Religion und Wahnsinn

 

Eine Erwiderung auf Richard David Prechts Atheismus-Kritik

 

Wer nicht ganz richtig im Kopf ist, sieht Geister und Dämonen. Er sieht mehr als die Allgemeinheit, und vielleicht sind solche Menschen in frühen Stammeskulturen dazu ausersehen gewesen, die Rolle von Schamanen und geistigen Autoritäten zu übernehmen. Wenn der Blitz einschlug, musste jemand erklären können, was das zu bedeuten hatte. Dieser Jemand war natürlich ein Mensch mit Phantasie, ein Mensch mit Visionen, der womöglich ein bisschen anders tickte als seine Mitmenschen, aber durchaus imstande war, sie mit seinem Anderssein zu begeistern - oder einzuschüchtern. Die Evolution hat den religiösen Wahnsinn zugelassen, weil er sich für das menschliche Kollektiv als nützlich erwiesen hat, zumindest innerhalb der engen Realitätserfahrung von kleinen und einfach strukturierten Gesellschaften. Aber je komplexer sich eine Gesellschaft ausgestaltet und je grösser und vielfältiger ihr Wissen über die Welt wird, desto fragwürdiger wird der religiöse Zusammenhalt.  

 

Richard David Precht, momentan der angesagteste Salonphilosoph in deutschen Landen, hat Unrecht, wenn er den Polemikern des neuen Atheismus - allen voran Richard Dawkins - maliziös unterstellt, sie seien im Grunde genommen genauso fundamentalistisch wie ihre Gegner - einfach ohne Gott. (Talk in der SRF-Sendung "Sternstunden Philosophie" vom 27.12.2009) Kämpferische Atheisten und religiöse Fundamentalisten sind also vom gleichen blinden Glaubenseifer beseelt? Aber lieber Herr Precht, das ist erstens falsch, und zweitens ist das gar nicht der Punkt, auf den es hier ankommt! Sie als Philosoph sollten das eigentlich wissen. Die Tatsache, dass jemand eine Überzeugung hat, verrät noch nichts über die Qualität dieser Überzeugung. Wer hätte nicht irgendeine Überzeugung? Die Frage ist doch: welche Überzeugung? Und die Frage ist auch: was steckt hinter dieser Überzeugung? Argumentiere ich aus einem blinden Glauben heraus oder kann ich meine Argumente rational begründen? Richard Dawkins trifft mit seiner Religionskritik vor allem deshalb ins Schwarze, weil er keinen einzigen Gedanken äussert, der nicht rational nachvollziehbar wäre. Die von Precht unterstellte Symmetrie zwischen dem Chefatheisten und seinen Gegnern existiert nicht. Während nämlich die religiösen Fundamentalisten durch die klare Argumentation von Richard Dawkins zumindest theoretisch in die Lage versetzt werden, die Absurdität ihrer Glaubenssysteme zu durchschauen, ist es dem Wissenschaftler Richard Dakwins unmöglich, irrationale Überzeugungen zu teilen - oder auch nur gutzuheissen. Dies zu tun, würde für ihn (und letztlich uns alle) bedeuten, dass eins plus eins auch drei geben kann. Für die Wissenschaft und unser aller Zusammenleben wäre dies verheerend. Wenn die Hemmung entfällt, jeden Unsinn für bare Münze zu nehmen, öffnet man dem Irrsinn Tür und Tor. So macht man sich erpressbar, weil man den Irren das Recht einräumt, ihren Wahnsinn, den sie natürlich nicht als solchen durchschauen, mit einem unhinterfragbaren Geltungsanspruch auszustatten. Bei dieser Art von Toleranz kann der Schuss gewaltig nach hinten losgehen. Meinungen zu tolerieren oder sogar in Schutz zu nehmen, die logisch, ethisch und wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen sind, ist ein Spiel mit dem Feuer. Die Geschichte  - und auch die aktuelle Weltlage, vor allem in Bezug auf den Islam - zeigt uns, wohin es führt, wenn sich religiöse Überzeugungen gegen logische Argumente immunisieren. Insofern steht Dawkins Haltung auf einer völlig anderen Grundlage als die Haltung seiner Gegner. Während Dawkins eine klare und für jeden nachvollziehbare Logik vertritt, verstricken sich seine Gegner fortwährend in Widersprüche und fallen auf die eigenen falschen (nicht realitätstauglichen) Prämissen herein. Sie stellen unreflektierte Behauptungen in den Raum, plappern ein tradiertes Gedankengut nach, das keiner ernsthaften Überprüfung standhält, und lassen durch eine "kritikimmune" Weltsicht (Hans Albert) jeden Einspruch auflaufen. Mit einem Affen kann man diskutieren, zum Beispiel mittels Zeichensprache, nicht aber mit einem religiösen Fundamentalisten. Wobei das Problem ja schon damit anfängt, dass es unzählige verschiedene Religionen mit unzähligen alleinseligmachenden Wahrheiten gibt. Religionen sind definitiv nicht das, was sie zu sein vorgeben. Sie können die Welt weder erklären noch hinterfragen noch die Bestimmung des Menschen auch nur einigermassen plausibel und allgemeinverbindlich definieren. Sie sind - um es postmodern auszudrücken - nicht diskursfähig. Stattdessen bleiben sie inhaltlich und ideologisch an ihre Ursprünge gebunden. Der Islam bleibt in der Wüste, und das Christentum bleibt im antiken Rom. Und hier haben wir denn auch eines der grössten Probleme, mit denen wir uns im 21. Jahrhundert herumschlagen müssen. Normen und Weltanschauungen vergangener Zeiten und Kulturen als überzeitlich und alleingültig auszugeben, ist ein ziemlich starkes Stück. Wieso lässt man sich das noch gefallen? Wieso darf man nach Newton, Darwin und Einstein noch irgendwelchen Schwachsinn für unantastbar erklären, der in einem angeblich heiligen Text steht? Mit welchem Recht darf man Wahnvorstellungen als “göttlich inspiriert” ausgeben? Wieso müssen blind tradierte Denknormen vergangener Epochen als heiliges Frachtgut behandelt werden? Genau dieses Problem bringt Dawkinks schonungslos auf den Punkt.

