zu finden: man musste nämlich die Augen ganz fest zumachen dabei. So nahmen wir unsere tägliche Dosis Eisen, Kalzium und Zink zu uns. Am Hang hinter dem Haus der Aenishänslis versteckten wir uns manchmal im ungemähten Gras. Wir bahnten uns darin einen Weg und machten uns eine Kuhle. Frau Spiess, die für das Mähen der Wiese zuständige Pächterin, erspähte uns, egal wie gut wir uns versteckten. Mehrmals vertrieb sie uns. Sie mähte die Wiese mit einer Sense. Das sah zum Fürchten aus. Es passte zu ihr, dass sie einen grossen schwarzen Hund hatte, der, ausser beim Mähen, nie von ihrer Seite wich, und immer trug sie einen langen schwarzen Filzmantel und schwarze Gummistiefel, als ob sie permanent in einer eigenen Wetterwolke unterwegs gewesen wäre, in einem eigenen Tiefdruckgebiet, wo es jederzeit regnen konnte. Ich weiss nicht, ob es an ihr oder an der Hunderasse lag, dass ich diesen Hund, einen Belgischen Schäferhund mit hinterlistigen Knopfaugen, nicht ausstehen konnte. Ansonsten liebte ich Hunde sehr, sie konnten mir gar nicht gross genug sein. Mein Lieblingshund gehörte der Familie Frei vom oberen Baumgärtli. Er war ein stattlicher Berner Sennenhund, ein Bär von einem Hund, der sofort auf mich zustürmte, wenn er mich nur schon von weitem sah. Wabbelnd, schlabbernd und hechelnd sprang er an mir hoch und warf mich um. Ich umklammerte ihn, während wir uns auf der Wiese hin und her wälzten. Wir lieferten uns Ringkämpfe, die ich natürlich immer verlor. Sobald er auf mir droben war, leckte er mich ab. Wir hatten ein echtes Vertrauensverhältnis. Nach jedem Ringkampf war meine dunkelgrüne Parka von oben bis unten vollgesabbert, und ich roch so intensiv nach Hund, als hätte ich in einem Hundezwinger übernachtet. Irgendwann kam er unter den Zug. Kann sein, dass er auf seine tollpatschige Art versucht hatte, mit dem Zug zu spielen. Unten am Bahndamm vor dem Viadukt sah ich ihn auf der Strasse liegen. Ich war auf dem Weg zur Schule. Es hatte ihn fortgeschleudert. Er war nicht entstellt, aber eindeutig tot. Polizisten legten ihn auf eine Plache. Einer von ihnen sagte, ich solle weitergehen. Das verstand ich, und ich ging denn auch weiter. Die Polizisten taten ihre Arbeit, eine Routinesache, nichts Schockierendes. Und der leblose Körper war auch nicht mehr der Hund, mit dem ich gespielt hatte. Die Tiere, mit denen wir uns im Baumgärtli am meisten abgaben, waren die Katzen. Mit ihnen spielten wir dauernd, wenn auch nicht immer auf der Grundlage eines gegenseitigen Einverständnisses. Es war kein Spiel wie zwischen mir und dem Hund der Familie Frei. Wir spielten nicht mit einzelnen Katzen, sondern mit einem unbestimmbaren Katzenkollektiv, mit quasi wildlebenden, streunend das Baumgärtli bevölkernden Ausreissern. Es war uns vage bewusst, dass sie uns sofort gejagt hätten, wären wir nur ein wenig kleiner gewesen als sie. Als Däumlinge hätten wir uns kaum vor ihnen verstecken können, da Katzen ein Sichtfeld von 200 Grad und ein äusserst empfindliches Gehör haben. Sie hätten uns aus jedem Loch herausgeholt. Deshalb drehten wir den Spiess von vornherein um und machten uns einen Spass daraus, unsererseits die Jäger zu jagen. Wie das funktionierte, wussten wir aus den Bildergeschichten von Wilhelm Busch.

 

Der Kater, der's verdient gehabt,

wird eingeklemmt und abgeklappt.

 

Sie waren überall, und sie waren eine Plage, eine schleichende, lauernde, miauende, fauchende, kratzbürstige Heimsuchung, ein immer wieder anderswo auftauchendes Gespenst, das den Buckel machte und sich wegduckte, wenn man es aufscheuchte. Mit was für einer Katze man es gerade zu tun hatte, ob das nun eine getigerte, gefleckte, getupfte oder einfarbig schwarze oder weisse war, spielte keine Rolle. Das war mal diese oder jene, eine von vielen, wir sahen den Unterschied kaum, eine Katze war wie die andere. Sie schissen auf die Gartenplatten, frassen Vögel und Zierteichfische, weckten uns nachts mit ihren Muezzingesängen, und dann besassen sie auch noch die Unverschämtheit, nie unter den Zug zu kommen. Katzen als Streicheltiere, das gab es bei uns nicht. Katzen liebten wir nur deshalb, weil sie so schreckhaft waren. Wir machten "Hu!" oder "Ha!" und klatschten in die Hände, wenn wir eine Katze sahen, und die Katze fetzte davon, als wären alle Teufel hinter ihr her.

 

Ein Katzenschreck war auch der Herr Vandervolk. Manchmal tauchte er plötzlich in seinem Garten auf und schrie grundlos herum. Seit seinem Schlaganfall verbrachte er seine Tage vor dem Fernseher. Nie liess er sich blicken, ausser wenn er wieder einen seiner Schreianfälle hatte. Er war zwar nicht pflegebedürftig, konnte aber im Haushalt nur noch das Nötigste machen. Die Kinder - immerhin waren sie zu dritt - nahmen ihm das Eine oder Andere ab. Sie waren Schlüsselkinder, obwohl der Vater immer zu Hause war. Frau Vandervolk ging arbeiten. Für ihren Mann und die Kinder füllte sie einmal wöchentlich den Kühlschrank. Das war natürlich eher eine Geste als eine Versorgungsmassnahme. Indem sie den Kühlschrank füllte, zeigte sie, dass sie die Mutter war. Ihre eigentliche Aufgabe war es, das Geld nach Hause zu bringen. Am Morgen stöckelte sie als aufgetakelte Businessdame auf den Zug, und abends stöckelte sie genauso aufgetakelt wieder nach Hause. Für sie und die Kinder war die häusliche Situation bestimmt nicht einfach. Der Schlaganfall, das Schlägli, wie wir sagten, hatte den schon ziemlich betagten Herrn Vandervolk stark verändert. Er konnte sehr nett und gemütlich sein, aber auch plötzlich wieder ausrasten und im Garten herumschreien, ohne irgendein verständliches Wort von sich zu geben. Entweder schrie er auf Holländisch oder mit mangelhafter Artikulation. Oder beides. Niemand wusste, was ihn denn so fürchterlich aufregte, und es war gar nicht so einfach, die Willkürlichkeit dieser Anfälle zu akzeptieren, wenn man sie nicht als Naturgeschehen hinnahm, sondern einem äusserlichen Anlass zuschrieb. Einen Grund hatten sie ja schon. Schuld war das Schlägli. An den Herrn Vandervolk und seine Anfälle waren wir Kinder von klein auf gewöhnt. Für uns war dieser alte Herr, der in seinem Garten manchmal ganz plötzlich drauflosfluchte und jeden anschrie, der zufällig vorüberkam, etwas völlig Normales und in keiner Weise Bösartiges, zu erschrecken brauchte sich niemand. Es gab keinen Anlass, keinen äusserlichen Auslöser. Wir wussten, dass hier etwas Mechanisches ablief, vergleichbar einem Niesreiz oder Schluckauf oder, was dem Schlägli vielleicht noch am nächsten kam, einem epileptischen Anfall. Es war etwas, das Herr Vandervolk unmöglich kontrollieren konnte. Es überkam ihn. Es brach aus ihm heraus. Er hatte eine Hirnschädigung, aber richtig gestört war er nun auch wieder nicht. Man hatte nicht den Eindruck, als würde er in die leere Luft hinein schreien, wenn ihn seine Wut überkam. Seine Wut, wenn es denn eine war, schien sich gegen etwas zu richten, das man halt einfach nicht verstand, wogegen der Wutanfall an und für sich sehr einfach zu verstehen war, wie bei einer Comicfigur, die mit hochrotem Kopf eine Sprechblase voller Sternchen, Rauchwolken, Hämmerchen und Blitze absondert. In dieser Einfachheit war auch ein Stück Normalität, umso mehr, als Herr Vandervolk in seinem normalen Zustand vielleicht nicht besonders gesprächig war, aber keineswegs unfreundlich. Wir hatten einen gewissen Respekt vor ihm, aber keine Angst. Wir wussten ja, dass es ihn doppelt gab. Es gab den schreienden Herrn Vandervolk, der in seinem Garten aus dem Boden hervorschiessen konnte wie ein wütiges Rumpelstilzchen, und es gab den anderen, den normalen Herrn Vandervolk, von dem wir annahmen, dass es der richtige Herr Vandervolk war, der unbeschädigte. Diesem Herrn Vandervolk schien unsere Mutter ein gewisses Vertrauen entgegenzubringen. Zumindest hatte sie keine Bedenken, mich und meine Schwester - wir waren noch im Vorschulalter - mal für kurze Zeit in seine Obhut zu geben. Nachdem sie sich verabschiedet hatte, sassen wir mit untergeschlagenen Beinen vor dem Fernseher in dieser anderen Stube, die uns fremd war. Herr Vandervolk war zwar in der Nähe, aber eigentlich war es der Fernsehapparat, der uns beaufsichtigte, nicht Herr Vandervolk. Es lief ein Film in Schwarzweiss, ein Märchenfilm. Hin und und wieder warfen wir einen schüchternen Blick auf Herrn Vandervolk. Er sass ruhig in seinem Fauteuil. Es war nicht zu erkennen, ob er mit offenen Augen schlief oder mit uns zusammen den Film schaute.

 

Der Zierteich der Vandervolks war nicht viel mehr als ein im Boden eingegrabener Asbestkübel, ohne Seerosen und Wasserlinsen, aber mit ein paar anmutig fächelnden, rundmäulig glotzenden Goldfischen drin. Leichte Beute für die Katzen. Frau Vandervolk musste ständig neue Goldfische kaufen. Mit seinem Geschrei, das meistens gar nicht den Katzen galt, trieb Herr Vanderwolk die Räuber jeweils in die Flucht, und es kann sein, dass er das in seinen lichten Momenten auch so wahrnahm und den Katzen ganz bewusst hinterherfluchte und innerlich über sie triumphierte. Doch sobald er sich ausgetobt hatte und ins Haus zurückging, um eine angefangene Fernsehsendung fertig zu schauen oder ein Nickerchen zu halten, waren die Katzen wieder da. Die Katzen hatten das heraus. Man konnte sie fortscheuchen, sooft man wollte: immer waren sie wieder da. Bei Herrn Vandervolk, der wie ein zahnloser Wachhund nur bellen, aber nicht beissen konnte, trieben sie dieses Spiel auf die Spitze. Als Abschreckung funktionierte das Geschrei nicht. Katzen sind schlau. Sie merken instinktiv, wenn ein Mensch behindert oder sonstwie eingeschränkt ist in seinen Möglichkeiten, ihnen Einhalt zu gebieten, und nutzen das schamlos aus. Um den Vandervolks zu helfen, besonders dem alten Herrn Vandervolk, der wegen seiner Behinderung nichts gegen die Katzen unternehmen konnte, nahm Vater eines Tages sein Luftgewehr hervor und und zielte auf die erstbeste Katze, die sich dem Teichrand näherte. Von unserm Dachfenster aus betrug die Schusslinie etwa 50 Meter. Für Vater kein Problem. Er war schliesslich im Militär und musste regelmässig an das "Obligatorische". Seine Nachbarschaftshilfe schlug an. Die Katze ging baden, und da Katzen ebenso lernfähig sind wie wasserscheu, blieben die Goldfische von da an verschont.

 

Michi, der Jüngste von den Vandervolks, war ein Jahr älter als ich. Er be­sass einen Detektivkasten, ein kleines Walkie-Talkie und alle Bände von "Die Drei Fragezeichen". In seinem fensterlosen Zimmer unter der flachwinkligen Dachschräge des Estrichs, wo wir stellenweise den Kopf einziehen mussten, hingen überall Poster von Elvis Presley. Michi war ein Fan. Elvis war für ihn der Grösste, was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Als mir einmal eine falsche Bemerkung über Elvis entschlüpfte - ich nannte ihn einen "Schreihals" - musste ich die Bemerkung mit einem feierlichen Schwur des Ungesagtmachens zurücknehmen, sonst wäre unsere Freundschaft beendet gewesen. Noch Tage später war Michi eingeschnappt. Er gab mir zu verstehen, dass es jedem andern, der ihm so etwas ins Gesicht gesagt hätte, übel ergangen wäre. Das war immerhin grosszügig. Michi hatte mich verschont. Um Michi meinerseits entgegenzukommen, gab ich zu, dass ich kein Elvis-Kenner war. Ich wusste also gar nicht, wie Elvis sang. Oder was Elvis sang. Seine Lieder kamen selten im Radio. Oder ich erkannte sie nicht, weil sie zu allgemein waren. Nichts Besonderes eben. Unter den jüngeren Baumgärtli-Kindern waren Michi und ich oft die Anführer und Realisatoren. Wir legten fest, was gespielt wurde, und wir verteilten die Rollen. Vieles unternahmen wir aber auch zu zweit. Ich erinnere mich an das Detektiv-Büro, das wir in Michis Zimmer eingerichtet hatten, die Dachschräge passte ja dazu. Wir hatten Gesichtsvorlagen auf Folien, die wir übereinanderlegten und kombinierten, um Phantombilder anzufertigen. Ausgerüstet mit Billig-Fotoapparaten und Fingerabdruckpulver zogen wir los, um Passanten zu beschatten. Wir führten eine Fingerabdruckkartei, und in luftdicht abschliessbaren Beiweistüten, eigentlich simplen Gefrierbeuteln, sicherten wir unsere Beweisstücke. Wir erfanden eine eigene Schrift und studierten die Tricks der Geheimagenten. Damit wir uns blitzschnell tarnen konnten, hatten wir jede Menge Ersatzkleider, besonders Mäntel und Hüte, dazu unterschiedlich gefärbte Sonnenbrillen und künstliche Schnäuze. Anders als bei anderen Kindern war ich bei Michi immer ein bisschen gefordert. Oder besser gesagt: herausgefordert. Manchmal verstrickten wir uns in eine Diskussion, bei der es ab einem bestimmten Punkt nur nach darum ging, Recht zu behalten. Der eine wusste etwas, und der andere wusste es besser. Der eine sagte etwas, und der andere sagte das Gegenteil. Der eine verstieg sich zu einer Behauptung, und der andere widersprach, indem er eine Gegenbehauptung aufstellte. Der eine warf ein Superlativ in den Raum, natürlich mit der grösstmöglichen Grossspurigkeit, und der andere versuchte diese angeblich höchstmögliche Steigerung noch weiter zu steigern. So diskutierten wir einmal sehr ernsthaft darüber, welches die höchste - die allerhöchste - Zahl sei. Jeder hatte den Anspruch, die höchste - die allerhöchste - Zahl nennen zu können. Nachdem wir alle uns geläufigen Zahlwörter jenseits von Tausend durchgegangen waren - Millionen, Milliarden, Billionen, Quadrillionen, Quadrilliarden - nannte ich die Fantasiezahl "eine Brutallion". Ich ging davon aus, dass meine Vorstellung einer brutal grossen und die eigene Brutalität unverhohlen zum Ausdruck bringenden Maximal- oder Brutalzahl unüberbietbar sei. Doch dem war nicht so. Mit "zwei Brutallionen" überbot mich Michi, ohne mit der Wimper zu zucken. Worauf ich siegesgewiss sagte: "Unendlich!" Mit "Unendlichundeins!" setzte mich Michi schliesslich schachmatt. Da begriff ich die Logik dahinter, und ich begriff, dass ich nicht gewinnen konnte. Es war ein Wettstreit, den niemand gewinnen konnte. Michi hatte dieses Prinzip verstanden. Er war der Ältere von uns. Mit dem einen Jahr, das er mir voraus hatte, war er mir gegenüber deutlich im Vorteil, und diese geistige Überlegenheit bekam ich öfters zu spüren. Als wir einmal eine kleine Velotour machten, fuhr ich ständig auf der linken Strassenseite, während Michi korrekterweise rechts fuhr, im Fluss des normalen Strassenverkehrs. Von Verkehrsregeln hatte ich keine Ahnung, und in diesem Alter - ich war neun oder zehn - wäre ich ohne Michi niemals bereit gewesen, mit meinem Velo, zu dem ich ohnehin kein rechtes Zutrauen hatte, ins Dorf hinabzufahren. Mein persönliches Velo war zwar tadellos in Schuss, aber das Velo an und für sich empfand ich als Prothese, die klirrend und scheppernd auseinanderfallen konnte, und ich begriff nicht, was an diesem Gestänge so toll sein sollte. Aus einem gesunden, aufrecht gehenden Menschen machte das Velo einen zusammengekrümmten Fahrradkäppi-Krüppel. Für mich war das nichts. Es erschien mir unnatürlich, wie auch der ganze Strassenverkehr mit seiner Strassenverkehrsordnung und seinen diffusen Raumverhältnissen. In die man sich irgendwie einpassen musste. Und wehe, es klappte nicht! Immer bestand das Risiko, durch eine Fehlbedienung des Velos oder einen unwissentlichen Regelverstoss die Polizei auf sich aufmerksam zu machen oder durch ein ungünstiges Ereignis, ob selbstverschuldet oder nicht, verhackstückt oder plattgewalzt zu werden. Das Schlimmste bei alledem war für mich das Prinzip der Symmetrie. Das im Strassenverkehr allgegenwärtige Links-Rechts-Schema verwirrte mich nicht nur räumlich, sondern auch philosophisch. So wie man räumlich, respektive philosophisch durcheinandergeraten kann, wenn man an die Kugelgestalt der Erde denkt - und an die Australier, die von uns aus gesehen auf dem Kopf stehen. Mit dem Strassenverkehr ging es mir ähnlich. In meinem Kopf spielte ich das Prinzip dieser Verwirrung fortwährend durch: links wurde zu rechts und rechts wurde zu links, sobald ich die Richtung umdrehte. Und jede Fahrspur, sowohl die linke als auch die rechte, war in sich dann auch noch in links und rechts gespalten, so dass es ein Links-Rechts-Schema auf der rechten wie auch ein Links-Rechts-Schema auf der linken Seite gab. Und alles war immer spiegelverkehrt und andersherum, sobald ich es von der anderen Seite her sah. Von der Gegenseite her. Wo es dann aber wieder stimmte, also eigentlich gar nicht spiegelverkehrt war, sondern dem Links-Rechts-Schema der Fahrtrichtung entsprach. Und hier war der Punkt, wo es für mich beängstigend wurde. Eine flüssige Vorwärts-Bewegung in diesen verschachtelten und sich fortwährend drehenden Links-Rechts-Verhältnissen machte mich schwindlig, wenn ich nur schon daran dachte. Ich blickte da einfach nicht durch. Ich wusste zwar alles über die Dinosaurier und die Raumfahrt. Aber mit links und rechts tat ich mich immer noch schwer. Was vielleicht der Grund war, weshalb ich mich instinktiv an die linke Seite hielt, die Fussgängerseite, die mir aus Gewohnheit als die sichere Seite erschien, und Michis Belehrungen über den Strassenverkehr - kleine Nadelstiche, die mein Weltbild in Frage stellten - als die Besserwisserei eines mir ständig und überall Dreinredenden empfand und nichts davon in meinen Kopf lassen wollte. Während wir auf den grossen und kleinen Strassen durchs Dorf radelten, versuchte mich Michi davon zu überzeugen, dass das Rechtsfahrgebot auch für Velos gelte. Dass ich also auf der falschen Strassenseite unterwegs sei. Was mir überhaupt nicht einleuchten wollte. "Rechts fahren, Stress sparen!" rief mir Michi zu. Und ich: "Links, das bringt's!" Und während wir so dahinradelten - vom Viadukt zum Dorfplatz, vom Dorfplatz zur Rünenbergerbrücke, von der Rünenbergerbrücke zum Schulhaus, vom Schulhaus zur Leieren, von der Leieren zur Sissacherstrasse - und über die ganze Strassenbreite hinweg miteinander stritten, hupte jedes Auto, das uns entgegenkam.