 

Was Precht und viele andere Leute an Dawkins nicht ausstehen können, ist seine Unzimperlichkeit. Er lässt kein Hintertürchen offen, schiesst mit Kanonen auf Spatzen. Nicht einmal die an sich begrüssenswerte Sonntagsschul-Religiosität ("Es ist alles nur symbolisch gemeint") kommt bei ihm ungeschoren davon; ihr unterstellt Dawkins Naivität und Blindheit. Aufgeklärte Christen, sogenannte Sonntagsschul-Christen, tendieren laut Dawkins dazu, das Wesen und den Charakter von Religionen auf unzulässige Weise zu idealisieren. Sie verkennen die Gefahren, weil sie mit ihrer selektiven Glaubensauffassung alles weginterpretieren, was dem modernen Welt- und Menschenverständnis zuwiderläuft. Dawkins sieht diese Problematik realistisch. Moderne Gläubigkeit ist nicht per se die "richtige" Form von Gläubigkeit. Sie ist genauso problematisch wie der Fundamentalismus. Die liberalen Christen pflegen ein humanistisches Kultur-Christentum, ein "Christentum-Light", das sie als Massstab für Religiosität nehmen, wobei sie alle Diskrepanzen ausblenden oder elegant weginterpretieren. Den logischen Schritt in den Atheismus vollziehen sie nicht. Hier kneifen sie. Im Zweifelsfall spannen sie dann doch lieber mit den Fundamentalisten zusammen. Und nehmen sie gegen Religionskritik in Schutz.

 

Mit dieser Einschätzung düpiert Dawkins auch die Gemässigten unter den Religiösen und zieht sich den Vorwurf zu, ein Fanatiker zu sein, “mit dem man nicht reden kann”. Doch genau solche Reaktionen zeigen, wie berechtigt Dawkins Angriffe sind. Was Dawkins kritisiert und entlarvt, ist ja nicht das Ethos eines Gläubigen, der sich für die Armen und Schwachen einsetzt, ein Ethos, das man im übrigen auch bei den härtesten Atheisten findet, es ist vielmehr die Anmassung, unbewiesene und völlig irrationale Überzeugungen für sakrosankt zu erklären. Was natürlich auch an die Grundüberzeugungen mancher Normalgläubigen rührt, die, obwohl äusserlich mit dem Säkularismus versöhnt, "im Grunde ihres Herzens" das Welterklärungsmonopol der Naturwissenschaften ablehnen. Mit seiner Kritik erwischt Dawkins, was für die ganze Auseinandersetzung bezeichnend ist, nicht nur die Fundamentalisten, sondern auch die Gemässigten. Es gelingt ihm, schlafende Hunde zu wecken. Wer noch der Meinung ist, die "Normalgläubigen" könnten etwas gegen den Fundamentalismus ausrichten, ist im Gegensatz zu Dawkins weit davon entfernt, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Zwischen Gemässigten und Radikalen werden Bündnisse geschlossen, heilige und unheilige Allianzen.

 

Ein gutes Beispiel für diesen Trend ist “Die Nacht des Glaubens” in Basel, eine christliche Propaganda-Veranstaltung der Extraklasse. Das Spezielle und Anstössige daran: die protestantische Landeskirche schliesst sich mit den Freikirchen zusammen. Der wohl wichtigste Grund für diesen Zusammenschluss liegt in der abnehmenden Akzeptanz gegenüber der offiziellen protestantischen Kirche, die eine liberale und vernünftige Theologie vertritt. Eine Theologie mit Hirn, aber wenig Unterhaltungswert, wenig Erlebnischarakter. Vernunft lässt sich schlecht vermarkten, in einer kapitalistisch dynamisierten und spassorientierten Gesellschaft verliert eine Kopfreligion früher oder später ihren Sockel. Der moderne Protestantismus siecht vor sich hin. Da ihm die Kirchgänger scharenweise davonlaufen, gerät er unter Zugzwang und spannt bereitwillig mit den rasant wachsenden Freikirchen zusammen. Deren Schattenseiten ignoriert er nach dem Motto: Hauptsache christlich. Hauptsache nicht katholisch. Dass die wortwörtliche Bibelauslegung, die Brandmarkung der Homosexualität als Krankheit oder die Verteufelung des Darwinismus dem Leitbild einer aufgeklärten Theologie widersprechen, scheint den Wendehals-Protestanten egal zu sein. Von dem Schulterschluss mit den Evangelikalen erhoffen sie sich einen Verjüngungseffekt: jung, bunt und dynamisch soll die offizielle Kirche sein, ganz nach dem Vorbild der fundamentalistischen Freikirchen. Die Freikirchen ihrerseits sehen es natürlich als Ritterschlag, wenn sie von der offiziellen Kirche in gemeinsame Projekte eingebunden werden. Endlich kommen sie aus der Sekten-Ecke heraus und dürfen sich als vollwertige Repräsentanten des Christentums fühlen. Was bei diesem Deal auf der Strecke bleibt, ist die aufgeklärte Theologie von Bultmann bis Sölle, ein Protestantismus, der sich von der Leichtgläubigkeit früherer Zeiten verabschiedet hat. Ähnliche Allianzen zwischen Radikalen und Gemässigten gibt es auch im Islam. Ein Religionskritiker bekommt das heutzutage sehr schnell zu spüren. Sobald er ein bisschen am Glaubensfundament rüttelt, hat er nicht nur die Fundamentalisten gegen sich, sondern auch die Gemässigten, die ihn eigentlich unterstützen sollten. Während die Gemässigten ihre Kooperation mit dem Fundamentalismus als völlig unbedenklich abtun, verlästern sie Richard Dawkins als “fundamentalistischen Atheisten”. Kein Vorwurf könnte weiter daneben treffen. Ins gleiche Horn stösst nun auch Precht, der es eigentlich besser wissen müsste. Irgendwie seltsam und doch auch erhellend. Indem die gemässigten Religionsvertreter - und auch manche Humanisten wie Precht - den Spiess umdrehen und einen bedeutenden Religionskritiker zum Fundamentalisten stempeln, outen sie sich als religiös verwundbar. Den Respekt vor Religionen stellen sie über den gesunden Menschenverstand. Dawkins behauptet nämlich etwas, das auch für viele Mainstream-Gläubige und Humanisten eine Zumutung darstellt. Insofern sich Religionen ins Leben einmischen (und das tun sie fast immer) müssen sie gewissen logischen, ethischen und wissenschaftlichen Fragen standhalten. Tun sie das nicht, (und das tun sie fast nie), darf man das öffentlich aussprechen und anprangern. Dass Dawkins in seiner Wut manchmal etwas zu weit geht und mit einem Holzhammer auf rohe Eier einschlägt, halte ich angesichts des weltweit grassierenden religiösen Fanatismus für zulässig. Ja, Dawkins zeigt Emotionen, er zeigt, dass ein Plädoyer für die Vernunft sowohl scharfsinnig als auch phantasievoll und leidenschaftlich sein kann. Auch damit setzt er seine Gegner schachmatt. Mit ihrer Behauptung, wissenschaftliche Rationalität sei leidenschaftslos, kalt und eindimensional, liegen sie nämlich definitiv falsch. Gut, dass Dawkins diesen Irrtum berichtigt hat. Und was Richard David Precht betrifft, so könnte er von Dawkins lernen, dass Philosophie nicht nur im luftleeren Raum schöngeistiger Eloquenz stattfindet, sondern mitunter von harten Notwendigkeiten getrieben sein kann. Beschämend genug, dass man dreihundert Jahre nach Voltaire immer noch gegen religiösen Stumpfsinn ankämpfen muss. Dawkins tut nur, was getan werden muss. Er plädiert für die Vernunft, und wenn er dabei zum Fanatiker wird, so tut dies seiner Sache keinen Abbruch. Nicht der Fanatismus an und für sich ist hier das Problem, sondern der religiöse Fanatismus. Anstatt also die neuen Atheisten (die so neu gar nicht sind) als verbohrte Rationalismusfanatiker zu brandmarken, täten wir gut daran, hinter der scheinbaren Paradoxie ihres gottlosen Glaubenseifers die Dringlichkeit zu beachten, mit der man sich in der modernen Welt gegen schädliche und unhaltbare Irrationalismen zur Wehr setzen muss. Selbstveständlich tut dies Dawkins als Biologe, und seine Polemik richtet sich denn auch vornehmlich gegen den Kreationismus. Insofern ist er in seinem kritischen Furor keineswegs so fundamental, wie ihm häufig unterstellt wird. Sein Ansatzpunkt ist naturwissenschaftlich, obwohl er in seinem allseits bekannten Bestseller "The God Delusion" ("Der Gotteswahn") die problematische mentale Verfassung der religiösen Fundamentalisten in den Vordergrund stellt. Dawkins möchte der naturwissenschaftlichen Logik und Evidenz die nötige Nachachtung verschaffen. Das Problem dabei ist, dass nicht jeder Gläubige das naturwissenschaftliche Weltbild ablehnt, weshalb sich Dawkins seinerseits dem Vorwurf ausgesetzt sieht, ein Fundamentalist zu sein. Was er vertritt, ist ein wissenschaftlicher Fakten-Dogmatismus. Dawkins hat in der Sache zwar Recht - Fakten sind nun mal Fakten, die Welt ist keine Scheibe, und religiöse Behauptungen sind Blödsinn - aber der naturwissenschaftliche Ansatz ist gleichwohl problematisch, weil er die Kernelemente des Glaubens zu wenig berührt. Den eigentlichen Knackpunkt nicht erfasst. Und insofern ist die Kritik an Dawkins ein Stückweit berechtigt. Allerdings kann man Dawkins nicht vorwerfen, er sei zu radikal. Das Problem ist eher andersherum aufgewickelt. Dawkins ist viel zu nett. Sein Atheismus nimmt den Gegner nicht mit der angemessenen Radikalität auseinander.

 

Sigmund Freud ist da wesentlich radikaler gewesen. Seine Religionskritik bleibt unüberbietbar. Und auch unwiderlegbar. Und vor allem: sie betrifft auch die Normalgläubigen. Beziehungsweise die psychische Struktur, die dem Glauben zugrunde liegt. Nach dem Giftgasanschlag der Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn und den Aktivitäten von Al-Kaida rund um 9/11 ist Freud derjenige, der Recht behält. Der religiöse Terrorismus ist in der Tat ein religiöses Phänomen! Wer hätte das gedacht! Wenn immer noch krampfhaft behauptet wird, solche Gräueltaten hätten nichts mit Religion zu tun, so könnte man mit Freud darauf hinweisen, dass das eine Schutzbehauptung ist. Ein Geistesgestörter kann Menschen umbringen. Er kann aber auch harmlose Dinge tun. Zum Beispiel Pflastersteine zählen. Ob er das eine oder andere tut: die Unterschiede sind nur graduell. Die Ad-hoc-Unterscheidung zwischen einer "guten" und einer "bösen", einer "richtigen" und einer "falschen" Religiosität scheitert an ihrem Anspruch. Schon rein methodisch. Wer sagt denn, wo die Grenze verläuft? Wer setzt die Kriterien fest? Der liebe Gott? Der Papst? Der Dalai Lama? Der Obermufti aus Gruftistan? Im liberalen Mainstream hat sich ein Erklärungsmuster durchgesetzt, das die Freudsche Schutzbehauptung der "guten und richtigen Religion" zum Standard erhoben hat.  Man geht davon aus, dass Religionen in ihrem Original- oder Idealzustand, den man natürlich selber definiert, friedlich und human sind. Und dass die Gläubigen erst durch ungute Einflüsse politischer oder sozialer Art auf die schiefe Bahn geraten, nicht durch die Religion an sich. Denn die Religion an sich ist gut. Sie hat jenen "wahren und guten Kern", den es sowohl gegen die Atheisten als auch gegen die religiösen Extremisten zu verteidigen gilt. Und hier fängt der religiöse Unfug schon an. Diesen "wahren und guten Kern" verteidigen nämlich auch die Fundamentalisten - und sogar die religiösen Terroristen. Nur definieren sie ihn halt ein bisschen anders. Jeder biegt sich sein religiöses Ideal irgendwie zurecht. Wobei die Fundamentalisten insofern im Vorteil sind, als sie den textbasierten religiösen Absolutheitsanspruch gradlinig in die Tat umsetzen können. Die Mühe aufwändiger Interpretation können sie sich sparen.

 

Die Rede von der Religion, die an und für sich gut ist, aber von bösen Menschen (oder von bösen politischen Kräften) vereinnahmt und korrumpiert wird, ist zweischneidig. Sie stützt nicht nur die liberale Religiosität, sondern auch den Fundamentalismus. Es ist eine Diktion, die im liberalen Mainstream oft genug gegen Religionskritik aufgeboten wird, aktuellerweise vor allem nach islamistischen Terroranschlägen. Es ist eine Diktion, die an der Sache vorbeigeht, weil sie einer religionsinhärenten Logik folgt: die Religion wird hier verteidigt, nicht hinterfragt. Unterschwellig nimmt man damit den Fundamentalismus in Schutz. Sowohl die liberalen Gläubigen als auch die Fundamentalisten meinen, das richtige Verständnis ihrer Religion (oder von Religion im allgemeinen) zu haben, und beide meinen zureichende Gründe zu haben, weshalb sie im Recht sind. Auch der liberale Theologe, der sich für tolerant hält, arbeitet unablässig daran, seinen eigenen Standpunkt als den richtigen herauszustellen. Dem Fundamentalisten spricht er die "richtige" Religiosität ab. Allerdings ist er sich der gemeinsamen Basis bewusst. Für ihn ist die "richtige" Religiosität eine Frage des Masses. Oder der richtigen Auswahl. Die Religiosität an sich kritisiert er natürlich nicht, und was den Fundamentalismus betrifft, so kritisiert er ihn nicht wie ein Atheist, sondern vom Standpunkt des Glaubens her. Auch der liberale Theologe hat eine religiöse Überzeugung und eine religiöse Lesart. Was ihn vom Fundamentalisten unterscheidet, ist das Bemühen, den Glauben an säkularistischen und humanistischen Werten auszurichten. Insofern hält er den Glauben für beliebig formbar. Diese Formbarkeit hat allerdings den Haken, dass sie ständig gegen den überzeitlichen Anspruch der heiligen Schriften ankommen muss und in letzter Konsequenz den Glauben auflöst, da sie die religiöse Verbindlichkeit - und damit auch die religiöse Gruppenbindung - aushöhlt. Glauben ist dann nur noch subjektive Interpretationssache. Für den Fundamentalisten eine Verfälschung oder Pervertierung des "wahren und guten Glaubens", den er in der wortwörtlichen Schrifttreue findet. Diese wiederum ist für den liberalen Theologen eine Verfälschung oder Pervertierung des "wahren und guten Glaubens", weil der Glaube, so die liberale Auffassung, etwas Gewordenes und Wandelbares sei, etwas Kontexthabhängiges und Menschengemachtes, womit die liberale Theologie meist ungewollt eine Türe zu Feuerbach und Marx aufstösst. Die liberale Theologie ist der gutgemeinte Versuch, einen Spagat zwischen religiösem Absolutheitsanspruch und einer lebbaren modernen Spiritualiät zu machen. Was natürlich nicht aufgeht. Oder nur unter der Voraussetzung, dass man die heiligen Schriften so gut wie möglich umschreibt und zurechtstutzt. So kommt es, dass sich die meisten christlichen Theologen auf den bequem verkündbaren Jesus der Nächstenliebe konzentrieren, den Sozialarbeiter-Jesus, und die Kernbotschaft des Christentums ausblenden: das Ostermysterium, die Auferstehung. So wie sie auch alle anderen Glaubenselemente ausblenden, die nicht in das moderne Weltbild passen. In letzter Konsequenz ist dann alles Biblische nur noch symbolisch gemeint. Und genau das ist der Knackpunkt. Das Ostermysterium wäre kein Mysterium, wenn es nur symbolisch gemeint wäre. Hier zündet das Evangelium seine heimliche Atombombe. Hier wird denn auch der Spreu vom Weizen getrennt. Entweder glaubt man. Oder man glaubt nicht. Punkt.