 

Das war ungefähr die Sphäre, in der wir uns bewegten. Von meiner Seite her war sicher auch etwas Neid dabei. Ich beneidete Michi um seine Freiheiten. Er war ein Schlüsselkind mit weitreichenden Kompetenzen. Und darüber hinaus genoss er auch noch das Privileg, an die Rudolf Steiner-Schule gehen zu dürfen, wo man alles anders machte und alles durfte und es kein Richtig und Falsch gab: ausser in der Polizeilehrstunde, wo man den Strassenverkehr durchnahm. Nie sah ich ein Schulheft auf seinem Schreibtisch, nie musste er etwas ins Reine schreiben, und Noten kannte er nur aus dem Musikunterricht. Die Schule war für ihn kein Zwang und auch keine Zwangsbeglückung, er ging gern zur Schule, was ich kaum begreifen konnte. Er führte ein Lotterleben. Er durfte vieles, was ich nicht durfte. Er durfte zum Beispiel ultrahocherhitzte Milch trinken. Im Kühlschrank, den seine Mutter gelegentlich auffüllte, gab es literweise Packungen davon. Die ultrahocherhitzte Milch (oder UHT-Milch, wie es auf den Packungen hiess) schmeckte mir viel besser als die gesunde Trink- und Frischmilch, die es bei uns zu Hause gab. An der ultrahocherhitzten Milch mochte ich den für mich ungewohnten cremigen Beigeschmack. Ansonsten schmeckte sie ähnlich wie unsere Milch, denn Milch bleibt Milch, und doch schmeckte die Milch bei Vandervolks wie ein völlig anderes Getränk. Der kleine Unterschied machte es aus. Gleichermassen fremd und vertraut war mir auch die Wohnung der Vandervolks. Das Wohngefühl war ein anderes als bei uns, obwohl die Wohnung im Baumgärtli 7b mit unserer Wohnung im Baumgärtli 6b absolut baugleich war, der Grundriss war nicht mal spiegelverkehrt wie bei der Wohnung nebenan im gleichen Haus. Trotz dieser Übereinstimmung betrat ich bei den Vandervolks ein anderes Zuhause, ein Zuhause, bei dem ich schon im Eingangsbereich merkte, dass ich hier nicht zu Hause war. Und es auch niemals sein würde. Das Garderobenkästchen stand am falschen Ort, wie überhaupt alle Möbel nicht dort standen, wo sie eigentlich hingehörten, die Vorhänge waren zu dick, die Seife war parfümiert und stammte nicht aus der Migros, war also keine Schweizer Standard-Seife, die Böden und Wände strömten einen befremdlichen Farb- und Leimgeruch aus, die Küche roch nach unbekannten Gewürzen, die Teppiche fühlten sich ungewohnt borstig an, überall Nippesfiguren, die bei uns sofort im Müll gelandet wären, und die Einbauschränke aus Vollholz strotzten vor Unzweckmässigkeit. Das alles gefiel mir nicht. Das Einzige, was mir bei den Vandervolks gefiel, war die ultrahocherhitzte Milch.

 

Thomas und Kathrin von den Aenishänslis waren ebenfalls Schlüsselkinder. Vater und Mutter gingen arbeiten, und die im Untergeschoss wohnenden Grosseltern wollten die Kinder möglichst nicht im Haus und um sich herum haben, da Grossvater Aenishänsli wegen seines Nachtwächterjobs tagsüber in einem abgedunkelten Zimmer liegen musste wie Graf Dracula. Die Kinder waren gezwungen, ihren Lärm woanders zu veranstalten, zum Beispiel bei uns, zwei Häuser weiter vorn, im Baumgärtli 6b. Unsere Mutter war darüber nicht gerade erfreut. Die Aenishänsli-Kinder hängten sich uns an und waren ständig um uns herum. Es war ein Wunder, dass sie nicht zu uns hineinkletterten, wenn gelüftet wurde. Schon in aller Herrgottsfrühe, wenn wir noch im Bett lagen, klingelte es manchmal an der Tür, und natürlich waren es die Aenishänsli-Kinder. Schon in aller Herrgottsfrühe waren sie ganz zapplig, weil sie mit uns spielen wollten. Und weil es bei ihnen kein Frühstück gab, oblag es unserer Mutter, sie auch noch abzufüttern. Als wären es irgendwelche zugelaufenen Tiere. Die Aenishänsli-Kinder waren ein bisschen verwildert. Ohne Wecker, Benimmregeln und Kleidervorschriften lebten sie nach Lust und Laune in den Tag hinein. Ständig sprangen und turnten sie irgendwo herum, halb auf den Bäumen, halb im Gras, oder sie jagten einem Ball hinterher, der, wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, immer genau in den Garten der Frau Bürgin schoss, wo er die Tulpen umknickte. Trotz alledem konnte man nicht von einer Vernachlässigung sprechen. Richtige Schlüsselkinder waren sie nicht. Die Grossmutter war jederzeit für sie da. Sie durften nur nicht stören. Der Grossvater brauchte seinen Schlaf. Sein Schlaf war heilig. Als dann der Grossvater starb und Graf Dracula eine andere Ruhestätte bekam, war der Kinderlärm im Hause Aenishänsli wieder willkommen. Die Kinder durften nun im ganzen Haus herumtoben, in einer Villa Kunterbunt, in der das Treppengeländer zur Rutschbahn und der Stubenteppich zum Zelt wurde. Die Grossmutter gewährte ihnen jede Freiheit, versorgte sie mit Süssigkeiten und kochte ihnen desöftern mal etwas Feines, etwas ohne Spinat. Doch auch weiterhin war das Baumgärtli für die Aenishänsli-Kinder das bevorzugte Kinderzimmer, mitsamt der Obstwiese am Farnsberg und allen angrenzenden Strassen und Wegen. Besonders Thomas tobte sich draussen gehörig aus. Jedes Geländer und Mäuerchen musste von ihm erklettert werden. An der steilen Aussentreppe neben dem Aenishänsli-Haus brach er sich hin und wieder einen Arm oder ein Bein. Oder die Nase. Mehrmals ging seine Brille zu Bruch, ohne die er prompt den nächsten Unfall baute, weil er beim Turnen danebengriff und den Halt verlor. Einmal hüpfte er mit frisch eingegipstem Arm und notdürftig geflickter Brille stundenlang die Treppe hinauf und hinunter. Er konnte es nicht lassen.

 

Das besserte sich erst, als sich die Aenishänsli-Eltern trennten. Die Mutter zog aus, und Vater Aenishänsli holte sich eine Asiatin ins Haus, die Zuki, wie sie von den Aenishänsli-Kindern und bald auch von uns allen genannt wurde. In das neue Regime fügten sich die Aenishänsli-Kinder ohne Wenn und Aber. Als hätten sie nur darauf gewartet. Plötzlich gab es bei den Aenishänslis eine Erziehung. Plötzlich mussten sie pünktlich zu Hause sein und bekamen Schimpfis, wenn sie Grasflecken auf dem T-Shirt oder einen zerquetschten Heugumper im Hosensack hatten. Und sie gehorchten ohne Widerrede. Für die Aenishänsli-Kinder schien es das Natürlichste zu sein, dass Zuki nun das Sagen hatte. Dieser vobehaltlose Respekt einer Person gegenüber, mit der die Aenishänsli-Kinder nicht einmal verwandt waren, erstaunte mich. Wieso gehorchten sie einer Mutter, die nicht ihre wirkliche Mutter war? Taten sie es nur ihrem Vater zuliebe? Hätte man unsere Mutter durch eine Mutter mit Schlitzaugen ersetzt, wäre ich sofort auf die Barrikade gegangen. Doch für die Schlitzaugen konnte Zuki nichts. Auch nicht für die Brandnarben im Gesicht. Man sagte, sie sei in Nagasaki gewesen. Bis sich dann irgendwann herausstellte, dass die Brandnarben vom Koreakrieg herrührten, was uns aber nicht davon abhielt, Zukis Gesichtsentstellung auch weiterhin mit der Atombombe von Nagasaki in Verbindung zu bringen. Bald schon gehörte Zuki zum Baumgärtli wie alles andere im Baumgärtli auch: wie jeder Baum und Strauch am Strassenrand, wie die Katzen, wie die Bahnböschung, wie die Eisenbahn, wie die Frau Spiess und wie der alte Herr Vandervolk und seine Schreianfälle. Wenn wir die Zuki sahen, sahen wir über ihrem Kopf automatisch den Atompilz von Nagasaki. Ganz ungewohnt war dieser Anblick nicht. Bei schönem Wetter sahen wir über der Schafmatt die Kühlturmwolke von Gösgen, eine strahlend weisse Wolke in der Form eines Brokolis.

 

Als Zuki das häusliche Regime übernahm, zusammen mit ihrem Dackel, mit dem sie dreimal täglich Gassi ging, war Grossvater Aenishänsli nur noch ein Porträt an der Wand. Niemand konnte Zuki den Rang streitig machen. Niemand, ausser der alten Frau Aenishänsli, der Grossmutter. Sie war ja noch da. Mit der neuen Schwiegertochter musste sie sich nun irgendwie arrangieren. Sie mochte diese "Fremdländerin" nicht. Schon am ersten Tag lag sie mit ihr über Kreuz. Was da in ihr Haus und in das Haus ihres Sohnes eingezogen war, empfand sie als falsch. "Das isch falsch," sagte sie, wenn ihr etwas nicht passte. "Falsch" war alles, was ihr fremdartig vorkam. Die "Fremdländerin" wiederum setzte alles daran, die alte Frau in die Schranken zu weisen und zu schikanieren. Über die Kinder durfte nur noch die Stiefmutter bestimmen, während sich die Grossmutter aus allem herauszuhalten hatte. Die Grossmutter bekam Hausverbot im eigenen Haus. Das heisst: das untere Stockwerk mit ihrer Wohnung war für die Kinder tabu, genauso wie es für die Grossmutter tabu war, eines der oberen Stockwerke zu betreten. Faktisch wurde die alte Frau Aenishänsli von jedem nicht überwachten Kontakt zu ihren Grosskindern abgeschnitten. Dem fernöstlichen Hausregime setzte sie ihre bodenständige Sturheit entgegen. Aus Trotz igelte sie sich ein. Den ganzen Tag verbrachte sie vor dem Fernseher, wo sie auch die Mahlzeiten einnahm. Mit Hilfe eines Serviertabletts aus dem Migros-Restaurant löffelte sie das Essen direkt aus der Pfanne, während sie die Nachrichten oder Rudi Carell schaute. So hielt sie die Stellung, die ihr als Grossmutter zustand, und war doch entmachtet. Zur Lockerung dieses erzwungenen Zusammenlebens wurden einige streng reglementierte Ausnahmen erlaubt. Die Kinder durften das untere Stockwerk mit der am Fernseher angepflockten Grossmutter immerhin noch an Weihnachten und Ostern betreten. Dann aber musste alles sehr förmlich ablaufen, sozusagen mit Knicks und Kratzfuss. Mutter schaute manchmal bei der alten Frau Aenishänsli vorbei, um ihr etwas Selbstgebackenes zu bringen, und nachher sprach sie dann wieder eine ganze Weile über nichts anderes als über dieses Shakespeare-Drama rund um matriarchale Thronerschleichung und Feindesübernahme im Hause Aenishänsli. Die alte Frau Aenishänsli tat uns leid. Es war schade um sie, war sie doch ein typisches Grosi, ein herzliches, wenn nun leider auch etwas verdrücktes und weinerliches Grossmütterchen, das oft die Hände rang und die Stimme zu einem nölenden Singsang erhob. Und immer war es das gleiche Lamento. Alles sei schlecht und nicht mehr so wie früher etc. etc. Nichtsdestotrotz schauten wir Kinder aus der Nachbarschaft hin und wieder bei der alten Frau Aenishänsli vorbei. Auf dem östlichen Schulweg konnten wir einen Abstecher in ihren Garten machen, und immer war sie da und hatte ein freundliches Wort für uns. Sie schwatzte gern mit uns, mit Kindern verstand sie sich gut.

 

Auf der anderen Seite, in Richtung Bahnhof, führte der Schulweg den Farnsbergweg hinunter und über die Staffelenbrücke, die zwischen der Baader-Villa und dem Lehrerhaus die Bahnlinie querte. Entschieden wir uns für die Ormalinger Route, stiegen wir auf der schmalen Treppe zwischen dem Anwesen der Aenishänslis und dem Anwesen der Vandervolks zum Langmattweg und zum Türkenblock hinunter, bevor wir unter dem Viadukt hindurch ins Dorf marschierten. Den Türkenblock mochten wir nicht. Er war Feindesgebiet. Obwohl es zwischen uns und den Türkenkindern nur ein einziges Mal zu einer grösseren Auseinandersetzung gekommen war. Plötzlich flogen Steine hin und her, ohne Ankündigung. Ehe wir wussten, was da geschah, waren wir in einen Kleinkrieg verwickelt, dem nichts vorangegangen war, keine Drohung, kein Vorgeplänkel, keine Demarche auf diplomatischer Ebene. Wir waren im Vorteil, da wir unsere erhöhte Stellung am Hang nutzen konnten, um die Türkenkinder mit einem Steinhagel einzudecken. Oski, der grosse Bruder von Michi, war auch dabei. Normalerweise gab er sich nicht mit uns ab. Wir waren ihm zu klein. Oft hatte er nur eine abschätzige Bemerkung für uns übrig. Als ich ihn einmal nach der Zeit fragte, weil ich meine Armbanduhr nicht anhatte, erhielt ich die Antwort "Fünf nach Schyssdräck." Das war typisch. Er nahm uns einfach nicht ernst. Einmal hatte ich mir ein Bandana, ein verwegenes rotes Piratenkopftuch, um den Kopf gebunden und wollte als Seeräuberkapitän das Kommando übernehmen. Da fragte mich Oski eiskalt, ob ich das Rotkäppchen sei. Hier, im Getümmel eines spontanen Banden- oder Territorialkriegs, war er nun wirklich einer von uns, einer vom Baumgärtli. Und als Anführer hatte er selbstverständlich die Nase vorn. Während uns die Türkenkinder ihrerseits mit Steinen bewarfen und ihr typisches Gülü-Gülü-Geschrei ausstiessen, heizte Oski mit Ausfallschritten, Grimassen und einem die Türkenkinder und alles Türkische verhöhnenden Gülü-Gülü-Geschrei die Konfrontation immer weiter an. Doch eine Entscheidungsschlacht wurde es nicht. Wir wussten, dass uns die Türkenkinder vermöbeln würden, wenn wir ihnen zu nahe kämen. Deshalb zogen wir uns rechtzeitig zurück. Die Türkenkinder waren stärker als wir, und zwar aus dem einfachen Grund, weil es Türken waren, Schlägertypen von klein auf.

 