 

Im Grunde genommen haben wir hier zwei Rosinen, die im gleichen Teig stecken. Auch die Gemässigten sind in den religiösen Wahn verstrickt. Egal, ob sie mit dem Fundamentalismus gemeinsame Sache machen oder ihn abwehren: sie hängen mit drin. Und jeder Versuch, religiös motivierte Gräueltaten von der "wahren und guten" Religiosität abzuspalten, ist Teil des Problems - und nicht die Lösung. Gerade deshalb sollte man jede Argumentation für die "richtige" Religiosität mit dem Skalpell des gesunden Menschenverstandes kappen. Es gibt keine "richtige" Religiosität. Religionen sind von Grund auf bescheuert, weil der religiöse Absolutheitsanspruch immer mitläuft. Man kann ihn unterdrücken, - was im Mainstream-Christentum selten ein Problem darstellt, weil das Christentum eine tief verwurzelte platonische Prägung hat und dank dem jesuanischen Diktum der Trennung von Weltlichkeit und Geistlichkeit keine absoluten Zugriffsrechte auf das Leben der Gläubigen besitzt. Radikale Christen können die Gesellschaft nicht im gleichen Masse vereinnahmen, wie das zum Beispiel radikale Muslime können. Doch letztlich bleibt der religiöse Extremismus auch im Christentum eine Gefahr. Die vernünftigen und humanen Seiten, die es durchaus gibt, kann man nicht aus dem Ganzen heraustrennen und isolieren - so wie man auch nicht herzhaft in einen Apfel beissen kann, von dem man weiss, dass ein Wurm drin ist. Hier setzt Freud an, wenn er im Glauben eine psychische Übertragung aufdeckt, die er zugleich als Fluchtbewegung deutet. Der gläubige Mensch sucht sich von den Zumutungen der geistigen Selbstautorisierung und einer sinnlosen Welt zu befreien, indem er sich einer projektiven elterlichen Autorität zuwendet. Diese Autorität in Verbindung mit der Nestwärme religiöser Gruppenzugehörigkeit gibt dem Einzelnen das wohltuende Gefühl, dass alles irgendwie seine Richtigkeit habe. Die Vorstellung einer höheren Ordnung und eines personalen, planvoll lenkenden Gottes tröstet über die tatsächlich vorhandene Sinnlosigkeit alles Seienden hinweg. Wobei dann eben das Theodizee-Problem ("Wie kann ein guter Gott das naturbedingte Übel in der Welt zulassen?") zu einer steten Abwehr zwingt. Der religiöse Mensch muss eine Logik verteidigen, die eigentlich wahnsinnig ist. Ist er Christ und einigermassen bibelkundig, versucht er sich in der Regel mit der Hiobsgeschichte aus der Affäre zu ziehen. Es ist eine gute Geschichte, eine Art Kneipenwette zwischen Gott und Teufel. Und eine gute Geschichte ist es insofern, als sie sich selber ad absurdum führt. Sie will uns eine Moral vermitteln. Vermutlich möchte sie uns sagen, dass das Leiden gottgewollt ist. Gott prüft uns, so wie er Hiob geprüft hat. Und auch wenn uns manches unbegreiflich scheint: von Gott her ergibt es Sinn. Im Vertrauen auf Gott müssen wir diese Unbegreiflichkeit annehmen. So wird es von der Kanzel herab gepredigt. Doch hier fangen die Fragen eigentlich erst an. Welche Art von Prüfung soll denn ein Neugeborenes bestehen, dass gleich nach der Geburt stirbt? Oder nehmen wir die 50 bis 100 Millionen Toten der Spanischen Grippe. Das waren mehr Tote, als die beiden Weltkriege gefordert haben. So etwas nennt man nicht Prüfung, sondern Massensterben. Jemand, der mit einer Dampfwalze über einen Ameisenhaufen fährt, erlegt der einzelnen Ameise keine Prüfung auf. Die einzelne Ameise ist ihm egal, und auch wir sind dem hypothetischen Gott egal. Wir sind nicht gemeint, wenn er mit der Dampfwalze über uns hinwegfährt. Wir kommen einfach unter die Walze, weil wir da sind. Die einen überleben, die anderen nicht, und keiner weiss, warum es jenen dort erwischt und den anderen nicht. Die Natur kennt kein Erbarmen - und ebensowenig einen Gerechtigkeitssinn. Und das Gleiche gilt auch für das, was wir als Schicksal oder Fügung bezeichnen. Selten bekommt man, was man verdient, und noch seltener verdient man, was man bekommt. Der sadistische KZ-Arzt, der nach Argentinien geflohen ist, feiert seinen hundertsten Geburtstag bei bester Gesundheit und inmitten fröhlicher Enkel und Urenkel, die ihn hochleben lassen. Und daneben der junge idealistische Arzt, der sich in Afrika beinahe unentgeltlich für die Armen einsetzt und auf der Fahrt zu einem Kranken tödlich verunfallt. Die absolute Willkür. Wo soll da ein Gott sein? Wie kann man angesichts dessen an einen Gott glauben? Anstatt in die Kirche zu rennen, könnte man sich auch ein Schild umhängen, auf dem zu lesen wäre: "Ich bitte um Schonung. Vor allem schonen Sie meinen Verstand. Ich bin ein religiöser Idiot". Vollends lächerlich werden religiöse Vorstellungen, wenn wir uns die Sinnlosigkeit des Universums vergegenwärtigen, eines Universums, in dem wir nicht mal die Bedeutung von Mikroben haben, die einen Wassertropfen im Pazifischen Ozean bewohnen. Die maritimen Mikroben treffen wenigstens hin und wieder auf Artgenossen, die einen andern der vielen Billiarden, Trilliarden oder Quadrillionen Wassertropfen des Ozeans bewohnen. Der Ozean ist für diese Lebewesen nichts Feindliches. Wir hingegen finden uns in einem kosmischen Abgrund aus Leere und blind agierender Materie, die uns jederzeit umbringen könnte. Wir sind ein Zufallserwachen im Chaos, und dieses Chaos wird uns auch wieder verschlingen. Wir könnten genausogut nicht existieren. Die Evolution hätte genausogut einen völlig anderen Verlauf nehmen können. Wären die Dinosaurier nicht ausgestorben etc. etc. Das Ganze ist - wie uns die Wissenschaft eindrücklich zeigt - nicht für uns gemacht, nicht für uns ausgelegt, wir sind nicht das Ziel und nicht die Absicht. Vermutlich werden wir in ein paar Millionen Jahren (eine optimistische Einschätzung!) schon nicht mehr existieren, und jede religiöse Vorstellung wird sich mit uns zusammen - mit allen Einzelschicksalen, Sorgen, Freuden, Zivilisationen, Kunstwerken etc. etc. - auf Nimmerwiedersehen aufgelöst haben. Das Gleiche passiert mit jedem einzelnen von uns. Kaum sind wir auf der Welt, müssen wir gegen die Entropie ankämpfen. Wir fallen sozusagen in Zeitlupe auseinander: wie jene absurden Trickfilm-Figuren, die mit dem verkohlten Rest einer explodierten Dynamitstange in der Hand ein erstauntes Gesicht machen, während sie langsam auseinanderfallen. Geistig und körperlich sind wir auf Abbruch und Auflösung programmiert. "Würmerfrass" nannte uns Shakespeare. Er war es denn auch, der unsere fragwürdige Existenz wie kein anderer auf den Punkt gebracht hat:

 

Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild;

Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht

Sein Stündchen auf der Bühn', und dann nicht mehr

Vernommen wird: ein Märchen ist's, erzählt

Von einem Dummkopf, voller Klang und Wut,

Das nichts bedeutet. -

 

Bedeutsam sind hier vor allem die letzten drei Wörter: "Das nichts bedeutet". Wir sind bedeutungslos. Als Lebensform, Gattung und Inidividuen. Ein Rülpser im Nichts. Diesen Rülpser mit den Absichten eines Gottes zu verbinden - eines Gottes, der sogar einen Heilsplan verfolgt - ist ziemlich gewagt. Das wiederum beeindruckt mich an Religionen - und besonders an den monotheistischen Religionen. Sie riskieren ein logisch unmögliches Gedankenexperiment. Wenn man sich die Geschichte von Hiob anhört, ist man nachher verwirrter (oder ungläubiger) als vorher. Sie kann die Existenz eines guten und allmächtigen Gottes nicht plausibel machen. Gott prüft Hiob, und Hiob besteht die Prüfung, was sich für ihn auszahlt. Das ist alles, was uns die Geschichte erzählt. Die Pointe ist nicht allzu überraschend: Hiob wird für sein Gottvertrauen belohnt. Wer hätte das gedacht! Wäre auch gar zu dumm gewesen, wenn der gute Mann umsonst gelitten hätte! Und damit ist klar: dass gute Menschen unverdientes Unglück erleiden, ist hier eigentlich gar nicht gemeint. Die Moral der Geschichte weist eher in die andere Richtung. Letztlich bekommt man, was man verdient, und verdient, was man bekommt. Nur entspricht das eben nicht unserer Realitätserfahrung. Kaum verständlicher wird die Sache dadurch, dass sich Gott am Ende der Geschichte auf die Brust trommelt wie King Kong, um die menschliche Nichtigkeit zu betonen. Damit weist er jeden möglichen Zweifel oder Einwand zurück. Er verhält sich wie ein Kraftprotz, der die Muskeln spielen lässt, um sein Gegenüber einzuschüchtern - und jede Diskussion im Keim zu ersticken. Die Hiobsgeschichte lässt uns mit einem schalen Gefühl zurück. Sie lässt uns auflaufen. Wäre sie von einem modernen Autor geschrieben worden, hätte Reich-Ranicki jeden erdenklichen Grund, sie mit einem "So nicht!" zu verreissen. Der Widerspruch bleibt. Ist Gott gut, kann er nicht allmächtig sein. Ist er allmächtig, kann er nicht gut sein. Das Leiden hat keinen Sinn. Man kann daran herumklügeln, soviel man will. Die Schöpfung ist eine Höllenmaschine. Sie funktioniert. Aber zu welchem Preis? Und wer oder was kann diesen Preis rechtfertigen? Die Realität, so weit sie für uns fassbar ist, bestätigt eigentlich nur, dass da kein Gott ist, der vernünftigerweise angebetet werden kann. Der philosophische "Sprung in den Glauben" (Blaise Pascal, Kierkegaard) bleibt wohl eine Sache von Philosophen. In der nicht-philosophischen Praxis der menschlichen Existenz, auch Leben genannt, gibt man damit den Verstand an der Garderobe ab. Der religiöse Mensch muss mit dieser Diskrepanz fertig werden: eine gefährliche Überforderung. Entweder setzt er auf Verdrängung und flüchtet in eine Scheinwelt. Oder er wird zum religiösen Fanatiker und knüppelt alle logischen Einwände nieder. Die religiöse Gefahr, die Freud klar erkannt hat, liegt darin, das das regressiv-kindliche Wunschdenken (Wundergläubigkeit, Offenbarungsglauben, das Gefühl der Lenkung und Beglaubigung von oben etc.) massiv gekränkt wird, wenn die Realität mit dem religiösen Weltbild nicht harmoniert. Eine Zeitlang kann man diese Harmonie vielleicht hinbiegen: mit viel Weihrauch und autosuggestiven Beschwörungen und Ritualen. Aber auf Dauer zeigen sich dann doch ein paar Risse, die man nicht verdrängen kann. Und wehe, diese Risse werden grösser! Die uneingestandene Widersinnigkeit des Glaubens treibt den Gläubigen in ein kompensatorisches Sicherheits- und Überlegenheitsszenario, das sich in Dogmatismus, Glaubenseifer und rituellen Handlungen manifestiert. Mit diesem Befund rückt Freud den Glauben in die Nähe einer ganzen Reihe psychischer Erkrankungen, die mit ähnlichen Mechanismen zusammenhängen.