Später, als sich Oski eine AC/DC-Jacke und ein Töffli zulegte, verschwand er fast gänzlich aus unserm Gesichtskreis. Wir nahmen ihn nur noch aus der Ferne oder im Vorübergehen wahr. Er war nun ein Halbstarker oder Töfflibub. Er war nun einer von "denen". Das Töffli, mit dem er alsbald auf jeder Pfupfistrasse zwischen Sissach und Ormalingen wie auch zwischen Tecknau und Rickenbach umherflitzte wie eine sirupsüchtige Wespe im Sirupland, diente nicht nur zur Fortbewegung oder Selbstbeschleunigung; man konnte damit auch angeben. Respektive "blöffen" oder "blagieren", wie wir sagten. Ein Mofa war ja noch kein Töffli. Ein Töffli war das Mofa erst, wenn es frisiert und doppelt so laut war, wie es eigentlich sein durfte. Dann war es eine Rakete, mit der man die normalen Verkehrsteilnehmer, diese behäbigen Schleichfahrer, lachend überholen konnte. "Töfflibuben", so nannten wir die Halbstarken mit den langen Haaren, den AC/DC-Jacken und den laut anspringenden, dilettantisch frisierten Mofas, die dann eben keine Mofas mehr waren, sondern Töfflis. Im Grunde genommen verstanden wir unter einem Halbstarken immer einen Töfflibuben, und umgekehrt war ein Töfflibub natürlich nichts anderes als ein Halbstarker, zu dem ein Töffli nun einmal gehörte. Es handelte sich also um eine einzige, unteilbare Spezies. Die leichtgängig motorisierten Halbstarken oder Töfflibuben, die in den Quartierstrassen ihr Unwesen trieben, waren ein Phänomen. Sie knatterten überall herum, und es schien sie überhaupt nicht zu stören, dass sie von den Erwachsenen scheel angesehen und beschimpft wurden. Oski machte jedenfalls nicht den Eindruck, als ob es ihn auch nur am Hintern kratzen würde, was die Erwachsenen über ihn sagten oder dachten. Im Gegenteil. Je mehr er zum Töfflibuben und Halbstarken wurde, desto selbstbewusster trat er auf. Desto höher stieg sein Ansehen bei seinesgleichen, den Gleichaltrigen, wenn auch nicht bei den Erwachsenen und bei uns Kindern, die wir uns, was die Meinung über Halbstarke und Töfflibuben betraf, dem gängigen Urteil der Erwachsenen anschlossen. Mit ihnen zusammen lebten wir noch in der heilen ABBA-Welt, die natürlich nicht nur von ABBA bestimmt wurde, obwohl ABBA der musikalische Weltnabel war. Innerhalb dieser Welt, die von wohnzimmertauglichem Pop beherrscht wurde, gab es sehr viele zulässige Sparten, die ein Radiomoderator oder eine Fernsehansagerin ohne zu erröten moderieren oder ansagen konnte. Elvis wurde noch knapp toleriert, wegen seiner Schnulzenlieder. Weniger oder gar nicht toleriert wurde alles, was lärmend und basstönig stampfend über Elvis hinausging. Im allgemeinen urteilten die Erwachsenen sehr ungnädig über diese Musik, fast als wäre sie eine Entgleisung. In der Welt der Anständigen war Rockmusik etwas, das man aus Sicherheitsgründen am liebsten in einen Käfig gesperrt hätte. Wie das Tier aus der Muppet Show. Die Halbstarken oder Töfflibuben hatten die ABBA-Welt, die Welt des guten Benehmens und des guten Geschmacks, verlassen, und sie schissen auf alles, was diese Welt an verlässlichen Werten zu bieten hatte. Sie schissen auf Anstand, Wohlklang und Ordnung. Und sie schissen überhaupt auf alles. Oskis neue Welt hiess nun AC/DC, und seine Freizeit verbrachte er mit anderen Halbstarken oder Töfflibuben, während er sich im Baumgärtli nur noch blicken liess, wenn er auf seiner Knatterkiste von einem Motocross-Rennen oder einem Tuning-Treffen mit anderen Halbstarken oder Töfflibuben zurückkam oder in Richtung Farnsbergweg wieder davonknatterte, wobei ihm die anderen Halbstarken oder Töfflibuben häufig das Geleit gaben. Mit fräsenden Motoren fielen sie in das Baumgärtli ein, um Oski nach Hause zu begleiten oder von zu Hause abzuholen. Gelegentlich geschah das auch in der Art eines Überfalls. Plötzlich tauchten sie auf, ohne sich bei den Vandervolks angemeldet zu haben, und da Oski nicht in Gelterkinden zur Schule ging (wie seine Geschwister besuchte er auswärts die Rudolf Steiner-Schule) konnte es vorkommen, dass er noch nicht zu Hause war und sich die von Vorfreude und jugendlichem Ungestüm befeuerte Fahrt ins Baumgärtli hinauf als Schuss in den Ofen entpuppte. Aus Frust oder Langeweile lärmten dann die Halbstarke oder Töfflibuben die längste Zeit auf der Strasse herum und vollführten dabei langwierige An- und Abfahrmanöver, fahrtechnische Kunststücke mit hochdrehenden Motoren, schrammenden Pneus und sich aufbäumenden Vorderrädern. Jeder Halbstarke oder Töfflibube hatte sein eigenes, ganz spezielles An- und Abfahrmanöver, das er den andern ständig vorführen musste. Dass dabei so viel Krach gemacht wurde, lag nicht nur an den fahrtechnischen Kunststücken, den frisierten Motoren und dem ständigen Laufenlassen dieser Motoren. Jeder Halbstarke oder Töfflibube benahm sich demonstrativ wie die anderen Halbstarken oder Töfflibuben, das heisst: jeder Halbstarke oder Töfflibube brauchte anscheinend die lautstarke Zustimmung der andern Halbstarken oder Töfflibuben, um sich als Halbstarker oder Töfflibube zu fühlen und etwas von sich hermachen zu können. Dieses Gefühl musste ein grosses und mächtiges sein. Es war ein Gemeinschaftsgefühl. In der Gruppe waren sie stark, wenn es auch nach Meinung der Erwachsenen nur eine halbe Stärke war: die typische Halbstärke des Halbstarken. Ein Halbstarker war für sich gesehen noch nicht einmal die Hälfte von dem, was er eigentlich sein wollte. Das wurde deutlich, wenn einer von ihnen die Gruppe verliess - oder von zu Hause ausriss. Ein Vierzehnjähriger vom oberen Handschinweg hatte das versucht, aber nicht mit seinem Töffli. Mit einem Töffli kommt man nicht sehr weit. Er hatte sich als Autostöppler abgesetzt und sich irgendwo versteckt, und als ihn die Polizei nach ein paar Tagen aufgriff, redete sie ihm ein bisschen gut zu und brachte ihn wieder nach Hause. So hätte man auch einen Kanarienvogel einfangen können. Wenn die Halbstarken oder Töfflibuben Oski ihre Aufwartung machten, konnte man sich nur schwer vorstellen, dass sie überhaupt ein Zuhause hatten. Sie schienen auf der Strasse zu leben, in völliger Freiheit, jeder für sich und doch auch als eingeschworene Gemeinschaft. Oberflächlich betrachtet war das eine Bruderschaft, in der man die Köpfe zusammensteckte und Zigaretten anzündete, aber es war natürlich mehr das: es war auch etwas Abstraktes, eine Idee, die auch dann nicht aufgehoben wurde, wenn die Halbstarken oder Töfflibuben ausserhalb ihrer Gruppe unterwegs waren. Solange ein Halbstarker oder Töfflibube an Orten unterwegs war, wo er auf seinesgleichen treffen konnte, seine Kumpels und Artgenossen, waren Solofahrten genau das Richtige, um dieses Gemeinschaftsgefühl zu steigern. Wer kein Ego hatte, gehörte auch nicht dazu. Es gab Tage, an denen die Halbstarken oder Töfflibuben, als hätten sie das verabredet, als einsame Cowboys anrückten, vielleicht jede Stunde einer, eine gestaffelte Kohorde, in der jeder Einzelne, bevor er wieder verschwand, das kunstvolle An- und Abfahren bis zur Vergasung übte. Dann war der Lärm zwar nicht weniger lästig, aber besser verteilt. Dieses karachomässige Töffli-Unwesen, von dem das Baumgärtli gut zwei Jahre lang heimgesucht wurde, fand ein jähes Ende, als Oski ein Stoppsignal überfuhr und in die Motorhaube eines Autos krachte. Beim Eibach-Brüggli neben der Badi schoss er frühmorgens auf die Tecknauerstrasse hinaus, nachdem er mit seiner Töffli-Clique im Waldhaus Kipp übernachtet hatte. Oskis Freundin, die auf dem Gepäckträger sass, war auf der Stelle tot. Bis dahin hatten wir gar nicht gewusst, dass er überhaupt eine Freundin hatte. Oski kam schwer verletzt davon. Als er aus dem Spital zurück war, entsorgte er die AC/DC-Jacke und machte eine Mechanikerlehre. Allerdings nicht in einer Garage. Ein Töffli rührte er nie wieder an.

 

Mutter hörte zwölf Stunden am Tag Radio, natürlich den helvetischen Hauptsender, auf dem ein ABBA-Hit nach dem andern lief - und zur Abwechslung auch mal ein Stück von Trio Eugster, den Minstrels oder Pfuri, Gorps und Kniri. Hauptsächlich lief jedoch ABBA. Mit der Permanenz einer ewig in sich kreisenden Sphärenharmonie formte ABBA die ganze Realität um uns herum wie auf einer Töpferscheibe. Es war der Soundtrack, der bei allem mitlief und sich in alles einmischte, in das Wäschemachen, das Teigkneten, die Hausaufgaben und das Milchtrinken. Nur beim Mittagessen verstummte die Musik für mindestens eine halbe Stunde, weil dann die Nachrichten kamen. Doch kaum war das Mittagessen vorüber und der Nachrichtentext verlesen, ging es wieder los. ABBA war die Tonspur, die unsern Haushalt und das Baumgärtli und überhaupt die ganze damalige Welt definierte. ABBA lief in Dauerrotation. Um ABBA kam niemand herum. Besonders nicht bei uns zu Hause. Von morgens bis abends lief das Radio mit einem sprudelnden Gerede, das hie und da von Signet-Einspielungen und ABBA-Musik unterbrochen wurde. Oder vielleicht war es eher umgekehrt: das Gerede unterbrach die eigentliche Hauptsache, nämlich die Musik von ABBA, um die Zuhörer daran zu erinnern, dass hier ein gemütlicher und wohlgelaunter Radiomoderator hinter den Einspielknöpfen und Schiebereglern sass und dass die vielen ABBA-Hits, die täglich über den Äther liefen, nicht einfach nur heruntergedudelt wurden, um die zeitlichen Lücken zwischen den Nachrichten zu füllen, sondern einer fürsorglichen und umsichtigen Auswahl entsprangen. Wobei die Stimmen hie und da wechselten oder sich zu einem gemeinsamen Plauderstündchen zusammenfanden. "Gspröchle" nannte man das. Tagsüber waren Mutter, meine Schwester und ich die einzigen Leute im Haus, aber im Radio schwatzten und sangen so viele Stimmen, dass man hätte meinen können, das Haus sei bis unter das Dach mit Smalltalk treibenden und singenden Gästen gefüllt. Es war ein schallendes Kommen und Gehen, als ob alle Fenster und Türen weit geöffnet gewesen wären, um alles, was klingen und schwatzen konnte, herein- und herauszulassen. Jedes Zimmer wurde beschallt, auch wenn im ganzen Haushalt höchstens drei Radiogeräte liefen. Dass sie alle gleichzeitig liefen, kam selten vor. Dennoch war die akustische Reichweite gross genug, um uns sogar auf dem WC zu erreichen, und diese Reichweite war auch eine sprachliche, denn der helvetische Hauptsender sprach uns ja sehr direkt auf Mundart an. Mutter war in der Küche, in der Stube, in der Waschküche, manchmal auch im Garten, wo sie die Wäsche vom Stewi-Ständer nahm, und immer und überall lief das Radio, und diese Stimmen und Klänge schwirrten die ganze Zeit um uns herum. Wir hörten Hörspiele, Diskussionen, Ueli Beck, der eine Sendung moderierte, oder Margrit Staub, die eine Ansage machte. Und immer wieder die hell aufschäumende Musik von ABBA.

 

Einmal am Tag ging Mutter ins Dorf hinunter. In der Chäsi, in der Metzgerei Zimmermann, in der Migros und im Coop machte sie ihre Einkäufe, ihre "Kommissionen", wie man bei uns sagte. Dann lief das häusliche Radio ausnahmsweise nicht. Allerdings lief auch in der Chäsi, in der Metzgerei Zimmermann, in der Migros und im Coop die ganze Zeit nur ABBA. Auch hinter der Fleischer- oder Käsetheke oder in den Verkaufsräumlichkeiten zwischen den Ladenregalen, wo es vermutlich schon damals diskret versteckte Lautsprecher gab, lief das Radio mit unverhohlener Selbstverständlichkeit. Und wenn es kein Radio gab, lief zumindest ein Grundig-Kassettenrecorder oder sonst ein Abspielgerät. Das fröhliche ABBA-Gedudel, egal ob aus dem Radio oder ab Kassette, war sowohl für das Verkaufspersonal als auch für die Kunden (der typische Kunde war weiblich und Mutter) eine wertvolle psychologische Unterstützung. Soweit ich mich erinnere, war das Einkaufen die einzige Betätigung, durch die Mutter mit der Aussenwelt - der näheren und ferneren Umgebung des Baumgärtlis - in Berührung kam. Daneben gab es natürlich noch das "Bsüechlimachen" bei ortsansässigen Verwandten, etwa bei Grossvati an der Ormalingerstrasse, bei der Grosstante Leni an der Turnhallenstrasse oder auf dem Bauernhof meiner Gotte in Böckten. Das war aber nicht das Gleiche. Bei den Verwandten im näheren Umkreis waren wir ja immer noch bei uns zuhause. Erst beim Einkaufen traf Mutter auch Leute an, die aus diesem Umkreis heraustraten, die weitläufig Bekannten vom Dorf, unter denen Mutter, die ja in Gelterkinden aufgewachsen war, viele von früher her kannte, wenn auch nicht alle direkt, denn im 5000-Seelen-Dorf Gelterkinden, das dank seiner Fabriken (Schuhfabrik Bally, Pneufabrik Maloja, Uhrenfabrik Thommen) schon längst kein Bauerndörfchen mehr war, kannte man einander meistens nur noch um sieben Ecken herum. Jemanden zu kennen, hiess in den allermeisten Fällen, dass man diese Person eigentlich nur kannte, weil man deren Schwager kannte - oder den Cousin oder die Cousine dieses Schwagers. Oder die ehemalige Schulfreundin der Cousine oder des Cousins dieses Schwagers. Andererseits war Gelterkinden - trotz Fabriken und Einfamilienhäuschen-Boom - immer noch ein Dorf, und die meisten Leute, die Mutter beim Einkaufen antraf, trugen Namen, die man in Gelterkinden nicht ohne Verwechslungsgefahr trägt. Zum Beispiel Gerster, Handschin, Rudin, Freivogel, Pümpin, Buser, Wirz, Völlmy, Weber, Thommen, Hasler, Fricker, Grieder, Schaub, Bossert, Schneider, Strub, Berger oder Erny. Im Kontakt mit solchen Leuten gab es immer eine Menge Gesprächsstoff, weil jemand mit einem ortshäufigen Namen naturgemäss über alles bestens Bescheid wusste, was im Umkreis der vielen anderen Träger und Trägerinnen der ortshäufigen Namen gerade los war, wie auch darüber, was diese oder jene Person aus dem Personenkreis der ortshäufigen Namen über die Frau Hasler, den Herrn Grieder, die Frau Schaub etc. geäussert hatte oder geäussert haben soll, und schon sah man durch ein glitzerndes Kaleidoskop der Namen und Personenbeziehungen. Beim Einkaufen ging dieses Kaleidoskop von Hand zu Hand, und wer es auch immer in die Hand nahm, musste kurz hindurchschauen, um auf dem neusten Stand zu sein, und wer auch immer hindurchschaute, versäumte nicht, das Kaleidoskop nach eigenem Gutdünken ein wenig zu schütteln, um ein neues Muster zu erzeugen, und so ergab sich aus den an sich bekannten, wenn nicht sogar altbekannten Namen und Personenbeziehungen ständig etwas Neues, Anderes und Noch-nie-Gehörtes. Da konnte man endlos schwatzen, nicht nur über Familienangelegenheiten, sondern über die ganze Welt, respektive die Schulpflege, die Kirchgemeinde, die Gemeindeversammlung, das Frauenkränzli, die Feuerwehr, die Lehrerschaft, die Dorfriege, das Altersheim und so weiter und so fort. Angestossen wurde das meistens durch eine Neuigkeit. Oder durch die beiderseitige Erwähnung von Neuigkeiten, wobei man sich im Weiterschwatzen auf eine dieser Neuigkeiten einschoss, in der Regel eine Neuigkeit mit besonderem Merkwert, einem Aha-Effekt. Das heisst: sobald man sich auf etwas geeinigt hatte, das man als beredenswert ansah, wurde es ausführlich und nach Gebühr beredet, mit einer deduktiven Bewegung vom Allgemeinen zum Speziellen und vom Speziellen zum nahezu Beispiellosen, wo sich die Schwatzenden in eine gewisse Emotionalität hineinsteigerten und mit erstaunten oder entsetzten Gesichtern Wörter von sich gaben wie "Unerhört!" oder "Unglaublich!". Beim ersten Wortwechsel jedoch, nachdem man sich mit einem "Hallo" und "Wie geht's?" ein bisschen locker gemacht hatte, ging es hauptsächlich darum, das Neuste zu erfahren oder von sich zu geben. Schwatzen hiess also vorrangig, dass man Neuigkeiten austauschte. Das war wie Radionachrichten ohne Radio und in Dialogform. Für einen Schwatz nutzte Mutter jede noch so kleine Gelegenheit, während sie eigentlich unterwegs war, sei es in der Migros, in der Chäsi, in der Metzgerei Zimmermann oder im Coop. Trotz den jeweiligen Umständen, die immer etwas Gedrängtes und Voraneilendes hatten, da Mutter neben dem Einkaufen auch noch putzen und kochen musste, fand sie immer und überall ein kleines Zeitfenster, um mit jemandem zu schwatzen. Ein Thema gab es immer, was mich manchmal erstaunte. Bevor es überhaupt losging mit all den ortshäufigen Namen und dem exponentiell sich entfaltenden Universums der Frau Grieder, die eine Frau Wirz kannte, die gesagt haben soll, dass der Herr Strub von der Frau Freivogel darüber in Kenntnis gesetzt worden sei, dass die Frau Hasler etc., war man schon mittendrin und in voller Fahrt, getrieben von einem Mitteilungsbedürfnis, das jedes Telefonkabel gesprengt hätte. Auch wenn es kein Thema gab, das sich aus aktuellem Anlass aufgedrängt hätte, fand man sofort ein Thema, über das man schwatzen konnte, und meistens war es etwas Unwichtiges. So schien es mir jedenfalls. Doch sicher war ich mir nicht. Oftmals ging es um Dinge, die ich nicht verstand, Umstände und Vorkommnisse, in die ich nicht miteinbezogen war und bei denen ich zur Randfigur wurde, die alles mitbekam, aber nichts begriff. Ich konnte also längst nicht überall mitreden. Jedenfalls schienen die Erwachsenen und vor allem die Leute, die Mutter im Dorf antraf, und unter diesen vor allem die Leute mit den ortshäufigen Namen, permanent in Umstände und Vorkommnisse verwickelt zu sein, die relevant genug für einen Schwatz waren. Die sich denn auch aus dem Stand heraus und völlig ungezwungen - solche Begegnungen waren ja stets zufällig - mitteilen liessen. Ein Wort gab das andere, und manchmal musste man sich losreissen, weil es noch vieles zu erzählen oder zu berichten gegeben hätte. Nur lief einem halt die Zeit davon... Nach dem Einkaufen zählte Mutter am Küchentisch die gesammelten Mondopunkte und führte das Haushaltsbuch nach. Jeden Einkauf trug sie auf den Rappen genau in eine Kolonne ein, und am Ende des Monats hatte sie auf dem untersten Feld eine doppelt unterstrichene Zahl mit einem Minus oder Plus davor. Manchmal sass sie in der Stube und strickte mit ihrem Strickzeug, das sie jederzeit aufnehmen und wieder weglegen konnte. Stricken war Gelegenheitssache. Mutter strickte nach den Vorlagen eines Strickheftlis, und die abgebildeten Pullover zum Nachstricken waren natürlich genau die gleichen, die auch die Sängerinnen von ABBA trugen. Wobei mir nie so recht klar war, was Mutter mit den fertigen Pullovern eigentlich anstellte. Vielleicht schickte sie das Zeug nach Schweden.

 

Wenn wir draussen spielten, spielten wir auf der Strasse, auf der östlichen Wiese oder im Garten. Der untere Kiesweg, der sich vom Langmattquartier her zwischen das Baumgärtli und die Bahnschneise schob und bis hinauf zur grossen Pappel auf dem Grundstück der Bürgins reichte, war für uns kein Spielplatz. Wenn wir oben auf der Strasse einen ungeschickten Pass oder Köpfler machten, war das Schlimmste, was passieren konnte, dass der Ball in einen Garten hineinflog. Als Fussballspielplatz taugte die Strasse nicht, der Platz war beschränkt, und oftmals flog der Ball, wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, über die nur 20 Zentimeter hohe Gartenmauer der Frau Bürgin hinweg und massakrierte dort die Tulpen. Vor allem Thomas traf diese Tulpen mit einer stupiden Regelmässigkeit. Das hatte etwas von einem Dick-und-Doof-Film. Sobald Thomas köpfelte oder kickte, egal wie stark und in welche Richtung, zerstörte er die Tulpen der Frau Bürgin mit der Treffsicherheit eines routinierten Billardspielers. Oft prallte der Ball irgendwo ab, wie eine Billardkugel an der Bande, und oft sogar mehrfach, und haute dann genau im richtigen Winkel in die Tulpen hinein. Hätte Thomas die Tulpen bewusst oder willentlich unter Beschuss genommen, so hätte er garantiert daneben geschossen. Die Sache war unangenehm, aber keine Katastrophe. Auf dem unteren Kiesweg konnte der Ball bei einem vergleichbar ungeschickten Pass oder Köpfler auf Nimmerwiedersehen im Gestrüpp der Bahnböschung verschwinden, und da war uns die schnaufend und schimpfend aus ihrem Haus stürmende Frau Bürgin ("Das isch kei Tschuttiplatz do!") immer noch lieber. Deshalb benutzten wir den Kiesweg nur als Durchgang oder Schleichweg. Kurz vor dem Wegende befand sich unser Haus mit den Nummern 6a und 6b. Die beiden Parzellen, wie auch alle anderen Gärten im neueren Teil des Baumgärtlis, stiessen an diesen halbprivaten Weg, der den jeweiligen Grundstücken einverleibt war, seine Eigentümer waren die Anwohner. Grundbuchamtlich war das geregelt, und trotzdem war es ein Weg und musste ein Weg bleiben, damit die Bahnarbeiter die Bahnböschung roden konnten. Hier, am südlichsten Punkt unseres Grundstücks, am äussersten Rand über der zugewachsenen Schneise, befand sich unser Komposthaufen, das Einzige, was an dieser Stelle auf einen Privatgarten oder eine private Nutzung hinwies, abgesehen vielleicht von unserem Fiat, der zeitweilig hier abgestellt war, wenn er aus irgendwelchen Gründen nicht in der angemieteten Garage im oberen Baumgärtli stand. Das Nützlichste an diesem Weg, der kein offizieller Weg war, lag eindeutig darin, dass er eben doch ein Weg war, ein Zugang. Hier konnten wir, indem wir ein kleines Gatter aufdrückten, von unten her den eigentlichen Garten betreten.    

 

Eine notdürftige Treppe führte zum Rasen empor, zum Sitzplatz und zum unteren Hauseingang, wo sich das Spielhäuschen und das Wikingerschiff befanden. Die beiden Holzkonstruktionen verdankten wir Vaters Heimwerkertalent. Es war nicht sein einziges Talent. Es gab nahezu nichts, das er nicht gekonnt hätte. Er war ein Multitalent, ein Mann von vielen Begabungen, wie man im 19. Jahrhundert gesagt hätte, und seine Hobbywelt war eine Welt für sich, eine Einmann AG mitten im Baumgärtli, die weitgehend autark war, aber auch ein bisschen undurchschaubar. Oft tüftelte Vater an Sachen herum, präziser beschreiben lässt sich das nicht, und natürlich waren es Sachen, die wichtiger waren als alles andere. Wäre das Kernkraftwerk Gösgen in die Luft geflogen oder hätte ein Erdbeben halb Gelterkinden in Schutt und Asche gelegt: Vater hätte sich einfach die Kopfhörer aufgesetzt und weiter getüftelt. In seiner Freizeit stieg er in den Untergrund der beflissenen Amateure hinab, wo ihn nichts mehr stören konnte. Wo er sein eigener Chef sein, respektive nach eigenen Plänen und Vorstellungen vor sich hintüfteln oder, wie man bei uns sagte, an etwas "herumbäscheln" konnte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Amateuren, wie zum Beispiel dem Herrn Merz, dem Zeughausverwalter von Gelterkinden, der zwischen aufgestapelten Munitionskisten und Feldbetten eine riesige Modelleisenbahnanlage betrieb, war Vater kein Inselbegabter, kein einseitig Angefressener, kein Superspezialist. Er war stark darin, alles Mögliche miteinander zu verbinden, und die Liste seiner Hobbys war länger als das Strafregister von Al Capone. Wenn er werktags mit Kittel und Krawatte und seinem schwarzen Aktenköfferchen zur Arbeit ging, sah man ihm das kaum an. Die seriöse Aufmachung, mit der er morgens auf den Zug eilte, war für den Ausseneinsatz bestimmt, die Berufswelt. Mit dem Zug fuhr er nach Basel, immer erster Klasse. In Basel ging er dann zu Fuss durch die Innerstadt, über die Mittlere Brücke und in sein Grossraumbüro, in dem er zwar nicht der Chef war, aber doch eine wichtige Position innehatte. Es war ein Bereich, der mit Zahlen zu tun hatte, soviel war mir klar. Ansonsten wusste ich recht wenig über seinen Beruf, was schon damit anfing, dass ich diesen Beruf unmöglich hätte benennen können. Als mich der Zahnarzt einmal fragte, was mein Vater berufliche mache, antwortete ich: "Ich weiss nicht." Als der Zahnarzt die Stirn runzelte, sagte ich schnell: "Meine Mutter weiss es auch nicht." Und als der Zahnarzt lachend weiterfragte, ob ich denn wenigstens wisse, wo mein Vater arbeite, sagte ich wahrheitsgemäss: "Im Büro."

 

Das Spielhäuschen war eine Mischung aus Krämerladen und Westernsaloon, und das Wikingerschiff hatte ein rotweiss gestreiftes Segel wie in den Wicki-Filmen. An der Mastspitze hing eine Totenkopf-Flagge aus Filz. Hier hatte Vater ausnahmsweise etwas aus Stoff gemacht. Ansonsten machte er lieber Sachen aus Holz, Pappe, Karton oder Elektroschrott. Und "machen" ist das richtige Wort: bei Vater war es kein Basteln. Was er machte, war kein Gebastel, auch wenn wir es hin und wieder als "Gebäschel" bezeichneten. Es war Qualitätsarbeit, und sein Herumbäscheln war kein zielloses In-den-Tag-hinein-Werkeln sondern etwas, das er mit Sorgfalt und Präzision anging. An Ideen mangelte es ihm nicht, zumal er alles Mögliche und Unmögliche verwenden konnte, das ihm seine Kinder zuspielten. Unmögliches oder Falsches gab es bei ihm nicht, die Zensurbehörde war Mutter, nicht Vater. Als Präsident eines Filmclubs und rühriger Super8-Filmer, der mit Vorliebe kleine Slapstick-Komödien drehte, wusste er nur zu gut, dass man Ideen zuerst einmal haben muss, bevor man etwas aus ihnen machen kann, und dass auch halbschlaue Ideen etwas hergeben können. Dementsprechend witzig waren seine Filme, mit denen er bei regionalen und eidgenössischen Amateur-Film-Wettbewerben Medaillen und Pokale abräumte. So penibel er das Technische handhabte - ein Stäubchen auf der Kameralinse konnte ihn in Aufregung versetzen - so unverkrampft war sein Verhältnis zum Inhalt. Vater war ein praktizierender Marxist. Er praktizierte den Klamauk der Marx Brothers. Zumindest in seinen Filmen. Als Fachmann bewunderte er den Unfug der Marx Brothers, die Stunts von Buster Keaton, die Pantomime von Charlie Chaplin und die Gags von Dick und Doof. Er konnte immer ganz genau erklären, wie das alles funktionierte. Weshalb zum Beispiel Oliver Hardy nach jedem Blödsinn, den sein Partner anstellte, direkt in die Kamera blickte, obwohl das eigentlich gegen die Regeln verstiess. Andererseits war auch das eine Regel. Vater verstand die Absicht und die Technik dahinter. Und natürlich mochte er diese Filme auch deshalb, weil sie nostalgisch waren. Weil sie aus der guten alten Jazz- und Kino-Zeit stammten, aus seiner eigenen Kindheit. Und weil sie amerikanisch waren. Und weil sie fächerübergreifend komisch waren. Das heisst: es war eine Komik, die sich genaugenommen auf dem Niveau eines Dreijährigen abspielte. Man musste keinen Hochschulabschluss haben, um darüber lachen zu können. Und trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - hatte diese Komik Filmgeschichte geschrieben. Und egal, ob er mit uns Kindern zusammen (ohne Mutter natürlich) einen Klassiker der Marx Brothers, einen Trickfilm der Scacciapensieri-Reihe oder einen trashigen Flash-Gordon-Film schaute, egal, ob er irgendeinen Hokuspokus in seinen eigenen Filmen inszenierte, mit Kollegen vom Filmclub, auf der Grundlage von Stop-Motion-Technik oder mit uns Kindern als Komödianten: es war ihm alles recht, nichts war ihm zu platt, Unterhaltung war für ihn keine Frage des Niveaus. Nur langweilen durfte sie nicht. Und egal, mit welcher Schnapsidee wir bei ihm ankamen: es war für ihn überhaupt keine Sache, etwas Ansehnliches oder Brauchbares daraus zu machen. Diesbezüglich hatten wir grosses Glück. Wenn man zwischen sechs und zwölf Jahre alt ist, springt man auf alles Mögliche an, und die Ideen fliegen einem nur so zu. Nur haben die meisten Kinder keinen Vater, der etwas daraus machen könnte. Nicht jedes Kind hat einen Alfred Hitchcock oder Groucho Marx als Vater. Das war bei uns anders. Wir genossen das Privileg, einen Vater zu haben, der uns ebenbürtig war. Da las ich zum Beispiel etwas über Gef, das sprechende Wiesel, das in den Dreissigerjahren auf der Isle of Man sein Unwesen getrieben haben soll, eine Geschichte, die an sich schon dubios war und die ich natürlich nicht richtig verstand, und gleich darauf sah ich in der TV-Sendung "Karussell" einen Beitrag über das Gedankenexperiment des "Gehirns im Tank", und schon begann ich das eine mit dem andern zu vermischen, eine Phantasterei, an der ich fieberhaft herumstudierte, bis ich auf einmal die fixe Idee hatte, einen sprechenden, das heisst sprach- und denkbegabten Schrumpfkopf besitzen zu müssen. Das war natürlich nicht die Art von Geburtstagswunsch, den Eltern gerne hören. Doch als ich Vater von diesem Schrumpfkopf erzählte und wie toll es wäre, einen solchen Schrumpfkopf als sprechendes Lexikon und Mini-Orakel in der Schreibtischschublade zu haben, machte sich Vater sogleich an die Arbeit - und nach einer Stunde war mein sprechender Schrumpfkopf fertig und betriebsbereit. (Richtig sprechen konnte er zwar nicht, aber den Mund bewegen und mit den Augen rollen, das schon). Einmal machte Vater aus Karton eine Weltraumkapsel, in die wir durch eine Luke hineinkriechen konnten. Wir mussten uns wie die echten Weltraumfahrer zusammenkauern, denn alles war wie echt. Wir bedienten sogar eine blinkende Schaltanlage, die Vater weiss Gott wo herausgeschraubt hatte. Er konnte aus allem etwas machen, aus einem Mixer eine Weltraumsonde, aus einem Föhn eine Antriebsdüse, und er war bei allem auf dem Laufenden, das lief. Lief etwas nicht, so drückte er einfach auf den richtigen Knopf, zog die richtige Schraube an oder steckte das richtige Kabel ein, und schon fing die Sache an zu piepsen, zu düdeln oder zu rattern. Alles, was piepste, düdelte oder ratterte, fiel in sein Ressort. Als das erste Computerspiel auf den Markt kam, war Vater vermutlich der Erste, der es kaufte. Natürlich gab es noch keine PCs. Es war ein Konsolenspiel, das man an den Fernseher anschloss. Mit zwei Drehknöpfen bewegte man auf dem Bildschirm einen Punkt hin und her, der "Pong" machte, wenn er links oder rechts abgespielt wurde. Nach ein paar Tagen war das Gerät allerdings schon nicht mehr so neu, obwohl es nach wie vor tadellos funktionierte; es war Schnee von gestern, und Vater sah sich nach einem neuen, respektive neueren Gerät um. Nicht immer ging es dabei um die reine Spielfreude oder eine schnell geweckte und schnell befriedigte technische Neugier. So oberflächlich war Vater nun auch wieder nicht. Meistens verfolgte er mit seinen Geräten einen hobbymässig definierten Zweck. Er bestückte mit ihnen seine hobbymässig definierten Apparaturen. Die meisten Geräte brauchte er zum Filmen (damals noch mit Super-8, später mit Video) und zum Orgelspielen, das auch den Umgang mit Synthesizern und Aufnahmegeräten miteinschloss. Für das eine wie das andere Hobby benötigte er eine ausgeklügelte Apparatur, eine Gesamtheit von miteinander verkabelten Geräten. Dieser hobbymässig definierte Gerätepark war nichts anderes als eine vielteilige Maschine, in der alles aufs engste aufeinander abgestimmt sein musste. Und die insofern ein Perpetuum mobile war, als es da keinen Entwicklungsstillstand gab. Ständig musste etwas hinzugekauft werden, denn jedes Gerät war irgendwann überholt und musste ersetzt werden. Und jedes andere Gerät, das mit diesem Gerät interagierte, musste dann oftmals auch noch ersetzt werden, weil sonst die Apparatur ihren hobbymässig definierten Zweck nicht mehr hätte erfüllen können. Und so musste im Namen der Kompatibilität wie auch aus Gründen des Up-to-date-Seins ständig wieder etwas Neues hinzugekauft werden, für diesen geschlossenen Kreislauf von Schaltungen, von miteinander verkabelten Geräten, die etwas vollbrachten, das man als ein gut orchestriertes Piepsen, Düdeln und Rattern beschreiben könnte. Von alleine lief das nicht, Perpetuum mobile hin oder her: Vater musste die ganze Zeit daran herumtüfteln oder herumbäscheln - und sich auf dem Laufenden halten, was Neuheiten anging. Im Verschwindenlassen alter Geräte, die selten wirklich alt, aber allzu schnell veraltet waren, bewies er, der stets bestrebt war, mit der Zeit zu gehen, dieselbe phänomenale Geschicklichkeit wie im Aufspüren und Kaufen von Neuheiten. Wobei er diese Neuheiten auch um ihrer selbst willen kaufte, also dann doch auch aus einem technischen Interesse heraus und weil ihm das Ausprobieren - das Tüfteln und Herumbäscheln - Freude machte. Es war die Freude am Selbermachen. Selbst ist der Mann. Und immer wehte durch das alles ein frischer Wind hindurch, ein Wind des Wandels und des Wechsels. Nichts blieb, wie es war, und nichts war, wie es eben noch gewesen war. Während Vater etwas Neues heranschaffte, verschwand etwas Altes wie von Zauberhand und ward nie wieder gesehen. Die Flohmarkt-Mentalität war Vater fremd, und so ging sein Lohn zur Hauptsache für seine Hobbys drauf. Für das Essen und den Haushalt blieb Mutter nur gerade das Nötigste. Sie musste jeden Rappen umdrehen. Deshalb gab es bei uns zu Hause oft nur altes Brot zu essen, das Mutter, so gut sie eben konnte, in Form von Fotzelschnitten und Vogelheu schmackhaft zubereitete. Anständiges Essen gab es eigentlich nur sonntags und abends - und wenn überhaupt mittags unter der Woche, dann nur an Weihnachten, wobei wir jedes Mal Freudensprünge machten, wenn Weihnachten nicht auf einen Sonntag fiel. Den Zusammenhang zwischen Vaters Hobbys und Mutter Altbrotaufbereitung erkannten meine Schwester und ich noch nicht. Für uns war das aufgeweichte oder bis zur teilweisen Schwärze in Fett angebratene Brot etwas völlig Normales. Uns war klar, dass die Kinder in der Dritten Welt mit weniger auskommen mussten. Wir beschwerten uns nicht. Was auf den Teller kam, assen wir auf. Immerhin durften wir es mit Milch hinunterspülen.

 

Lebten wir tagsüber und unter der Woche in Mutters Radio-Welt, die auch die alles bestimmende ABBA-Welt war, so kam nach Feierabend und an der Schwelle zum Wochenende eine andere Klangsphäre ins Haus. Denn Vater lebte auch akustisch in seiner eigenen Welt. Sobald er sich an seine grosse Heimorgel setzte, erklangen sie wieder, die hingebungsvoll in Zimmerlautstärke gedudelten, taktgenau abschnurrenden, behutsam rhythmisierten, von wohlgesetzten Akkorden untermalten "Evergreens", in deren Aneinanderreihung Jazz, Pop, Schlager und leichte Klassik kaum noch zu unterscheiden waren. Alles floss wie aus einer einzigen Quelle und verwob sich zu einem einzigen Orgel-Sound-Teppich, der mit Vater und seiner Orgel absolut identisch zu sein schien. Lange glaubte ich, Vater hätte diese Melodien, die so selbstverständlich aus ihm und seiner Orgel herausflossen, selber komponiert. Es wäre ihm zuzutrauen gewesen, denn es gab nichts, das Vater nicht konnte. Und es gab nichts, das er sich nicht selber beibringen konnte. Auch das Orgelspielen hatte er sich selber beigebracht, und ebenso das Spiel auf dem Saxophon, der Klarinette, der Posaune, dem Schwyzerörgeli, der Handorgel und der Mundharmonika. Sein Lieblingsinstrument war und blieb aber dasjenige, das die Töne elektronisch erzeugte. Beim Griff in die Tasten und Register wurde er zu Kapitän Nemo, der an seiner Unterwasserorgel alles um sich herum vergass. Die häuslichen Pflichten vernachlässigte er trotzdem nicht. Er wusste, wo noch was in Ordnung zu bringen war. Auch dort, wo sich das gar nicht aufdrängte. Wo es also gar nichts zu verbessern oder nachzubessern gab. Vielleicht war auch das ein Hobby von ihm, vielleicht war es ein Zusatzhobby, bei dem er von seinen normalen Hobbys etwas herunterkommen konnte. Er wechselte die Birnen aus, bevor sie fällig waren, und wenn Mutter ein Zimmer gestaubsaugt hatte, ging er mit dem Staubsauger nochmals dahinter, damit es auch wirklich sauber war. Daneben war er für die Notfälle zuständig. Ein Notfall war alles, wofür es einen Vater brauchte, weil die Mutter nicht weiterwusste. Im unteren Stockwerk holte er die dicken Spinnen von den Wänden, und im Garten zerschnitt er mit der Rosenschere die Maulwurfsgrillen, die wir "Wärri" nannten. Manchmal versuchte er mit dem Gartenschlauch die Nester auszuspülen, was aber nicht besonders wirksam war. Vater sagte, dass man eigentlich Dynamit nehmen müsse, aber Mutter wollte das nicht. Unter "Rasensprengen" verstand sie etwas anderes. Den Rasen mähte Vater mit einem Spindelmäher der Marke Wolf. Für den kleinen Rasen brauchte es keinen Motor-Rasenmäher. Das klebrige Gras sprühte in einen blechgestützten Sack, den Vater nach dem Mähen über dem Komposthaufen ausschüttelte. Den Zwerghasen Hopsli zu füttern und seinen Käfig auszumisten, war dann allerdings etwas, das wir unter uns aufteilten. Im Sommer bei schönem Wetter stellten wir den Käfig in den Schatten des Spielhäuschens. Der Käfig hatte oben eine schmale, kaum handbreite Öffnung für das Futter. Normalerweise deckten wir die Öffnung mit einem Brettchen ab, damit Hopsli nicht hinausschlüpfen konnte. Doch genau das geschah. In einem unbeobachteten Moment schubste er das Brettchen weg und zwängte sich durch die Öffnung ins Freie. Es war ein Schock. Alles Rufen und Suchen brachte nichts. Hopsli blieb verschwunden. Doch dann erfuhren wir, dass ein Türke vom Türkenblock einen Zwerghasen eingefangen habe. Die Beschreibung traf auf Hopsli zu. Um ihn vor dem türkischen Kochtopf zu retten, den wir schon dampfen sahen, machte sich Mutter unverzüglich auf den Weg. Ich begleitete sie. Der Türke, ein älterer Herr mit Bürstenschnauz und Brille, empfing uns freundlich. Er brachte uns in den Keller, wo er den Hopsli eingesperrt hatte. Dort standen wir dann wie vom Schlag gerührt: das Kellerabteil war leer. Der Türke hob ratlos die Hände. "Hasli fort! Hasli fort!" Hopsli hatte am Holzgatter eine Mulde gescharrt, durch die er auf die andere Seite geschlüpft war. Danach war es ihm offensichtlich gelungen, durch das ebenerdige Kellerfenster zu springen. So war uns Hopsli zum zweiten Mal entwischt, und diesmal für immer. Bald danach holte Vater aus dem Tiergeschäft ein Meerschweinchen. Anders als bei einem Hasen mussten wir bei einem Meerschweinchen nicht befürchten, dass es sich mit wilder Akrobatik aus dem Käfig befreien könnte, um mit ein paar flinken Sätzen im nächsten Gebüsch zu verschwinden. Meerschweinchen sind geistig und körperlich etwas beschränkt. Sie sind genügsam, und dementsprechend kurz sind ihre Beine. Unser Meerschweinchen tauften wir "Möhrli", weil es einen mohrenschwarzen Kopf hatte und am liebsten Möhrchen frass. Es verbrachte einige gute Jahre bei uns. Es wurde gefüttert und gehätschelt und bei schönem Wetter tiergerecht an die frische Luft gesetzt. Bis ein hungriger Marder herausfand, was es mit dem Brettchen auf sich hatte, und dem Möhrli den Kopf abbiss.