 

Mit seiner Religionskritik geht Freud viel weiter als Dawkins, der sich lediglich an irrationalen Wahrheitsaussagen festbeisst. Damit bleibt Dawkins oft an der Oberfläche. Er fokussiert und kritisiert, was religiöse Menschen für wahr halten. Doch deren "Für-wahr-Halten" betrifft immer nur das Faktische. Auf dieser Ebene kann man Religionen relativ leicht demontieren. Jeder durchschnittlich intelligente Primarschüler kann das Christentum oder den Islam als faktenwidrig entlarven, dazu braucht es keinen renommierten Naturwissenschaftler. Schwieriger wird es, wenn es um Bedeutungsmuster und Erfahrungswerte geht, die sich nicht im Faktenglauben erschöpfen. Auch unterscheidet Dawkins kaum zwischen den verschiedenen Religionen. Er macht keine Qualitätsunterschiede, wirft alles in den gleichen Topf. So verkennt er zum Beispiel, dass das Christentum schon in den Evangelien (Matthäus 22,21) dem Säkularismus den Boden bereitet hat. Und dass durch die christliche Vorstellung eines Gottes, der Mensch geworden ist, ein menschenzentriertes, von Grund auf humanistisches Weltbild geschaffen wurde, das dem Islam fremd ist. Dawkins nimmt die Religion als Gesamtphänomen unter Beschuss. Wenn er aber konkret wird, zielt er allzu schnell auf das Christentum ab. Eine Haltung, die man bei vielen Atheisten findet. Klar, der Atheismus ist in der Auseinandersetzung mit dem Christentum entstanden. Christen und Atheisten sind wie ein altes, ständig verkrachtes Ehepaar. Man kann nicht miteinander, aber ohne einander kann man auch nicht. Und eigentlich hat sich dieser Krach überlebt. Im 21. Jahrhundert geht die atheistische Fixierung auf das Christentum am gefährlichsten religiösen Fanatismus vorbei. Es gibt keine radikalen Christen, die sich mit Sprengstoffgürteln in die Luft sprengen oder Flugzeuge in Hochhäuser lenken. Auch arme und unterdrückte Christen morden (fast) nie im Namen ihrer Religion. Diesen Unterschied allein auf politische und soziale Faktoren zurückzuführen, greift zu kurz. Das Christentum hat den Sprung in die moderne Welt geschafft, der Islam nicht. Das Christentum kennt einen liberalen Mainstream, der Islam nicht. Das Christentum kann in Übereinstimmung mit säkularen Grundwerten gelebt werden, der Islam nicht. Der Islam ist eine Staats-, Gesellschafts- und Rechtsordnung, die mit einer säkularen Gesellschaft nicht vereinbar ist. In der Diaspora bietet der Islam eine Zwischenlösung an, die als solche klar definiert ist. Eine solche Regelung kennt das Christentum nicht: Weltliches und Geistliches sind hier schon immer getrennt gewesen. Nicht absolut - und nicht überall gleich stark. Aber die Trennung ist schon in der theologischen Grundanlage enthalten: als eine Art Programm. Man könnte sogar argumentieren, dass es ohne das Christentum keinen Humanismus, keinen Säkularismus und keinen Atheismus gäbe. Das Christentum konnte sich - wenn auch unter Krämpfen - selber entmachten und verweltlichen, was dem Islam nicht möglich ist. Eine Liberalisierung ist im Islam ziemlich schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. De facto gibt es kein einziges muslimisches Land mit einer säkularen Gesellschaftsordnung, und wenn doch, handelt es sich um eine Art Interventionismus, der installiert worden ist, um die allgegenwärtige Krake der Religion in Schach zu halten. Die Behauptung, eine islamische Aufklärung sei existent und wirksam, entspringt einem Wunschdenken, das man belächeln könnte, wäre es nicht so gefährlich. Natürlich gibt es - zumindest bei uns in Europa - eine Menge Muslime, die total säkularisiert sind und die man nur noch pro forma als Muslime bezeichnen kann, so wie man auch die meisten Christen nur noch pro forma als Christen bezeichnen kann. Dennoch rangiert das Religiöse - als Wert, vor dem man Respekt haben muss - bei Muslimen sehr viel höher als bei Christen. Seltsam ist nun Folgendes: ich habe mit einigen Sunniten und Schiiten, die in der Schweiz aufgewachsen sind und nach aussen hin völlig angepasst wirken, über ihre Religion, respektive Konfession geredet, und ich war jedes Mal baff, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Muslime, die zwar religiös sind, aber keineswegs fanatisch religiös, am Säkularismus vorbeidenken und vorbeireden. Sobald man mit ihnen über Religion redet, bekommen sie glänzende Augen und hoffen darauf, dass man ihnen als Christ den nötigen Respekt bezeigt. So nach dem Motto: "Wir sind beide supertolerant und begegnen uns auf Augenhöhe. Wir respektieren uns gegenseitig, weil wir an Gott glauben. Und weil die Religion für uns das Höchste ist." Fragt man sie dann, ob sie nicht lieber in einer islamischen Gesellschaft leben würden, antworten sie: "Nein. Wir schätzen und achten jede Religion. Wir sind für Pluralismus. Aber es wäre halt schön, wenn die westliche Gesellschaft etwas religiöser wäre!" Hier lassen sie die Katze zwar nicht aus dem Sack, aber man hört das Miauen schon sehr deutlich. Äussert man sich dann religionskritisch, erlebt man sein blaues Wunder. Plötzlich wähnt man sich im tiefsten Mittelalter. 300 Jahre Aufklärung für die Katz! Ich frage mich, ob dahinter nicht ein Versagen der Schulen steckt. Soweit ich mich an meine eigene Schulzeit erinnern kann - zugegeben, die Erinnerungen sind etwas verschwommen, weil ich im Unterricht häufig an meinen Filzstiften geschnüffelt habe - war es schon damals so, dass man Religionen ziemlich unkritisch betrachtet hat. Der Dreissigjährige Krieg wurde zum Beispiel überhaupt nie durchgenommen. Im Gegensatz zu den Kreuzzügen. Aber da konnte man auf das finstere Mittelalter verweisen - und auf die bösen Päpste von damals. Dass Luther alles noch schlimmer gemacht hat: nebensächlich. Kein Wort über die Leichenberge der Reformation und Gegenreformation. Kein Wort über die Bartholomäusnacht und die glorreiche spanische Inquisition. Kein Wort auch über die Belagerung von Wien durch die osmanischen Invasoren, der gescheiterte Versuch einer gewaltsamen Islamisierung Europas: viel zu heikel. Die Bösen sind grundsätzlich nie die andern gewesen - und schon gar nicht die Muselmanen, die doch in Andalusien eine reiche Kultur entfaltet haben. Hauptsache man tritt niemandem auf die Füsse. Schliesslich ist der Islam eine Religion des Friedens, wie auch das moderne Christentum. Und dann der Religionsunterricht mit seinem Kumbaya-Gedudel und seiner merkwürdigen Doktrin der friedens- und versöhnungsstiftenden Grundabsicht jeglicher Religion. In allen Religionen glaubt man an den gleichen Gott. Und alle Religion wollen Frieden. Dazu kann man nur sagen: Glauben macht selig. Wo eine Religion gegründet wird, besteht das ernsthafte Risiko, dass sich schon die ersten beiden Anhänger dieser Religion in die Haare geraten, weil sie eben NICHT an den gleichen Gott glauben. Schon unter den ersten Christen gab es solche und solche. Die jüdisch orientierten Anhänger des Jakobus und die hellenistisch orientierten Anhänger des Paulus. Später dann die freigeistigen Anhänger der Gnosis und die ersten Kirchenchristen. Und bald darauf die Arianer und Anti-Arianer, die wegen unterschiedlichen Auffassungen über die Trinität (was immer das ist) mit Fäusten und Schwertern aufeinander losgingen. Eine Spaltung folgte auf die nächste. Eine Verfolgungswelle folgte auf die nächste. Bis hin zu den Scheiterhaufen und den Konfessionskriegen. Religiöse Vorstellungen, Regeln und Normen sind nicht von Natur aus allgemeingültig. Anders verhält es sich mit dem, was man als logisch erkennt. Dass eins plus eins zwei gibt, ist überall und zu jeder Zeit gültig. Egal, ob auf anderen Planeten oder in ferner Zukunft: die Grundrechenarten sind universal. Nicht aber die religiösen Spinnereien irgendwelcher Ziegenhirten und Kameldung-Sammler, die vor 1400 oder 3000 Jahren zuviel Wüstenhitze abbekommen haben. Wirklich allgemeingültige, weil aus Vernunft und Logik hergeleitete Werte, gibt es erst seit der Aufklärung. Was in der Schule, wenn überhaupt, sehr einseitig behandelt wird. Toleranz ist eben nur die halbe Miete. Die andere Hälfte lautet: Religionen dürfen unter keinen Umständen mitbestimmen! Religionen sind eben nicht das Höchste! Sie sind nicht die oberste Richtschnur, und wären sie es, wäre es für uns alle eine Katastrophe. Es wäre ein Rückfahrtbillett ins Mittelalter, wenn nicht sogar in die Steinzeit. Was Mohammed gesagt und getan hat, ist für die Belange des Zusammenlebens in einer säkularen Gesellschaft - um es mit der gebotenen Deutlichkeit zu sagen - scheissegal. Man kann die Suren auslegen, wie man will, man kann sie auf den Kopf stellen oder grün anmalen, und wem das nicht genügt, der kann auch noch die koranischen Begleitschriften dazunehmen - und das Ganze mit islamischem Mystizismus abschmecken. Was da zusammenkommt, kann literarisch, theologisch, hermeneutisch oder historisch von Interesse sein. Für das Leben in einer westlichen Gesellschaft ist es jedoch null und nichtig. Und zwar ganz unabhängig davon, wie offen und tolerant sich der Islam gebärdet. Diese Toleranz - eine religiös rezeptierte Pseudo-Toleranz - braucht hier niemand und hat hier auch keine Gültigkeit. Und genau darauf beruht so ziemlich alles, wovon die jungen Muslime (und mehr noch die jungen Musliminnen) in Europa profitieren: Kunstfreiheit, Bildung, Wissenschaft, Rechtsprechung, Gleichberechtigung der Geschlechter, Glaubensfreiheit und vor allem Meinungsfreiheit. Sogar die westlich sozialisierten und nur mässig religiösen Muslime kapieren das oftmals nicht. Irgendetwas läuft hier gründlich schief. Es ist ein Problem, das der deutsch-iranische Autor und Publizist Ramin Peymani schon vor Jahren erkannt hat: "Während die in unserer Gesellschaft verankerten Muslime nur deswegen integriert sind, weil sie sich im Grund für die eigene Religion gar nicht interessieren, sind es die Gemässigten, denen unser Hauptaugenmerk gelten muss. Sie gewinnen immer mehr an Einfluss und Macht." Anstatt dem gesellschaftsformenden Anspruch entgegenzutreten, den der Islam zwangsläufig erhebt, redet man den jungen Muslimen ein, ihre Religion sei äusserst wertvoll - und im Mittelalter sei der Islam fortschrittlicher gewesen als das christliche Abendland. Da müsste man natürlich fragen: in welcher Hinsicht? Hinsichtlich der Körperpflege? Oder hinsichtlich der Sklaverei? Im Frühmittelalter haben die Abbasiden Millionen Nordafrikaner versklavt und massakriert. Oder hinsichtlich der Toleranz? Die Kreuzzüge dienten auch dem Schutz der Pilgerwege. Und haben die Mauren nicht schon im Jahr 711 zum Generalangriff auf das christliche Europa angesetzt, lange vor dem ersten Kreuzzug? Wäre es angesichts dessen nicht angebracht, das Bild von den "bösen Kreuzrittern" ein bisschen zu relativieren? Die Muslime haben riesige Gebiete erobert. Was auch kein Wunder ist bei einem Religionsstifter, der selber zum Schwert gegriffen hat. Um es auf den historisch korrekten Punkt zu bringen: im Mittelalter waren die Muslime kein bisschen humaner als die Christen. Sie hatten lediglich die bessere Körperpflege. Sie wussten, was ein Bad ist. Und wie man sich parfümiert. Und als Nachlassverwalter der Antike besassen sie natürlich einen riesigen Wissensvorsprung. Den sie dann allerdings nach ein paar Jahrhunderten unwiederbringlich verloren haben. Im Gegensatz zu den Christen, die sich durch Humanismus und Aufklärung von der religiösen Umklammerung befreit haben, ist es den Muslimen in keiner Weise gelungen, die "anvertrauten Talente" des Wissens und der Wissenschaft zu mehren, und so versank der ganz muslimische Kulturkreis in absoluter Bedeutungslosigkeit, wo er wahrscheinlich auch bleiben wird. Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, dass das europäische Mittelalter keine Epoche stürmischer Fortschritte gewesen ist. Da gab es eine Menge Luft nach oben: zuerst musste die Kirche entmachtet werden, bevor es mit dem Fortschritt losgehen konnte. (Wobei die Kirche die Wissenschaften mitunter auch gefördert hat: das Verhältnis zwischen Glauben und Wissen war bis ins 19. Jahrhundert hinein sehr dialektisch). Ähnlich - nur chronologisch rückwärts - lief es auch im Islam. Die kulturellen Blütezeiten des Islam sind aus Adaptionsprozessen hervorgegangen: man hat erobertes Kulturgut (persisches Kulturgut, hellenistisches Kulturgut, byzantinisches Kulturgut etc.) adaptiert, das dann aber von religiösen Kräften vereinnahmt und vernichtet wurde. Wo der Islam sich ausbreitet, vernichtet er früher oder später jede Liberalität. Auch die eigene! Im 21. Jahrhundert beschränkt sich die muslimische Liberalität, die es tatsächlich gibt, auf einen kleinen westlich geprägten Zirkel, der auf die Massen der gläubigen Muslime keinerlei Einfluss hat - und aus seinen eigenen exklusiven Ansichten ein Alibi zusammenschustert, um den Islam als unbedenklich verkaufen zu können. Wer ein bisschen Bescheid weiss über kritische Theologie und die Geschichte des Christentums, wird sich da schwerlich etwas vormachen lassen. Eine breit abgestützte kritische Theologie gibt es im Islam nicht, - nicht mal ansatzweise. Auch vergleichsweise liberale Muslime - wie zum Beispiel der Vorsitzende des deutschen Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek - sind ausserstande, ihre Religion kritisch zu hinterfragen - und sehen die Muslime ständig nur als Opfer. Opfer sind sie vielleicht tatsächlich: Opfer ihres Glaubens. Der Koran gilt als direkte göttliche Offenbarung. Diese Selbstdeklaration macht es einem gläubigen Muslim nahezu unmöglich, seine Religion zu hinterfragen. Die Bibel dagegen gilt als Zeugnis von Menschen. Die Bibel wurde nicht von Gott diktiert, jedenfalls wird das nirgends in der Bibel behauptet. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Islam, und in diesem Unterschied hat sich - verstärkt durch den neutestamentlichen Säkularismus und die personale, ins Menschliche übersetzte Göttlichkeit Jesu - eine Kluft aufgetan, die der abendländischen Zivilisation einen unaufholbaren Vorsprung verschafft hat. Hier könnte Richard Dawkins dem Christentum durchaus etwas Positives abgewinnen. Die Idee, dass die religiöse Textbasierung nicht nur die jeweilige Religion, sondern ganze Kulturen und Zivilisationen "vorspurt", passt jedenfalls gut in Dawkins Theoriemodell der religiösen und kulturellen "Meme". In den kulturstiftenden religiösen Texten und Überlieferungstraditionen reproduzieren sich Verhaltensnormen über Generationen hinweg. Das funktioniert ähnlich wie bei der biologischen DNA. Die geistige und kulturelle Grundstruktur pflanzt sich fort - und ist nur bedingt reformierbar. Auch wenn Dawkins mit dem Begriff des "Mems" solche Zusammenhänge herausarbeitet, fehlt es ihm dann doch an der nötigen Differenzierung, um die unterschiedlichen "Meme" gegeneinander abgrenzen zu können. Gleiches ist halt nicht immer gleich. Zwischen radikalen Christen und radikalen Muslimen gibt es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Dennoch hat Dawkins Recht, wenn er den Gläubigen pauschal einen "Gotteswahn" unterstellt. Und er geht keineswegs zu weit, wenn er die liberale Theologie, die diesen "Gotteswahn" unterschwellig mitträgt, in die Verantwortung nimmt.