 

Das Baumgärtli war das Ergebnis einer Bauverzögerung. Ein Provisorium. Die kinderfreundliche Zone war nicht mit Absicht entstanden, sondern weil das Baumgärtli eine Baustelle geblieben war. Hätte man die Strasse in einer einzigen Etappe nach Osten erweitert, wäre schon damals das ganze Areal zwischen Baumgärtli und Lörenweg lückenlos überbaut worden und wir hätten auf unsere Spielwiese verzichten müssen. Unten am Langmattweg, neben dem Anwesen der Aenishänslis, erhob sich ein Erdhügel, der "kleine Mount Everest", wie wir ihn nannten. Er war mit dem Aushub der verschiedenen Baustellen im Quartier aufgeschüttet worden, und im Laufe der Jahre verschwand er gänzlich unter Brombeersträuchern. Die ersten paar Jahre war der Bewuchs noch mässig, sodass wir zwischen den Dornenranken hindurchrobben konnten. Dort waren wir oft hinter den Katzen her, die ihrerseits hinter den Mäusen her waren, und aus den Ameisenhaufen buddelten wir die Larven aus und beobachteten, wie die Ameisen darauf reagierten. Hin und wieder holten wir uns ein paar Kratzer, wenn wir zu weit in das Gewirr hineinkrochen, aber die Brombeeren waren es wert. Im Winter verwandelte sich der Wiesenabhang in eine Abfahrt, die nicht zu lang und nicht zu kurz war. Nicht zu lang, weil man schnell wieder hochsteigen konnte, und nicht zu kurz, weil man trotzdem sein Fahrvergnügen hatte. Mit unsern Holzschlitten und Plastikbobs sausten wir vom oberen Baumgärtli zum Langmattweg hinunter, wo wir über das Grasbord hinausschossen und auf den schneebefreiten Asphalt knallten. Steuerten wir nach rechts, wenn wir denn überhaupt zu steuern in der Lage waren, ging es am Brombeerhügel jäh ein Stückweit hinauf und mitten in die Dornen hinein. Neben dem kleinen Mount Everest lief der Garten der Aenishänslis auf mehreren Etagen bis zur Bahnböschung hinab. Es war der Garten, der nie fertig wurde, und Vater Aenishänsli war der Gartenbaumeister. Mit der gleichen Gewissenhaftigkeit, mit der er bei der Dorffeuerwehr das Amt des Brandursachenermittlers versah, verbaute er in seinem Garten über Jahre hinweg Sandstein, trug Erde ab, legte Etagen an, platzierte Findlinge, pflockte mit der Pfahlramme Bahnschwellen ein, errichtete Stützmauern, goss das Fundament des Gartenhäuschens mit Beton aus, strich Schutzlackierungen, schüttete Kies aus, setzte Bäume - und das alles, um den Hang zu sichern, der laut einem geologischen Gutachten nicht besonders stabil war. Bei starken Regenfällen konnte das Erdreich, wenn es ungenügend befestigt war, ins Rutschen kommen und alles Mögliche mit sich ins Tal hinabreissen. Theoretisch musste man mit so etwas rechnen, das Risiko war da: aber eben nur theoretisch. 

 

Es war das Jahr 1976. In Badehosen und mit Schwimmflügeli stand ich auf unserem Rasen, der ganz gelb und zerklüftet war. Die Erde war krustig, stellenweise wie aufgepflügt. Sie bildete Schollen. Man sprach von einem "Jahrhundertsommer". Ich stand da und blickte nach oben auf die Strasse, wo ein silbrig glänzender Tankwagen hielt. Später erfuhr ich, dass es ein Wassertankwagen gewesen war. Warum ich Schwimmflügeli trug, ist mir allerdings ein Rätsel. Es herrschte ja Dürre, und ein volles Planschbecken gab es nirgends. Das übrig gebliebene Wasser war für die Landwirtschaft reserviert. Der Chauffeur wollte das Wasser vermutlich auf ein Erdbeerfeld bringen. Er musste sich verfahren haben. Die Sache war immerhin ein Ereignis. Dass ein Fahrzeug dieser Grösse - ein Schlachtschiff - ins Baumgärtli hineinfuhr, in diese unbedeutende Nebenstrasse am Farnsberg, muss mich erstaunt haben. Ich kannte den Müllwagen, den Chäsiwagen und den Öltankwagen, aber einen Wassertankwagen kannte ich noch nicht. Die anderen grossen Fahrzeuge kamen regelmässig, am häufigsten der Müllwagen. Einmal in der Woche besuchte uns der Chäsiwagen. Der Milchmann war gleichzeitig Chauffeur und Verkäufer. Er trug eine milchweisse Schürze, und seine Ärmel hatte er demonstrativ hochgekrempelt. Er sah ein bisschen aus wie Hannes Schmidhauser in einem Gotthelf-Film. Bei seinem Zwischenhalt im Baumgärtli betätigte er eine Hupe, die wohl eher ein Signalhorn war. Aus einem silbrigen Kessel schöpfte er die Frisch- oder Rohmilch, unser Lebenselixier. Bei uns zu Hause war Milch das einzige Getränk, das niemals ausgehen durfte. Wenn es ausser Sirup, der aber hauptsächlich aus Hahnenwasser bestand, nicht sogar das einzige Getränk war, das es bei uns gab. Milch gab es jeden Tag und zu jeder Mahlzeit, wobei die Frischmilch nur beim Frühstück auf den Tisch kam. Mutter kochte sie in einem Pfännchen auf, aber nie bis zum Siedepunkt. Nicht nur wegen des Überkochens. Wenn die Erhitzung zu gross war, schadete das den natürlichen Vitaminen. Andererseits musste die Milch schon ein bisschen heiss sein, gerade heiss genug, damit die Keime abgetötet wurden. Steril war diese Milch ja nicht, sie kam direkt aus dem Kuhbauch. Und das erklärte auch, warum sie so rahmig war. Ungekocht hatte sie einen gelblichen Schimmer. Vater sagte, das sei Kuhpisse. Mutter meinte jedoch, es sei nur das Fett, das sich auf der Milch ablagere. Dieses Fett konnte die ganze Oberfläche mit einer sogennanten Schlämpe überziehen. Beim Aufkochen wurde die Schlämpe etwas fester und bekam jenen unverwechselbaren gummigen Geschmack, für den sie sowohl geliebt als auch gehasst wurde. Vater hasste die Schlämpe. Er trank seine aufgekochte Frischmilch nie, ohne sie akribisch abgesiebelt zu haben. Die Geschmäcker waren eben verschieden. Für mich war das dünne Häutchen auf der warmen oder heissen Milch etwas vom Köstlichsten. Die wöchentliche Lieferung des Chäsiwagens reichte allerdings nur für ein einziges Frühstück. Vater und Mutter taten die Milch in ihren Kaffee, während meine Schwester und ich die Milch entweder als Milch tranken oder mit Kakao (Nesquik, Banago, Suchard Express) vermischten. Und immer galt: die Frischmilch musste konsumiert werden, solange sie noch frisch war, deshalb hiess sie ja Frischmilch. Im Gegensatz zur Milch aus dem Regal war sie unverpackt; deshalb hatte sie auch kein aufgedrucktes Haltbarkeitsdatum. Sie kam direkt aus dem Kuhbauch oder dem bäuerlichen Milchkessel in jenen Plastikbehälter, den Mutter in das unterste Kühlschrankregal schob. In Ermangelung einer Kuh, die uns täglich mit Frischmilch hätte versorgen können, und weil der Milchmann das Baumgärtli nur einmal in der Woche aufsuchte und mit seiner milchspendenden Anwesenheit beehrte, ging Mutter regelmässig in die Chäsi. Die Chäsi war mein Lieblingsladen, weil es darin so heimelig nach Schlämpe roch. Und auch nach Butter, Molke und dezentem Käse. Wie in einer Alphütte, in der die geronnene Milch gerührt wird, während die Alpenkräuter hereinduften und irgendwo in der Ferne ein Senn jodelt. Nur eine Kleinigkeit irritierte mich. Nicht an den Gerüchen und auch nicht an der Schlämpe, sondern am Wort, mit dem wir die Schlämpe als Schlämpe bezeichneten. Ich fand es seltsam, dass es für Schlämpe kein hochdeutsches Wort gab. Ich nahm an, dass ein Deutscher, der seine Schlämpe absiebelt, diesen Vorgang ungefähr so beschreiben würde: "Ich, der Gunther, Heiko oder Hagen, schicke mich nun an, das Häutchen dieser köstlichen Frischmilch abzusiebeln." Es war mir unverständlich, dass die Deutschen, die dafür bekannt waren, dass sie reden konnten wie gedruckt, es nicht über sich brachten, das Wort "Schlämpe" in ihren Wortschatz aufzunehmen. Oder wenigstens ein eigenes Wort dafür zu erfinden. So sehr ich die Schlämpe mochte, dieses unvergleichliche Tüpfelchen auf dem i, so war ich doch nicht der fanatische Frisch- oder Warmmilchtrinker. Mutter kaufte auch die handelsübliche Trinkmilch in den Tetra-Packungen. Diese war pasteurisiert, sodass man sie nicht aufzukochen brauchte. Andererseits war sie weder ultrahocherhitzt noch zentrifugiert. Sie war, soweit es die Lebensmittelhygiene zuliess, in ihrem Naturzustand belassen worden. Dank der schonenden Nachbehandlung waren noch alle wichtigen Vitamine drin, auch die lebenswichtigen Vitamine A und B1, also sozusagen die gleichen Vitamine, die auch im Wort ABBA enthalten waren. Diese Milch aus dem Kaufregal - die Migrosmilch, wie wir sie nannten, obwohl sie auch aus dem Coop stammen konnte - war für die Mahlzeiten oder für zwischendurch bestimmt, nicht aber für das Frühstück. Sie war die Milch, die immer vorhanden war. Bei uns zu Hause wurde Milch nicht getrunken, sie wurde getankt. Andauernd ging ich an den Kühlschrank und schenkte mir ein Glas davon ein. An manchen Tagen trank ich über einen Liter Milch. Diese Art von Trinken - das unmässige In-sich-Hineinschütten - nannten wir "Lüttere". Häufig hatte ich einen Milchschnauz, weil ich zu zerstreut war, um mir nach jedem Kühlschrankbesuch den Mund abzuwischen. 

 

Wenn man in die Chäsi ging, konnte man auch gleich noch auf die Post und in den Coop gehen. Dort befand sich auch die Kantonalbank, wo ich am Wartetischchen das Märchentelefon abnehmen und "Die Hexe Gwagglizahn" hören durfte, wenn Mutter am Schalter das Sparbüchli vorwies. Von der Chäsi aus, dem eigentlichen Dorfzentrum, konnte man alles besorgen, was es zu besorgen gab, insbesondere die Einkäufe im Coop. Vom Coop - der Vollständigkeit halber darf das nicht unerwähnt bleiben - war es nicht mehr allzu weit bis zur Migros bei der Roseneckkreuzung. Der Denner kam für uns nicht in Frage, obwohl er auf dem Weg zwischen Coop und Migros ungefähr in der Mitte lag. Beim Denner kaufte man Zeugs. Im Coop und in der Migros kaufte man Sachen, richtige Sachen, und zwar genau die Sachen, die man man brauchte. Für diesen Zweck hatte Mutter immer einen Einkaufszettel dabei. An der Küchenwand hatte sie eine Abreissrolle mit Schreibpapier, wo sie alle Sachen aufschrieb, die sie einkaufen wollte, und es war ihr wichtig, dass diese Sachen korrekt benannt waren. Niemals hätte sie Sellerie mit Lauch verwechselt oder Wassermelonen mit Honigmelonen. Mutter war sehr qualitätsbewusst, nicht aus Dünkelhaftigkeit, sondern weil sie nicht viel Geld ausgeben durfte. Sie musste schauen, dass wenigstens das, was neben dem aufbereiteten Altbrot auf den Tisch kam, halbwegs human war. Und dass es dem Pegelstand im Portemonnaie entsprach, den Mutter nach jedem Einkauf mit der hausinternen Buchhaltung abgleichen musste, damit das Ganze im Lot blieb. Was sie kaufte, durfte kein Dosen- oder Schweinefutter sein. Aber es durfte auch nicht teuer sein. Es musste billig sein, aber eben nicht im Sinne von schlecht. Denn billig und billig sind nicht das Gleiche. Etwas Billiges braucht nicht billig zu sein. In der Migros konnte sie das haben. Oder auch im Coop. Nicht aber beim Billigdiscounter. Niemals hätte Mutter irgendein Zeugs gekauft. Wenn sie ihre Kommissionen machte, kaufte sie Sachen für den täglichen Bedarf, solide Sachen, kein halbbatziges Zeugs für den degenerierten Geschmack, kein mehrmals vorgekochtes Dosenfutter für die schnelle Pfanne, kein Glüggerliwasser aus dem Chemiebaukasten, sondern Sachen, die es nur in der Migros und im Coop gab. Preiswerte Qualität. In dieser Hinsicht war man ja doppelt abgesichert. Weil man sich den einen Grossverteiler nicht ohne den andern vorstellen konnte, ging man oft auch noch in den Coop, wenn man aus der Migros kam, und oft auch noch in die Migros, wenn man aus dem Coop kam. Die Migros verlangte nach dem Coop, und der Coop verlangte nach der Migros. Entschied sich Mutter für den Coop, entschied sie sich nicht gegen die Migros. Entschied sie sich für die Migros, entschied sie sich nicht gegen den Coop. Die Entscheidung für den Coop oder die Migros war immer auch ein Bekenntnis zu Coop und Migros. Respektive zu dem, was man als die magische Verbindungen zwischen den beiden Grossverteilern bezeichnen könnte, eine Verbindung, die weit über ein normales Konkurrenzverhältnis hinausging. Es war das Frisch-und-Dürrenmatt-Prinzip. Oder das Goethe-und-Schiller-Prinzip. Zur Entscheidung für den Coop oder die Migros gehörte beides, wenn man auch begreiflicherweise nicht gleichzeitig in den Coop und in die Migros gehen konnte. Man musste sich dann doch irgendwie entscheiden. Geht man jetzt in den Coop? Oder geht man jetzt in die Migros? Was kommt zuerst? Was liegt näher? Und wo kauft man was? Letzteres war eine Wissenschaft für sich. Die Wissenschaft der Mütter, die immer genau wussten, wo es die guten Pfirsiche und wo die guten Nektarinen gab. Wozu sie natürlich zuerst einmal wissen mussten, was überhaupt der Unterschied war. Für mich waren es einfach nur Früchte. Und eigentlich gab es für mich in der Migros oder im Coop nur den Unterschied zwischen Sachen zum Essen und Sachen, die man nicht essen konnte. Und als Drittes gab es noch die Milch. Aber das war dann schon eine Spitzfindigkeit. Im Coop und in der Migros gab es solche Sachen und andere Sachen, inklusive Milch, wenn auch mit ungleichen Schwerpunkten. Das war mit ein Grund, weshalb man immer ein bisschen abwechseln musste.

 

Ob Mutter zuerst in den Coop und anschliessend in die Migros oder zuerst in die Migros und anschliessend in den Coop ging, hatte im wesentlichen mit der Wegstrecke zu tun. Und diese wiederum hing davon ab, wo wir uns am Farnsberg abseilten. Die Zugänge zum Dorf waren beschränkt. Nahm Mutter das Farnsbergwegli, die einzige direkte Abstiegsroute zur Rickenbacherstrasse und zum Bahnhof, war zuerst die Migros dran. Ging sie über die Staffelenbrücke oder auf der östlichen Route beim Langmattquartier unter dem Viadukt hindurch, lag der Coop näher. Auf diesen beiden Wegen, den Coop-Wegen, gingen wir auch zur Schule. Beide waren etwa gleich lang, und beide führten durch den Dorfkern, wo sie sich zum offiziellen Schulweg vereinigten, dem Gänsemarsch-Weglein der Primarschüler. Auf dem östlichen Schulweg marschierten wir unter dem Viadukt hindurch und zum grossen Fussgängerstreifen, der uns auf die andere Seite der Ergolzstrasse und zum Restaurant Schwizerhüsli brachte, danach bogen wir beim Bärenrank, wo sich auf der Rückseite des Eckgebäudes der kleine Ladeneingang zur Metzgerei Zimmermann befand, in die Schulgasse und stachen in Sichtweite des alten Schulgebäudes, in dem damals die Gemeindeverwaltung, das Übungslokal der Dorfmusikvereins und die Dorfbibliothek untergebracht waren, hinüber zum Kino Marabu und folgten der nach Tecknau führenden Postautostrasse zum Dorfbrunnen und zur Drogerie Berger an der Ochsengasse. An deren Ende gelangten wir zum Restaurant Ochsen, wo die letzte Etappe anfing: das Gänsemarsch-Weglein der Primarschüler. Meistens war der grosse Andrang schon vorüber, wenn ich und mein Schulfreund Thomas, auch Brändli genannt, nicht zu verwechseln mit dem Aenishänsli-Thomas, beim Restaurant Ochsen ankamen. Hier sahen wir, wenn wir nach Süden und nach Osten blickten, sowohl die Kirchturmuhr der katholischen als auch der reformierten Kirche, was insofern zu uns passte, als Thomas katholisch und ich reformiert war. Und hier realisierten wir jeweils, dass wir uns beeilen mussten, weil wir beim Kino Marabu oder beim Dorfbrunnen zu lange getrödelt hatten, und so diente uns die letzte, zum Glück nicht allzu komplizierte Schulweg-Etappe vor allem dazu, einen als Wettrennen getarnten Endspurt hinzulegen. Thomas wohnte bei seiner Grossmutter an der Ormalingerstrasse, und wenn ich den östlichen Schulweg nahm, trafen wir uns jeweils bei den ersten beiden Viaduktbögen. Zwischen den Steinwänden fing sich das Rauschen der Ergolz wie in einer Höhle. Hier konnten wir kleine Echos machen, indem wir klatschten, aufstampften oder schrien, und von den Rundbogengewölben hing ein dürres Pflanzengewirr herab, das "Hexenhaar", wie wir es nannten, und ich weiss noch, dass wir beim Herumtrödeln auf dem Schulweg eine Liste der Sehenswürdigkeiten von Gelterkinden zusammenstellten und dass wir das Hexenhaar ziemlich weit oben platzierten, noch vor dem begehbaren Strauch am Sirachewegli, der mysteriösen Bruchbude am Fabrikweg und der stinkenden Gerberei am Kapellenweg. Auf dem anderen, dem westlichen Schulweg, der über die Staffelenbrücke führte, hatte ich zwar keinen Schulfreund zum Herumtrödeln, aber dafür war es ungefähr die Richtung, in der Andrea wohnte, die Tochter des Bankdirektors. Ihre Wohnung befand sich im Dachgeschoss der Hypothekenbank neben der Migros. Auf dem Nachhauseweg verschlug es mich deshalb oft zur Roseneckkreuzung und zum Nachtigallenwäldchen, wo ich eigentlich gar nicht hinwollte. Der eigentliche Schulweg führte durch die Ochsengasse und nach einem scharfen Knick nach rechts in die Rössligasse und weiter bis zur Ampel bei der Hauptstrasse, wo der Eibach in die Ergolz mündet. Und hier ging es dann steil bergauf und über die Staffelenbrücke bis zum Baumgärtli hoch.

 

In winterlichen Nächten, wenn auf Schnee oder Regen eine "Gfrörni" folgte, entstand am Rank zwischen Farnsbergweg und Baumgärtli eine heimtückische Hartschnee- oder Blitzeisfalle. Nicht immer schafften es die "Schneeschnüzi", wie wir das Schneeräumungsfahrzeug nannten, und der Salzdienst schon morgens bis in diese Höhe hinauf. Und schon gar in der Frühe vor sieben oder acht Uhr, wenn die ersten Baumgärtli-Bewohner auf den Zug eilten. Dann war alles noch in finstere Nacht getaucht, und die Beleuchtung war an dieser Stelle sehr spärlich. Der Erste, den es beim Abstieg zum Bahnhof "überstürchelte", war Vater. Von "Überstürcheln" redeten wir immer dann, wenn jemand besonders anschaulich auf die Schnauze flog. Vater flog zwar hin, aber nicht auf die Schnauze; er landete auf seinem Aktenköfferchen und sauste mit den Beinen voran den Farnsberg hinab, über die Rickenbacherstrasse, auf den Bahndamm hinauf und in die offene Zugstüre hinein. So jedenfalls will er das gemacht haben. Er nahm es relativ sportlich. Bald nach ihm kam Frau Vandervolk, die mit ihren Stöckelschuhen die schlimmsten Stürze hinlegte. Es überstürchelte sie auf halsbrecherische Weise, es überstöckelte sie brutal. Und einmal stöckelte sie danach wochenlang mit einer bandagierten Hand herum. Ich und meine Schwester stürzten ebenfalls, wenn wir uns in Verkennung der Lage für den westlichen Schulweg entschieden. Für uns war es natürlich gleichwohl lustig. Weniger lustig fanden es die Alten, die gegen neun oder zehn Uhr aus der Haustüre traten, um irgendeine Besorgung zu machen. Alt Kantonsrat Pfister zum Beispiel, der Tag für Tag mit einer rauchenden Pfeife und gemütlich vor sich hinsummend ins Dorf hinabmarschierte. Auch er musste dran glauben. Bald danach waren die Hunzikers, Gerspachs und Bürgins dran, die anderen Senioren vom Baumgärtli. Trotz allen Vorsichtsmassnahmen - man hatte so seine Tricks, wich auf das Wegbord aus oder klebte sich Heftpflaster auf die Schuhsohlen - landeten viele auf ihren betagten Hintern und absolvierten die Strecke auf dem Hosenboden. Irgendwann kam dann Mutter mit ihrer Einkaufstasche, und natürlich war auch Mutter nicht gefeit gegen die Schwerkraft. Kurz vor Mittag, wenn alle Leute vom Baumgärtli der Reihe nach an der gleichen Stelle gerutscht, gestrauchelt und gestürzt waren, hatten sich die Gemeindearbeiter mit ihren Fahrzeugen endlich den Berg hinaufgearbeitet, und das Problem wurde auf die in den öffentlichen Diensten übliche Art und Weise behoben und aus der Welt geschafft: nämlich ohne Verzug.

 

Den Berg hinauf. Was hiess das? Bevor wir von Westen her in das Baumgärtli einbogen, kamen wir durch das Quartier mit den schmucken Landhausvillen. Die Baader-Villa ragte aus allen diesen Villen heraus. Sie war schon fast ein Schloss. Besuchten uns ortsunkundige Leute, die zum ersten Mal den Aufstieg ins Baumgärtli absolviert hatten, war es für uns ziemlich normal, dass sich die Besucher über den Prachtsbau am unteren Farnsbergweg etwas verwundert zeigten. Wer dort wohne? Das sei dann schon eine dicke Hütte! Was die wohl koste? Und ob es dort spuke? Als ich Jahre später - ich wohnte schon längst in Basel - mit meiner ersten, zweiten oder dritten Freundin das Farnsbergwegli hinaufstieg, um ihr mein ehemaliges Zuhause zu zeigen, konnte sie beim Anblick der Baader-Villa ihre Bewunderung nicht zurückhalten: "Du hast aber ein schönes Elternhaus!" Obwohl es im Baumgärtli 6b nichts dergleichen gab, keine herrschaftliche Zufahrt, keinen parkähnlichen Garten, keine Giebelfassade, keine Remise, keine Balustrade, keinen Springbrunnen und keine Loggia mit Rundbögen, war ich mit dem dreistöckigen Mittelstandshäuschen meiner Eltern eigentlich recht zufrieden. Andere Kinder, wie zum Beispiel die Kinder vom Zelgwasserquartier, wohnten in einem Block. Da hatten wir es ja noch schön. Ausserdem kann ein Haus toll aussehen und trotzdem nicht wohnlich sein. Mit der ganzen Unwirklichkeit eines gestrandeten Belle-Epoque-Dampfers schob sich der Prachtsbau in unser Gesichtsfeld, wenn wir vom Dorf heraufkommend die Staffelenbrücke betraten. Dabei war das ja keine Kulisse. Die Villa befand sich im Besitz der alten Frau Baader, die hier an einer realen Postadresse zu Hause war. Hin und wieder trafen wir sie beim Farnsbergwegli, wenn sie einkaufen ging: eine winzige alte Dame mit einem straff geknoteten schwarzen Bürzi. Im Vergleich zu ihrem Haus war sie tatsächlich winzig, eine Zwergin. Sie ging an einem Stock, und immer hatte sie ein klappriges Einkaufswägelchen dabei. Sie war nicht direkt eine, mit der man per Du war, aber wenn man sie grüsste, grüsste sie freundlich zurück. Die Erwachsenen sprachen über die "alte Frau Baader" mit dem grössten Respekt, was nicht nur an der Nettigkeit des Grüssens und der Bescheidenheit der Schlossherrin und mehrfachen Millionärin lag. Die alte Frau Baader war eine bekannte Malerin, une artiste. Sie sei in Paris gewesen, hiess es. 

 

Auf der anderen Seite der Brücke, direkt an der Bahnschneise, stand - und steht noch heute - das sogenannte Lehrerhaus, ebenfalls eine Landhausvilla, wenn auch in Grösse und Bauweise nicht ganz so imposant wie die Baader-Villa. Das anno 1916 erbaute Lehrerhaus heisst Lehrerhaus, weil der Bauherr, der auch als erster darin gewohnt hat, ein Lehrer gewesen ist. Ob wegen des Hausnamens oder rein zufällig: bis zu meinem zweiten Primarschuljahr wohnte darin erneut eine Lehrperson, nämlich Frau Fricker, meine erste Primarschullehrerin. Sie wohnte dort zur Miete mit ihrem Freund. Frau Fricker brachte uns die farbigen Buchstaben und Ziffern bei. Mit dem Ergebnis, dass ich bis heute jeden Buchstaben und jede Ziffer mit einer jeweils eigenen Farbe sehe. A ist rot, 2 gelb, B dunkelgrün und 3 hellgrün. Und so weiter. Anscheinend hat die Methode gar nicht so schlecht funktioniert, zumindest was die neuronale Verknüpfung zwischen Farben und Zeichen oder, in einem weiteren Sinne, zwischen Farben und Wörtern angeht. Meine Konto-Nummer ähnelt einem Gemälde von Sisley. Und mein Name sieht aus wie eine Vermischung der Nationalflaggen von Sierra Leone und Irland, plus ein bisschen Gelb. Das anfängliche Rechnen und Schreiben war hingegen ein Knorz. In den Ferien musste ich manchmal mit Hilfe von spieldidaktisch aufgezogenem Zusatzlehrmaterial Additionen und Substraktionen ausführen, die von marktreifen Äpfeln und Birnen veranschaulicht wurden, oder Sätze wie "Ein Krokodil wartet vor dem Leuchtturm" orthografiefehlerbereinigt zehnmal hintereinander in ein Extra-Schreibheft schreiben, und das alles, um nicht den Anschluss an die Allgemeinbildung zu verlieren. Frau Fricker legte mir freundlich nahe, es doch einfach immer wieder zu versuchen. Sie sagte nie "Du musst", aber ich musste dann halt doch. Das Problem war die Willenskraft. Je stärker ich wollte oder wollen musste, desto weniger ging es - und desto stärker musste ich mich in meinem Wollen zum Wollen zwingen. Oder einfacher gesagt: wenn ich etwas nicht von alleine lernte, lernte ich es überhaupt nicht. Dabei hatte ich durchaus gewisse Begabungen. Leider vorwiegend solche, die für nichts zu gebrauchen waren. Gerade deshalb war Frau Fricker ein Glücksfall. Sie war eine Lehrerin, die ich mochte. Die fast alle mochten. Sie war "eine Nette". Sie hatte das richtige Verständnis. Leider verliess sie uns nach einem Jahr, weil sie anderswo eine Stelle annahm, und wurde durch die Frau Bachlatko ersetzt, die in Sachen Nettigkeit weit hinter der Frau Fricker zurückblieb und das richtige Verständnis allzu oft vermissen liess. Fairerweise muss ich aber hinzufügen, dass jede andere Nachfolgerin ebenfalls durchgefallen wäre. Nach der Frau Fricker konnte es nur noch abwärts gehen, und erst in der oberen Primar gab es so etwas wie eine Umkehr, eine Wissenserweckung. Immerhin war die Sache mit Frau Fricker, wie man so schön sagt, eine Lektion fürs Leben: man kann alles und jeden ersetzen. Nicht aber jemanden wie Frau Fricker. Eine Frau Fricker gibt es nur einmal und dann nie wieder.

 

Auf dem östlichen Schulweg kamen wir am Langmattquartier vorbei. Die Gegend beim Viadukt war geheimnisvoll und etwas verwahrlost, der ganze Talabschnitt hatte den Charakter eines Geisterortes, einer halb verlassenen Goldgräbersiedlung. Obwohl die nach Ormalingen verlängerte Ergolzstrasse das Quartier ungnädig zerschnitt, war der alte Charme des ausfransenden Dorfrands wie in einer Zeitkapsel erhalten geblieben: mit Bretterbuden, Holzbeigen, Geräteschuppen, Schrebergärtchen und allerlei Gerümpel. Auf der anderen Talseite, in den Klein- und Kleinstquartieren Breiti, Höcherainli und Wuer, die man aber eigentlich auch noch dem Langmattquartier zuordnen kann, ging das Dorf in die alte Gewerbezone über. Dort, an der Grenze zu Ormalingen, stand die Pneufabrik Maloja, auch rote Fabrik genannt, die aber, wie ich mich zu erinnern glaube, gar nicht rot war, sondern gelb. Vielleicht war sie vor meiner Zeit einmal rot gewesen und wurde dann irgendwann gelb übermalt. Heute ist sie wieder rot. Ich habe es nachgeprüft, weil ich es doch irgendwie merkwürdig fand, dass die rote Fabrik in meinen Erinnerungen gelb ist. Und siehe da, die rote Fabrik ist tatsächlich rot! Als wäre dieser Kasten immer schon rot gewesen, und ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob er wirklich einmal gelb gewesen ist. Auf jeden Fall habe ich die Pneufabrik Maloja - die Firma hat sich in der Zwischenzeit aufgelöst, und es werden dort auch keine Pneus mehr fabriziert - gelb in Erinnerung, irgendwie trockengelb, falls es diese Farbe überhaupt gibt. Und auch dem ganzen Quartier haftet in meiner Erinnerung etwas Gelbliches an, als hätte das alles einen Gelbstich gehabt. Als wäre die ganze östliche Dorfseite - faktisch das ganze Gebiet zwischen Viadukt und Ormalingen - einem Vergilbungsprozess ausgesetzt gewesen. Das kann und muss ich so stehenlassen, auch wenn es möglicherweise - und sogar ziemlich wahrscheinlich - ein Irrtum ist. Eine nachträgliche Sinnestäuschung. Ich vermute, dass ich da etwas durcheinandergebracht habe. In Gelterkinden gab es nämlich tatsächlich eine gelbe Fabrik. Sie wurde gelbe Fabrik oder obere Fabrik genannt, im Gegensatz zur unteren Fabrik, ebenjener roten Fabrik, die ich als die Pneufabrik Maloja kannte, und diese untere Fabrik befand sich auf dem Allmendgelände, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Erlebt habe ich sie nicht mehr bewusst, sie wurde in den frühen Siebzigerjahren abgebrochen, um Platz zu schaffen für den Allmendmarkt, das heutige Allmendcenter. An den alten Allmendmarkt, wie er vor dem Um- und Ausbau zum Allmendcenter ausgesehen hat, kann ich mich noch gut erinnern. Das ebenerdige Gebäude mit Sheddach hatte einen rötlichen Anstrich, wurde aber von der Dorfbevölkerung immer noch als gelbe Fabrik bezeichnet. Als Kind könnte mich das irgendwie verwirrt haben: eine gelbe Fabrik, die rot war. Aber noch wahrscheinlicher ist, dass ich bei der Nennung der gelben Fabrik gar nicht an den Allmendmarkt gedacht habe, sondern an die Pneufabrik Maloja. Hörte ich jemanden über die gelbe Fabrik reden, assoziierte ich diesen Ausdruck höchstwahrscheinlich mit der Pneufabrik Maloja, der roten Fabrik, die aber selten rote Fabrik genannt wurde, sondern im Volksmund schlicht "Maloja" hiess, wie die Marke und die Firma. Das würde erklären, weshalb die Pneufabrik Maloja für mich zur gelben Fabrik wurde. Von der anderen Fabrik - der unteren Fabrik - wusste ich ja nichts. Und so könnte es zu einer falschen Verknüpfung gekommen sein, die das ganze Langmattquartier in meiner Erinnerung bis heute in ein gelbes Licht taucht, obwohl dort eine rote Fabrik stand - und immer noch gut sichtbar steht. Doch vielleicht ist das alles zu weit hergeholt. Es könnte natürlich auch sein, dass der einseitige Farbeindruck von den Muschelkalksteinen des Viadukts herrührt. Muschelkalk ist zwar hellbeige oder weissgrau, kann aber im Sonnenlicht und bei einem speziellen Lichteinfall gelblich wirken. Der Stein hat dann dieses geisterhafte Fahlgelb, das sich wie ein Farbfilter vor die Erinnerungsbilder schiebt, wenn ich an das frühere Langmattquartier zurückdenke. Und jetzt habe ich auch das richtige Wort gefunden: die Farbe, die ich meine, ist nicht Trockengelb, sondern Fahlgelb. Das Langmattquartier war fahlgelb. Und fahlgelb war auch die Strasse, auf die sich das Quartier konzentrierte: die Ormalingerstrasse, wo Thomas wohnte. Nicht der Aenishänsli-Thomas, sondern der andere Thomas, der auch Brändli, Thomysenf-Thomas oder Thömi genannt wurde, während der Aenishänsli-Thomas immer nur Thomas hiess. An der Ormalingerstrasse wohnte auch der verwitwete Grossvati. Hier war Mutter aufgewachsen, als die Ormalingerstrasse noch die einzige Strasse im Tal gewesen war - und die einzige Zufahrt zur Pneufabrik. Mit dem Brändli-Thomas und ein paar anderen Schulkollegen spielte ich einmal in der Nähe des Fabrikgeländes neben einem Haus, in dem jemand beim Staubsaugen in schallender Lautstärke das ABBA-Lied SOS laufen liess. Seltsam, dass ich das noch weiss. Sogar das Lied hat sich mir eingeprägt. Sobald ich es irgendwo höre, ruft es diesen Moment wieder wach, diesen einen flüchtigen Moment, der nichts zu bedeuten hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Momenten und Anlässen, wie zum Beispiel dem ersten Schultag. Von meinem ersten Schultag weiss ich nur noch, dass er stattgefunden hat. Es lief eben keine ABBA-Musik. An jenem Nachmittag bei der Pneufabrik, als schräg über uns aus einem offenen Fenster ABBA-Musik herausschallte, vermischt mit dem gleichgültigen Surren eines Staubsaugers, war das anders. Dieser Moment ist hängengeblieben. Warum auch immer. Erinnerungswürdig? Nicht im geringsten! Was ich da erlebt habe, erscheint mir unwirklich, fast unglaubhaft. Weil es so banal ist, und weil es so lange her ist. Inzwischen könnten Jahrhunderte vergangen sein. Ich war noch in der Primarschule, und Russland war noch kommunistisch, und es kann sein, dass es das Jahr war, in dem die Weltraumstation Skylab abstürzte und Ayatollah Khomeini die Islamische Republik ausrief.