 

Freuds Radikalität, die Dawkins teilweise übernommen hat, beruht auf einem gesunden Realismus. Wenn wir zum Beispiel sehen, wie religiöse Fundamentalisten (und im Islam oft auch schon Mainstream-Gläubige) auf Religionskritik reagieren, so kommen wir nicht umhin, Religionen mit besonders schwierigen Irrenhauspatienten zu vergleichen. Man muss Rücksicht nehmen. Man darf nicht alles sagen. Man muss dem Irren, der sich für Napoleon hält, zu verstehen geben, dass man sein Selbstbild und seine Realitätswahrnehmung respektiert. Tut man es nicht, bekommt er einen Tobsuchtsanfall und muss in die Gummizelle gesteckt werden. Freud ist insofern der ultimative Religionskritiker, als sein pathologischer Befund auch die Normalgläubigen trifft. Wenn ich als Katholik oder Protestant Christi Blut trinke, sieht sich niemand veranlasst, mich in die Klapsmühle zu sperren. Was ich in der Eucharistie oder beim Abendmahl glaube und mache, unterliegt einem gewissen Gruppenkonsens, egal, wie exklusiv es ist. Ausserdem kann man es theologisch relativieren und kontextualisieren. Wenn ich aber selber eine Religion gründe und auf der Strasse Ketchup verteile, das ich als das heilkräftige Blut der grossen Tomatengottes anpreise, muss ich damit rechnen, dass ich gratis ein neues Hemd bekomme: eines mit Schnallen und Schnüren. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob ich vom Wahrheitsgehalt meiner Religion überzeugt bin oder sie nur inszeniere, um mich wichtig zu machen. So oder so gelte ich als verrückt. Inhaltlich handelt es sich bei den beiden Vorgängen (Eucharistie/Ketchup-Speisung) in etwa um das Gleiche. Oder zumindest kann man es auf die gleiche Stufe des Wahnsinns stellen. Bei 20 bis 30 Prozent aller Schizophrenieerkrankungen treten religiöse Wahnvorstellungen auf. Diese Häufung ist kein Zufall. Das Wahnhafte gehört ganz wesentlich zur Grundstruktur des Religiösen. Das wusste Freud aus seiner psychiatrischen Praxis. Und bis heute hat dieser Befund nichts von seiner Gültigkeit verloren. Der Unterschied zwischen einer paranoischen Phantasie und einer akzeptierten Religion liegt in der Rezeption, nicht in der Sache an sich. Oder anders gesagt: wenn sich ein einzelner Mensch in eine Wahnvorstellung verstrickt, gilt er als wahnsinnig. Wenn es eine kleine Gruppe tut, gilt sie als sektiererisch. Und wenn es zwei Milliarden Menschen tun, gelten sie als religiös.

 

“Ein Mann von 57 Jahren leidet seit einem Jahr an Wahnsinn. Er glaubt mit Gott in einer besonderen Verbindung zu stehen und erwartet seine Verherrlichung und die Demütigung seiner Feinde. Er behauptet, dass Gott, welchen er auch mit dem Wort BARONS-GROSSVATER bezeichnet, verdeckt mit ihm spreche, d.h. auf eine Art mit ihm spreche, dass er nicht alles verstehen könne. Er sei, erzählt er ferner, am rothen Meer gewesen, und habe dort einen Mann in einer Höhle sitzen sehen, welcher JUBEL heisse und ein Stiefbruder des Evangelisten Johannes sei. Er würde diesen Mann noch näher beschreiben können, wenn er (der Kranke) nicht GESPRENKELT sei. GESPRENKELT sei aber gleichbedeutend mit geblendet.”

 

(“Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin”, Berlin, Verlag August Hirschwald, 1852)

 

2013