 

Der Brändli-Thomas, der mitunter auch Brandy genannt wurde, wie das Getränk, wohnte bei seiner Grossmutter am Brackenweg, einem bergaufwärts abzweigenden Seitenweglein an der Ormalingerstrasse. Da das Haus an der unteren Strassenecke stand, mit einer Hecke zwischen Strasse und Garten, lag es auch an der Ormalingerstrasse, weshalb man die Postadresse ignorieren und Thomas als den Thomas benennen konnte, der an der Ormalingerstrasse wohnte. Die Ormalingerstrasse war einigermassen bekannt, anders als der Brackenweg. Den kannten nur die Anwohner und der Pöstler. Und wenn der Pöstler in den Ferien war, war der Aushilfspöstler überfordert, weil er den Brackenweg nicht finden konnte. Thomas hatte dort sein Domizil, weil seine Mutter arbeiten musste. Sein zweites Zuhause (sein Zusatzdomizil) war ihre Wohnung in der Bohnygasse. Deshalb nannte man ihn auch den Bohnygasse-Thomas, was aber eher selten vorkam. Eher noch nannte man ihn den "Thomas ohne Brille", weil er im Unterschied zum Aenishänsli-Thomas keine Brille trug. Die meiste Zeit verbrachte er bei seiner Grossmutter am Brackenweg, beziehungsweise an der Ormalingerstrasse. Im gleichen Haus wohnte auch noch das Anneli, die taubstumme Grosstante. Die beiden alten Frauen schlurften von früh bis spät im Haus herum. Die Treppe überwanden sie nur mühsam. Sie hatten dick geschwollene Beine, sogenannte Wasserbeine, die sie häufig bandagieren mussten, und immer trugen sie geblümte Kochschürzen, auch wenn sie nicht kochten. Sie waren sehr nett. Das Anneli steckte uns manchmal Schokolade zu, die wir fortwerfen mussten, weil sie weit über das Ablaufdatum hinaus war. Sie war vermutlich noch mit Rationierungsmärkli gekauft worden. Thomas war katholisch, und das hiess natürlich, dass bei ihm alles ein bisschen anders war. Jedes Jahr an Weihnachten nahm seine Grossmutter, die alte Frau Bösiger, ihre Christrose aus dem Wohnzimmerschrank. Die weisse Blüte öffnete sich nur einmal im Jahr, nämlich am Weihnachtsmorgen. Die Bösiger-Grossmutter besass auch ein Flakon mit "echt geweihtem" Wasser. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass es aus dem biblischen Jordan stammte und aus ebendiesem Grund eine doppelte Weihkraft besass. Wie auch eine doppelte Heilkraft. Es half gegen Kopf- und Gelenkschmerzen, vorausgesetzt natürlich, man glaubte daran. Die Bösiger-Grossmutter war es auch gewesen, die mit Hilfe eines aus Olten herbeigerufenen Kapuzinermönchs das bekannteste Spukhaus von Gelterkinden - nach dessen Abriss wurde dort die Migros gebaut - spirituell gereinigt hatte. Die Mutter von Thomas war Organistin in der Katholischen Kirche, wo sie unter der Woche häufig am Üben war, und da die Kirche direkt am Schulweg lag, gingen wir manchmal hinein und liessen die wuchtigen Orgelklänge auf uns wirken. Thomas, der nach katholischem Brauch gefirmt wurde, erzählte von der Beichte, und wie schwierig es sei, etwas zu finden, das man beichten könne. Im Notfall müsse man halt beichten, dass man nichts zu beichten habe. Wichtig sei nur, dass man bei der Wahrheit bleibe. Die Wahrheit war Thomas wichtig. Doch enggläubig war Thomas nicht. Er glaubte an weit mehr als nur an die Christrose und die Heilkraft von gesegnetem Wasser. Er glaubte zum Beispiel auch an die SBB. Er war eisenbahngläubig. Mit Eisenbahnen kannte er sich aus, und er phantasierte sich sogar seine eigene Eisenbahn zusammen: die SSB. In unterirdischen Röhren fuhr sie durch Gelterkinden und brachte uns immer pünktlich zur Schule. Ausserdem hatte Thomas, wie ich selbst ja auch, eine Vorliebe für Theatereffekte. Wenn wir etwas zeigten, erklärten oder darstellten, machten wir das meistens mit einer gewissen Posiererei, einer gewissen Dramatik. Wir liebten Übertreibungen. Da ging es dann nicht um die Wahrheit, sondern um die Wirkung, insbesondere die Wirkung auf ein Publikum. Einmal veranstalteten wir ein Cabaret mit allem Drum und Dran. Mit Revuegesang und allerlei witzigen Einlagen. Etwas Ähnliches wie die Muppet Show, aber mit Ausschneidefiguren. Zwischen Boiler und Heizung in der Waschküche an der Brackenstrasse hatten wir eine kleine Bühne aufgebaut. Es war eine speziell präparierte Kartonschachtel, in die wir von unten die Figuren und Kulissen hineinschoben. Wir planten eine Vorstellung, zu der wir alle Kinder einluden, die wir kannten. Wir verteilten Einladungen, klebten sie an Türen und warfen sie in Briefkästen. Unter den Geladenen befand sich auch Andrea, die Tochter des Bankdirektors. Als die ersten Kinder eintrafen, war Andrea nicht dabei. Als ein paar weitere Kinder eintrafen, war Andrea immer noch nicht dabei. Jetzt wurde ich doch ein wenig ungeduldig, und so rannte ich zur Roseneckkreuzung, um nachzuschauen, was dort los war. Vor dem privaten Seiteneingang bei der Hypothekenbank sah ich einen Möbelwagen. Da beschlich mich schon eine böse Vorahnung. Als ich läutete, öffnete Andreas Mutter. Sie sagte, dass Andrea keine Zeit habe. Sie sei am Zügeln. Andreas Eltern zogen aus Gelterkinden fort, und die Tochter nahmen sie leider mit. Die Vorstellung fand dann trotzdem statt, an der Ormalingerstrasse, wie von uns annonciert, und vor ausverkauftem Haus. Die Waschküche war gerammelt voll.

 

Etwas näher beim Viadukt, an der Ormalingerstrasse 17, wohnte Grossvati. Im Untergeschoss des stattlichen Hauses, in dem Mutter mit ihren vier Geschwistern aufgewachsen war, betrieb der pensionierte Schreinermeister eine kleine Bude, wo er hie und da noch ein bisschen herumwerkelte, an der Hobelbank und im Geruch von Beize, Talg und Spänen. Ansonsten war Grossvati viel und gern unterwegs, mit riesigen Schritten und schwingenden Armen und einer lauten, schneidenden Stimme. Überhaupt die Stimme! Wenn er auf einem seiner Ormalinger Kirschbäume über die obersten Äste hinausguckte und einen Juchzer ausstiess, war das vermutlich bis nach Wintersingen zu hören. Gut möglich, dass man ihn selbst dort noch kannte. Gut möglich, dass die Wintersinger, wenn sie den Juchzer hörten, auf ihren eigenen Kirschbäumen innehielten und einander anschauten. "Ah, der Mohler-Gusti!" Beim Kirschenpflücken, beim Wandern, Feuermachen und Plegern in Wald und Feld, beim vereinsmässigen Vogelstimmenlauschen mit anschliessendem Frühschoppen und im "O mein Heimatland" singenden Männerchor war Grossvati der Grossvati, den wir kannten und den alle ringsherum genauso gut kannten wie wir, wenn nicht sogar noch besser. Für die einen war er der Vati oder Grosssvati, und für die anderen war er der Mohler-Gusti oder Gusti. Doch ganz gleich, wie man ihn nannte: er war immer der Gleiche. Dabei war das mit Grossvati gar nicht so einfach. Es hatte ja ein Grossmutti gegeben, und Grossvati war nicht schon immer der Grossvati gewesen, der mit der Ungebundenheit eines Junggesellen durch die hiesige Weltgegend lief und ein grosses Haus für sich alleine hatte. Als das Grossmutti gestorben war, war ich noch zu klein gewesen, um eine bewusste Erinnerung an sie zu haben. Ich erinnere mich nur noch an die Friedhofsbesuche und dass ich den Verdacht hegte, das Grossmutti könnte im Kirchturm eingesperrt sein. 

 

Da war ich noch im Vorschulalter gewesen. Irgendwann begriff ich, dass das Grossmutti nicht mehr lebte. Und ich begriff, dass es zwei verschiedene Kategorien Menschen gibt: die Lebenden (mehr oder weniger Lebendigen) und die anderen, derer man auf dem Friedhof gedenkt - und über die man hie und da noch redet, wenn auch nur in der Vergangenheitsform. Als ich dann in die Schule ging, durfte ich bei Grossvati ein paarmal zu Mittag essen. Sein Haus lag ja nicht weit vom Schulweg entfernt. Gedeckt war in der Küche, und auf den Tisch kam eine typische Altvätersuppe mit Flädli, Gersten, Lauch oder Steinpilzen. Was es dazu gab, ob da noch irgendein Hauptgericht dabei war, weiss ich nicht mehr, vielleicht gab es Wienerli, vielleicht auch nur ein Stück Brot. Eigentlich war die Suppe das Hauptgericht. Das Wichtigste bei Grossvati war die Suppe, seine Grossvati-Suppe, die er übrigens auch auf seinen Wanderungen nicht missen wollte. Ging man mit ihm wandern, konnte man sicher sein, dass er am Lagerfeuer seine Suppengamelle auspackte. Die Suppengamelle, der Suppenlöffel und der Notkocher (für den Fall, dass es kein trockenes Holz gab) bildeten sein wichtigstes Wanderzubehör. Diese Feldküchen-Mentalität erinnerte ein bisschen ans Militär. Grossvati war kein Militärkopf, aber er gehörte nun mal zur Aktivdienst-Generation, und im Hintergrund war immer das Bild eines jüngeren Grossvatis, der mit dem Karabiner und einer blitzblank polierten Suppengamelle die Grenze bewacht. In Wirklichkeit war Grossvati bei den Fahrradtruppen gewesen, er war mit dem Fahrrad oder, wie man in der Schweiz sagt, mit dem Velo in den Krieg gefahren, und ja, er war an der Grenze gewesen. Er war kein Militärkopf, aber in jüngeren Jahren muss er eine Sportskanone gewesen sein. Auf den Aschenbahnen hatte er Siege erkämpft, im Rennen und im Weit- und Hochsprung. So einen hatte man im Krieg natürlich brauchen können. Nach dem Mittagessen legte er sich auf sein Bett und schnarchte. Ich war dann eine Weile mir selbst überlassen. Nach draussen gehen durfte ich trotzdem nicht. Ich ging in die Stube und setzte mich an den altmodischen Sekretär, um die Hausaufgaben zu machen. Die Stube war geschmackvoll möbliert, und es fehlte darin auch nicht der typische Grossvaterstuhl, ein Schaukelstuhl mit einer Rückenlehne aus dünn geflochtenem Rattan, den Grossvati allerdings kaum je benutzt haben dürfte. Seine Zeitungen - er hatte die Nationalzeitung und den Nebelspalter abonniert - las er am Küchentisch. Und ich kann mich auch noch an seine Lesebrille erinnern, eine Hornbrille, die so gar nicht zu ihm passte. Ich sass also an diesem Sekretär mit meinen Schulheften, während Grossvati nebenan schnarchte. Die Stubenuhr gab ein knackendes Ticken von sich, und ich weiss noch, dass ich dieses Ticken überhaupt nicht mochte, es war mir sogar einmal in einem Alptraum erschienen, zusammen mit einem wütend umherstampfenden Stier, der in Grossvatis Garten alles niedergetrampelt hatte. Doch andererseits mochte ich den Geruch der Bücher und die Kunstdrucke an den Wänden. Da war zum Beispiel ein Bild von Albert Anker mit den typischen Anker-Mädchen und Anker-Buben. Und über dem Sekretär hing die Reproduktion eines Gemäldes von Canaletto mit dem Markusplatz von Venedig, in das ich mich regelrecht hineinträumte. Zwei- oder dreimal nahm mich Grossvati auf eine Wanderung mit. Wir marschierten zum Beispiel auf den Passwang, und es war ein richtiges Marschieren wie im Militär. Wie wenn jemand mit der Stoppuhr auf uns gewartet hätte. Und auf dem Vogelberg gingen wir in die Beiz, wo uns ein Mädchen mit Zöpfen - sie wird wohl etwas älter als ich gewesen sein, ungefähr zwölf - die Getränke brachte. Grossvater gab ihr einen Fünfliber als Trinkgeld. Und ich weiss noch, dass ich sagte: "Und für mich hast du keinen Fünfliber?" Da lachte Grossvati, und es war mir peinlich. Verdient hätte ich den Fünfliber schon. Ich hatte ja auch etwas geleistet, und Grossvati wusste das. Ich war der einzige seiner Enkel, der mit ihm Schritt halten konnte. Darauf war ich stolz. Andererseits war ich auf diesen Wanderungen derart mit Marschieren beschäftigt, dass ich mich kaum noch an etwas Bestimmtes erinnern kann. Durchsuche ich mein Gedächtnis nach schönen gemeinsamen Wandererlebnissen, nach rührenden Grossvater-Enkel-Anekdoten, so finde ich immer nur das Bild eines Grossvaters, der mit riesigen Schritten vorausmarschiert, während der Enkel im grossväterlichen Windschatten keuchend über Stock und Stein springt und von der schönen Natur ringsum überhaupt nichts mitbekommt. So wird es wohl gewesen sein.

 

Drei Gehminuten vom Baumgärtli entfernt hatten wir also diesen Grossvater, den Grossvati, und sein stattliches Arbeiterhaus, in dem sich oft der ganze Verwandtschaftsanhang einfand, vor und nach dem Kirschenpflücken oder wenn es irgendetwas zu feiern gab. In der fünften Primarschulklasse, das war schon 1982, musste ich einen Vortrag über heimische Vögel halten. Das Spezialgebiet meines Grossvaters. Er war ja im Vogelschutzverein und kannte jeden Vogelpfiff wie ein Briefmarkensammler seine Briefmarken oder ein Märklin-Eisenbahner seine Eisenbahnen. Also ging ich zu ihm hin, um mir ein Buch von ihm auszuleihen. Und auch seinen fachkundigen Rat einzuholen. Da merkte ich zum ersten Mal, dass mit Grossvati etwas nicht stimmte. Anders als sonst machte er die Tür nur so weit auf, dass er knapp herausschauen konnte. Er beäugte mich misstrauisch. Nachdem ich meinen Wunsch geäussert hatte, machte er die Tür rasch wieder zu, nur um sie kurz darauf wieder aufzumachen und mir ein schön illustriertes Vogelbuch in die Hand zu drücken. Er sagte noch: "Ich will es dann aber wieder zurück." Und schon ging die Tür wieder zu. Kein Adieu, nichts. Bald darauf musste er in die Psychiatrische Klinik nach Liestal. Er war nicht mehr der Gleiche. Er war nicht mehr der Grossvati oder der Mohler-Gusti, er war nur noch ein Krankheitsfall, etwas Starres und Nirgendwohin-Passendes, das man herumschob, weil man nicht so recht wusste, wie man damit umgehen sollte. Damit umgehen konnte niemand. Wenn wir Grossvati in der Klinik besuchten, ging er mit versteinerter Miene neben uns her, und manchmal befiel ihn eine rätselhafte, störrische Unruhe, und er wollte auf einmal zurück in sein Zimmer oder sonstwohin, sodass wir ihm hinterherrennen mussten. Er war kein Patient wie die anderen Patienten in der Psychiatrischen Klinik, er faselte kein dummes Zeug und verschüttete auch nicht sein Essen. Er wirkte wie einer, der im falschen Film war. Es betreffe nicht den Verstand, sondern das Gemüt, sagten die Ärzte, sagten alle, die mit ihm zu tun hatten. Man musste ihn im Auge behalten, konnte ihn aber nicht einsperren. Für seine Betreuer und die Familie war das schwierig. Nach langen Beratschlagungen und einigen vergeblichen Therapien bekam er im Altersheim Gelterkinden ein Zimmer. Daraufhin schien es ihm etwas besser zu gehen. Doch das täuschte. Das Vogelbuch konnte ich ihm nicht mehr zurückgeben. Er sprang vor den Zug. Und das Vogelbuch, das ich schon deshalb nicht hatte behalten wollen, weil es eine seltene, kostbar illustriere Ausgabe war, blieb in meinem Besitz. Noch heute steht es in meinem Bücherschrank: "Brehms heimische Vögel" oder "Der farbige Vogel-Brehm", mit ausführlichen Beschreibungen der Vogelstimmen und 195 Vogeldarstellungen in kolorierten Wiedergaben der Originalholzschnitte, erschienen 1968 im Safari-Verlag Berlin.

 

Inzwischen ging ich in die erste Sekundarschulklasse. Und ich weiss noch, wie Lehrer Vögeli, ein Vogelvereinsaktivist wie Grossvati, nach dem Unterricht meine Hand packte und eine kurzatmige Kondolation aussprach. Da ich das Wort "Kondolieren" nicht verstand, dachte ich zuerst, er würde mir am falschen Tag zum Geburtstag gratulieren, und reagierte etwas verwirrt. Darauf erklärte Lehrer Vögeli, es sei wegen der Sache mit meinem Grossvater etc. etc. Da begriff ich. Das Wort "Kondolieren" war mir neu, es war das erste Mal, dass mir jemand "kondolieren" musste. Dieses neue Wort - buchstäblich ein Fremdwort, das normalerweise nur die Erwachsenen benutzten und das noch nie bis in meine behütete Sphäre vorgedrungen war - markierte einen Abschied, nicht nur von Grossvati, sondern von allem, was die alte Grossvati-Welt ausgemacht hatte. Stirbt ein Mensch, stirbt ja nicht nur der Mensch, sondern alles, was mit ihm zusammenhängt, und eine ganze Welt ist auf einmal nicht mehr da. Ein wichtiger Teil meiner Baumgärtli-Existenz war dahin, war auf einmal etwas Vergangenes, und das lag nicht nur an Grossvati. Es lag auch an meinem Alter, respektive den Umbrüchen, die es mit sich brachte. Zum Beispiel fuhr ich jetzt mit dem Velo zur Schule. Weitgehend unfallfrei. Erst ein paar Jahre später, mit fünfzehn, gelang es mir, das Velo zu Schrott zu fahren. Anfänglich fuhr ich noch relativ vorsichtig. Mit dem Velo hatte ich mich inzwischen soweit angefreundet, dass ich es als zweckdienlich ansah. Es half mir, Zeit zu sparen. Was natürlich auch mit einem gewissen Verlust verbunden war. Der Schulweg war nun kein Abenteuer mehr. Er war nur noch eine Strecke, die ich zurücklegte, um von A nach B zu kommen. Der Schulweg hatte seine Bedeutung verloren - und mit ihm auch das Baumgärtli, in dem das tägliche Unterwegssein seinen Ausgangs- und Zirkelpunkt hatte. Das Mäuselabyrinth von Gelterkinden mit all den verschiedenen Schulwegvarianten, mit all den Schleichwegen und Irrgängen, war nicht mehr meine Welt. Das war nicht mehr der Bezugsrahmen, in dem ich mich bewegte, und das Baumgärtli wurde kleiner und unbedeutender, je grösser und wichtiger die Schule wurde. Den barackenähnlichen Primarschultrakten war ich entwachsen. Die Primarschule lag hinter mir, und vor mir lag nun die Sekundarschule, wo die "Grossen" hingingen. Die Stimmbrüchigen und Kaugummikauenden. Im weitläufigen Sekundarschulgebäude brauchte man mindestens fünf Minuten, um von einem Ende zum andern zu gelangen, und wenn der Rektor eine Ansprache hielt, ging man in die Aula. Und überhaupt ging man ständig von einem Ort zum andern, von einem Trakt zum andern, von einem Stockwerk zu andern, von einem Zimmer zum andern. Eine feste Bleibe gab es nun nicht mehr. Immerfort war man in Bewegung. Und ständig packte man seine Sachen zusammen oder packte sie wieder aus. Sobald der Schulgong ertönte, wurde alles von einer einzigen unsichtbaren Strömung ergriffen, und jede Klasse wurde in das vom Stundenplan vorgeschriebene nächste Zimmer hinein gespült, in das nächste Provisorium hinein. Nicht nur das Schulgebäude war nun grösser, sondern auch das ganze Drum und Dran, das ich dort vorfand. Je mehr Fächer und Lehrer hinzukamen und je wichtiger ich wurde in meinem Aufstieg zum Oberklässler und Ober-Oberklässler, desto unwichtiger wurde das Baumgärtli. Und als ich dann auch noch anfing, Bücher zu lesen, und mit Jules Verne zum Mond flog, verlagerte sich das Sich-Irgendwohin-Träumen und Spielen im gleichen Masse nach innen oder ins Gedankliche, wie sich die Aussenwelt zu erweitern begann, sodass mit dem Baumgärtli - dem Spielort der unmittelbaren Umgebung - auf einmal nicht mehr so viel anzufangen war.

 

Geschrumpft war das Baumgärtli schon vorher. Schon vor einiger Zeit hatte sich da etwas zu verändert, nichts Grosses, eher wie bei einem Velo, das mit einem unauffälligen Klicken in einen neuen Gang schaltet. Der örtlich definierte Umkreis des Spielens und Zusammenseins mit anderen Kindern verschob sich unmerklich in Richtung Langmattquartier und Dorf. Unser Spielen weitete sich sozusagen ins Geostrategische aus. Unten am Langmattweg, zwischen dem Türkenblock und der kleinen Treppe, auf der man in Grossvatis Garten hinabstieg, trafen wir uns hin und wieder mit ein paar Kindern vom Langmattquartier. Es gab dort ein kleines, von ein paar Bäumen und Haselnusssträuchern eingefasstes Rasenviereck mit undefinierbarem Zweck. Auf einem der Bäume befand sich eine Baumhütte, die schon ewig dort war, erbaut vermutlich von Kindern, die inzwischen längst erwachsen waren. Das war nun der Hauptsitz unseres Reviers, und das war auch der Triangulationspunkt einer neuen Aussenpolitik. Angeleitet von Didi, einem Burschen von der Ormalingerstrasse, der wie Popeye aussah, besiegelten wir hier den glorreichen Zusammenschluss zwischen Baumgärtli und Langmattquartier. Wir machten es wie die Indianer: jeder musste auf das grosse Gemeinsame einen heiligen Schwur leisten und bekam einen Indianer-Namen mit einem Totem. Ich durfte mich Wah-Com-Moh nennen, was soviel hiess wie "Schneller Läufer", und mein Erkennungszeichen für die Kriegsbemalung war der ringförmige Fleck des Jaguarfells. (Wahrscheinlich verwechselte ich den Jaguar mit dem Gepard, dem eigentlichen Sprinter unter den Wildkatzen. Es war halt unsere Karl-May-Phase, und wie bei Karl May musste nicht alles so genau stimmen). Am Farnsberg gab es nun keine Kriege mehr. Das Kriegsbeil war begraben. Mit den Türken hatten wir uns versöhnt, die waren nämlich gar nicht so schlimm, und eine gewisse Gülcan fanden wir sogar richtig nett. Und sie konnte gut kämpfen, mindestens so gut wie Didi, der trotz seiner Gutmütigkeit als Kampfmaschine galt. Unsere neuen Feinde waren nun die Kinder vom Bettenberg. Sie wohnten "drüben" am uns gegenüberliegenden Hang, an diesem "Scheissberg", und wir wussten, dass wir sie bekämpfen mussten, weil sie "etwas gegen uns hatten". Besonders auf dem Kieker hatten wir den Anführer der Bettenberg-Kinder. Es war der Sohn des Gemeindepräsidenten. Den wollten wir einmal tüchtig verhauen. Nicht den Gemeindepräsidenten, aber seinen Sohn. Dazu kam es dann auch. Oder fast. Der Angriff misslang. Nach einer kurzen Rangelei wurden zwei von uns (ich war einer davon) gefangengenommen und an einen Baum gebunden. Alle anderen Angreifer - und sogar Didi, der viel zu gutmütig für einen richtigen Kampf war - suchten das Weite. Ich weiss noch, dass ich mich irgendwie befreien und abhauen konnte. Nachher ging ich in die Migros und kaufte mir zur Belohnung etwas Süsses.

 

Der Berg, der uns die wunderbare Aussicht über Gelterkinden wie auch den Knorz des täglichen Hinaufsteigens bescherte, war dauernd in unserer Nähe - und irgendwie doch nicht. Wir kannten ihn wie unsere Westentasche: aber seine Form und Ausdehnung entzog sich uns. Das für uns Sichtbarste am Farnsberg - unserem Hausberg - war die weit auslaufende Flanke im Osten. Damals war das noch ein offener Korridor, Wies- und Obstland, mit ein paar eingestreuten Äckern. Hier unternahmen wir unsere Streifzüge, wenn uns das Fernweh packte. Oder die Phantasie. Auf dem hangwärts sich hinziehenden Terrain unternahmen wir unsere Abenteuerfahrten. Es gab keinen unpassenden Hintergrund, nichts Störendes. Des Terrain war so offen und konturlos, dass es immer passte. Mal umgab uns ein Ozean, mal eine Prärie oder Savanne. Und oft sogar der Weltraum. Interessanterweise heisst das Gebiet auf alten Landkarten "In dr Mare" oder "Maren". Diese Flurbezeichnung lässt den Ozean anklingen, denn "Mare" ist das lateinische Wort für "Meer". Und genau das fanden wir dort: einen Ozean mit sanft wiegenden Graswellen bis in eine mysteriöse Ferne hinein. Dort war unser ferner Osten, den wir "Chinesien" nannten. In Wirklichkeit war dort nicht Chinesien, sondern der Asphof. Und gleich daneben Hemmiken. Wir befanden uns an einem Hang, der zwischen Ormalingen und Hemmiken an einen Berg stiess. Was unsere Fernsicht keineswegs einschränkte. Diese natürliche Begrenzung war für uns gar nicht richtig fassbar. Die östliche Richtung zielte ins Weite, und diese Weite war für uns eine weisse Landkarte, in die wir unsere eigenen Länder und Kontinente einzeichneten. Wir waren die Ersten. Wir waren die Entdecker, Kartografen und Siedler. Wir nahmen das Land in Besitz. Nirgends ein Zaun oder Wohnhaus. Nirgends eine Strasse. Etwas weiter unten fing das Langmattquartier an, wo der Brändli-Thomas und Grossvati wohnten, aber solange wir uns leicht schräg am Berghang hinauf bewegten, konnten wir die paar wenigen in die Wiese hineingebauten Häuser und Blocks bequem umgehen. Das Gras, durch das wir unsere Wege bahnten, knisterte und roch und war voller Leben. Wir kauten Sauerampfer, pusteten in die Pusteblumen, die wir "Weihefäcken" nannten, und fingen Heugumper: die kleinen, die zwischen den Händen zappelten und kitzelten, und die grossen, die auch zwickten, was wir uns aber womöglich nur einbildeten. Manchmal kletterten wir auf die Obstbäume und drückten unsere Fingerspitzen in die superklebrigen Harzbeulen. Der äusserste Punkt, den wir mit gutem Gewissen erreichen konnten, war das Unterwerk Ormalingen. Die Starkstromleitungen und Transformatoren markierten den östlichen Rand unserer Welt. In dieser Gegend, ungefähr gegenüber der Pneufabrik Maloja, betraten wir Ormalinger Boden, und diese Grenze hatten wir im Gefühl. Weiter trauten wir uns nicht. Höchstens bergaufwärts. Die weit geschwungenen Hänge führten nicht nur nach Ormalingen, sondern auch den Farnsberg hinauf. Wie ein gutmütiger Riese schien er über uns zu wachen. Da wir im Baumgärtli schon recht weit oben wohnten, erklommen wir die direkt über uns liegende erste Anhöhe in wenigen Minuten. Den Aufstieg nahmen wir allerdings meist von der anderen Seite her, wo ein Wanderweg eine Verbindung zu den Gehöften der Allersegg und dem gestaffelt aufragenden Berg herstellte. Dieser Wanderweg war für uns ein "gäbiger" Spazierweg. Nach dem kurzen Aufstieg war man schon im Grünen und spazierte beim Lörehöldeli dem Waldrand entlang, und ich weiss noch, wie ich dort spätabends herumspazierte, als im Frühjahr 1981 die Sommerzeit eingeführt wurde. Ich konnte nämlich nicht einschlafen. Ich war ein Sommerzeit-Opfer. Als ich mich endlich an die Zeitumstellung gewöhnt hatte, musste man die Uhren wieder umstellen, und die ganze Spaziererei ging wieder von vorne los.

 

Auf dem unteren Allersegg-Hof, der von der Familie Tschudin bewirtschaftet wurde, lernte meine Schwester das Pony- und Pferdereiten, bevor sie überhaupt gross genug war, um selbständig auf einen Pony- oder Pferderücken klettern zu können. Meine Schwester hatte auch viel für die zweibeinigen Tiere übrig. Sie war viel unter Leuten, und ständig hatte sie etwas zu erzählen. Wenn ich die Hausaufgaben gemacht hatte und im Baumgärtli nichts los war, konnte ich mich problemlos mit meinen eigenen Sachen beschäftigen, mit meinen Comicheften, meinen Zeichnungen oder meinen Was-ist-Was-Büchern. Dann befand ich mich sozusagen auf Tauchstation. Meine Schwester war da anders. Es drängte sie permanent irgendwohin und möglichst weit fort. Und möglichst an einen Ort, wo etwas los war. Und so hatte sie immer etwas zu erzählen: über dieses oder jenes Gspänli aus der Schule und über ihren ganzen klatsch- und tratschsprühenden Mädchenbekanntschaftskreis, diese Trullala-Oper zwischen Freundschaftsbändchen und Poesiealben. Ständig waren da irgendwelche Zwistigkeiten und Versöhnungen im Gange, über die man informiert sein musste, und es waren immer sehr viele Namen im Spiel, sodass wir nie so recht kapierten, über wen sie nun eigentlich sprach. Eines Tages erzählte sie etwas von einer Susi, und von da an tischte sie uns fast täglich eine Susi-Geschichte auf. Die Susi sei frech gewesen. Die Susi habe getanzt. Die Susi habe getrötzelt. Die Susi habe das enge Kleidchen nicht tragen wollen. Die Susi habe sich geziert wie eine Prinzessin. Die Susi sei davongelaufen. Die Susi habe ein Halstuch gestohlen. Die Susi habe mit dem Kopf durch die Wand gewollt. Susi hier und Susi dort... Gar nicht so unsympathisch, diese Susi, dachte ich. Das ist eine Lustige. Die müsste man direkt heiraten... Stutzig wurde ich erst, als ich erfuhr, dass die Susi den Sitzplatz vollgeschissen habe. Welchen Sitzplatz? Es war der Sitzplatz der Tschudins. Und was die lustige Susi betraf, so war sie ein munteres kleines Schweinchen. Zwar domestiziert, aber kein bisschen stubenrein. 

 

Am Farnsberg waren wir zu Hause, wir, die Bewohner vom Baumgärtli, wir, die Kinder vom Baumgärtli, wir, die Familie im Baumgärtli 6b, in der ich ungefragt und ohne die geringste Verwunderung über meine Umgebung aufwuchs, wir, meine Schwester und ich, wir alle, die wir Gelterkinden wie ein Modelldorf überschauen konnten und denen es leicht fiel, sich vorzustellen, sie würden die Menschen und Autos zwischen den kleinen, dicht gedrängten Häusern und Häusergruppen wie Playmobil-Figuren hin und her bewegen. Kinder gab es im Baumgärtli gar nicht so viele. Die Aenishänslis, die Vandervolks, meine Schwester und ich vom Baumgärtli 6b. Die ersten paar Jahre wohnten im Haus nebenan noch die Ruppens mit ihren zwei Töchtern. Die beiden Mädchen waren schon im Schulalter, und obwohl sie mit mir und meiner Schwester Ausflüge in den Wald und Spaziergänge durchs Dorf gemacht haben, verschwinden sie in meinen Erinnerungen hinter ihrem Vater, einem hemdsärmligen Hobby-Grilleur und Biertrinker. An heissen Sommertagen stellte er am Gartenhag einen kleinen Grill auf, den er im Nu auf die erforderliche Betriebstemperatur brachte. "Hophop!" rief er, indem er den Bügelverschluss einer Warteck-Bierflasche aufdrückte und zum ersten Schluck ansetzte. Auf dieses Kommando hin eilte Vater zum Gartenhag, um unsere Würste und Koteletts hinüberzureichen. Als ich etwa neun war, zogen die Ruppens fort. Vater Ruppen hatte eine Unterschlagung begangen und musste ins Gefängnis. Frau Ruppen liess sich scheiden und heiratete den für die Verhaftung ihres Mannes (Ex-Mannes) zuständigen Ermittlungsbeamten, mit dem sie an der neuen Adresse zusammenzog. Die Wohnung stand danach jahrelang leer, während der Garten verwilderte. Zuwachs erhielten wir, als nebenan im gleichen Haus, im Baumgärtli 6a, die Vizzardis einzogen. Der Vater Italiener, die Mutter Schweizerin. Der Sohn Ivan wurde für mich und meine Schwester ein unentbehrlicher Spielgefährte. Obschon ein Einzelkind, passte er sich gut ins Baumgärtli ein und war bald überall dabei, ob beim Katzenjagen, Ballspielen, Schlitteln oder auf den Wiesenexpeditionen am Farnsberg. Oft hörten wir ihn durch die Stubenwand hindurch gellend lachen. Dann wussten wir, dass er wieder einen Tom-und-Jerry-Film guckte. Nichts brachte ihn so sehr zum Lachen wie ein Tom-und-Jerry-Film, den er schon hundert Mal gesehen hatte. Ivi war witzig, aber auch etwas träge und weinerlich, ein Riesenbaby mit dem Gesicht eines Tapirs. Seine Gewohnheit, bei jedem Wehwehchen nach seine Mutter zu rufen, erschien uns sehr italienisch, wie aus einem Fellini-Film, obwohl Ivi oder Ivan doch eigentlich nur ein halber Italiener war - und dem Namen nach sogar ein Russe. Manchmal stellten meine Schwester und ich im Garten ein Indianerzelt auf, und jedes Mal, wenn Ivi zu uns hereinkroch, ergriffen wir schon nach kurzer Zeit die Flucht und warfen uns röchelnd ins Gras. Ivis Fürze übertrafen sogar die Fürze unseres Grossvaters, des Grossvatis, der so kraftvoll furzen konnte, dass im ganzen Haus die Schranktüren aufflogen. Ivis Fürze waren aber nicht nur laut, sondern auch stinkig, was womöglich am italienischen Essen lag. Waren wir bei unsern Nachbarn zum Essen eingeladen, mussten wir schon Tage zum voraus auf Schmalkost umstellen, damit wir den italienischen Tafelfreuden gewachsen waren. Vater Vizzardi schenkte allen Gianti ein, auch uns Kindern, und am liebsten sich selbst, und wer "Nein danke" sagte, bekam umgehend einen Grappa eingeschenkt, natürlich irgendein italienisches Privatdestillat, zu dem man unmöglich Nein sagen konnte, und währenddessen kochte Mutter Vizzardi in einem riesigen Kochtopf ihre Polenta. Und das war erst die Vorspeise. Die Vizzardis waren die idealen Nachbarn, und es war uns damals noch gar nicht bewusst, dass Vater Vizzardi auf dem Nachhauseweg manchmal einen Abstecher machte. Eine kleine Extratour. Hier ein Gläschen und dort ein Gläschen. Hier ein Cin cin und dort ein Cin cin. Was im Laufe der Jahre immer häufiger vorkam. Irgendwann war dann das Mass voll, und seine Frau, die es satt hatte, jede Nacht mit dem Wallholz auf ihn zu warten, setzte ihn kurzerhand vor die Tür, so dass er sich eine eigene Wohnung suchen musste. Die ersten paar Jahre lief es aber noch gut, und das Italienische empfanden wir trotz oder gerade wegen der vielen Grappas als Bereicherung. Auf irgendeine Weise waren wir schon vor dem Einzug der Vizzardis sehr italophil gewesen. Unser Auto war ein Fiat. Unsere Biergläser trugen die Gravur "Made in Italy". Einer unserer Lieblingskomiker, nämlich Chico Marx, gab den quirligen Italiener, der auch nach dem zehnten Grappa noch Klavier spielen konnte, und wenn im Fernsehen ein Fellini-Film kam, liess Vater alles stehen und liegen. Für Mutter war Fellini zu ordinär. Sie mochte es nicht, wenn die Schauspieler andauernd furzten und rülpsten. Oder wenn sie sich wegen irgendwelcher Nichtigkeiten anschrien. Aber wahrscheinlich begriff sie einfach die Finessen nicht. Dafür lernte sie - im Gegensatz zu uns anderen war sie einigermassen fremdsprachenbegabt - mit den beiden TV-Knetfiguren "Rosso e Blu" Italienisch, das sie denn auch gebrauchen konnte. Nicht um Fellini zu verstehen, sondern für den Schwatz mit der Nonna, die bei Vizzardis gelegentlich zu Besuch war. Die Nonna war eine runzlige alte Frau, ganz in Schwarz gekleidet, und sie kam von irgendwo aus dem tiefsten Apulien. Regelmässig verbrachten wir zwei Wochen Sommerferien am Lago Maggiore, zwar auf der Tessiner Seite, aber wir sahen das nicht so eng. Italien war einfach dort, wo südlich des Gotthards die Sonne schien und wo die Leute den ganzen Tag "O sole mio" sangen und bei jedem Wehwehchen nach ihrer Mamma riefen. Und wenn die nicht da war, gab es ja noch die Nonna. 1982 war das Jahr, in dem Italien die Welt eroberte. In der Stube unserer Nachbarn fieberten wir mit, als Rossi, Tardelli und Altobelli gegen die Deutschen einen Treffer nach dem andern erzielten. Und dann brach es los, das grosse Erdbeben, das auch unser Haus und das Baumgärtli zum Erzittern brachte. Als die letzte Gegenoffensive misslungen war und der Weltmeister endlich feststand, fiel Vater Vizzardi vor dem Fernsehapparat auf die Knie und küsste weinend die Mattscheibe.